mini|hochkant=2|Karte der römischen Präfekturen zur Zeit der Tetrarchie
Die Römische Tetrarchie (von tetra ‚vier‘ und αρχη archē ‚Herrschaft‘, ‚Regierung‘, auch Vier-Kaiser-System) war ein Regierungssystem im Römischen Reich, das 293 n. Chr. von Kaiser Diokletian eingeführt wurde und nach seinem Rücktritt 305 n. Chr. nach und nach zerfiel. Es sah vier Herrscher im Kaiserrang vor (zwei Seniorkaiser mit dem Titel Augustus und zwei Juniorkaiser mit dem Titel Caesar). Auch über die mit der Ausrufung Konstantins zum Kaiser 306 n. Chr. einsetzende Auflösung der Tetrarchie hinaus behielten einzelne hier entstandene politische Ideen ihre Geltung; so blieb insbesondere das Mehrkaisertum bis 476/80 die Regel.
Die Zeit der Tetrarchie brachte für das Römische Reich wichtige innere Reformen mit sich und markiert den Beginn der Spätantike. Das Reich wurde dabei administrativ in einer West- und Osthälfte neu organisiert. Zahlreiche Provinzen wurden in kleinere Verwaltungseinheiten aufgeteilt, die militärische Verwaltung von der zivilen getrennt und stärker zentralisiert und bürokratisiert. Auch das Heer wurde neu in stationäre Grenztruppen und mobile Feldeinheiten gegliedert.Hubert Fehr, Philipp von Rummel: Die Völkerwanderung, Stuttgart 2011, S. 34.
Vorgeschichte mini|Diokletian
Als Diokletian 284 Kaiser wurde, stand er vor der Aufgabe, das Römische Reich und sein Herrschaftssystem zu reformieren, um die sogenannte Reichskrise des 3. Jahrhunderts (235–284/285) zu überwinden. Diese Phase war durch eine hohe politische Instabilität gekennzeichnet: Von außen war das Reich an Rhein und Donau ständig durch die Germanen und im Osten durch die neupersischen Sassaniden gefährdet, im Innern schwächten ständige Unruhen und Usurpationen das Reich. Jahrzehntelang wurde das Imperium von einer Kette von Bürgerkriegen geplagt, die auch das Ansehen des Kaisertums beschädigten.
Das Reich wurde von sogenannten Soldatenkaisern regiert, die nicht selten selbst aus der Armee stammten und meist fast alleine vom Heer bestimmt wurden. Zugleich strebten gerade die römischen Truppen in Kampfzonen nach „Kaisernähe“. Wenn der princeps gerade an anderer Stelle gebunden war, neigten sie dazu, erfolgreiche Feldherren zu Kaisern auszurufen, was zu Bürgerkriegen führte, die wiederum die Abwehrkraft gegen äußere Feinde verringerten. Der jeweilige Sieger im Bürgerkrieg konnte sich dann wieder nur um eine Front gleichzeitig kümmern und musste daher erneut Feldherren entsenden, die im Erfolgsfall wiederum nur allzu leicht nach der Macht griffen.Zu diesem Teufelskreis vgl. Felix Hartmann, Herrscherwechsel und Reichskrise, Frankfurt am Main 1982. Seit 180 war fast kein Kaiser mehr eines natürlichen Todes gestorben, und oft gab es mehrere Augusti, die sich gegenseitig bekämpften – in den Jahren 235–285 gab es insgesamt um die 70 Kaiser. Auch spalteten sich zeitweilig einzelne Gebiete wie das gallische und das palmyrenische Sonderreich ab.
Bereits Kaiser Gallienus (260–268) hatte auf dem Höhepunkt der Reichskrise einige wichtige Heeres- und Verwaltungsreformen angestoßen. Seinem Nachfolger Claudius Gothicus (268–270) gelangen vor allem gegen die Goten militärische Erfolge, so dass es Aurelian (270–275) möglich war, weitere wichtige innere Reformen durchzuführen, worauf aber wieder zahlreiche Usurpationen folgten. Bereits seit 253 wurden dabei immer öfter Verwandte der Kaiser als Mitherrscher installiert, ohne dass dies zunächst eine Stabilisierung der Monarchie bewirkt hätte. Im November 284 wurde dann der Gardeoffizier Diokletian zum Kaiser ausgerufen; er begann selbst als Usurpator. 285 setzte er sich gegen seinen Widersacher, den legitimen Kaiser Carinus, durch und konnte nunmehr ein umfassendes Reformprogramm beginnen, wobei er vielfach Ansätze seiner Vorgänger aufgriff und systematisierte. mini|Diese Silbermünze des Diocletianus zeigt die vier Tetrarchen gemeinsam vor einem Altar opfernd
Bei der Reform der Herrschaft hin zu einer Mehrkaiserherrschaft, die er schon bald begann, konnte Diokletian sich auf Entwicklungen des Prinzipats stützen: Bereits Galba hatte 69 n. Chr. Lucius Calpurnius Piso durch die Verleihung des Titels Caesar zu seinem Nachfolger designiert. Der eigentliche Kaiser trug weiterhin den Titel Augustus. Mark Aurel ernannte 161 Lucius Verus zum Augustus und führte damit die Option ein, gleichzeitig mehrere Augusti zu haben. 238 gab es mit Pupienus und Balbinus erstmals zwei formal vollkommen gleichberechtigte Kaiser, und Valerian und Gallienus, beide im Rang eines Augustus, teilten die Herrschaft im Reich unter sich auf. An diese Traditionen knüpfte Diokletian an.
