mini|Peter Ustinov, Foto von Allan Warren (1986) Sir Peter Alexander Freiherr von Ustinov, CBE, FRSA (* 16. April 1921 in London; † 28. März 2004 in Genolier, Kanton Waadt) war ein britischer Schauspieler, Synchronsprecher, Schriftsteller und Regisseur, der ab 1961vgl. Ustinov: Bilder meines Lebens. S. 154. auch das Schweizer Bürgerrecht besaß.
Der mehrsprachige Ustinov machte sich einen Namen als Autor von zeitsatirischen Dramen, darunter Romanoff und Julia (1956), Erzählungen, Essays, Kolumnen, Romanen, Novellen und Drehbüchern. International bekannt wurde der zweifache Oscar-Preisträger durch seine Filmrollen in Quo vadis? (1951), Spartacus (1960), Topkapi (1964) und Tod auf dem Nil (1978). Als Regisseur inszenierte er Opern wie Die Zauberflöte und Don Giovanni sowie dramatische Texte und Filme. Er schuf außerdem Karikaturen, Kostüm- und Bühnenbilder, humoristische Begleittexte zu musikalischen Werken und war weltweit gern gesehener Gast in Talkshows sowie Conférencier eigener One-Man-Shows. Seine vielseitigen künstlerischen Tätigkeiten und sein internationales Wirken brachten ihm mehrfach die Titulierung „Multitalent“ ein.
Der bekennende Kosmopolit war ab 1968 UNICEF-Sonderbotschafter, ab 1990 Vorsitzender des World Federalist Movement und 1999 Gründer der Peter Ustinov Stiftung zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen. In seinen letzten Lebensjahren widmete er sich der Bekämpfung von Vorurteilen und etablierte aus diesem Grund Lehrstühle zur Vorurteilsforschung in Budapest, Durham und Wien. Von 1968 bis 1974 war Ustinov Rektor der University of Dundee, von 1992 bis zu seinem Tod amtierte er als Kanzler der University of Durham. 1990 wurde er von Elisabeth II. zum Knight Bachelor erhoben.
Biografie Familie und Abstammung Ustinov wurde am 16. April 1921 als Peter Alexander Baron von Ustinov im Stadtteil Swiss Cottage im London Borough of Camden geboren, getauft in Schwäbisch Gmünd als Petrus Alexandrus.Peter Ustinov: Ach du meine Güte. Unordentliche Memoiren. Verlag Fritz Molden, Wien (u. a.) 1978, S. 43. Die Schreibweise des Nachnamens seines Großvaters Plato Grigorjewitsch war noch Ustinow.
Sein Vater Jona von Ustinov (1892–1962), ein Diplomat und Journalist, war im osmanischen Palästina als Sohn des von Geburt russischen, aber 1876 in Württemberg eingebürgerten Plato von UstinowVgl. Ejal Jakob Eisler (), Peter Martin Metzler (1824–1907): Ein christlicher Missionar im Heiligen Land [פטר מרטין מצלר (1907–1824): סיפורו של מיסיונר נוצרי בארץ-ישראל; deutsch], Haifa: אוניברסיטת חיפה / המכון ע"ש גוטליב שומכר לחקר פעילות העולם הנוצרי בארץ-ישראל במאה ה-19, 1999 ,(פרסומי המכון ע"ש גוטליב שומכר לחקר פעילות העולם הנוצרי בארץ-ישראל במאה ה-19/Abhandlungen des Gottlieb-Schumacher-Instituts zur Erforschung des christlichen Beitrags zum Wiederaufbau Palästinas im 19. Jahrhundert; Band 2), S. 49f und מא. ISBN 965-7109-03-5 und der äthiopisch- und deutschstämmigen Magdalena Hall,Wolbert G.C. Smidt: Verbindungen der Familie Ustinov nach Äthiopien. In: Aethiopica, International Journal of Ethiopian and Eritrean Studies, Band 8 (2005), S. 29–47. einer Enkelin des deutschen Afrikaforschers und Malers Eduard Zander, geboren und hatte in der Schweiz und im französischen Grenoble studiert. Während des Ersten Weltkrieges diente er als Flieger in der deutschen Armee. Baron Ustinov, dessen Spitzname „Klop“ war (russisch für „Wanze“), arbeitete einige Jahre als Korrespondent in Berlin und Amsterdam, bis er eine Anstellung bei der deutschen Botschaft in London bekam. 1935 ließ er sich mit seiner Familie ins Vereinigte Königreich einbürgern, da er aufgrund der rassistischen Nürnberger Gesetze aus dem deutschen Staatsdienst ausscheiden musste. Im Zweiten Weltkrieg war Jona von Ustinov als Agent für den britischen Inlandsgeheimdienst MI5 tätig.
