mini|Joan Baez (2016)
Joan Chandos Baez [] (* 9. Januar 1941 in Staten Island, New York City) ist eine US-amerikanische Folk-Sängerin und -Gitarristin, Bürgerrechtlerin, Pazifistin und Umweltaktivistin. Sie wurde vor allem durch ihre charakteristische, besonders in ihrer frühen Schaffenszeit auffällige Tremolo-Sopranstimme und ihr politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg und die Rassentrennung bekannt. Seit den 1960er Jahren gehört sie zu den Ikonen der US-amerikanischen Folk-Bewegung; ihr Auftritt in Woodstock ist ebenso berühmt wie die Liebesbeziehung zu Bob Dylan. Als „Stimme und Gewissen ihrer Generation“ gewann die „Queen of Folk“ nicht nur in der US-amerikanischen Protestszene, sondern auch international Einfluss.
Sie veröffentlichte in den sechs Jahrzehnten ihres musikalischen Schaffens mehr als 30 Alben, hauptsächlich auf Englisch und auf Spanisch. Zu ihren größten Erfolgen gehören Interpretationen von Folk-Klassikern und Fremdkompositionen wie We Shall Overcome, The Night They Drove Old Dixie Down, Here’s to You oder Farewell, Angelina und ihre Eigenkomposition Diamonds & Rust.
Sie erhielt außer dem Ritterschlag der französischen Ehrenlegion zahlreiche Auszeichnungen, darunter zwei Ehrendoktorwürden, zwei Bambis, den Grammy für ihr Lebenswerk (2007) sowie den Woody-Guthrie-Preis für ihr musikalisches Lebenswerk und humanitäres Engagement (2020). 2017 wurde sie in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen.
Biografie Kindheit und Jugend Baez kam 1941 auf Staten Island als zweite Tochter von Albert Baez (1912–2007) und Joan Bridge (1913–2013) zur Welt. Ihr Großvater väterlicherseits war in Mexiko aus der katholischen Kirche ausgetreten, methodistischer Pastor geworden und 1914 nach New York gezogen. Ihre Eltern waren ursprünglich ebenfalls Methodisten, traten aber in Baez’ früher Kindheit zum Quäkertum über. Ihr Vater stammte ebenfalls aus Mexiko und war promovierter Physiker, Baez’ Mutter war Schottin und in Edinburgh geboren.
Wegen ihrer dunkleren Hautfarbe wurde sie in ihrer Kindheit öfter als „Nigger“ beschimpft; Nachbarskindern sei verboten worden, mit ihr zu spielen. Aus beruflichen Gründen des Vaters zog die Familie häufig um, u. a. nach Palo Alto, Boston, Paris, Rom und Bagdad. Als ihr Vater eine Dozentur am Massachusetts Institute of Technology erhielt, zog die Familie im Spätsommer 1958 nach Belmont.
1956 hörte Baez zum ersten Mal eine Rede Martin Luther Kings und bekam von ihren Eltern eine Gitarre geschenkt – damit war der Grundstein für die beiden wichtigsten Aktivitäten ihres Lebens gelegt, die Musik und der Kampf für Bürgerrechte. Zuvor hatte sie sich bereits das Ukulelespielen beigebracht. Später kaufte sie sich vom ersten selbstverdienten Geld eine Gibson-Gitarre. Erste musikalische Einflüsse bekam Baez in ihrem Elternhaus durch Schallplatten von Pete Seeger und Harry Belafonte. Auf einigen frühen Aufnahmen imitiert sie Belafontes Calypso-Sound; Baez und Belafonte kamen sich in späteren Jahren durch gemeinsame politische Aktivitäten näher. Wichtig war für die junge Sängerin auch Rhythm and Blues, wie auch insgesamt, so ihre Aussage, die Musik des schwarzen Amerikas sie mehr beeinflusst hat als die des weißen.
Musikalische Karriere Baez unterhielt schon als Schülerin ihre Mitschüler mit Schulhofkonzerten. Nach Beendigung der High School schrieb sie sich zwar an der Boston University ein, konzentrierte sich aber bald nur noch auf ihre Gesangskarriere. Diese begann 1959 mit einigen Auftritten im Club 47, einem Folk-Club in Cambridge, der Hochburg des US-amerikanischen Folk-Revivals. Filmaufnahmen aus dieser Zeit zeigen die Sängerin beim Vortrag traurig-melancholischer Traditionals; eigene Songs oder solche von Kollegen ihrer Zeit hatte sie noch nicht in ihrem Repertoire. Bald hatte sie erste Fans und nahm an den Aufnahmen der Langspielplatte (LP) Folksingers ’Round Harvard Square teil, die bei einem kleinen Musiklabel aus Boston erschien. Ebenfalls 1959 erreichte sie auf dem renommierten Newport Folk Festival zum ersten Mal ein größeres Publikum. Gemeinsam mit Bob Gibson, der während seines Auftrittes Baez als unangemeldeten Überraschungsgast auf die Bühne holte, sang sie zwei Duette (Virgin Mary Had One Son, We Are Crossing the Jordan River), was sie laut ihrer Autobiografie über Nacht zum gefeierten Folk-Star machte.