Diokletians Tetrarchie mini|Die Venezianische Tetrarchengruppe. Spätantike Doppelskulptur aus Porphyr
Grundzüge Um die Bürgerkriege zu beenden, musste Diokletian vor allem das Kaisertum stabilisieren. Er zog aus der Krise die Lehre, dass das römische Reich wegen seiner Größe und wegen des Bedürfnisses nach Kaisernähe nicht mehr von einem Herrscher allein regiert werden könne. Bereits im Jahr 285 n. Chr. machte er daher Maximian zu seinem Caesar, ein Jahr später, 286, verlieh er ihm den Titel Augustus und ernannte ihn so zu seinem Mitkaiser. Das Reich wurde administrativ in eine westliche und eine östliche Hälfte aufgeteilt. Einige Jahre später, 293, systematisierte Diokletian dann das Mehrkaisertum: Er ernannte zusätzlich zwei Caesares zu untergeordneten Mitkaisern. Ob beide zeitgleich ernannt wurden oder zuerst, am 1. März, Constantius I., und erst später, am 21. Mai 293, Galerius, ist in der Forschung umstritten.Vgl. etwa Ingemar König, Die Berufung des Constantius Chlorus und des Galerius zu Caesaren. Gedanken zur Entstehung der Ersten Tetrarchie, in: Chiron 4, 1976, S. 567–576. Später jedenfalls feierten die beiden Caesares ihre dies imperii (Herrschaftsjubiläum) gleichzeitig am 1. März.Kolb, Diocletian und die Erste Tetrarchie, S. 115.
Das von Diokletian erdachte System beruhte auf vier Herrschern im Kaiserrang: Es gab jeweils einen Seniorkaiser (Augustus) im Westen (Residenzen waren hier von Maximian in Mailand und Trier von Constantius I.) und im Osten (Residenz in Nikomedia von Diokletian und in Thessalonike residierte Galerius). Die Seniorkaiser adoptierten je einen Juniorkaiser (Caesar), der später sein Nachfolger werden sollte. Jedem Tetrarchen unterstand ein eigener Prätorianerpräfekt. Gesetze, die ein Augustus oder Caesar erließ, galten dabei grundsätzlich für das ganze Imperium Romanum. Das Mehrkaisersystem an sich stellte keine Neuerung dar, doch ernannte Diokletian anders als seine Vorgänger keine Verwandten zu Kaisern im Kollegium und schloss eine dynastische Thronfolge wohl sogar aus.
Diokletian selbst war formal nur an auctoritas (Würde, Autorität) überlegen: Aurelius Victor (Caesares 39,29) spricht davon, die übrigen Kaiser hätten zu ihm „wie zu einem Vater oder mächtigen Gott“ aufgeblickt. Dies war allerdings entscheidend: Auch später sollte sich immer wieder zeigen, dass ein Mehrkaisertum im ungeteilten Imperium nur dann funktionierte, wenn die Hierarchie innerhalb des Herrscherkollegiums eindeutig war. Andernfalls drohten Rangstreitigkeiten, die bis zu Bürgerkriegen eskalieren konnten.