Peters Mutter war Nadeschda Leontjewna Benois (1896–1975), eine Bühnenbildnerin und Tochter des russischen Architekten Leonti Nikolajewitsch Benois, aus der französischstämmigen Familie Benois. Am 17. Juli 1920 schloss sie die Ehe mit Jona von Ustinov.
Über seine Herkunft erzählte Peter Ustinov später gerne: „Ich wurde in Sankt Petersburg gezeugt, in London geboren und in Schwäbisch Gmünd evangelisch getauft.“ Verfolgt man die Wurzeln seiner Ahnen, so lässt sich feststellen, dass er russischer, französischer, deutscher, schweizerischer, italienischer und (durch seine Urgroßmutter Welette-Iyesus)Sie war Tochter des deutschen, in Äthiopien als Hofmaler wirkenden Malers Eduard Zander und der äthiopischen Hofdame Isette-Werq. Welette-Iyesus war als Katharina Hall mit dem deutschen, jüdisch geborenen, aber als protestantischer Missionar dort tätigen Moritz Hall verheiratet. Cf. Holtz, „Hall, Moritz“, in: Encyclopaedia Aethiopica: 3 Bde., Siegbert Uhlig (Hg.), Wiesbaden: Harrassowitz, 2002, 2005, 2007, Bd. 2 / D – Ha (2005), Artikel: ‘Hall, Moritz’. ISBN 3-447-05238-4. äthiopischer Abstammung war. Offiziell war Ustinov zeit seines Lebens britischer Staatsbürger, sah sich selbst allerdings stets als Weltbürger, was er mit den Worten zu umschreiben pflegte: „Ich bin ethnisch sehr schmutzig und sehr stolz darauf.“ 1961 erwarb er auch das Schweizer Bürgerrecht.
Kindheit und Jugend Ustinov wuchs in London auf und genoss während seiner Kindheit und Jugendzeit eine mehrsprachige Erziehung. Zu Hause lernte er Englisch, Russisch, Deutsch und Französisch, später dann auch Italienisch, Spanisch, Neugriechisch und Türkisch. In seinen Auftritten als Erzähler und Komiker zeigte er seine Begabung, auch unterschiedliche Dialekte und Akzente dieser Sprachen anschaulich zu machen.
Nach eigener Aussage war Ustinovs erste Rolle die eines Schweins bei einer kleinen Aufführung in seinem Kindergarten. Er selbst betrachtete sich rückblickend als eher mittelmäßigen Schüler, der vor allem Probleme mit dem Fach Mathematik hatte. Von Seiten seiner Mitschüler musste er des Öfteren Kommentare zu seiner ethnischen Herkunft und seinem vergleichsweise ungewöhnlichen Namen über sich ergehen lassen. Seit 1934 besuchte er die Eliteschule Westminster, die er jedoch verabscheute und nach knapp drei Jahren verließ. Zu seinen dortigen Schulkameraden gehörte der spätere Bankkaufmann Rudolf von Ribbentrop (1921–2019),Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 1002. der älteste Sohn des späteren nationalsozialistischen Außenministers Joachim von Ribbentrop. Ustinov absolvierte eine Schauspielausbildung am London Theatre Studio unter der Leitung von Michael St. Denis und trat im Alter von 17 Jahren in seiner ersten professionellen Rolle in Der Waldschrat auf. Seine Leidenschaft und Begeisterung für die Schauspielerei und das Theater legten schon bald den Grundstein für das Schreiben eigener Werke: 1942 wurde sein erstes Theaterstück House of Regrets im Arts Club uraufgeführt.
Zweiter Weltkrieg Ende der 1930er Jahre folgten mehrere Theaterengagements, bis Ustinov 1940 seine erste kleine Filmrolle in Hullo, Fame! spielte. Im selben Jahr heiratete er Isolde Denham, die Halbschwester von Angela Lansbury. Aus dieser 1950 geschiedenen Ehe stammt Tochter Tamara Ustinov, die als Schauspielerin in die Fußstapfen beider Elternteile trat. Ustinovs erste größere Filmrolle folgte 1942 mit The Goose Steps Out. Seinen vollständigen Namen hatte er schon in frühen Lebensjahren zu „Peter Ustinov“ abgekürzt.