In den Anfangsjahren ihrer Karriere litt sie an schweren Lampenfieber-Attacken, zeitweise verstärkt durch Agoraphobie.Dokumentarfilm von Mary Wharton (2009). Manchmal habe sie vor lauter Angst einen Konzertauftritt unterbrechen müssen, sich im Waschraum mit Wasser erfrischt, ein wenig geweint und sei dann wieder auf die Bühne gegangen. Niemand habe etwas bemerkt oder bemerken wollen. Manchmal sei die Angst vor einem Konzert so groß geworden, dass sie noch nicht einmal das elterliche Haus habe verlassen können. Nur ihre Schwester Mimi Fariña, die sie zu den Konzerten begleitete, habe davon gewusst und sie bei der Bewältigung dieses Problems unterstützt. Das Lampenfieber habe sie noch lange begleitet. Heute sei sie davon befreit und gehe entspannt auf die Bühne.
mini|Joan Baez und Bob Dylan 1963 bei dem vom Civil Rights Movement organisierten Marsch auf Washington Ihre erste Solo-LP erschien 1960 unter dem Titel Joan Baez bei Vanguard Records. Das Nachfolgealbum Joan Baez Vol. 2 (1961) erhielt in den USA eine Goldene Schallplatte, genauso wie beide Teile von Joan Baez in Concert aus dem Jahr 1962. 1961 ging sie außerdem auf eine USA-Tournee und lernte dabei Bob Dylan kennen, der im Vorprogramm von John Lee Hooker auftrat. Sie begann, Dylans Songs zu interpretieren, und stellte den noch wenig bekannten Folk-Musiker in ihren Konzerten als Überraschungsgast einem breiten Publikum vor.Jens Rosteck: Bob Dylan. Leben - Werk - Wirkung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2006, ISBN 978-3-518-18218-5, S. 32. Aus der anfänglich beruflichen wurde bald auch eine private Beziehung; die beiden wurden ein Paar. Baez bezeichnete 2009 im Dokumentarfilm Joan Baez von Mary Wharton die Begegnung mit Dylan als ihren künstlerischen Durchbruch. Dylan erinnert sich im selben Film vor allem an den harmonischen Zusammenklang ihrer Stimmen und das Besondere an Baez’ zum Teil kompliziertem Gitarrenspiel, das keiner außer ihr in dieser Form beherrscht habe.Hannes Fricke: Mythos Gitarre: Geschichte, Interpreten, Sternstunden. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-020279-1, S. 138. So komponierte John W. Duarte auf eine Anregung von Sharon Isbin hin ihr zu Ehren eine Joan-Baez-Suite.Hannes Fricke: Mythos Gitarre: Geschichte, Interpreten, Sternstunden. Reclam, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-15-020279-1, S. 209.
In der ersten Hälfte der 1960er Jahre stand sie mit an der Spitze der Folk-Bewegung. Bereits zu dieser Zeit beeinflusste ihr Stil Künstlerinnen wie Joni Mitchell, Bonnie Raitt und Judy Collins. 1962, auf einer Tournee durch die Südstaaten, entschloss sie sich, nur noch dort aufzutreten, wo es keine Rassenschranken gab. Somit blieben ihr in den USA nur die schwarzen Universitäten. Am 28. August 1963 sang sie auf dem Civil Rights March das berühmte We Shall Overcome, das in den folgenden Jahren quasi zu ihrem sängerischen Markenzeichen wurde. Außerdem trat sie dort zusammen mit Dylan auf. Bezogen vor allem auf die 1960er Jahre wurde sie rückblickend als „Stimme und Gewissen ihrer Generation“ bezeichnet.Iain Blair: , The Chicago Tribune, 28. Juni 1987, abgerufen am 10. Februar 2015.
