miniatur|hochkant=1.8|Reservat der Diné und benachbarter Stämme im Südwesten der USA
Die Navajo, auch Navaho oder Diné genannt, sind mit rund 332.100 Stammesangehörigen das zweitgrößte der indianischen Völker in den Vereinigten Staaten. Vergleicht man sie mit anderen Stämmen, so stellen sie den größten Anteil bei der Zahl derer, die sich beim US-Zensus von 2010 ausschließlich mit einer einzigen Stammeszugehörigkeit identifizierten und nicht gleichzeitig noch mit anderen Stammesgruppierungen oder dort abgefragten Ethnien oder Zugehörigkeiten.US-Zensus aus dem Jahr 2010 (PDF; 3,4 MB)Cindy Yurth (Tsé;yi' Bureau): Census: Native count jumps by 27 percent, Navajo Times vom 26. Januar 2012
Die Navajo leben verstreut im nordwestlichen New Mexico, im nordöstlichen Arizona, im südöstlichen Utah und in anderen Teilen der USA. Im Nordosten Arizonas liegt die Navajo Nation Reservation, das bis nach New Mexico und Utah hineinreichende sowohl an Bevölkerungszahl gemessen als auch flächenmäßig größte Reservat der USA, in dem etwas mehr als die Hälfte aller Navajo leben.
Namensherkunft Diné ist ihr Eigenname und bedeutet „Menschenvolk“ oder wörtlich, basierend auf ihren Mythen, „unter der Erde hervorkommendes Volk“. Sie nannten sich daher auch Nihookááʼ Dineʼé (natürliches Volk, Erd-Volk). Nicht zu den Navajo gehörende Stämme und Fremde bezeichneten sie als Ana'ii oder Anaa’i (Fremde, Feinde). Die Bezeichnung Navaho stammt aus der Tewa-Sprache. Navahuu bezeichnet dort ein bestelltes Feld, weil die Navajo im Gegensatz zu den mit ihnen verwandten, aber nomadisierenden Apachen ausgezeichnete Ackerbauern waren. Auch die Spanier nannten sie deshalb Apaches de Navahu („Apachen des bepflanzten Landes“). Ihre Sprache heißt ebenfalls Navajo (Eigenbezeichnung Diné bizaad) und gehört zur Na-Dené-Sprachfamilie.
Neben den eigentlichen Navajo spaltete sich ab zirka 1750 eine größere Gruppe von Familien ab (die Cañoncito Navajo, benannt nach ihrem Hauptsiedlungsgebiet, lebten zudem auch in den Cebolleta Mountains), die südlich und östlich des eigentlichen Stammesgebiets (also außerhalb von Dinetah) in festen Siedlungen in der Nähe der Pueblo-Kulturen und der Spanier lebten, Ackerbau betrieben sowie größtenteils das Christentum übernahmen. Was diese aber den Navajo endgültig entfremdete, war deren aktive Teilnahme als Späher in Kriegszügen der Spanier (später Mexikaner und Amerikaner) gegen frei umherschweifende und unabhängige Navajo. Die Navajo bezeichneten sie daher als Diné Ana’ii oder Diné Anaa’i (sprich: Di-neh Aw-naw-uh, Alien oder Enemy Navajo, also fremde oder feindliche Navajo).
Die mit ihnen verwandten Apachen nannten die Navajo Yúdahá (= „Live Far Up“, „Jene, die [weit oben] im Norden leben“) und die Diné Ana'ii Ndá Yúdahá (= „Enemy Navajo“, feindliche Navajo oder „White Man Navajo“, Navajo des weißen Mannes). Zudem entstanden aus entflohenen Navajo-Sklaven aus Socorro, die sich in Alamo (= „at Field’s Place“), 35 Meilen nordwestlich von Magdalena ansiedelten, die sogenannten Alamo Navajo oder Puertocito Navajo. Sie bildeten wahrscheinlich ursprünglich eine Gruppe der Diné Ana’ii und wurden allgemein Tsa Dei’alth genannt (= „stone chewers“, „jene, die Steine kauen“), da sie während des Kampfes angeblich so wütend wurden, so dass sie Steine kauten. Ihnen schlossen sich auch einige Familien der Chiricahua und Mescalero an sowie einige Mexikaner. Später flohen einige Navajo vor der Verfolgung durch Kit Carson oder aus Fort Sumner, dem Mescalero-Reservat am Rio Pecos, und fanden bei den Puertocito-Navajo Unterschlupf.
