Die Giraffen (Giraffa), bundesdeutsches und Schweizer Hochdeutsch: , österreichisches Hochdeutsch: [] (von , vgl. Standardarabisch )Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. Berlin: Akademie/dtv 1993, ISBN 3-423-03358-4, S. 451., sind eine Gattung der Säugetiere aus der Ordnung der Paarhufer. Ursprünglich wurde ihr mit Giraffa camelopardalis und der Trivialbezeichnung „Giraffe“ nur eine einzige Art zugewiesen. Molekulargenetische Untersuchungen aus den Jahren 2016 und 2020 zeigen jedoch, dass die Gattung mehrere Arten mit zehn eigenständigen Populationen (davon eine schon ausgestorben) umfasst. 2025 bestätigte eine Studie der IUCN, dass die Gattung der Giraffen vier Arten umfasst: die Nord-Giraffe, die Netzgiraffe, die Süd-Giraffe und die Massai-Giraffe.

Bezogen auf die Kopf- und Halsposition stellen die Giraffen heute die höchsten landlebenden Tiere der Welt. Zur Unterscheidung vom verwandten Okapi (sogenannte „Waldgiraffe“) werden sie auch als Steppengiraffen bezeichnet.

Merkmale Körperbau mini|Video: Aufbau und Funktion eines Giraffenhalses mini|hochkant|Giraffenskelett

Männchen (Bullen) werden bis zu 6 Meter hoch und wiegen durchschnittlich rund 1600 Kilogramm. Weibchen (Kühe) werden bis zu 4,5 Meter hoch und wiegen etwa 830 Kilogramm bei einer Schulterhöhe zwischen 2 und 3,5 Metern.

Hals mini|Giraffe kommt an die höchsten Blätter eines Baumes Der Hals der Giraffen ist außergewöhnlich lang. Wie bei fast allen Säugetieren besteht die Halswirbelsäule gleichwohl aus nur sieben Halswirbeln, die aber stark verlängert sind. Zusätzlich ähnelt der erste Brustwirbel einem Halswirbel, so dass der Hals funktional aus acht Wirbeln besteht. Dies hat auch zur Folge, dass einzelne Weichteilbildungen etwas weiter hinten ansetzen als bei den meisten Säugetieren, etwa der Plexus brachialis und Musculus longus colli. Der Hals wird von einer einzigen, sehr starken Sehne in einem Winkel von etwa 55° gehalten. Die Sehne verläuft vom Hinterkopf der Giraffe bis zum Steiß und ist für den „Höcker“ zwischen Hals und Körper verantwortlich. Der Ruhezustand hält Hals und Kopf in der aufrechten Position; um den Kopf nach unten zu bewegen, z. B. zum Trinken, muss die Giraffe Muskelarbeit aufbringen.

Die ersten Versuche, den langen Hals der Giraffe zu erklären, unternahm 1809 Jean-Baptiste Lamarck, der postulierte, dass die Verlängerung zustande kam, weil die Giraffen ständig ihren Hals recken, um auch das höchstgewachsene verfügbare Laub zu fressen. Charles Darwin postulierte, dass die Halsverlängerung durch die Vererbung dieses Merkmals erfolgte, und dass die Giraffen überleben und sich vermehren konnten, da sie sich von der höher wachsenden Vegetation ernähren konnten, wenn sie knapp und für andere Pflanzenfresser mit kurzem Hals nicht erreichbar war. Keiner der Autoren erklärte jedoch, warum nur Giraffen diese Möglichkeit nutzten. Darwins Ansicht ist auch heute noch die beliebteste. Da männliche Giraffen mit ihren muskulösen Hälsen um die Weibchen kämpfen, wird auch angenommen, dass die größte Giraffe mit dem längsten Hals am erfolgreichsten ist und ihre Eigenschaften am wahrscheinlichsten an die nächste Generation weitergibt. Giraffenkühe kämpfen zwar auch, wenn auch nur selten, und wenn sie es tun, dann nur mit Bullen. Die Argumente für die Selektion langer Hälse durch ein derartiges Kampfverhalten werden häufig als schwach eingestuft, da es keine großen Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Giraffenhälsen im Verhältnis zur Körpergröße gibt. Als unterstützend für diese Annahme lassen sich aber einzelne Fossilformen im weiteren Verwandtschaftsumfeld der Giraffen wie etwa Discokeryx heranziehen. Diese bildeten massive Halswirbel heraus und wiesen Schädel mit verdickter Stirnplatte auf, was als Anpassung an Rivalenkämpfe gedeutet wird und wodurch einzelne Entwicklungen bei den Giraffen vorweggenommen sind. Das einzigartige Fellmuster der Giraffe hilft darüber hinaus bei der Thermoregulation, aber auch die aus dem langen Hals resultierende Körperflächenvergrößerung kann nicht allein als Selektion für die Halsstreckung gelten, da in Bezug auf die Thermoregulation die meisten großen Huftiere evolutionär eher an Körpervolumen insgesamt als an Höhe zugenommen haben, um dies zu erreichen. Plausibel scheint noch, dass die langen Hälse den Giraffen ein erweitertes Blickfeld eröffnen, was ihnen ein besseres Erkunden ihrer Umgebung nach Nahrungsquellen, Verteilung und Nähe von Artgenossen sowie potenziellen Prädatoren in der offenen Savanne ermöglicht.Edgar M. Williams: Giraffe Stature and Neck Elongation: Vigilance as an Evolutionary Mechanism. Biology 5 (3), 2016, S. 35, doi:10.3390/biology5030035.

