Die Fahrzeuge der Baureihe 612 sind Neigetechnik-Nahverkehrsdieseltriebzüge der DB Regio. Die Fahrzeuge werden vor allem als Regional-Express auf bogenreichen Strecken eingesetzt. Der Hersteller Bombardier Transportation bezeichnete die Fahrzeuge als RegioSwinger.

Geschichte mini|612 481 im IC-Design als RE nach Hof/Bayreuth in Würzburg HbfNach den problembehafteten Triebwagen der 2019 ausgemusterten Reihe 611 unternahm die Deutsche Bahn mit der fast komplett neu konstruierten Baureihe 612 einen zweiten Versuch, einen zuverlässigen Neigetechnik-Zug aus deutscher Produktion auf die Schiene zu bringen. Ursprünglich war geplant, eine zweite, leicht weiterentwickelte Serie der Baureihe 611 zu beschaffen. Beim Praxiseinsatz dieser Triebwagen hatten sich jedoch konzeptionelle Mängel der Laufwerksentwicklung gezeigt, die bereits im Wettbewerb einen unabhängigen Neuentwurf erforderten. Der ausgewählte Hersteller Adtranz in Hennigsdorf begann daher bei der Entwicklung nahezu von vorn, da ein weiteres Debakel vermieden werden sollte.

Besondere Sorgfalt wurde den Komponenten gewidmet, von denen bekannt war, dass sie bei den Triebwagen der Reihe 611 für Schwierigkeiten gesorgt hatten. So wurden beispielsweise die Gelenkwellen verstärkt sowie Kraftstoff- und Ölbehälter nicht in deren Nähe angebracht. Zusätzlich zu den letztlich ausschließlich beschafften zweiteiligen Triebwagen hatte Adtranz motorisierte Mittelwagen konzipiert und der DB 1999 und 2001 angeboten. Zu einer Bestellung kam es nicht.

Konstruktive Merkmale mini|Innenraum eines geneigten Triebwagens der Baureihe 612 mini|links|612 009 im Neigebetrieb bei Göhren

Wie bei ihren Vorgängern sind bei der Baureihe 612 beide Wagen motorisiert. Verwendet werden dabei Cummins-Dieselmotoren des Typs QSK19-R mit einer Leistung von 563 kW. Die Kraftübertragung erfolgt hydraulisch über je ein Strömungsgetriebe, in das außerdem eine hydrodynamische Bremse integriert ist. Die Triebdrehgestelle liegen bei beiden Wagen einer Einheit am Kurzkuppelende, die Drehgestelle unter den Führerständen sind Laufdrehgestelle. Der Wagenkasten stützt sich über Luftfedern und eine Wiege auf den Drehgestellen ab und ist elektrisch 8° zu jeder Seite neigbar.

Die Steuerung der Neigetechnik übernimmt das System Neicontrol-E, das über Beschleunigungssensoren in den Enddrehgestellen Beginn und Ende eines Bogens feststellen kann und die Wagenkästen abhängig von Bogenradius und Fahrgeschwindigkeit neigt. Dies erlaubt gegenüber Fahrzeugen ohne Neigetechnik eine Geschwindigkeitssteigerung um bis zu 30 %, sofern die befahrene Strecke sicherungs- und oberbautechnisch für das bogenschnelle Fahren ausgebaut ist. Zusätzlich zu den Betriebsbremsen besitzen die Triebwagen Federspeicherbremsen als Feststellbremsen und für Schnellbremsungen Magnetschienenbremsen in den Laufdrehgestellen.

mini| Scharfenbergkupplung des Typs 35 vom 612 122

Über die selbsttätigen Scharfenbergkupplungen des Typs 35 an den Führerstandsenden lassen sich bis zu vier Doppeltriebwagen kuppeln und vielfachsteuern. Der Typ 35 findet bei der DB nur Anwendung bei der Baureihe 612. Durch die Form eines Squircle ist der Typ 35 leicht zu unterscheiden vom kreisrunden Typ 10, daher sind die Fahrzeuge mit keinem anderen Triebzug mechanisch kuppelbar. Die Scharfenbergkupplungen verbinden die Druckluft- und Steuerleitungen selbsttätig. Die Bordrechner der Triebzüge stellen automatisch die Zugkonfiguration fest. Für die Aufrechterhaltung gewisser Grundfunktionen wie Beleuchtung und Heizung ist jeder Triebwagen selbst verantwortlich. Es kann nicht in größerem Umfang elektrische Energie zwischen den Wageneinheiten ausgetauscht werden. Über die Vielfachsteuerung gelangen Zustands- und Störungsmeldungen zum aktiven Führerstand.

mini|Wellenbalg und Mitteltüren 612 122

Zwischen dem im Vergleich zu früheren Baureihen größer gestalteten Führerstand mit einer Front aus glasfaserverstärktem Kunststoff und dem Einstiegsraum befindet sich je ein Fahrgastraum mit zwei Fenstern pro Seite. In den Wagen 612.0 befinden sich hier die Plätze der ersten Klasse. Hinter dem Einstiegsraum liegt ein weiteres separates Abteil mit acht Sitzplätzen in zwei Vierergruppen mit Tischen, das ebenfalls der ersten Klasse zugeordnet war. Daran schließt sich ein Großraum der zweiten Klasse an.