Wohngebiet und Lebensunterhalt Das Navajo-Nation-Reservat und das von der Regierung zugewiesene Land im Südwesten der USA umfasst heute insgesamt mehr als 69.000 km² und ist teilweise eine Touristenattraktion. Am bekanntesten sind das Monument Valley und der Canyon de Chelly. Zahlreiche Navajo verdienen ihren Lebensunterhalt als Arbeiter fern des Navajolands, und viele haben sich auf bewässertem Land am Colorado River und in Städten wie Los Angeles und Kansas City niedergelassen.
Geschichte miniatur|Monument Valley im Land der Navajo, im Vordergrund John Ford’s Point, im Hintergrund der Tafelberg Merrick Butte
Entstehung der Navajo durch Adaption und Akkulturation Wann die Navajo und die Apachen aus Kanada kommend in den Südwesten zogen, ist Gegenstand der Forschung und in den Details ungeklärt. In den subarktischen Regionen Kanadas leben noch heute alle anderen athabaskisch sprechenden Indianerstämme. Als plausible Annahme gilt, dass die Vorfahren der heutigen Navajo zwischen 1000 und 1200 in das Interior Plateau des heutigen British Columbia zogen. Von dort seien sie in mehreren Wellen und kleinen Gruppen auf der Ostflanke der Rocky Mountains nach Süden gezogen und etwa 1450 im Südwesten angekommen. Sie hätten aus der an die Region angepassten Kultur der dortigen Pueblo-Indianer Elemente übernommen und sich innerhalb kurzer Zeit in drei geographisch und kulturell verschiedene Subgruppen aufgeteilt. Die Prärie sei von den Kiowa-Apachen besiedelt worden, die im 16. Jahrhundert durch Zugang zu Pferden ihre Kultur stark veränderten. Die heutigen Navajo hätten sich Richtung Westen ausgebreitet und seien stärker sesshaft geworden, später hätten sie begonnen, Ackerbau zu betreiben.
Die Apachen seien mobiler geblieben und hätten das südliche Bergland für sich erschlossen. Eine alternative Theorie besagt, dass die Proto-Navajo über die High Desert und das Große Becken nach Süden gezogen seien und sich nach Osten ausgebreitet hätten. Teile der Navajo und der Apachen bestreiten, dass ihre Vorfahren jemals in anderen Regionen gesiedelt hätten und gehen in ihren Schöpfungsmythen davon aus, dass sie die ursprünglichen Menschen seien, die an ihren heutigen Wohngebieten geschaffen wurden.Soweit nicht anders angegeben, beruht die Darstellung der Vorgeschichte auf: Chip Colwell, T. J. Ferguson: Tree-Ring Dates and Navajo Settlement Patterns in Arizona. In: American Antiquity, Volume 82, Issue 1 (Januar 2017), S. 25–49
Die überwiegende Auffassung besagt, dass die Navajo den östlichsten Teil ihres heutigen Siedlungsgebietes Dinétah in New Mexico um 1550 erreichten und dort für mehrere Jahrhunderte siedelten, bevor sie sich ab etwa 1750 langsam nach Westen ausbreiteten. Diese Ausbreitung könnte laut der wissenschaftlichen Diskussion auch schon etwas früher erfolgt sein, so dass die westlichen Regionen des heutigen Siedlungsgebietes in Arizona schon deutlich vor 1800 erreicht worden seien.
Dendrochronologische Untersuchungen der Baumringe aus Bauten der Navajo konnten so weit zugeordnet werden, dass sich die Ausbreitung genauer datieren lässt. Demnach sind die weitaus meisten Funde zu jung oder zu unbestimmt, um eine Aussage über die Ausbreitung zu machen. Eine kleine Zahl von Datierungen erlaubt aber, die Siedlungsgeschichte näher einzugrenzen. Demnach lässt sich eine Verbreitung in westlicher Richtung belegen: Um 1750 erreichten sie den Oberlauf des Little Colorado River im Nordosten Arizonas und errichteten dort eine befestigte Anlage, so dass sie wohl gewaltsam in bewohntes Gebiet eindrangen. Die Black Mesa wurde um 1840 erreicht, die Region nördlich und östlich der Hopi-Siedlungsgebiete in den 1850er Jahren und das Land westlich der Hopi erst nach 1870, nach der Rückkehr vom Langen Marsch, der temporären zwangsweisen Umsiedlung nach Fort Sumner.Chip Colwell, T. J. Ferguson: Tree-Ring Dates and Navajo Settlement Patterns in Arizona. In: American Antiquity, Volume 82, Issue 1 (Januar 2017), S. 25–49, 44–46
Kontakte der Navajo zu Pueblo-Völkern sind spätestens vom 17. Jahrhundert an belegt, als Flüchtlinge aus einigen Rio-Grande-Pueblos nach der spanischen Niederschlagung des Pueblo-Aufstands zu den Navajo kamen. Im 18. Jahrhundert verließen einige Hopi wegen Dürre und Hungersnot ihre Mesas, um bei den Navajo zu leben, besonders im Canyon de Chelly im nordöstlichen Arizona. Unter diesem Einfluss wurde der Ackerbau zur wichtigsten Grundlage ihrer Subsistenz mit der gleichzeitigen Entwicklung von sesshafter Lebensweise. In historischer Zeit, nach dem Kontakt mit Spaniern, wurde der Ackerbau durch die Haltung von Schafen, Ziegen, Pferden und Rindern ergänzt, in manchen Gegenden sogar ganz dadurch ersetzt. Erstmals erwähnt wurden die Apache de Navahu in spanischen Berichten aus dem Jahre 1626 und damit von den Apachen unterschieden.