Haarkleid mini|Zwei westafrikanische Giraffen mit typisch hellem Fellmuster Das Muster des Haarkleids besteht aus dunklen Flecken, die sich von der helleren Grundfarbe abheben. Je nach Art variieren Form und Farbe der Flecken. Die Unterseite der Tiere ist hell und ungefleckt. Die Flecken dienen der Tarnung und der Regulierung der Körpertemperatur. Im Unterhautgewebe verläuft um jeden Fleck eine ringförmige Arterie, die Äste in den Fleck hinein aussendet. Über eine stärkere Durchblutung kann die Giraffe so mehr Körperwärme abgeben. Im Bereich der Flecken ist die Haut zudem durchschnittlich dicker und enthält im Vergleich zu anderen Körperpartien größere Schweißdrüsen. Messungen ergaben, dass die Oberflächentemperatur der Flecken niedriger liegt als in den umgebenden Arealen. Insgesamt kommt den Flecken somit eine thermoregulierende Funktion zu. Daneben haben sie aber auch eine signalisierende Wirkung. Vor allem bei männlichen Giraffen werden die Flecken mit zunehmendem Alter dunkler. Dies geschieht jedoch nicht bei allen Individuen im gleichen Maß oder in der gleichen Intensität, so dass hellere und dunklere Tiere in derselben Altersklasse auftreten. Nach Untersuchungen an Tieren aus dem Etosha-Nationalpark sind dunklere Altbullen häufig einzelgängerisch und zeichnen sich durch ein dominantes Auftreten gegenüber Geschlechtsgenossen bei der Fortpflanzung aus. Gleichalte hellere Individuen führen dagegen häufig ein Leben im Verband und sind weniger dominant, was zu geringeren Erfolgen in der Verpaarung mit Kühen führt. Demnach gibt die Fellfarbe den sozialen Status eines Individuums wieder. Extrem selten werden Giraffen ohne Fleckenmuster geboren; die Fellfarbe entspricht dann weitgehend der der dunklen Flecken bei normalfarbigen Giraffen, auch an den Beinen. Dies war 1972 in Japan und 2023 in den USA der Fall.

Der Geruch des Haarkleids ist für den Menschen unangenehm. Giraffenbullen riechen stärker als -kühe. An Fäkalien erinnern speziell die Stoffe Indol und Skatol, darüber hinaus finden sich Octan, Benzaldehyd, Heptanal, Octanal, Nonanal, p-Kresol, Tetradecan- und Hexadecansäure im Fell. Die meisten dieser Verbindungen hemmen das Wachstum von Bakterien oder Pilzen, wie sie auf der Haut von Säugetieren vorkommen. Der Gehalt von p-Kresol im Giraffenhaar ist ausreichend, um Zecken abzuschrecken.W. F. Wood, P. J. Weldon: The scent of the reticulated giraffe (Giraffa camelopardalis reticulata). In: Biochemical Systematics and Ecology. Band 30, Nr. 10, November 2002, S. 913–917, doi:10.1016/S0305-1978(02)00037-6.

Kopf mini|Schädel eines Giraffenbullen Der Schädel der Giraffenbullen ist viel robuster und schwerer als der weibliche Schädel; er wiegt mit ca. 9,9 kg fast drei Mal soviel wie jener der Kühe (ca. 3,5 kg), vermutlich weil die Männchen ihren Kopf beim Kämpfen als Waffe einsetzen. Bei älteren Bullen kann sich daher eine raue und schuppen- oder warzenartige Exostose, eine Art knöcherne Abdeckung der Schädeldecke, als Folge der jahrelangen Kämpfe und zum Schutz des Kopfes bilden.

