mini|18. Gipfel der Bewegung der Blockfreien Staaten in Baku (2019) mini|Mitglieder (dunkelblau) und Beobachter (hellblau) der Bewegung der blockfreien Staaten
Die Bewegung der Blockfreien Staaten (kurz Bewegung der Blockfreien oder Blockfreien-Bewegung, englisch Non-Aligned Movement) ist eine Internationale Organisation von Staaten, deren erklärtes Ziel es war, sich im Ost-West-Konflikt nach dem Zweiten Weltkrieg neutral zu verhalten und keinem der beiden Militärblöcke anzugehören. Die Gründung der Organisation ging auf eine Initiative des jugoslawischen Präsidenten Josip Broz Tito, des ägyptischen Staatspräsidenten Nasser, des indischen Ministerpräsidenten Nehru sowie des indonesischen Präsidenten Sukarno zurück. Die Organisation konstituierte sich 1961 auf ihrer ersten Sitzung in Belgrad. Ihr traten viele ehemalige afrikanische und asiatische Kolonien bei, die sich soeben erst als Staaten konstituiert hatten oder noch um ihre Unabhängigkeit rangen.
Die Organisation verurteilte die Blockbildung in der Zeit des Ost-West-Konfliktes wegen der Gefahr eines Dritten Weltkrieges und setzte sich für die friedliche Koexistenz und Abrüstung ein. Die steigende Zahl der Mitglieder machte es der Organisation jedoch zunehmend schwer, sich auf eine gemeinsame Politik zu einigen. Mit der Auflösung des Warschauer Paktes Anfang der 1990er Jahre verlor sie an Bedeutung. Die heterogene Zusammensetzung der Bewegung machte es schwer, gemeinsame Ziele zu definieren und zu verfolgen. Die Staaten der Blockfreien-Bewegung vertreten 55 Prozent der Weltbevölkerung und halten nahezu zwei Drittel der Sitze in der UN-Generalversammlung.
Das Ziel der Organisation ist die Gleichberechtigung zwischen den Staaten und eine positive wirtschaftliche Entwicklung der Mitgliedstaaten.
Geschichte mini|Teilnehmerstaaten an der Konferenz von Bandung (1955)
Auf Initiative des indischen Ministerpräsidenten Nehru und des jugoslawischen Ministerpräsidenten Tito trafen sich 1955 Abgesandte aus 23 asiatischen und 6 afrikanischen Staaten im indonesischen Bandung. Es handelte sich dabei um Staaten, die weder dem westlichen noch dem östlichen Bündnissystem angehörten.
Als wichtigste Persönlichkeiten im Verlauf der Konferenz von Bandung erwiesen sich die Staats- und Regierungschefs Jawaharlal Nehru (Indien) Gamal Abdel Nasser (Ägypten), Zhou Enlai (Volksrepublik China), Josip Broz Tito (Jugoslawien). Er hatte 1948 mit dem sowjetischen Diktator Stalin († 5. März 1953) gebrochen und strebte einen anderen Weg des realen Sozialismus an. sowie der Gastgeber und antikoloniale Befreiungsheld Sukarno (Indonesien).
Als Ergebnis der Konferenz verabschiedeten die 29 Staaten mehrere Resolutionen. In einer verurteilten sie „jede Form von Kolonialismus und Rassendiskriminierung“ und forderten die „Beachtung der Charta der Vereinten Nationen“. In einer weiteren Resolution sprachen sie sich für den „Abbau der Spannungen zwischen den Machtblöcken, eine allgemeine Abrüstung und ein Verbot von Kernwaffen“ aus. Bei der Konferenz von Bandung wurden auch erstmals Forderungen der Dritten Welt nach Gleichberechtigung und Gleichbehandlung gegenüber den ehemaligen Kolonialmächten laut. Der Geist von Bandung trug wesentlich zum Entkolonialisierungsprozess bei.
Aus den Ergebnissen der Konferenz bildete sich Anfang der 1960er Jahre die antiimperialistische Bewegung der Blockfreien Staaten. Während der Gründungsphase dieser Bewegung übernahmen Jugoslawien, Ägypten und Indien die Führungsrolle, bis diese mit der ersten Gipfelkonferenz vom 1. bis 6. September 1961 in Belgrad abgeschlossen wurde. Bei dieser Gipfelkonferenz waren 25 Staaten durch ihre Staatschefs vertreten.
In Europa waren insgesamt drei Staaten Mitglied dieser Bewegung – Jugoslawien, die Republik Zypern und Malta. Die Nachfolgestaaten Jugoslawiens (Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien) sind seit dem Zerfall Jugoslawiens im Jahr 1991/92 nicht mehr Mitglied der blockfreien Bewegung, haben jedoch noch einen Beobachterstatus, ebenso wie die Ukraine als Nachfolgestaat der Sowjetunion. Malta und Zypern haben nach ihrem Beitritt zur Europäischen Union ihren Austritt erklärt.mini|Europa zur Zeit des Eisernen Vorhangs.