Ab 1942 absolvierte Ustinov seinen Wehrdienst während des Zweiten Weltkriegs in der British Army. Sein Vorgesetzter war der Schauspieler David Niven. Später sagte Ustinov, dass ihn die Zeit beim Militär und während des Krieges tief geprägt und in seinem pazifistischen und humanistischen Denken beeinflusst habe. Um Erfahrungen beim Film zu sammeln, trat er der Schauspieler-Einheit bei und hatte dort kleinere Rollen in Propagandafilmen; zu der 1943 erschienenen Produktion The New Lot schrieb er auch erstmals das Drehbuch.
Nach seiner Entlassung aus der Armee begann Ustinov seine künstlerische Vielseitigkeit zu entfalten. Bei dem Film School for Secrets von 1946 zeichnete er für Regie, Produktion und Drehbuch verantwortlich. In den 1940er Jahren folgten weitere Filme unter seiner Regie und aus seiner Feder. Daneben trat Ustinov auch am Theater weiterhin als Regisseur und Autor – aber auch als Kritiker – in Erscheinung.
Internationales Wirken Im Jahr 1950 begannen die Probeaufnahmen für Mervyn LeRoys Verfilmung des Romans Quo Vadis von Henryk Sienkiewicz. Bei diesen hatte Ustinov als römischer Kaiser Nero erstmals Gelegenheit, sein darstellerisches Potential gegenüber kritischen Hollywood-Produzenten unter Beweis zu stellen. Dennoch zögerten sie ein ganzes Jahr lang mit ihrer Entscheidung, da sie den 30-jährigen Schauspieler für zu jung hielten. Doch Sam Zimbalist, der Produzent des Films, erhielt von Ustinov die telegrafische Mitteilung, dass er für die Rolle bald zu alt sei, wenn man noch länger warte, da Nero selbst bereits mit 31 Jahren gestorben sei; daraufhin wurde er engagiert. Mit der Darstellung des selbstherrlichen, geisteskranken und größenwahnsinnigen Kaisers gelang Ustinov der internationale Durchbruch. Für seine Leistung wurde er mit einem Golden Globe ausgezeichnet und für einen Oscar nominiert.
1954 heiratete Ustinov die kanadische Schauspielerin Suzanne Cloutier. Aus der Ehe, die nach einigen Jahren ebenfalls geschieden wurde, gingen die drei Kinder Igor, Pavla und Andrea hervor. Sohn Igor ist Bildhauer und wahrt als Kuratoriumsmitglied der Sir-Peter-Ustinov-Stiftung inzwischen das Vermächtnis seines Vaters.
1955 spielte er den polyglotten Stallmeister in Max Ophüls letztem Kinofilm Lola Montez.
Sein Sprachtalent nutzte Ustinov sowohl für Rollenangebote zusätzlich zu englischsprachigen Filmproduktionen als auch ab und zu für die Selbst-Synchronisierung ins Deutsche oder Französische. Zudem verfasste er weitere Theaterstücke, in denen er auch als Darsteller und Regisseur mitwirkte. Sehr erfolgreich war er Mitte der 1950er Jahre mit Romanoff und Julia, das den Ost-West-Konflikt parodierte und ihm 1958 während der Laufzeit des Stücks am New Yorker Broadway zwei Nominierungen für einen Tony Award einbrachte. 1961 setzte Ustinov den Stoff auch filmisch um. In den 1950er Jahren profilierte er sich in Filmen wie Beau Brummell und Wir sind keine Engel. Seine Darstellung des Gladiatorenmeisters Batiatus in Stanley Kubricks Monumentalfilm Spartacus trug ihm 1961 einen Oscar als bester Nebendarsteller ein. 1957 spielte er in Henri-Georges Clouzots Politthriller Spione am Werk die Hauptrolle des sowjetischen Geheimagenten Michel Kaminsky. mini|Ustinov in den Niederlanden (1962) 1961 verfilmte Ustinov als Regisseur Herman Melvilles Kurzroman Billy Budd (deutscher Titel: Die Verdammten der Meere) und spielte darin selbst die Rolle des Kapitäns. 1962 inszenierte er erstmals eine Oper, und zwar den Einakter Die Spanische Stunde von Maurice Ravel am Royal Opera House in London. Bis Ende der 1990er Jahre sollten weitere Operninszenierungen in ganz Europa folgen, u. a. von Wolfgang Amadeus Mozarts Die Zauberflöte und Don Giovanni. Daneben setzte Ustinov weiterhin eigene Theaterstücke wie Endspurt (1962) oder Halb auf dem Baum (1967) in Szene.