mini|Porträt von Luigi Boccherini, Cello spielend (Pompeo Batoni, ca. 1764–1767) Luigi Rodolfo Boccherini (* 19. Februar 1743 in Lucca; † 28. Mai 1805 in Madrid) war ein italienischer Komponist und Cellist der vorklassischen und klassischen Epoche. Von 1768 bis zu seinem Tod lebte er in Spanien und war unter anderem von 1770 bis 1785 als Kammerkomponist des Infanten Don Luis und von 1786 bis 1797 aus der Ferne als Kammerkomponist für den preußischen König Friedrich Wilhelm II. tätig. Boccherini ist der bedeutendste italienische Komponist von Instrumentalmusik im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts und spielte eine wichtige Rolle bei der Entwicklung verschiedener musikalischer Gattungen, darunter dem Streichquartett und dem Streichquintett. Sein heute bekanntestes Werk ist das für seinen Stil allerdings nur bedingt repräsentative Menuett aus dem Streichquintett Op. 11 Nr. 5, G. 275 (das nach den Opuszahlen des Erstdrucks oft auch als Op. 13 Nr. 5 bezeichnet wird).YouTube: Schallplattenaufnahme op. 13, Nr. 5 (ab 10:40).

Leben 1743–1767: Italien und Wien Luigi Boccherini wurde in der italienischen Toskana geboren und war das vierte von sechs Kindern von Francesco Leopoldo Boccherini und Maria Santa Prosperi (da der erste Sohn von Francesco Leopoldo früh starb, wird Boccherini oft auch als drittes Kind gezählt).Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 15–16. Sein Vater war Kontrabassist und Cellist, und auch seine Geschwister machten als Künstler Karriere: die Schwestern Maria Ester (* 1740) und Anna Matilde (* 1744) als Tänzerinnen in Wien, der Bruder Giovanni Gastone (* 1742) als Tänzer und Librettist (u. a. für Haydns Il ritorno di Tobia) in Wien und die jüngste Schwester Riccarda (* 1747) als Tänzerin und Sopranistin.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 40, 106 und 109

Ersten Musikunterricht erhielt Boccherini im Seminario di San Giovanni in Lucca, wo er von 1749 bis 1753 Schüler war.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 21. Im Alter von zehn Jahren war er offenbar schon so weit fortgeschritten, dass ihn der Vater für weitere Studien Ende 1753 nach Rom schickte, wo er vermutlich Schüler des bekannten Cellisten und Komponisten Giovanni Battista Costanzi (* 3. September 1704, † 5. März 1778, auch Giovannino da Roma und Giovannino del Violoncello genannt) wurde und möglicherweise bis 1756 blieb.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 21–24

1756 trat Boccherini in der Kirche S. Domenico in Lucca mit einem Cellokonzert auf.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 26–27 Die nächsten Jahre waren bestimmt von einer regen Reise- und Konzerttätigkeit, oft zusammen mit anderen Familienmitgliedern. Anfang 1758 trat Boccherini erstmals in Wien am Burgtheater auf (unter der Leitung von Christoph Willibald Gluck), und im selben Jahr war er von Ende März bis Oktober als Cellist am Theater am Kärntnertor angestellt.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 30–31. Ein zweiter Aufenthalt in Wien folgte von April 1760 bis März 1761 (wieder am Theater am Kärntnertor). 1760–61 entstanden auch die ersten Kammermusikwerke, die Boccherini später in sein Werkverzeichnis aufnahm: die Streichtrios op. 1, die Streichquartette op. 2 und die Violinduos op. 3.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 30–31 und 39–40. 1761 bewarb er sich um eine feste Anstellung an der „Cappella Palatina“ in Lucca, die allerdings erst 1764 bewilligt wurde.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 35–36 und 44–45. 1761 trat Boccherini auch mehrmals in Luccheser Kirchen mit Cellokonzerten auf.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 35–39. 1763–64 folgte ein dritter und letzter Aufenthalt in Wien, wo er durch Wiederaufführungen wahrscheinlich Glucks zuerst 1761 (in Boccherinis Abwesenheit) aufgeführtes Ballett Don Juan kennenlernte, das er selbst später in seiner Sinfonie op. 12 Nr. 4 imitierte.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 40–44.