Am Nachmittag des 1. Mai 1966 besuchte Joan Baez in Ost-Berlin den DDR-Dissidenten und Liedermacher Wolf Biermann in seiner Wohnung in der Chausseestraße. Anlass ihres Aufenthalts in Ost-Berlin war die Einladung des Kabaretts Die Distel, am Abend dieses Tages vor zweihundert ausgewählten Zuhörern aufzutreten. Baez lud Biermann zu ihrem Konzert ein und setzte gegen den heftigen Widerstand der Veranstalter durch, dass der Liedermacher einen Platz im Zuschauerraum erhielt. Unter anderem drohte sie damit, nicht aufzutreten und sofort nach West-Berlin abzureisen. Während der Veranstaltung bedauerte sie öffentlich das durch die DDR-Behörden erlassene Auftrittsverbot für Biermann: „… ein Mensch mit seiner Begabung sollte überall auftreten dürfen. Außerdem möchte ich ihn einladen, in Amerika zu singen und seine Gedichte dort zu rezitieren.“ Ihre Äußerungen in diesem Zusammenhang fielen der DDR-Zensur zum Opfer und wurden in einer später gesendeten Fernsehaufzeichnung nicht gezeigt.Jens Rostek: Joan Baez. Porträt einer Unbeugsamen. Osburg Verlag, Hamburg 2017, ISBN 978-3-95510-142-8, S. 33–36.
mini|Joan Baez (1966) Genau wie Dylan wurde auch sie von der British Invasion beeinflusst und begann, ihre akustische Gitarre durch Bass und E-Gitarre zu verstärken, was bereits auf Farewell, Angelina (1965) zu hören ist. Kurz zuvor hatte Dylan begonnen, Folk mit Rockmusik zu verknüpfen, indem auch er seine Gitarre elektrisch verstärkte und mit einer Begleitband auftrat. Da Baez sich von Dylan auf dessen Englandtour 1965 vernachlässigt fühlte und er sie auch kein einziges Mal bat, mit ihm aufzutreten, ging die Beziehung im folgenden Jahr in die Brüche. Nach eigenen Angaben hatte Baez, die selbst keine Drogen nahm, zudem Probleme mit dem hohen Drogenkonsum der Bandmitglieder während der Tournee.
Gegen Ende des Jahrzehnts experimentierte Baez verstärkt mit Lyrik, wie auf Baptism; A Journey Through Our Time zu hören war. Das 1968 veröffentlichte Album ist eine Sammlung von Gedichten, die entweder gesprochen oder mit orchestraler Begleitung vorgetragen wurden. Im selben Jahr heiratete sie den Kalifornier David Harris, einen bekannten Gegner des Vietnamkrieges und Kriegsdienstverweigerer. Als Fan der Country-Musik beeinflusste er ihre Musik in diese Richtung, was auf David’s Album aus dem Jahr 1969 hörbar ist. Dieses Album enthält unter anderem das Traditional Poor Wayfaring Stranger, bei dem sie von ihrer Schwester Mimi Fariña begleitet wird, und Will the Circle Be Unbroken mit Elvis Presleys ehemaligen Backgroundsängern The Jordanaires.
Seit 1967 schrieb Joan Baez auch selber Songs. Auf dem Album Joan finden sich mit Saigon Bride und North zwei Eigenkompositionen, die mit Nina Dushek entstanden. Im Jahre 1969 sang Baez beim Woodstock-Festival ihre Eigenkomposition Sweet Sir Galahad, die 1970 auf dem ebenfalls von Country beeinflussten Album One Day a Time als Studioversion veröffentlicht wurde. In ihrer Autobiografie bezeichnet sie dieses Lied als das erste, das sie selbst geschrieben hat. Auf dem Album Blessed Are ... findet sich eine ganze Reihe von Eigenkompositionen.
Im Jahre 1969 trat sie auf dem Woodstock-Festival auf. Die schwangere Sängerin nutzte dieses große Forum, um die Missstände in der Welt anzuprangern. Sie thematisierte die Inhaftierung ihres Ehemanns wegen Wehrdienstverweigerung, der zu dieser Zeit eine 15-monatige Freiheitsstrafe verbüßte und einen Hungerstreik unter den Mithäftlingen initiiert hatte, nachdem er aus einem Bezirksgefängnis in ein schärfer bewachtes Bundesgefängnis verlegt worden war. Anschließend sang sie ohne Begleitung den Gospelsong Swing Low, Sweet Chariot. Nach der Geburt ihres Sohnes besuchte sie mit ihm den Vater im Gefängnis. Die Ehe mit Harris wurde 1973 geschieden.
Im Jahre 1971 coverte Baez The Night They Drove Old Dixie Down von The Band und hatte damit einen Top-10-Hit in den USA. Mit dem 1972 veröffentlichten Album Come From the Shadows wechselte sie zu A&M Records, wo sich ihre Musik in Richtung Mainstream-Pop veränderte, sie aber auch mehr künstlerische Freiheiten erhielt und sich als Songschreiberin weiterentwickeln konnte. Come From the Shadows gehört zu ihren politischsten Werken, mit Liedern wie Song of Bangladesh über die Gräuel des Bangladesch-Krieges.