Die SFR Jugoslawien (grün) war ein blockfreier realsozialistischer Staat und nicht Teil des Ostblocks (Tito-Stalin-Bruch im Sommer 1948, siehe Titoismus). Albanien (rote Streifen) war seit 1961/68 kein Ostblockstaat mehr.
Mitglieder mini|Josip-Broz-Tito-Denkmal am Paseo de la Reforma in Mexiko-Stadt. Ehrung für einen der Gründer der blockfreien Bewegung
Folgende 120 Staaten waren 2012 Mitglieder der Blockfreien-Bewegung:
Ehemalige Mitglieder
Beobachter Die Organisation hat an 18 Staaten den offiziellen Beobachterstatus vergeben:
Zuletzt schieden 2004 Malta und die Republik Zypern aus und besitzen nunmehr nur noch Beobachterstatus, während 2006 die Zahl der Mitglieder auf 118 anwuchs. Auch die Einigung auf klare gemeinsame politische Positionen macht deutlich, dass die Bewegung der blockfreien Staaten an Bedeutung gewinnt. In nahezu allen Redebeiträgen auf dem Gipfel von Havanna wurde die Notwendigkeit einer Süd-Süd-Kooperation betont, die in Anbetracht vieler bilateraler Wirtschaftskontakte zwischen den Mitgliedsstaaten weit über die Planungsphase hinausgekommen zu sein scheint. Viele der in Havanna beschlossenen Positionen fanden sich kurze Zeit später in den Redebeiträgen auf der Vollversammlung der Vereinten Nationen wieder.
Vorsitzender der Blockfreien Staaten Vorsitzender der blockfreien Bewegung Name Staat von bis Josip Broz Tito 1961 1964 Gamal Abdel Nasser 1964 1970 Kenneth Kaunda 1970 1973 Houari Boumedienne 1973 1976 William Gopallawa 1976 1978 Junius Richard Jayewardene 1978 1979 Fidel Castro 1979 1983 Neelam Sanjiva Reddy 1983 Giani Zail Singh 1983 1986 Robert Mugabe 1986 1989 Janez Drnovšek 1989 1990 Borisav Jović 1990 1991 Stjepan (Stipe) Mesić 1991 Branko Kostić 1991 1992 Dobrica Ćosić 1992 Suharto 1992 1995 Ernesto Samper 1995 1998 Andrés Pastrana 1998 Nelson Mandela 1998 1999 Thabo Mbeki 1999 2003 Mahathir bin Mohamad 2003 Abdullah Ahmad Badawi 2003 2006 Fidel Castro 2006 2008 Raúl Castro 2008 2009 Husni Mubarak 2009 2011 Mohammed Hussein Tantawi 2011 2012 Mohammed Mursi 2012 Mahmud Ahmadineschad 2012 2013 Hassan Rohani 2013 2016 Nicolás Maduro 2016 2019 İlham Əliyev 2019 2024 Yoweri Museveni 2024Museveni explains Uganda's selection to host NAM summit. Auf monitor.co.ug (englisch) vom 22. März 2023, abgerufen am 13. August 2023. 2027
Gipfelkonferenzen mini|18. Gipfel in Baku (2019)
1961: Belgrad 1964: Kairo 1970: Lusaka 1973: Algier 1976: Colombo 1979: Havanna 1983: Neu-Delhi 1986: Harare 1989: Belgrad 1992: Jakarta 1995: Cartagena de Indias 1998: Durban 2003: Kuala Lumpur 2006: Havanna 2009: Scharm asch-Schaich 2012: Teheran 2016: Isla Margarita 2019: Baku 2021: Belgrad 2024: Kampala, 19. Gipfelkonferenz 2011 fand in Belgrad ein Treffen zum 50. Jahrestag der ersten Gipfelkonferenz statt.
Siehe auch Gruppe der 77
Literatur Jürgen Dinkel: Die Bewegung Bündnisfreier Staaten. Genese, Organisation und Politik (1927–1992). (Studien zur Internationalen Geschichte. Band 37). Berlin/München 2015, ISBN 978-3-11-040418-0. Anouar Abdel-Malek: Blockfreiheit. In: Historisch-kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 2, Argument-Verlag, Hamburg 1995, Sp. 267–275. Christopher J. Lee (Hrsg.): Making a World after Empire. The Bandung Moment and its Political Afterlives. Ohio University Press, Athens, OH, 2010, ISBN 978-0-89680-277-3.
Weblinks
Aserbaidschanischer Vorsitz der blockfreien Staaten 2019–2022 The Non-Aligned Movement: Background Information – Hintergrundinformationen und Geschichte der Bewegung der Blockfreien Staaten auf der offiziellen NAM-Website Südafrikas (englisch) (englisch)
Einzelnachweise
Kategorie:Organisation (Politik) Kategorie:Internationale Organisation (Völkerrecht) Kategorie:Organisation (Kalter Krieg) Kategorie:Internationale Organisation (New York City) Kategorie:Antikolonialismus Kategorie:Gründung einer politischen Organisation 1961