Das Camp de la route de Limoges befand sich bei Poitiers. Es entstand wie das Camp de la Chauvinerie in der Spätphase der Dritten Französischen Republik und zu Beginn der Besatzung durch die deutsche Wehrmacht nach dem Waffenstillstand von Compiègne (1940). Es war im Februar 1939 eigentlich zur Internierung spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge eingerichtet worden; es entwickelte sich aber in der Folgezeit zu einem Internierungslager der Nationionalsozialisten für Juden, Sinti und Roma.
Geschichte
Das unter diesem Namen oder auch als Camp de Poitiers bekanntgewordene Internierungslager steht exemplarisch für die Geschichte der politischen Verfolgung und Ausgrenzung in Frankreich während der Jahre 1939 bis 1944. Diese Geschichte reicht von der Internierung spanischer Bürgerkriegsflüchtlinge bis zur Internierung von Juden, Sinti und Roma – in Frankreich meist als Nomades oder Tsiganes bezeichnet.Nomades, Tsiganes und Manouches sind im Französischen auch aktuell benutzte Begriffe für Menschen, die im Deutschen zumeist als Sinti und Roma bezeichnet werden. Yannick Deport hat dieses breite Spektrum bereits im Titel seines Aufsatzes über das Camp de la Route thematisiert.Yannick Deport: LE CAMP DE POITIERS
Zu Beginn des Jahres 1939 strömten Zehntausende spanische Bürgerkriegsflüchtlinge im Zuge der sogenannten Retirada über die Pyrenäen in den Süden Frankreichs. Seitens der französischen Regierung waren hierfür offenbar keine Vorkehrungen getroffen worden, wie und wo die Flüchtenden untergebracht werden könnten. So entstanden am Rande der Pyrenäen improvisierte Lager, die anfangs aus nicht mehr bestanden, als aus einem mit Stacheldraht umzäumten Gelände.Christian Eggers: Unerwünschte Ausländer. Juden aus Deutschland und Mitteleuropa in französischen Internierungslagern 1940 – 1942. Metropol Verlag, Berlin 2002, ISBN 3-932482-62-X, S. 37. Um den Zustände in diesen Lagern, den sogenannten Centres d’acceil oder auch Centres de recueil (Aufnahmezentren oder Sammelstellen), Herr zu werden, entschlossen sich die französischen Behörden bereits im Februar 1939, einen Teil der Flüchtlinge in über ganz Frankreich verteilte Lager unterzubringen. Eines dieser Ausweichlager wurde das Camp de la Route de Limoges, in dem am 2. Februar 1939 800 spanische Flüchtlinge untergebracht wurden. Der Standort dieses "Centre de séjour surveillé" (CSS, Zentrum für überwachten Aufenthalt) befand sich an der Nationalstraße 147 nach Limoges im Umfeld des heutigen Gedenksteins an der Ecke Avenue Jacques Coeur/Rue du Père Jean Fleury, der auch in Google Street View angezeigt wird. () Au einem bei Yannick Deport abgebildeten Lageplan des Camps geht hervor, dass es sich bei der Route de Limoges um die heutige Avenue Jacques Coeur handelt und die heutige Rue du Père Jean Fleury die zentrale Lagerachse bildete.
Über die Frühzeit dieses Spanier-Lagers gibt es nur wenige Hinweise. Auf der Webseite der AJPN heißt es, das Lager habe sich während der deutschen Invasion geleert. Es sei nach dem Waffenstillstand von Compiègne (22. Juni 1940) unter französischer Verwaltung geblieben, habe jedoch der Kontrolle durch die deutschen Behörden unterlegen.AJPN: Camp de la Route de Limoges durant la Seconde Guerre mondiale (WWII) Eliezer Schilt und Joseph Robert White schreiben, der Bau des Lagers habe im Herbst 1939 begonnen und sei im Mai 1941 abgeschlossen worden. Es habe sich über eine Fläche von mehr als 21.000 Quadratmetern erstreckt und sei zunächst mit einem Stacheldrahtzaun umschlossen gewesen, der nach 1941 verdoppelt und um zwei Wachtürme ergänzt wurde.
Die beiden Autoren unterstreichen zudem, dass das Camp de Poitiers eines der wenigen gemischten Lager in Frankreichs war, in dem mehr als eine verfolgte Gruppe untergebracht war, aber die von Yannick Deport veröffentlichten Zahlen zeigen, dass die Spanier allmählich zu einer verschwindenden Minderheit wurden. „Am 1. Dezember 1941 befanden sich 801 Internierte im Lager. Es gab noch 27 Spanier, 452 Nomaden und 322 Juden.“ Im Dezember 1940 waren die Nomaden die ersten, die in großer Anzahl auf die Spanier folgten. Nach Deport handelte es sich um französische und ausländische tsiganes.Für differenziertere Belegungszahlen des Camps siehe: Fondation pour la Mémoire de la Déportation: Camp d'internement : Le-Fief-du-Pied-de-Marc.
