mini|hochkant=1.6|Siegellack, Siegel, Siegelstempel mini|Siegel und Siegelstempel des Aachener Marienstifts in Form einer Mandorla, Hans von Reutlingen, 1528
Das Siegel (von ) ist ein Insigne und damit eine Form der Beglaubigung von Urkunden. Ähnlich wie eine Unterschrift verleiht es dem Dokument seine Rechtskraft. Als Verschluss kann es auch dazu dienen, die Unversehrtheit von Behältnissen, auch Briefumschlägen, zu sichern. Erzeugt wird das Siegel mit einem Siegelstempel (Typars), der in eine weiche, erhärtende Masse gedrückt wird (Siegelklumpen aus Siegellack, Siegelwachs, früher Ton etc.). Oft wird zwischen Siegel als Abdruck und Siegelstempel als Prägewerkzeug begrifflich nicht unterschieden. Mit der [rechtlichen] Funktion und Bedeutung von Siegeln befasst sich die Siegelkunde (Sphragistik).
Etymologie Das Wort Siegel stammt von mittelhochdeutsch sigel ab. Dieses ist entlehnt aus lateinisch sigillum ‚Siegelabdruck‘, einem Diminutiv von signum ‚Zeichen, Kennzeichen, Bild im Petschaft‘.Friedrich Kluge: Etymologisches Wörterbuch. De Gruyter, Berlin / New York 1995, ISBN 3-11-012922-1.
Geschichte mini|hochkant=1.6|Sumerisches Rollsiegel und Abrollung Die frühesten Stempelsiegel sind im Vorderen Orient nicht vor der Tell-Halaf-Zeit nachzuweisen. Rollsiegel sind erstmals in Sumer zwischen 3200 und 3100 v. Chr. in der Uruk-IV-Schicht belegt. Dies sind kleine Steinzylinder (Siegelsteine) aus Onyx, Lapislazuli, Achat oder anderen Stoffen, in die Figuren und Inschriften eingraviert (Siegelgravur) wurden. Die Größe schwankt zwischen 0,15 und 10 Zentimetern. Durch das Abrollen des Zylinders in eine weiche Masse (zum Beispiel Ton) entsteht der charakteristische Siegelabdruck. Etwa zeitgleich tauchten zwischen 1600 v. Chr. und 1500 v. Chr. im Alten Ägypten, in Ugarit sowie bei den Hethitern die Siegelringe auf, wobei der Siegelring in Mesopotamien nicht in Gebrauch war. Die asiatischen Siegel sind in Hartholz, Knochen, Elfenbein, Marmor, Speckstein oder Jade geschnitten.
Ton-Siegelabdrücke sind bei den Sumerern, Assyrern und Babyloniern (Rollsiegel), später bei Griechen und Römern zu finden, welche die Herrscher des Frühmittelalters übernahmen. Im Gegensatz zu den zylindrischen Rollsiegeln der Babylonier verwendeten Kreter und Hethiter das Petschaft mit Rundsiegel.Egon Friedell: Kulturgeschichte des Altertums. Kulturgeschichte Ägyptens und des Alten Orients. München: dtv 1982.
Noch mehr als im Orient (und später Europa), wo das Siegel immer den Charakter einer Beglaubigung behalten hat, ist in Ostasien das Siegel der eindeutige Identitätsnachweis, dort vertritt das Siegel bis heute die Rolle der eigenhändigen Signatur respektive der Unterschrift im westlichen Kulturraum. Die Bedeutung des Siegel ist so hoch, dass sich eine eigene altertümliche Schrift dafür erhalten hat, die Siegelschrift (Zhuanshu).
mini|Eine Urkunde Ludwigs des Deutschen von 856 für die Abtei St. Gallen. St. Gallen, Stiftsarchiv, Urkunden FF.1.H.106 Siegel, seit der Antike oft Symbole königlicher oder adeliger Macht, führten zunächst Einzelpersönlichkeiten, dann Körperschaften. Kaisersiegel gab es in China ab dem ersten vorchristlichen Jahrtausend. In Byzanz gab es sie seit dem 6. Jahrhundert, Papstsiegel seit dem 9. Jahrhundert. Im frühen Mittelalter siegelten in Europa nur weltliche Herrscher und Päpste, im hohen Mittelalter Kaiser, Könige, Angehörige des Adels sowie die Hohe Geistlichkeit. In erzählenden Quellen finden sich kaum Hinweise auf die Besiegelung von Herrscherurkunden. Nur der Chronist Ratpert aus dem Kloster St. Gallen berichtet von einer Besiegelung mit Ring durch König Ludwig den Deutschen. Anderen Bevölkerungsgruppen stand für die Beglaubigung einer Rechtshandlung nur die Möglichkeit offen, genügend Zeugen bei der Beurkundung zu versammeln.