Diokletian nahm als Beinamen den Titel Iovius (nach dem Göttervater Jupiter) an, sein Mit-Augustus Maximian den Namen Herculius (nach dem Halbgott Hercules); die Caesares übernahmen diese Epitheta. Auch damit wurde deutlich, dass Diokletian, der zudem einmal öfter als sein Kollege das Konsulat bekleidet und die tribunicia potestas innegehabt hatte, als senior Augustus eine übergeordnete Stellung einnahm. Diese Position wurde während seiner Regierungszeit nie in Frage gestellt. Ihm als auctor imperii verdankten die Übrigen ihr Kaisertum. Zeitgenössische Autoren betonten folgerichtig, dass das Reich weiterhin eine Monarchie sei, in der der eigentliche Herrscher von seinen drei Kollegen unterstützt werde, die Anteil an seiner kaiserlichen Macht hätten. Das System bot Vorteile: Auch bei mehreren gleichzeitig auftretenden Problemen an entfernten Orten konnte überall jemand im Kaiserrang nach dem Rechten sehen und das Bedürfnis der Armeen nach Kaisernähe befriedigen. Dadurch, dass sich ein Caesar als Juniorkaiser einarbeiten konnte, gab es mehr Stabilität. Wenn ein Augustus im Caesar einen designierten Nachfolger hatte, der bereits an der Macht war, brachte es für potentielle Usurpatoren keinen Vorteil, den Augustus zu ermorden. Überhaupt stand ein Usurpator immer mindestens 3 Kaisern gegenüber. Indem die Kaiser verdienten Militärs die Möglichkeit boten, in das Herrscherkollegium aufgenommen zu werden, statt den Zugang zur Macht wie zuvor an eine einzige Familie zu binden, bot sich ehrgeizigen Männern eine gewaltlose Alternative zur Usurpation.Vgl. Henning Börm, Born to be emperor. The Principle of Succession and the Roman Monarchy, in: Johannes Wienand (Hrsg.): Contested Monarchy, Oxford 2015, S. 243–246.
Das System funktionierte in den ersten Jahren recht gut. Diokletian, als Augustus des Ostens, machte 293 Galerius zum Caesar. Maximian, der Augustus des Westens, adoptierte seinen Caesar Constantius Chlorus. Die Arbeitsteilung bewährte sich: Diokletian kümmerte sich um Aufstände in Ägypten, während Galerius die persische Grenze befriedete, Maximian die nordafrikanische Provinz sicherte und Constantius zunächst in Britannien für Ordnung sorgte und dann die Rheingrenze verteidigte und mit Festungen sicherte. Formal allerdings behielt sich Diokletian das letzte Wort im Gesamtreich vor und beschränkte sich nicht nur auf den Osten. So ordnete er zum Beispiel 303 Christenverfolgungen im gesamten Reich an.
Unter Diokletian wurde eine Vielzahl von Reformen angestoßen, die weit in die Spätantike hineinwirkten. So wurden die Provinzeinteilung und das Militär reformiert. Zudem wurde eine kaiserliche Zentralverwaltung (militia officialis) geschaffen. Um der Inflation zu begegnen, erließ er ein Höchstpreisedikt und beendete die Münzverschlechterung früherer Kaiser. Schließlich ist noch eine umfassende Steuerreform zu nennen, die die für das Heer notwendigen Mittel sichern sollte. In den Jahren 303–305 kam es, wie gesagt, zu einer reichsweiten Christenverfolgung. Diese ist im Zusammenhang mit der religiösen Begründung der Tetrarchie zu sehen: Diokletian betrachtete Jupiter, Maximian Hercules als Schutzgottheit; diesen Göttern zu opfern, galt daher als Ausdruck von Loyalität. Die Christen jedoch beschimpften die traditionellen römischen Götter als Götzen; und indem sich radikale Christen auch dem Kaiserkult verweigerten, zogen sie den Zorn der Tetrarchen auf sich.
Tetrarchische Selbstdarstellung mini|Venezianische Tetrarchengruppe aus einer anderen Perspektive
Eine Porphyrgruppe, die nach 1204 von Konstantinopel nach San Marco in Venedig gebracht wurde, zeigt die Tetrarchen miteinander vereint. Jeweils zwei der Kaiser sind mit einer engen Umarmung zu einem Paar verbunden. Ihr äußeres Erscheinungsbild deckt sich fast exakt, wodurch eine Benennung der Personen mit Hilfe ihrer Porträts unmöglich ist. Alle Figuren sind gleich groß, tragen eine gleich ausgearbeitete Schutzpanzerung und einen schweren Soldatenmantel (Chlamys). Sie sind mit einem Schwert bewaffnet und ihr Haupt wird von flachen Kappen bedeckt. Die Herrscher sind ohne individuelle Züge ihrer Persönlichkeit dargestellt, ihre Bildnisse, ganz im Sinne ihrer gleichberechtigten Regentschaft und als Zeichen der überindividuellen Gültigkeit des tetrarchischen Prinzips beinahe einheitlich ausgearbeitet.
In der älteren Forschung neigte man dazu, in jedem Paar einen Augustus und einen Caesar zu sehen, mittlerweile gilt jedoch gemeinhin als wahrscheinlicher, dass wohl jeweils zwei Augusti und zwei Caesares gemeinsam dargestellt sind – je ein Herculius mit einem Iovius. Rollt man die Eckgruppe in einer geraden Linie auf, so stellen die beiden Kaiser auf der linken Seite die Caesares, die rechts die Augusti dar.