Die zusätzliche Unterbringung von Juden im Lager folgte nach einer von den französischen Behörden im April und Mai 1941 durchgeführten Volkszählung. In deren Folge wurden am 15. Juli 1941 alle Juden in der Region um Poitiers festgenommen; 151 Erwachsene und 158 Kinder wurden im Camp de Poitiers interniert.Eliezer Schilt and Joseph Robert White: POITIERS Ein Zaun diente der Trennung der Nomaden von den in 3 Baracken untergebrachten Juden.
Ein Jahr später verschärfte sich die Lage. Im Juni 1942 wurde es für alle jüdischen Internierten zur Pflicht, den Gelben Stern zu tragen, und im Juli begannen die Deportationen – sowohl der männlichen Sinti und Roma als auch der Juden. „Am 1. Juli 1942 gab es 841 Internierte, darunter 368 Juden. Am 1. Oktober desselben Jahres waren es nur noch 13 Juden und 459 Nomaden.“ Von diesen verbliebenen Nomaden wurden die restlichen Männer am 13. Januar 1943 ins Deutsche Reich gebracht. „Am 29. Dezember 1943 ordneten die deutschen Behörden die Verlegung der verbliebenen 304 Roma-Frauen und -Kinder in das Lager Montreuil-Bellay an.“
Das Camp de Poitiers fungierte ab dem 10. September 1942 als Nebenlager des Gefängnisses Pierre Levée (Gefängnis). das seit Sommer 1942 von den deutschen Besatzern zur Unterbringung und Folterung von Widerstandskämpfern benutzt wurde.Zum Gefängnis Pierre Levée siehe: CENTRE RÉGIONAL "RÉSISTANCE & LIBERTÉ": PRISON DE LA PIERRE-LEVÉE À POITIERS (Online) Anfangs wurden im Camp offenbar noch nach bürgerlichem Recht Verurteilte untergebracht, ab Januar 1943 dann Widerstandskämpferinnen.
Nach Deport wurden von Ende 1939 bis August 1944 insgesamt 2.500 bis 2.900 Menschen im Lager interniert. 1.800 bis 1.900 von ihnen seien Juden gewesen, 500 bis 600 Nomaden, 200 bis 300 politische Gefangene, zu denen noch einige Dutzend Spanier und andere Opfer der Willkür hinzugekommen seien. In diesen Zahlen nicht enthalten sind die 800 Spanier, mit denen das Lager im Februar 1939 eröffnet wurde.
Mit dem deutschen Rückzug endete am 26. August 1944 die Geschichte des Lagers, noch verbliebene Gefangene wurden freigelassen. Vom 6. September 1944 bis zum 31. Oktober 1945 wurden hier dann deutsche Kriegsgefangene, Kollaborateure und Schwarzmarkthändler festgehalten. Im Dezember 1944 hielten sich 390 Gefangene hier auf.
Solidarität mit den Internierten
Deport und Schilt/White berichten übereinstimmend, dass es ein solidarisches Verhalten zwischen den durch Stacheldraht getrennt untergebrachten Nomaden und Juden gegeben habe und es auch regelmäßig zu Fluchten aus dem Lager kam. Beide Gruppen wurden aber in unterschiedlicher Weise zu Arbeiten herangezogen.
Für die Internierten gab es auch Hilfe von außen; selbst ein Vize-Präfekt des Departements, Robert HolveckZu ihm siehe den Artikel von Sabine Renard-Darson: ROBERT SCHUMAN À POITIERS ET À LIGUGÉ, online auf der Plattform VRID., soll sich für die Gefangenen eingesetzt haben und sei im November 1943 deportiert worden, weil er Befehle der Feldkommandantur 677 in Poitiers ignoriert habe. Auch andere Mitarbeiter der Präfektur und Gendarmen hätten die Flüchtlinge und Internierten unterstützt. Immer wieder aber fallen die Namen von zwei Personen, die sich in besonderem Maße für die Internierten eingesetzt haben sollen: Elie Bloch und Jean Fleury.
Rabbiner Elie Bloch & Marcelle Valensi Im Zuge einer Volkszählung im Département Vienne wurden im Oktober 1940 836 Personen jüdischen Glaubens gezählt, die etwa 15 verschiedenen Nationalitäten angehörten. 56,69 % von ihnen waren evakuierte Franzosen aus dem Département Moselle, der Rest bestand aus dort im Exil lebenden Ausländern.Sabine Renard-Darson: 1er chapitre : Qui sont ces enfants ?