Etwa seit dem 13. Jahrhundert machten auch Bürger von Siegeln Gebrauch. Siegel geistlicher Korporationen sind schon seit dem 11. Jahrhundert, Städtesiegel seit dem Anfang des 12. Jahrhunderts (Trier 1113, Köln 1149) zu finden.
Metallsiegel, die Bullen, waren aus Gold, Blei oder (seltener) aus Silber. Sie wurden hauptsächlich von den Päpsten, den Kaisern und Königen des Heiligen Römischen Reiches (siehe Goldene Bulle Karls IV.), den byzantinischen Kaisern sowie weiteren Herrschern für Dokumente besonderer politischer und verfassungsrechtlicher Bedeutung verwendet. Bleibullen waren zumeist massiv, Goldbullen hingegen fast nie. Es handelte sich vielmehr um zusammengefügte Goldplättchen, welche mit verschiedenen Materialien (Wachs, Sägemehl u. a.) gefüllt waren. Massive Goldbullen sind lediglich aus dem byzantinischen Raum und dem normannischen Königreich Sizilien bekannt.
Wachssiegel trugen im Mittelalter die meisten Urkunden und Rechtsgeschäfte aller Art. Dabei wird das Siegelwachs durch einen Kreuzschnitt im Pergament gedrückt und der Stempel vom Ring oder einer antiken Gemme hineingedrückt. Wurde die Urkunde nicht gerollt, sondern gefaltet, so wurde die Schutzfunktion des Siegels durch mehrere Lagen von Pergament deutlich verbessert.
Seit dem 16. Jahrhundert wurde auch Siegellack verwendet, der hitzebeständiger und härter als Wachs ist. Bereits seit dem 11. Jahrhundert wurden bildliche Darstellungen (z. B. Wappen) in Siegeln verwendet. Später verwendete man auch anstelle des Wachses eine Siegeloblate, welche zwischen zwei Papierschichten unter hohem Druck mit Hilfe von Hitze (wie beim Gaufrieren) zu einem Relief, dem Abdruck, verformt wurde (Papiersiegel).
Der Siegelmissbrauch wurde durch die Aufbewahrung bei eigens für diesen Zweck eingesetzten hohen Beamten verhindert, den Siegelbewahrern. Aus dieser Aufgabe wurde später ein Amt und ein Titel (siehe Lordsiegelbewahrer in England).
Siegelkapseln sind meist aus Holz oder Metall gefertigte Schutzhüllen für Siegel. Insbesondere in der römischen Zeit wurden sie verwendet, um die Siegel an Dokumenten wie etwa an Wachstafeln zu schützen.
Siegeltöpfe sind Näpfchen (meist aus Metall), die an einem Behältnis (z. B. einem Tresor) angebracht sind, um Siegelschnüre und Siegel (meist Abdrücke in Plastilin) aufzunehmen. Sie dienen der Identifikation von Personen, die das Behältnis geöffnet und wieder verschlossen haben
Formen von Siegeln mini|Signatur einer Malerin, chinesisch Mit einem Griff versehen, wird ein Siegelstempel auch Petschaft genannt; älter sind Siegelringe und CompartimentsiegelS. Baghestani: Metallene Compartimentsiegel aus Ost-Iran, Zentralasien und Nord-China (= Archäologie in Iran und Turan. Band 1). Rahden/Westf, 1997. (Metallsiegel mit GriffVgl. Erika Bleibtreu: Iran in prähistorischer und frühgeschichtlicher Zeit. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran. Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 76–185, hier: S. 77.). Das Siegel selbst kann auf die Urkunde gedrückt oder durch einen Schnitt im Pergament durchgedrückt sein. Angehängte Siegel sind an Schnüren aus Hanf, Seide, anderen Stoffen oder Pergamentstreifen befestigt. Diese Pergamentstreifen, Pressel genannt, wurden, wie auch die Schnüre, häufig durch einen Pergamentumbug, der Plica, gezogen, um den Halt im Pergament zu erhöhen und ein Ausreißen zu verhindern.
Die in Europa häufigste Form ist das Rundsiegel, während beispielsweise die chinesischen Yinjian rechteckig sind; die japanischen Hanko sind ebenfalls rund.
Andere Ausführungsformen mit Siegelfunktion sind Aufkleber wie das Pfandsiegel (umgangssprachlich auch Kuckuck genannt), die an Kfz-Kennzeichenschildern angebrachte Zulassungsplakette, Plomben an Verschlüssen und Geräten, Sicherungsstempel an Messgeräten, Siegelmarken und Siegelbänder.
Notare verwenden zum Verbinden von mehrseitigen Urkunden eine Siegelschnur, deren Enden mit einem Prägesiegel aus Papier und einer Oblate gesichert sind.
