mini|hochkant|Vergleich der beiden Kopfplatten: unten eine der Versionen 1954 bis 1965 in der Größe angepasste aus dem Jahre 1994 („40th Anniversary of the Strato­caster“ Jubiläumsmodell) und oben die „CBS-Version“ (ca. 1965 bis 1985). Die Fender Stratocaster (oft schlicht „Strat“ benannt) ist ein E-Gitarren-Modell, das seit 1954 vom US-amerikanischen Gitarrenbauer Fender hergestellt wird. Die Stratocaster wirkte bei ihrem Erscheinen revolutionär und gilt bis heute als beliebteste, meistverkaufte und meistkopierte E-Gitarre weltweit.Tony Bacon, Dave Hunter: Totally Guitar. London 2004, S. 355.

Die Stratocaster wird neben dem Herkunftsland USA auch in Mexiko, Japan, Korea und weiteren Staaten produziert, und auch mit Anpassungen unter der Fender-eigenen Marke Squier vertrieben.

Konstruktion mini|hochkant|Schraubverbindung des Halses, rechts Auskehlung für den Rippenbogen mini|alt=Detailbild der Vorderseite des Korpus einer rechtshändigen Squier Stratocaster in Sunburst-Lackierung mit einem Pickguard in rotbraunem Schildpattmuster. Rechts im Bild der Ansatz des ahornfarbenen Griffbretts, links Steg und Vibratohebel in Chromoptik, dazwischen drei Einzelspulentonabnehmer in weißer Umrahmung, darunter im Bild jeweils leicht nach links versetzt der weiße teilweise verdeckte Drehregler mit der erkennbaren Aufschrift „VOL“ (Rest verdeckt) sowie ein weißer Drehregler mit Aufschrift „TONE“, darunter nach rechts versetzt ein Schiebeschalter mit weißer Kappe. In der linken unteren Bildecke ist knapp eine chromfarbene Klinkenbuchse erkennbar.|Detail einer Stratocaster mit klassi­scher „SSS“-Tonabnehmerkonfiguration aus drei Einzelspulentonabnehmern auf einem (seit 1957 erhältlichen) Tortoise-Pickguard (Schildpatt-Imitat) Die archetypische Stratocaster ist eine Solidbody-E-Gitarre mit einem konturierten, asymmetrischen Double-Cutaway-Korpus und einem verlängerten oberen Horn; der Korpus besteht meist aus Esche (leichte Sumpfesche, Swamp-Ash) oder aus Rot-Erle (American Red Alder). Der Hals besteht aus Ahorn und ist mit Schrauben am Korpus befestigt; er verfügt über eine charakteristische Kopfplatte mit sechs Stimmwirbeln, die in einer Reihe an einer Seite angeordnet sind. Das Griffbrett kann aus Ahorn (einteiliger Hals) oder einem anderen Holz, z. B. Palisander, bestehen und hat mindestens einundzwanzig Bünde. Der Korpus der Stratocaster ist an der Vorderseite für die Elektronik ausgefräst, die in einem Kunststoff-Schlagbrett montiert ist. Die meisten Stratocaster verfügen über drei Single-Coil-Tonabnehmer (Ein-Spulen-Tonabnehmer), einen Tonabnehmerwahlschalter, einen Lautstärkeregler für alle und zwei Klangregler für die beiden vorderen Tonabnehmner. Bei den Stegen gibt es im Allgemeinen zwei Ausführungen: die häufiger anzutreffenden schwenkbaren „Tremolo“-Stege und die selteneren festen „Hardtail“-Stege. Beide Stegtypen verfügen über sechs einzeln einstellbare Saitenreiter, deren Höhe und Intonation unabhängig voneinander eingestellt werden können. Frühe Modelle der Stratocaster wurden mit einer abnehmbaren Metallabdeckplatte geliefert, die über die Brücke passte. Da diese bis Ende der 1970er Jahre standardmäßig mitgelieferte Platte wichtige Spieltechniken wie das Palm Muting behindert, entfernten viele Spieler sie. Die Mensur der Stratocaster beträgt 25,5 Zoll (648 Millimeter). Im „Tremolo“-System (tatsächlich ein Vibrato) wird die Zugkraft der Saiten durch (zumeist fünf) Federn ausgeglichen, die in einem hinteren Hohlraum montiert sind. Die Ausgangsbuchse für die von den Tonabnehmern kommenden elektrischen Signale ist in einer Aussparung an der Vorderseite des Gitarrenkorpus angebracht. Im Laufe der Jahre gab es einige geringfügige Änderungen am Design sowie einzelne Modelle mit Merkmalen, die vom archetypischen Design abweichen. Im Detail brachte Fender unzählige Varianten der Stratocaster auf den Markt, die sich in der Tonabnehmerkonfiguration, den Holzarten, den Stimmmechaniken und Modifikationen an der Elektronik unterschieden.Tom Wheeler: Die große Stratocaster-Chronik. 50 Jahre Fender Stratocaster. PPV, Bergkirchen 2004, ISBN 3-932275-96-9, S. 69 ff.Dave Hunter: Fender 75 Jahre. Übersetzt von Alan Tepper. Hannibal Verlag, Höfen 2021, ISBN 978-3-85445-699-5, S. 58 ff.Arne Frank: Ein Mythos wird 50. S. 60 ff. In: guitar special: 50 Jahre Fender Stratocaster. Sonderheft 2004, Nr. 1. PPV Medien GmbH, Bergkirchen 2004, Tony Bacon u. a.: 2000 Gitarren. Die ultimative Sammlung. Librero, Kerkdriel 2024, S. 58 ff.