Als 1941 die Internierungen der Juden aus dem Departement in Poitiers begannen, wurden mehrere Kinder von ihnen, die noch bis Anfang 1942 das Lager verlassen durften, in Châtellerault untergebracht – oftmals bei dortigen jüdischen Familien. Organisiert wurde das in der Regel von Rabbiner Elie Bloch, der aber auf Geheiß der Deutschen keine Kinder bei aufnahmebereiten nicht-jüdischen Familien aus Châtelleraudais unterbringen durfte.
Elie Bloch (* 8. Juli 1909 in Dambach-la-Ville; am 22. Dezember 1943 in Auschwitz ermordet) gehörte selber zu den aus dem Département Moselle deportierten Menschen. Er wurde zum Rabbiner der evakuierten Juden ernannt, begleitet sie und trug bald die Verantwortung für 3.600 bei der Volkszählung im Oktober 1940 erfassten Juden. 1.464 von ihnen lebten im Département Charente-Maritime, 836 im Vienne, 306 im Département Deux-Sèvres und etwa 1.000 im Département Charente.Paul Levy: Rabbi Elie BLOCH „Zunächst war er Rabbiner der verfolgten Juden, wurde dann Rabbiner der internierten Juden und schließlich Rabbiner der deportierten Juden“, heißt es bei Renard-Darson.Sabine Renard-Darson: Le rabbin Elie Bloch
Nach den Festnahmen der Juden am 15. Juli 1941 und deren Überstellung in das Camp de Poitiers intervenierte Bloch beim Präfekten und kämpfte für bessere Lebensbedingungen der Internierten. Ihm gelang es mit Unterstützung des in Paris gegründeten Comité de la rue AmelotFür mehr Informationen über das Comité de la rue Amelot siehe die Dokumentation einer Ausstellung aus dem Jahr 2012. Hommage au Comité Amelot. und der dort engagierten Marcelle ValensiAmis de la Fondation pour la Mémoire de la Déportation: VALENSI Marcelle Hilfsgüter zu beschaffen und ins Lager zu bringen.
Den Bemühungen von Bloch und Valensi war es auch zu verdanken, dass es zu der oben schon erwähnten Freilassung von Kindern aus dem Camp kam. Am 24. November 1941 durften 66 Kinder unter 14 Jahren das Lager verlassen, ein Teil wurde in einem Kinderheim untergebracht, der andere Teil bei jüdischen Familien. Am 29. August 1942 gelang es Marcelle Valensi, noch eine weitere Gruppe von 29 Kindern mit französischer Staatsangehörigkeit freizubekommen, danach noch einmal 11 Kinder. Am 25. Mai 1943 wurden jedoch alle befreiten Kinder wieder aufgegriffen nach Paris und ins Pariser Umland gebracht. Viele von ihnen wurden mit dem Konvoi 77 am 31. Juli 1944 nach Auschwitz deportiert.
Bei dem zuvor erwähnten Kinderheim handelte es sich um das Haus La Sansonnerie in Migné-Auxances. Marcelle Valensi organisierte dort eine Übergangslösung für einen Teil der aus dem Camp befreiten Kinder. Leider waren die Lebensbedingungen dort nicht ideal und die Verpflegung nicht ausreichend. Da diese Schwierigkeiten trotz des Einsatzes von Valensi nicht überwunden werden konnten, verließen die Kinder im Januar 1942 das Heim und wurden ebenfalls bei Familien untergebracht zu werden.AJPN – Anonymes, Justes et Persécutés durant la période Nazie dans les communes de France: La Sansonnerie durant la Seconde Guerre mondiale (WWII)
Marcelle Valensi, über die nur wenige Lebensdaten bekannt sind, starb am Ersten Weihnachtstag 1942 in Marseille an einem Herzinfarkt.Sabine Renard-Darson: Marcelle Valensi
Eli Blochs Aktionsradius reichte zu dieser Zeit weit über die Stadt Poitiers hinaus. Er wurde Leiter der UGIF für die Region Poitiers und war damit verantwortlich für die Erstellung von Hilfspaketen für die dortigen Internierten. Seine Bekanntheit reicht aber auch weit in die Südzone, und Bitten um Hilfssendungen erreichen ihn gar aus dem Internierungslager im algerischen El Djelfa. Bis Ende 1942 konnten er und sein Team 1.007 Pakete versenden, die aus UGIF-Mitteln, Geldern des Comité de la rue Amelot und durch Einzelspenden finanziert wurden.