Die Mehrzahl der Plätze sind in Reihen angeordnet, zusätzlich gibt es einige Vierergruppen mit Tischen. In den Wagen 612.5 fehlt das separate Abteil zwischen Großraum und Einstiegsraum, sie enthalten nur Plätze der zweiten Klasse. Am Kurzkuppelende befindet sich ein Mehrzweckraum zur Unterbringung von sperrigem Gepäck wie Fahrrädern, Kinderwagen oder Skiern, in den Wagen 612.5 zusätzlich eine Toilette. Beide Wagen sind mit einer nur in der Werkstatt trennbaren Schalenmuffenkupplung kurzgekuppelt. Der Wagenübergang ist mit einem Wellenbalg verkleidet. Für angenehmes Klima an Bord soll eine kombinierte Luftheizung und Klimaanlage sorgen.

Beginnend 2008 mit den Fahrzeugen des Betriebshofes Kaiserslautern wurden die „kleinen ersten Klassen“ in den Wagen 612.0 zwischen dem Endeinstieg und dem Zweite-Klasse-Großraum zu Abteilen der zweiten Klasse deklassiert. Dies geschah 2009 bei den Fahrzeugen der Betriebshöfe Dresden und Hof.

2012 begann ein Umbau der 36 in Thüringen stationierten Triebfahrzeuge. Neben einer neuen Lackierung der Außenwände, WCs und Mehrzweckräume mit spezieller Graffitischutzschicht und der allgemeinen Erneuerung der Sitzpolster, Kopfstützen sowie Armlehnen in den Fahrgasträumen wird dabei die Innenraumgestaltung geändert. Die Sitze der ersten Klassen erhielten einen Überzug aus Leder und Steckdosen an jedem Platz. Die Innenraumtüren erhalten eine neue Öffnungsautomatik. Neu hinzu kommt ein zugweites Fahrgast-Informationssystem. mini|Das ehemalige Raucherabteil der ersten Klasse, das später zur zweiten Klasse umgezeichnet wurde, aber die bisherige Einrichtung behielt. Im Hintergrund liegen der Einstiegsbereich und die erste Klasse hinter dem Führerstand.

Seit September 2014 ist die Einheit 612 112/612 der DB ZugBus Regionalverkehr Alb-Bodensee in den Farben der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg weiß/gelb/schwarz lackiert. Diese Farbgebung wird nach der laufenden Ausschreibung des Baden-Württembergischen Nahverkehrs ab 2016 für den neuen Betreiber verbindlich sein. Die gleiche Farbgebung erhielten die 2016 modernisierten Triebzüge, die u. a. pro Halbzug einen Hublift erhielten. Dadurch wurde eine Neuzulassung erforderlich, die am 30. November 2017 durch das Eisenbahnbundesamt erteilt wurde. Außerdem wurde der 1.-Klasse-Bereich verlegt und reduziert, mehr Fahrradabstellplätze eingerichtet und WLAN im Zug installiert. Insgesamt wurden 41 Einheiten im Ausbesserungswerk Kassel für DB Zugbus modernisiert. Allerdings traten dabei Probleme auf, so dass die Verfügbarkeit litt und bis 2019 Ersatzverkehre eingerichtet werden mussten. Bis September 2023 wurden die 29 in Kempten stationierten Triebzüge ebenfalls mit WLAN ausgestattet.

Einsatz Deutschland Testfahrzeug

Der Triebzug 612 901/902 gehört zu DB Systemtechnik Minden und dient als Erprobungsträger für Fahrzeugreaktionsmessungen und für Abnahme- und Prüffahrten von Neigetechnikstrecken. Für Regelinspektionen von elektrifizierten Strecken wurde dieser Zug im Frühjahr 2009 mit einem Messstromabnehmer ausgestattet. Er ist als Inspektionszug für Neigetechnikstrecken schon in Kroatien und der Schweiz zum Einsatz gekommen. Da die RegioSwinger steilstreckentauglich sind, werden sie unter anderem für Test- und Sonderfahrten am Rennsteig eingesetzt.