Geschichte Nachdem mit der Fender Telecaster erfolgreich die erste E-Gitarre und mit dem Precision Bass der erste E-Bass des Herstellers auf den Markt gebracht worden waren, begann Erfinder und Unternehmensgründer Leo Fender nach eigenen Angaben 1951 mit der Entwicklung einer neuen E-Gitarre. Seinen Angaben zufolge waren Hals, Korpus und Pickups im Juni 1953 vollständig fertig. Die Angaben anderer Zeitzeugen ordnen die jeweiligen Zeitpunkte teilweise etwas später ein, so begannen nach Erinnerung von George Fullerton (Mitbegründer von Fender Musical Instruments) lediglich die Arbeiten an den Pickups schon Ende 1951. Obwohl schon Anfang 1953 die ersten Korpusrohlinge fertig waren, wurde erst im April oder Mai 1954 von Freddie Travares (Produktionsleiter bei Fender und Hobbymusiker) eine erste Zeichnung des Korpusumrisses angefertigt.Tom Wheeler: The Stratocaster Chronicles: Celebrating 50 Years of the Fender Strat. Hal Leonard, Milwaukee 2004, ISBN 978-0-634-05678-9, S. 44; Tom Wheeler: Die große Stratocaster-Chronik. 50 Jahre Fender Stratocaster. PPV, Bergkirchen 2004, ISBN 3-932275-96-9, S. 44. – Anm.: In der deutschen Ausgabe fehlt Leo Fenders Aussage, dass wesentliche Vorarbeiten schon 1951 abgeschlossen waren.

Leo Fender war in seinen Ideen von der US-amerikanischen Automobilindustrie inspiriert. Hersteller wie Cadillac oder Chevrolet brachten in den 1950ern fast jährlich neue Modelle auf den Markt, um den technischen Fortschritt zu symbolisieren. Folgerichtig betrachtete Fender die Entwicklung der Telecaster nach ihrem Erscheinen im Jahr 1950 als abgeschlossen und plante ein Nachfolgemodell. Bei diesem neuen Instrument sollten alle Erfahrungen und Anregungen einfließen, die man mit der Telecaster gesammelt hatte.Richard R. Smith: Fender – Ein Sound schreibt Geschichte. 12, 2005, S. 12.

Händler verlangten von Fender ein höherwertiges, besser ausgestattetes Instrument, um der teuren Gibson Les Paul entgegentreten zu können. Vor allem Gitarrist Bill Carson (1926–2007) lenkte Leo Fenders Aufmerksamkeit auf einige für Praktiker (Fender konnte nicht Gitarre spielen) offenkundige Nachteile der Telecaster: ein in der Musikerpraxis als scharfkantig empfundener Korpus, Probleme bei der Intonation durch zwei Saiten pro Stegsattel, fehlendes Vibrato, nur zwei Tonabnehmer.Tom Wheeler: Die große Stratocaster-Chronik. 50 Jahre Fender Stratocaster. PPV, Bergkirchen 2004, ISBN 3-932275-96-9, S. 47.