Spezielle Siegel und weitere Fachbegriffe Rollsiegel – erstmals in Sumer verwendet Siegelring – im Fingerring untergebrachter Siegelstempel Reitersiegel – stellt den Siegelführer oder die Siegelführerin (Damenreitersiegel) zu Pferd dar, männliche Siegelführer i. d. R. geharnischt und in Waffen Gemmensiegel – Siegel mit dem charakteristischen Abdruck einer Gemme (häufig in Verbindung mit einem Siegelring), die entweder antiken oder zeitgenössischen Ursprungs sein kann; so verwendeten z. B. die frühen karolingischen Könige antike Gemmen zur Besiegelung ihrer Urkunden. Gerichtssiegel Großes Siegel – das Hauptsiegel einer Körperschaft, das für die Besiegelung wichtigster Urkunden verwendet wurde Kleines Siegel – zur Beurkundung kleiner, alltäglicher Rechtsgeschäfte; aus dem Sekretsiegel hervorgegangen, siehe auch Rücksiegel Dienstsiegel – Amtliche Siegel zur rechtsverbindlichen Kennzeichnung von Dokumenten oder zum Verschluss von Behältnissen oder Räumlichkeiten Sekretsiegel, auch Geheimsiegel, wurde im Mittelalter als zweites Siegel zur Kontrolle und als nochmalige Echtheitsbestätigung auf die Rückseite des Hauptsiegels oder auch „Großen Siegels“ geprägt. Ursprünglich waren nur mit einem Sekretsiegel versehene Urkunden nicht rechtswirksam. Im Spätmittelalter fanden die Sekretsiegel dann akzeptierte Verwendung bei Beurkundungen alltäglicher Amtsgeschäfte und gingen somit im „Kleinen Siegel“ auf. Rücksiegel, auch Gegensiegel (lateinisch Contrasigillum) – wurde als Kleines Siegel (siehe Sekretsiegel) auf die Rückseite des Großen Siegels (Hauptsiegel) geprägt, nicht zu verwechseln mit den ebenfalls beidseitig gestempelten Bullen (Siegel aus Metall) Doppelsiegel – Bezeichnung für Siegel, die an ihrer Vorder- und Rückseite Siegel tragen (Einheit aus Großem und Kleinem Siegel bzw. zwei gleich großen Siegeln, siehe Münzsiegel)Ottfried Neubecker: Doppelsiegel. In: Reallexikon zur Deutschen Kunstgeschichte. Band IV (1955), Sp. 223 Münzsiegel – Bezeichnung für Doppelsiegel bei gleich großen Abdrücken auf Vorder- und Rückseite Wappensiegel – häufig schildförmiges Siegel mit dem Wappenbild des Siegelführers, stellenweise als Kleines Siegel oder Rücksiegel verwendet Rombildsiegel – Siegel mit einer bildlichen Darstellung der Stadt Rom, in der Regel Teil der Bullen von Königen und Kaisern des mittelalterlichen deutschen Reiches Gemeinschaftssiegel – gemeinsames Siegel einer rechtlich verbundenen Körperschaft oder auch mehrerer Angehöriger eines Herrschaftshauses Rundsiegel in Österreich (entspricht dem Rundstempel in Deutschland) – BehördenEntscheid des Verwaltungsgerichtshofes, Ziviltechniker, Architekten und gerichtliche Sachverständige dürfen ein Rundsiegel führen und damit Dokumente, Pläne, Gutachten etc. siegeln.Rundsiegel auf www.gerichts-sv.atBerufseid / Siegel / ZT-Ausweis auf wien.arching.at, inzwischen ist die Form des Siegels freigegeben. Als Begriff wird aber immer noch „Rundsiegel“ verwendet. Signet – privates Siegel, meist als Ring ausgeführt Konventssiegel – vom Konvent einer geistlichen Korporation genutzt Eklektensiegel – von manchen Geistlichen zwischen dem Zeitpunkt der Wahl und der Konsekration genutzt mini|hochkant|Chinesische Siegel Siegel im ostasiatischen Kulturkreis: Die chinesische Bezeichnung für Siegel lautet yín (印) oder túzhāng (图章). Die japanische Bezeichnung für Siegel ist inshō (印章) oder hanko (判子). Die koreanische Bezeichnung für Siegel ist dojang (도장). Diese Siegel werden geschäftlich und privat eingesetzt und sind oft wichtiger als die eigenhändige Unterschrift. In manchen Fällen wird gar nur das Siegel als Beglaubigung akzeptiert.
Spezielle Siegel: Fischerring – der päpstliche Siegelring
In weiterem Sinne: Elektronisches Siegel – mit kryptischen Verfahren signierte digitale Informationen (Datei)
Beispiele unterschiedlicher Siegel Auf dem Siegelbild ist meist, umgeben von einer Umschrift, ein Porträt des Sieglers zu sehen. Das Siegelbild Karls des Großen stellt einen römischen Kaiser dar.
Siegel im privaten/bürgerlichen Bereich