1765 begegnete er bei Konzerten in Pavia und Cremona Giovanni Battista Sammartini, was einige veranlasst hat, einen wichtigeren stilistischen Einfluss Sammartinis auf Boccherinis Kammermusik anzunehmen.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 50. Im selben Jahr komponierte Boccherini im Auftrag des Staates von Lucca die anlässlich der städtischen Wahlen aufgeführte Kantate La confederazione dei Sabini con Roma.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 53–54. In die erste Jahreshälfte 1766 oder Ende 1766–Anfang 1767Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 65. könnte die von Giuseppe Maria Cambini berichtete Formierung eines Streichquartetts mit Pietro Nardini und Filippo Manfredi (Violine), Giuseppe Maria Cambini (Viola) und Luigi Boccherini (Violoncello) gehören, die oft als die erste feste Streichquartettformation der Musikgeschichte bezeichnet wird. Nach dem Tod von Boccherinis Vater Leopoldo am 30. August 1766 wurde Filippo Manfredi der wichtigste Begleiter Boccherinis auf seinen Konzertreisen.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 53–54. Ende 1767 brachen die beiden Freunde von Genua nach Paris auf, zunächst wohl mit dem Plan, nach London weiterzureisen (erhalten ist ein Empfehlungsschreiben an den italienischen, in London tätigen Komponisten Felice Giardini).Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 68.

1767–1768: Paris Der nur wenige Monate dauernde Aufenthalt in Paris war ein entscheidender Wendepunkt in Boccherinis Karriere, in dessen Folge er sich von einem Cellovirtuosen zu einem der bedeutendsten Instrumentalkomponisten des späten 18. Jahrhunderts wandelte. Noch vor seiner Ankunft waren 1767 in Paris die ersten Instrumentalwerke Boccherinis im Druck erschienen, die Streichquartette op. 2 (bei Venier als op. 1) und die Streichtrios op. 1 (bei Bailleux als op. 2), vielleicht durch Vermittlung des französischen Cellisten und Komponisten Jean-Baptiste Janson.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 65. Paris war damals die unbestrittene Hauptstadt des europäischen Notendrucks, und auch die meisten der später in Spanien komponierten Werke Boccherinis wurden zuerst in Paris gedruckt und so in ganz Europa bekannt. Während des etwa von Ende 1767 bis April 1768 dauernden Aufenthalts Boccherinis und Manfredis verkehrten die beiden Virtuosen wahrscheinlich u. a. in den Salons von Baron Charles-Ernest de Bagge und Madame Brillon de Jouy (für die Boccherini während seines Aufenthalts die Sonaten für Klavier und Violinbegleitung op. 5 komponierte), und Boccherini knüpfte hier vermutlich auch weitere Kontakte mit Pariser Musikverlegern. In dieser Zeit erschienen auch Boccherinis 1766 komponierte Streichtrios op. 4 im Druck (bei Venier, zufällig unter derselben Opuszahl, die später auch Boccherini selbst dem Werk zuwies). Ein öffentlicher Auftritt Boccherinis mit einer Cellosonate ist bezeugt für den 20. März 1768.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 70. Aus noch nicht völlig geklärten Gründen gab Boccherini seinen ursprünglichen Plan einer Weiterfahrt nach London auf und zog noch im Frühjahr 1768 zusammen mit Manfredi nach Madrid.Marco Mangani: Luigi Boccherini. L’epos, Palermo 2005, ISBN 88-8302-289-0, S. 63–67.