Ossicon mini|Rothschild-Giraffenbulle mit Horn auf der Stirn (Giraffa camelopardalis rothschildi) Die Knochenauswüchse auf den Köpfen der Giraffen werden Ossicone genannt. Zwei der zapfenartigen Hörner sitzen bei beiden Geschlechtern dem Kopf auf. Nur den Rothschild-Giraffen wächst dahinter ein weiteres Hornpaar und zudem ein knochiger Höcker zwischen den Augen, der ähnlich wie die Hörner strukturiert ist.

Einige Autoren vermuten, dass die Hörner der Giraffe aus Gründen der Thermoregulation mit vaskularisierter Haut bedeckt sind, die dem Sommer-Geweih der Hirsche entsprechen; Wärme kann vom Körper an die Luft abgegeben werden, wodurch das Tier sich abkühlt.

Maul mini|Giraffenkopf in Nahansicht: Mit der Zunge greift die Giraffe sich den Zweig Zunge und Lippen der Giraffe sind zum Greifen fähig. Die Zunge kann 45 Zentimeter lang werden und ist im vorderen Bereich zum Schutz vor Sonnenbrand stark pigmentiert. Giraffen haben die kräftigste Zunge aller Säugetiere. Mit ihrer langen, flexiblen Zunge kann eine Giraffe die Blätter eines Astes pflücken, den sie bereits im Maul hält (wo die oberen Schneidezähne fehlen), oder mit der Zunge einen Ast in ihre geöffneten greifenden Lippen heranziehen oder Blätter zwischen Dornen abzupfen. Sobald die Nahrung im Maul ist, wird sie durch Papillen (einige bis zu 1,6 cm lang) und schwielige Fortsätze, welche die Mundhöhle auskleiden, zwischen die Backenzähne geleitet.

Herz-Kreislauf-System Wegen der Länge des aufrechten Halses führt die Schwerkraft in den Blutgefäßen auf Herzhöhe zu einem ungewöhnlich hohen Druck, dem entgegengewirkt werden muss. Das Herz der Giraffen muss daher besonders leistungsstark sein, um den erforderlichen Blutdruck zu erzeugen. Es wiegt im Durchschnitt ähnlich wie bei anderen Säugern etwa 0,51 % des Körpergewichts.

mini|links|Blutdrucksystem bei der Giraffe Der Blutdruck, gemessen an herznahen Arterien, beträgt 280 zu 180 mmHg (Vergleich Mensch: 120 zu 80) und ist damit der höchste aller Säuger. Dadurch ist er ausreichend, um auch im zwei Meter höher liegenden Kopf noch einen arteriellen Mitteldruck von 75 mmHg zu erreichen (Mensch: 60 mmHg). Durch die Schwerkraft und den dadurch ausgelösten Druck der Wassersäule in den Beingefäßen kommt es in den Arterien der Füße zu einem Druck von 400 mmHg (Mensch: 200 mmHg). Um dem Austritt von Flüssigkeit in den Beinen und einer Entstehung von Ödemen vorzubeugen, sind die Beinarterien besonders dickwandig. Auch sitzt die Haut an den Beinen besonders eng, so dass sie wie ein Kompressionsstrumpf wirkt. Um den hohen Druck aufzubauen, liegt die Herzfrequenz in Ruhe bei 60 bis 90 Schlägen pro Minute (Mensch: 70), im Galopp wurden 175 Schläge pro Minute gemessen.G. Mitchell, J. D. Skinner: An allometric analysis of the giraffe cardiovascular system. In: Comparative Biochemistry and Physiology – Part A: Molecular & Integrative Physiology. Band 154, Nummer 4, Dezember 2009, S. 523–529, doi:10.1016/j.cbpa.2009.08.013, PMID 19720152. Dies ist ungewöhnlich hoch, da die Herzfrequenz bei Säugetieren in der Regel mit zunehmendem Körpergewicht abnimmt und somit bei vergleichbar schweren Tieren deutlich niedriger liegt.

Verglichen mit ähnlich großen Säugetieren wird dieser hohe Blutdruck verursacht durch einen erhöhten peripheren Widerstand gemäß der Formel peripherer Widerstand = (Blutdruck)/(Herzzeitvolumen). Ein Blutdruck vom 200 mmHg würde beim Menschen eine doppelt so hohe Glomeruläre Filtration bewirken und mittelfristig die Niere zerstören. Beides ist bei der Giraffe nicht der Fall. Die Niere verfügt über starke Faszien und einen hohen interstitiellen Druck, was den Filtrationsdruck verringert. Die Nierenvene und die Hohlvene am Eingang sind strukturell an einen hohen (etwa 40 mmHg) Venendruck angepasst.