Als Mocro-Mafia (auch Mocro Mafia, Mocro Maffia oder cocaïnemaffia) werden manche Banden der organisierten Drogenkriminalität bezeichnet, die sich vornehmlich aus Marokkanern („Mocro“ ist das niederländische Slangwort für Marokko), Personen von den Niederländischen Antillen sowie aus Niederländern selbst rekrutieren und in den Niederlanden, Belgien und Westdeutschland aktiv sind. Diese kriminellen Banden handeln vor allem mit Kokain, das sie über die Häfen von Antwerpen, Rotterdam und Algeciras einschmuggeln. Öffentliche Aufmerksamkeit erregen sie seit den frühen 2010er-Jahren mit Bandenkriegen und damit verbundenen dutzenden Auftragsmorden, darunter dem an dem Journalisten Peter R. de Vries.

Geschichte

Die Anfänge der Mocro Maffia gehen bis in die 70er Jahre zurück.Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2022, S. 241. Damals liberalisierte die Regierung von Ministerpräsident Joop den Uyl das Opiumgesetz, so dass der Besitz kleiner Mengen sogenannter weicher Drogen wie Haschisch und Marihuana nicht mehr verfolgt wurde (er blieb allerdings nach wie vor offiziell verboten). Der Verkauf fand fortan in „Coffeeshops“ statt, so genannt, weil für den Verkauf von Drogen nicht geworben werden durfte. An diesem Punkt entstand eine rechtliche Grauzone, aus der heraus sich die späteren hochkriminellen Banden entwickelten, wie der Niederlande-Experte Christoph Driessen erläutert: „Die dafür erforderlichen Großlieferungen waren durch die liberale Drogengesetzgebung nicht gedeckt und folglich illegal, wurden aber dennoch toleriert, weil das System sonst nicht funktioniert hätte.“Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2022, S. 286. Die Belieferung der Coffeeshops übernahmen Drogenhändler, die das Cannabis zum einen von illegalen Großplantagen in den Niederlanden selbst bezogen, zum anderen aus Marokko, wo Hanf seit Jahrhunderten als Heilpflanze angebaut wird. In den Niederlanden gab es schon in den 70er Jahren eine große marokkanische Community, die seitdem noch stark gewachsen ist.Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2022, S. 277ff. So etablierten sich Schmuggelrouten aus Marokko in die Niederlande. Um das Jahr 2000 stiegen viele marokkanischstämmige Drogenhändler aus den Niederlanden von Cannabis auf Kokain um, weil sich damit noch weit größere Profite erzielen ließen. Dieses Kokain wurde vom Herkunftsort Kolumbien nach Marokko geschmuggelt, um von dort auf den durch den Haschischhandel erprobten Routen in die Niederlande exportiert zu werden.Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2022, S. 286. Neben dem freien Verkauf von Haschisch in den Coffeeshops sind die Niederlande für die Drogenhändler auch deshalb attraktiv, weil Drogenhandel oft vergleichsweise milde bestraft wird und weil die Bevölkerung insgesamt eine eher „entspannte Einstellung zu Drogen allgemein“ hat.Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2022, S. 287. So ergab eine Untersuchung 2020, dass von den damals insgesamt gut 17 Millionen Niederländern gut drei Millionen über 18 Jahren Cannabis konsumiert hatten, gut eine Million Ecstasy und etwa 730 000 Kokain.Christoph Driessen: Geschichte der Niederlande. Von der Seemacht zum Trendland. Regensburg 2022, S. 287.