Spanische und mexikanische Periode (1535 bis 1848) mini|Navajo-Decken aus Schafwolle Wie die Apachen überfielen auch die Navajo Pueblos und spanische Ansiedlungen, um besonders Schafe und Pferde zu stehlen, und so entwickelten sie eine neue Wirtschaftsform, die auf Feldbau, Viehhaltung und Beutemachen beruhte. Hinzu kam ab 1650 das Erbeuten und der Verkauf von Sklaven auf den Märkten in New Mexico durch die Navajo und verschiedene Plains-Stämme. Besonders bevorzugte Opfer waren hierbei die Pawnee im Osten als auch die friedlichen Südlichen Paiute im Norden. Die Südlichen Paiute konnten durch ihre marginalen Lebensbedingungen fast keine Vorräte anlegen, so dass sie nur ausgezehrt und oft halb verhungert über den Winter kamen. Daher gingen die Navajo zusammen mit Apachen stets im Frühling auf Paiute-Sklavenjagd, da diese dann besonders leichte und wehrlose Opfer waren. Oftmals mussten diese erstmals wieder mit Essen versorgt werden, damit sie gute Preise auf den Märkten erzielten. Da die Navajo zusätzliche Esser durch ihre breit aufgestellte Wirtschaftsbasis gut ernähren konnten und zudem für das Hüten der Schaf- und Pferdeherden sowie für die niedrigeren Arbeiten im Haushalt Helfer benötigten, hielten sich die Navajo oftmals Sklaven. Die größtenteils nomadisierenden Apachen hingegen hatten keinen großen Bedarf an Sklaven und verkauften Gefangene daher meist sofort auf den Märkten. Als die Spanier sich nach dem Pueblo-Aufstand von 1680 zunächst aus großen Teilen von New Mexico zurückzogen, ließen sie Teile ihrer Herden zurück. Diese Tiere, zusammen mit den bei Überfällen erbeuteten, legten den Grundstock für die großen Viehherden der Navajo. Schafe wurden zur Basis einer umfangreichen Tradition des Webens von Wollstoffen und insbesondere Decken.Marsha Weisiger: The Origins of Navajo Pastoralism. In: Journal of the Southwest, Vol. 46, No. 2 (Sommer 2004), S. 253–282
Als die Comanche mit ihren Verbündeten, den Ute, im Osten und Norden von Dinetah auftauchten, nahm der Druck von feindlichen Überfällen auf die nun wohlhabenden Navajo mit ihren Schafherden, Feldern, Pferdeherden sowie ihren begehrten Navajo-Decken enorm zu. Die Navajo mussten wegen der andauernden Überfälle der neu aufgetauchten Feinde sich immer weiter nach Westen zurückziehen und sich tief in den Canyons verstecken. Die Navajo bezeichneten bald die aus dem Osten und Norden auf schnellen Mustangs herbeiziehenden Feinde als Ana’i („Fremde = Feinde“), besonders die Ute sollten später zur Nemesis der Navajo werden. Zu den Ana’i gesellten sich später die Kiowa, Kiowa-Apache sowie Südliche Cheyenne und Südliche Arapaho. Auch mit ihren athapaskischen Verwandten im Osten und Nordosten, den auf den Great Plains lebenden Beehai („Winter-Volk“ – Jicarilla Apache), Naashgali Dine’i (Naashgal? Dine’? – „People close to the mountains“ – „Volk, das nahe den Bergen wohnt“ – Mescalero Apache) und Tsétát’ah Chishí (Lipan Apache) lebten die Navajo in offener Feindschaft. Nur zu den Dziłghą́’í (Westlichen Apache) und den Chíshí (Chiricahua Apache) unterhielten die Navajo meist ein freundschaftliches Verhältnis und waren oft deren Verbündete in gemeinsamen Raubzügen im Norden Mexikos. Obwohl den Navajo ihre Verwandtschaft zu den verschiedenen Apachen-Völkern durchaus bewusst war, betrachteten sie diese selbst nicht als Navajo.