Zusammen mit den Angestellten Freddie Tavares, George Fullerton sowie den Gitarristen Bill Carson und Rex Gallion wurden die Eckpunkte der neuen Gitarre festgelegt: mini|hochkant|Rückseite des Korpus mit Aus­sparung für den Rippenbogen (rechts). Hinter der Platte in der Korpusmitte be­findet sich das Fach mit dem Tremolo­block und den Federn Der Korpus sollte dem des Precision Bass nachempfunden werden.Heinz Rebellius: Warum ist die Strat die Strat? In: Gitarre und Bass. Ausgabe 10/2004, S. 99 ff. Der Precision Bass hatte einen auf der mit einem unteren Cutaway bereits asymmetrischen Telecaster aufbauenden Korpus, der auf der Oberseite mit einem hervorstehenden „Horn“ stark verlängert wurde um den vorderen Gurtaufnahmepunkt günstiger platzieren zu können. Dies war gemäß form follows function nötig, um dem mit längerem Hals und großer Kopfplatte mit schweren Bass-Stimmmechaniken recht kopflastigen Instrument eine bessere Balance und Bespielbarkeit im Stehen zu geben. Außerdem entsprachen die futuristisch geschwungenen Formen dem Zeitgeschmack der 1950er Jahre („gekürzte Version des amerikanischen ‚Schwanzflossen‘-Designs der Fünfziger“).Tony Bacon u. a.: 2000 Gitarren. Die ultimative Sammlung. Librero, Kerkdriel 2024, S. 58. Als Material für den Korpus wählte man Eschenholz wie schon bei der Telecaster. Erstmalig bei Fender wurde eine Sunburst-Lackierung verwendet. Bill Carson und Rex Gallion regten an, dass der Korpus zusätzlich Aussparungen für den Rippenbogen (heute wegen der meist tieferen Spielhaltung oft scherzhaft „Bierbauchfräsung“ genannt) und den rechten Unterarm haben sollte. Bei der eher eckigen Telecaster störten die Korpuskanten bei längerem Spielen; einige Gitarristen hatten bereits selbst mit Raspel und Schleifpapier die gröbsten Kanten ihrer Gitarren verrundet. Bill Carson untermauerte seine Ansicht dadurch, dass er die entsprechenden Kanten bei seiner Telecaster mit einer Säge abschrägte.Tom Wheeler: Die große Stratocaster-Chronik. 50 Jahre Fender Stratocaster. PPV, Bergkirchen 2004, ISBN 3-932275-96-9, S. 48, 52, 60. Zum Design betonte Leo Fender, dass er „viel Wert auf den funktionalen Aspekt“ seiner Entwicklungen lege: „Das Aussehen kam erst danach“ (Wortlaut im Original: „My main interest was in the utility aspects of an item; that was the main thing. Appearance came next.“), sein „Kardinalsprinzip“ sei „utility comes first“.Originalwortlaut: Tom Wheeler: The Stratocaster Chronicles: Celebrating 50 Years of the Fender Strat. Hal Leonard, Milwaukee 2004, ISBN 978-0-634-05678-9, S. 31; Übersetzung: Tom Wheeler: Die große Stratocaster-Chronik. 50 Jahre Fender Stratocaster. PPV, Bergkirchen 2004, ISBN 3-932275-96-9, S. 31. Beim Hals wurden bis auf die Kopfform weitgehend bewährte Konstruktionsmerkmale der Telecaster übernommen: Der Hals aus Ahornholz war nicht mit dem Korpus verleimt („Set-Neck“), sondern verschraubt („Bolt-On“) und besitzt damit auch keinen Halsfuß. Die Saiten werden geradeaus zu den Stimmmechaniken geführt und nicht am Obersattel seitlich geknickt wie bei konventionellen symmetrischen Kopfplatten mit drei Mechaniken auf jeder Seite. Dies brachte auch Vorteile beim Vibrato. Wegen des einteiligen Halses musste der Halsstab (truss rod) durch eine Fräsung an der Rückseite des Halses eingesetzt und die so entstandene Spalte mit einem Holzstreifen (Skunkstripe) verschlossen werden. Don Randall verlangte eine größere Kopfplatte als bei der Telecaster, um das Fender Logo besser zeigen zu können.Dave Hunter: Fender 75 Jahre. Übersetzt von Alan Tepper. Hannibal Verlag, Höfen 2021, ISBN 978-3-85445-699-5, S. 65. Obwohl das die Produktionskosten erhöhte (man brauchte ein größeres Werkstück), vergrößerte Leo Fender die Kopfplatte und glich sie noch stärker dem Design der Bigsby/Travis-Gitarre des Konkurrenten Paul Bigsby an. Er selbst stritt letzteres immer ab und behauptete, dass er das Muster der Kopfplatte bei einer kroatischen Band gesehen habe.Tom Wheeler: Die große Stratocaster-Chronik. 50 Jahre Fender Stratocaster. PPV, Bergkirchen 2004, ISBN 3-932275-96-9, S. 33, 48, 66. C. F. Martin & Co. wiederum verweist darauf, dass sie entsprechende „Stauffer-head“ Kopfplatten schon 1833 bis 1854 produziert hatten und diese Form ziemlich genau hundert Jahre später durch Leo Fender wieder aufgenommen worden sei.Richard Johnston, Dick Boak (updated by Mike Longworth): Martin Guitars: A History. (Hrsg.: C.F. Martin & Co. Inc.). Leonard Books, New York 2008, ISBN 978-0-634-03785-6, S. 6; Vgl. Martin Gitarre von 1834. Fender gelang es dennoch, die typische Kopfplatte der Stratocaster als Dreidimensionale Marke rechtlich schützen zu lassen.