Für die Einfuhr der Drogen eignen sich besonders die großen Seehäfen der Niederlande wie auch Belgien bestens, da hier täglich tausende Schiffscontainer anlanden, welche ohne Öffnung gleich per LKW weiter ins Land transportiert werden. Da die Container vor der Schiffsreise partiell beladen werden können (Less than container load), können auf diese Weise auch „bequem“ Drogen in diese geschmuggelt werden. Korrupte Hafenarbeiter ermöglichen nach der Ankunft mittels Durchschleusung oder Zugänglichmachung dieser Container an Abholer (niederländisch: „uithalers“, wörtlich: Herausholer) die unauffällige Abnahme. Diese etablierten Wege wurden in den letzten Jahren zunehmend auch für den Kokainschmuggel genutzt, wobei oft dieselben Banden zum Zuge kommen, die nun ihre Routen der illegalen Haschischeinfuhr für die deutlich lukrativere Droge Kokain nutzen können.Drogen für Europa – Kokain-Mafia gegen Staat in ZDF-Info vom 12. Juni 2023 (verfügbar bis 11. Juni 2026) In Antwerpen und Rotterdam zusammen erreicht Kokain mit einem Marktwert von mindestens 50 Milliarden Euro Europa. Die Drogenmafia kontrolliert von den Niederlanden aus nun gut ein Drittel des Kokainhandels in Europa.

Das Auftreten dieser Organisationen ist äußerst brutal. Viele Auftragsmorde, Folterungen und diesbezogene Bedrohungen gehen auf ihr Konto. Auch Politiker wie Mark Rutte oder die niederländische Kronprinzessin Catharina-Amalia werden bedroht. So könnte eine mögliche Entführung der Prinzessin dazu dienen, eines ihrer Oberhäupter, Ridouan Taghi, aus dem Gefängnis zu holen.Drogenmafia bedroht Kronprinzessin Amalia auf Tagesschau.de vom 14. Oktober 2022Mocro-Mafia: Das steckt hinter der Organisation erschienen am 10. November 2022 in Focus

Vorgeschichte des Amsterdamer Unterweltkriegs Ein Streit zwischen den rivalisierenden Drogenbanden führte 2012 zu dem sogenannten Mocro-Krieg. Dieser „Krieg“ wurde geführt zwischen der Bande des Verbrechers Gwenette Marthas mit seiner rechten Hand Najib Bouhbouh und der Bande von Benaouf „Ben“ Adaoui und Houssine „Hoes“ Ait Soussan. Dieser Konflikt führte zu dutzenden Toten, darunter auch versehentlichen Tötungen Unbeteiligter.

Verschiedenen Ermittlungen und entschlüsselten Nachrichten zufolge war der Auslöser für diese gewaltsamen Auseinandersetzungen (niederländisch Mocro Maffia Oorlog), die vornehmlich im Raum Amsterdam stattfanden, eine im März 2012 im Hafen von Antwerpen gestohlene oder abgefangene Ladung von 200 Kilogramm Kokain. Da der Bandenführer Gwenette Martha immer mal wieder in Haft saß, wurde Houssine „Hoes“ Ait Soussan (Marthas bisheriger Freund und Mitarbeiter) sowie Najib Bouhbouh (Marthas rechte Hand) immer häufiger mit Aufgaben in der Organisation betraut. Irgendwann kam es zu einem Streit zwischen Houssine und Martha, so dass Houssine beschloss, ohne Gwenette Martha die Geschäfte zu führen und dessen Schmuggelrouten zu benutzen.

Benaouf Adaoui war der Schwager Houssines und ebenfalls in den Kokainschmuggel verstrickt. Einmal ordert er auf eigene Rechnung 200 Kilogramm Kokain über die Häfen von Antwerpen. Hierfür hat er eine feste Gruppe von Abholern (im niederländischen Drogenjargon: uithalers), die aber aus unbekannten Gründen an dem Tag nicht zur Verfügung standen. So musste er kurzfristig andere Abholer auftreiben. Eine solche Gruppe, die sich nach den Ninja-Comicfiguren „Turtles“ nannte, arbeitete bereits mit Gwenette Martha, Najib Bouhbouh und Houssine Ait Soussan zusammen und stammt aus Antwerpen. Da Adaoui keinen Kontakt zu dieser Gruppe hatte und er auch Gwenette Martha nicht fragen konnte, bat er seinen Schwager Houssine, ob er ihm vielleicht helfen könne. So kamen die „Turtles“ zum Einsatz (vermutlich vermittelt durch Najib Bouhbouh). Dabei stellte sich heraus, dass das Kokain nicht in dem hierfür bestimmten Schiffscontainer auffindbar war. Die Abholer sagten, dass die Ware bereits von der Polizei abgefangen worden sei. Die Auftraggeber, darunter Adaoui, glaubten das jedoch nicht und schickten ihre Leute nach Antwerpen, um einen der „Turtles“ zu entführen und ein Lösegeld einzufordern. Danach schickten sie ein Foto mit dem Entführten in oder neben einem Fleischwolf sitzend an seine Familie. Auch Gwenette Martha mischte sich ein und so begann der Unterweltkrieg. Houssine wurde zur Entscheidung gezwungen zu seinen Schwiegereltern oder seinem Freund Gwenette Martha zu stehen, die dieser dann zugunsten seiner Familie entschied. So standen sich schließlich die Parteien Benaouf Adaoui und Houssine Ait Soussan auf der einen, und Gwenette Martha und Najib Bouhbouh auf der anderen Seite, unversöhnlich gegenüber.