1768–1805: Spanien Während Manfredi spätestens 1772 wieder in Lucca war, wo er 1777 starb,Marco Mangani: Luigi Boccherini. L’epos, Palermo 2005, ISBN 88-8302-289-0, S. 65. blieb Boccherini bis zu seinem Tode 1805 in Spanien. Zunächst schloss sich Boccherini der Compagnia dell’Opera Italiana dei Sitios Reales an, die in Aranjuez und San Ildefonso auftrat.Remigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 79–80. Giacomo Casanova erwähnt in seinen Memoiren „Histoire de ma vie“ eine Ende 1768 in Valencia stattfindende Begegnung mit Boccherini und Clementina Pelliccia, die Boccherini am 17. August 1769 heiratete.Marco Mangani: Luigi Boccherini. L’epos, Palermo 2005, ISBN 88-8302-289-0, S. 65–67. In den ersten Jahren nach Boccherinis Ankunft in Spanien entstanden 1769 die dem Prinzen Karl von Asturien, dem späteren König Karl IV., gewidmeten Streichtrios op. 6, die im Juli 1769 am Teatro al Canos del Peral in Madrid aufgeführte Sinfonia Concertante op. 7, die Boccherinis späterem Dienstherrn, dem Infanten Don Luis, gewidmeten Streichquartette op. 8 und 1770 die Streichquartette op. 9 mit einer Widmung „Ai Signori Dilettanti di Madrid“.

Im November 1770 stellte der spanische Infant Don Luís Antonio de Borbón y Farnesio, Bruder des Königs Karl III., Luís Boccherini, wie Luigi Boccherini in Spanien oft genannt wurde, mit königlicher Erlaubnis als compositore e virtuoso di camera (span. compositor y virtuoso de cámara; dt. Kammerkomponist und -virtuose) ein. Ab 1771 erfüllte Boccherini, mit Unterbrechungen von 1776 bis 1777 und von 1782 bis 1784, ein regelmäßiges Pensum von drei Serien zu je sechs Kompositionen jährlich, das ab 1772 dadurch leicht reduziert wurde, dass jeweils eine der Serien aus zweisätzigen Stücken bestand. Seitdem unterschied Boccherini genau zwischen Opera grande, einer Serie von sechs längeren, in der Regel drei- bis viersätzigen Werken, und Opera piccola, einer Serie von sechs kürzeren, meist zweisätzigen Werken, für die er gegenüber seinen Verlegern den halben Preis veranschlagte.Jaime Tortella: Luigi Boccherini. Diccionario de Términos, Lugares y Personas. Asociación Luigi Boccherini, Madrid 2008, ISBN 978-84-612-6846-7, S. 321. Die ersten Jahre der Tätigkeit für Don Luis (1770–1776) bedeuteten für Boccherini jedes Jahr zahlreiche Ortswechsel in der Umgebung von Madrid: Don Luis hielt sich abwechselnd u. a. in Madrid, Pardo, Aranjuez, San Ildefonso, EscorialRemigio Coli: Luigi Boccherini. La vita e le opere, Maria Pacini Fazzi Editore: Lucca 2005, ISBN 88-7246-679-2, S. 91–92 und Boadilla del MonteJaime Tortella: Luigi Boccherini. Diccionario de Términos, Lugares y Personas. Asociación Luigi Boccherini, Madrid 2008, ISBN 978-84-612-6846-7, S. 84–85. auf. In dieser Zeit komponierte Boccherini für die unterschiedlichsten kleineren und größeren Besetzungen (Streichtrios, Streichquartette, Streichsextette, Quintette und Sextette mit Flöte und Sinfonien), eine zentrale Rolle in seinem Schaffen gewinnt aber vor allem das Streichquintett mit zwei Celli, dessen Erfindung durch Boccherini wohl darauf zurückzuführen ist, dass zu einem bereits vorhandenen Streichquartett am Hof von Don Luis Boccherini selbst hinzukam. 1776 starb bei Aranjuez Boccherinis Mutter, die ihm zu einem unbekannten Zeitpunkt nach Spanien gefolgt war.Marco Mangani: Luigi Boccherini. L’epos, Palermo 2005, ISBN 88-8302-289-0, S. 67.