Regionalverkehr mini|Zug der Baureihe 612 auf der Bahnstrecke Buchloe–Lindau mini|DB-Baureihe 612 bei Immenstadt

Insgesamt wurden 192 Doppeleinheiten der Baureihe 612 an die Deutsche Bahn ausgeliefert, die anfangs an fünf Standorten stationiert wurden: Kaiserslautern, Erfurt, Leipzig, Hof und Kempten. Durch Umbeheimatung kamen später noch Halle (Saale) (2003 – 2011), Dresden (2004 – 2016) und Ulm (seit 2014) hinzu. Stand 2021 werden die Fahrzeuge noch ausgehend von Kempten, Hof, Erfurt und Ulm eingesetzt. mini|612 619 (modernisierter 612 aus Kempten) im Pegnitztal als RE Richtung Nürnberg Hbf Da im Mai 2003 eine Frau, deren Arm in einer der Außentüren eingeklemmt war, von einem anfahrenden Zug mitgeschleift wurde, verfügte das Eisenbahn-Bundesamt, dass die Züge bis zur Überprüfung aller Türen nicht mehr ohne Zugbegleiter eingesetzt werden dürfen. Nach der Überprüfung von 140 der 200 Züge wurden 40 nicht betriebssichere Türen gefunden. Die Züge der Baureihe 612 waren im Hinblick auf einen ausschließlichen Einsatz im Nahverkehr ohne automatische Türsteuerung bestellt worden. Die Kontaktleisten der nachträglich eingebauten Türautomatik waren nicht regelmäßig unterhalten worden.

Nachdem am Fahrzeug 612 089 bei einer Inspektion am 10. August 2004 ein Achswellenanriss an einem Laufradsatz festgestellt wurde, ordnete das Eisenbahn-Bundesamt zum Folgetag eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen an. Das Intervall für Ultraschallprüfungen wurde von 480 000 zunächst auf 60 000 und später auf 30 000 Kilometer reduziert. Darüber hinaus musste die Neigetechnik bis auf Weiteres außer Betrieb genommen werden. Infolge der Untersuchungen standen zunächst nur 25 der insgesamt 192 Garnituren zur Verfügung.

Nach dem Fahrplanwechsel im Dezember 2005 verkehrten einzelne Züge der Baureihe 612 mit Molybdän-gehärteten Rädern wieder im bogenschnellen Betrieb. Als Bedingung dafür ordnete das Eisenbahn-Bundesamt eine Ultraschalluntersuchung der Räder alle 5000 Kilometer an, bis alle Radsätze durch neue Typen ersetzt wurden. Diese Fahrzeuge wurden mit einem weißen Punkt unter der Frontscheibe gekennzeichnet. Nach der erfolgten Umrüstung konnte die Neigetechnik wieder genutzt werden.

Zwischenzeitlich waren die Triebwagen der Reihe 612 für die Deutsche Bahn unverzichtbar geworden, da sie in vielen Gegenden lokbespannte Züge abgelöst haben und das Rückgrat im Nahverkehr auf nicht elektrifizierten Strecken darstellen. Deswegen wurden und werden die Triebwagen vorrangig auf Strecken eingesetzt, auf denen die Neigetechnik genutzt werden kann, um Fahrzeit einzusparen. Während staatliche Zuschüsse für die Fahrzeugbeschaffung gezahlt wurden, sind manche Strecken erst nach jahrelangen Verzögerungen für den Einsatz der Neigetechnik hergerichtet worden (z. B. Würzburg–Erfurt, Gera–Chemnitz/Zwickau) oder der sicherungstechnische Ausbau wurde weiter aufgeschoben wie bei der Oberen Ruhrtalbahn.

Ab Oktober 2009 fuhren die Triebwagen der Reihen 611 und 612 nach dem Auftreten von Funktionsstörungen im Neigetechnikantrieb wieder mit abgeschalteter Neigetechnik.Neigetechnik bei VT 611 und VT 612 vorübergehend abgeschaltet – Bahninfo.de (abgerufen am 8. Februar 2010) Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2010 wurde der fahrplanmäßige bogenschnelle Betrieb auf dem Franken-Sachsen-Express wieder aufgenommen. Im Februar 2013 reichte die Deutsche Bahn beim Landgericht Berlin Klage gegen den Hersteller Bombardier ein. Die Bahn forderte Schadenersatz in Höhe von 160 Millionen Euro aufgrund der aufgetretenen Probleme mit der Neigetechnik.

Im Dezember 2015 wurde bei einem Fahrzeug der Baureihe 612 ein technischer Fehler in einem Bauteil des Neigetechnikantriebs gefunden. Aufgrund dessen wurde die Neigetechnik im Dezember 2015 bei den Baureihen 611 und 612 erneut vorübergehend außer Betrieb genommen und sie verkehrten mit konventioneller Kurvengeschwindigkeit Grund war die Überprüfung eines Funktionsfehlers am Neigetechnikantrieb eines Fahrzeugs.

2021 war die Neigetechnik problemlos funktionsfähig, wurde aber bei starken Schneefällen und hoher Schneelage im Gleisbereich situativ vorsorglich abgeschaltet, um Fehlneigungen der Wagenkästen zu verhindern.

Fernverkehr mini|Zwei Einheiten im IC-Einsatz zwischen Nürnberg und Dresden auf der Schlömener Kurve bei Neuenmarkt