mini|hochkant=1.5|Ochsenziemer neueren Datums: 90 cm lang, 315 g schwer mini|hochkant|Alter Farrenschwanz mit Halteschlaufe mini|„Ochsenziemer“ aus Holz Ein Ochsenziemer (regional Ochsenpesel, Ochsenfisel, Farrenschwanz, Parreschwanz, Hagenschwanz, Stierennerv, Munifiesel, Rinderzän, Muni-, Rinderzäch)Für das Alemannische siehe Schweizerisches Idiotikon unter den genannten Stichwörtern, dort weitere Synonyme (Digitalisat) ist ein Utensil aus einem verdrillten und dann gedörrten Stier-Penis, dem optional ein dünner Stahldraht in die Harnröhre eingeführt wurde, um seine Wirkung als Schlagwaffe zu erhöhen. Im Endzustand hat es eine Länge von 80 bis 100 cm, ist sehr elastisch und verhältnismäßig schwer.
Wortherkunft Nach dem von Hermann Teuchert verfassten Wortartikel im Deutschen Wörterbuch liegt dem Wort althochdeutsch *zëno, *zëmo (belegt im Dativ Plural zenon) zugrunde, das seinerseits auch die Grundlage von französisch cimier ‚Schwanz, männliches Glied, Fleischstück unmittelbar beim Schwanz des Hirsches‘ bildet.Deutsches Wörterbuch. Band 31, Spalte 1114 (online). Vgl. ferner Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 25. Auflage, bearbeitet von Elmar Seebold, Berlin/Boston 2011, S. 655, wonach das Wort über mittelhochdeutsch zim(b)ere auf französisch cimier ‚Schwanz, männliches Glied, Fleischstück unmittelbar beim Schwanz des Hirsches‘ zurückgehe; allerdings hat schon Emil Gamillscheg in seinem Etymologischen Wörterbuch der französischen Sprache (Heidelberg 1926–1929) nachgewiesen, dass französisch cimier seinerseits aus dem Deutschen entlehnt ist. Die Rückführung des Worts auf Sehne, die Alfred Götze und später Walther Mitzka postulierten,Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 18. Auflage, bearbeitet von Walther Mitzka. Walter de Gruyter, Berlin 1960, S. 519. wird im Deutschen Wörterbuch ausdrücklich verworfen. Das althochdeutsche *zëno lebt dialektal bis heute in direkter Linie als Zään und ähnlich fort.Zum Beispiel Schweizerisches Idiotikon, Band XVII, s. v. Zën.
Rechtliches (Deutschland) Das getrocknete Genital gilt in Deutschland als „tierisches Nebenprodukt“ und darf allenfalls mit einer Sondergenehmigung in Verkehr gebracht werden, die viele Schlachthöfe nicht haben. Deshalb hat z. B. das südbadische Freiburger Regierungspräsidium im Februar 2024 beschieden, dass die Verwendung der Fasnetsrute gemäß einer im EU-Recht vorgesehenen Ausnahmegenehmigung möglich sei, wenn sie im Rahmen der dort vorgesehenen „künstlerischen Aktivität“ rechtskonform und ohne unkontrollierbares Gesundheitsrisiko für Mensch und Tier verwendet werde.
Verwendung Futtermittel für Tiere Heute werden Ochsenziemer praktisch nur noch als Futtermittel für Haushunde hergestellt, dabei vorrangig als Kauspielzeug zur Beschäftigung; wie die meisten harten Kauspielzeuge eignet sich der Ochsenziemer auch zur eigenständigen Hunde-Zahnreinigung. Der Geruch eines angekauten Ochsenziemers wird von den meisten Menschen jedoch als unangenehm empfunden, sodass sich für diesen Zweck immer mehr synthetisch hergestellte geruchlose Kaufuttermittel durchsetzen.
Schiffsbau Auf den traditionellen Holzbooten im Salzkammergut, den Plätten, wird das seitlich angebrachte Antriebsruder mittels Ochsenziemer elastisch mit dem Schiff verbunden.
Schlag- und Folterwerkzeug Früher wurden Ochsenziemer wie Peitschen zur Bestrafung bzw. Züchtigung von Menschen und Tieren oder zum Viehtrieb eingesetzt – bei Pferderennen wie dem Palio di Siena nach wie vor. Manche Gastwirte halten auch heute noch einen Ochsenziemer zur Selbstverteidigung griffbereit, um sich z. B. gegen betrunkene Randalierer wehren zu können.Wirt schwang früher schon mal den Ochsenziemer. In: Wormser Zeitung, 4. November 2009, genios.de
Die Wirkung des Schlags ist erheblich und kann starke Verletzungen hervorrufen: Ochsenziemer wurden unter anderem im KZ Dachau (Abschnitt Die Misshandlungen und die Morde in Dachau);Vernehmungsniederschrift Hans Steinbrenner 19.8.1948, Museum Dachau, Archiv 6454 und im KZ Mauthausen dazu verwendet, Häftlinge schwerst zu misshandeln bzw. zu foltern, z. B. vom SS-Mitglied und KZ-Aufseher Hans Steinbrenner oder dem „Teufel von Auschwitz“ Wilhelm Boger („Bogerschaukel“). Auch in der Gestapo-Leitstelle München waren Ochsenziemer ein gängiges Folterinstrument.
Schwäbisch-Alemannische Fastnacht Als Farrenschwanz bzw. Munifisel findet der Ochsenziemer Verwendung bei verschiedenen Narrenfiguren der schwäbisch-alemannischen Fastnacht; unter anderem wird er von den Figuren Bändele und Welschkornnarro aus Zell am Harmersbach oder den Schuttig aus Elzach in Verbindung mit einer getrockneten und aufgeblasenen Schweine-Harnblase (Saublotere) getragen und z. B. zum Hänseln von Zuschauern der entsprechenden Umzüge genutzt.
Schildgriff einer Pavese
Der Ochsenziemer wurde mit Lederstreifen umwickelt als Schildgriff von Pavesen verwendet.
Namensübertragung Gelegentlich werden auch zum Viehtrieb verwendete Stöcke aus Holz Ochsenziemer genannt, insbesondere wenn sie durch entsprechende handwerkliche Bearbeitung auch im Aussehen ihren Vorbildern nahekommen.
Weblinks
Herstellen von Ochsenziemern (Film von Elfriede Lies aus der Sammlung des Bundesinstituts für den Wissenschaftlichen Film (ÖWF) im Onlinearchiv der Österreichischen Mediathek, mediathek.at, 1968)
Einzelnachweise
Kategorie:Hundehaltung Kategorie:Rind in der Kultur Kategorie:Schlag- und Stoßwaffe Kategorie:Tierernährung Kategorie:Züchtigungsinstrument Kategorie:Schwäbisch-alemannische Fastnacht
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