Grenzüberschreitende Kriminalität in Deutschland Im Jahr 2024 kam es hauptsächlich in Nordrhein-Westfalen über Monate hinweg zu mehreren schweren Straftaten (darunter Sprengstoff-Anschläge, eine Geiselnahme mehrerer Personen, Folter bzw. schwere Körperverletzung), die den Mocro-Mafias zugeschrieben werden. Die Straftaten werden nach Auffassung von Ermittlern vor dem Hintergrund eines Konfliktes zwischen Mitgliedern einer Mocro-Mafia und Angehörigen eines polizeibekannten arabischstämmigen Clans begangen. So detonierten in Düsseldorf am 11. Juli 2024 in der Düsseldorfer Berliner Allee und am 19. August im Düsseldorfer Medienhafen Sprengsätze. In Köln gab es im September 2024 innerhalb einer Woche zwei Explosionen in der Innenstadt, die den Mocromafias zugeschrieben werden. Zwischen Juni und September gab es in NRW Stand Ende September 22 der Mocro-Mafia oder den Mocro-Mafias zugeschriebene Tatorte. 33 Tatverdächtige waren zu dem Zeitpunkt identifiziert, von ihnen saßen 13 in Haft. Bei rund 20 Durchsuchungen wurden in NRW mehr als 1200 Asservate sichergestellt, darunter Schusswaffen, Drogen und Datenträger. Auch eine Reihe von Verbrechen wie Anschlägen mit Brandbomben und Morden in Frankfurt am Main und dem benachbarten Raum Offenbach am Main wird mit der Mocro-Mafia in Verbindung gebracht.https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/frankfurt/brandanschlag-in-frankfurt-jugendlicher-mit-verbindung-zur-mocro-mafia-110625282.html

Erste Morde

Redouan Boutaka, ein verurteilter Bankräuber und enger Freund von Gwenette Martha, war in Unterweltkreisen bereits dafür bekannt, Auftragsmorde durchgeführt zu haben. Allerdings kam er hierbei nie in das Fadenkreuz polizeilicher Ermittlungen. Gleichwohl tauchte er lange Zeit im Ausland unter, mutmaßlich in Jamaika. Als er wieder in den Niederlanden war, erfolgte dies nach Überzeugung Adaouis in Gwenette Marthas Auftrag. Adaoui kam seinem mutmaßlichen Auftragsmord zuvor, indem er Boutaka am 22. April 2012 in einer Amsterdamer Shisha-Bar ermorden ließ.

Ebenso erging es Najib Bouhbouh, die rechte Hand und Jugendfreund Marthas, der am 18. Oktober 2012 vor einem Antwerpener Hotel am helllichten Tag durch zwei Schüsse getötet wurde. Er war dort im Hotel mit einem Freund namens Chris Bouman und einer dritten unbekannten Person verabredet. Als die drei nach ihrem Treffen das Hotel verlassen wollten, sandte Bouman heimlich eine SMS an die wartenden Auftragsmörder. Zum Zeitpunkt der Liquidation war Gwenette Martha in Haft, als er jedoch von dem Mord erfuhr, wurde er sehr emotional. Er betrachtete Najib Bouhbouh stets als einen zweiten Bruder (sein richtiger Bruder wurde erschossen und starb in seinen Armen). Berichten zufolge konvertierte Gwenette Martha nach der Liquidierung von Najib Bouhbouh zum Islam.