Die Cazoo Snookerweltmeisterschaft 2023 wurde vom 15. April bis 1. Mai im Crucible Theatre in Sheffield ausgetragen. Mit ihr endete die Saison 2022/23 der World Snooker Tour.
Titelverteidiger Ronnie O’Sullivan scheiterte im Viertelfinale gegen Luca Brecel. Der Belgier erreichte das Finale und schlug dort den vierfachen Weltmeister Mark Selby mit 18:15. Brecel ist damit der erste Kontinentaleuropäer, der Weltmeister wurde.
In diesem Jahr wurden noch weitere Bestmarken in Bezug auf die 47-jährige „Crucible-Ära“ aufgestellt. Unter anderem übertraf Ronnie O’Sullivan mit seiner 31. Endrundenteilnahme die 30 Teilnahmen von Steve Davis. O’Sullivan erzielte auch sein 200. WM-Century-Break. Zweimal wurde ein Maximum Break erzielt, was es 2008 bereits einmal gegeben hatte; das „perfekte Break“ in einem WM-Finale gelang 2023 erstmals Mark Selby.
Preisgeld Wie schon in den vier Jahren zuvor lag die Gesamtsumme der Preisgelder bei 2.395.000 £, die sich wie folgt verteilten: Preisgeld Sieger 500.000 £ Finalist 200.000 £ Halbfinalist 100.000 £ Viertelfinalist 50.000 £ Achtelfinalist 30.000 £ Letzte 32 20.000 £ Letzte 48 15.000 £ Letzte 80 10.000 £ Letzte 112 5.000 £ Höchstes Break 15.000 £ Insgesamt 2.395.000 £
Der Hauptsponsor hatte einen Bonus von 40.000 £ für ein Maximum Break in der Hauptrunde und 10.000 £ für ein Maximum in der Qualifikationsrunde ausgelobt. Diese Boni liefen zusätzlich zu den normalen Preisgeldern. Da es in diesem Jahr zwei Maximums gab, teilten sich zwei Spieler die Prämie: Kyren Wilson und Mark Selby bekamen jeweils 27.500 £ zusätzlich.
Hauptrunde Erste Runde Aufsehenerregendstes Ereignis der Auftaktrunde war eine Störaktion von Aktivisten, die sich am 17. April nach Beginn der Abendveranstaltung Zutritt zu den Tischen verschafften. Während eine Person aufgehalten werden konnte, konnte eine zweite Person auf einen der Tische steigen und ein orangefarbenes Pulver verteilen. Dadurch wurde das Tuch zerstört und die Partie zwischen Robert Milkins und Joe Perry, die gerade ihren Anfang genommen hatte, konnte an diesem Abend nicht mehr ausgetragen werden. Die Spieler mussten stattdessen auf die eigentlich spielfreie Mittagssession am Donnerstag ausweichen. Die zweite Partie zwischen Mark Allen und Fan Zhengyi, die sich bereits in der zweiten Session befand, wurde nach einer Pause zu Ende geführt.
Sportliches Aufsehen erregte in Runde 1 Kyren Wilson. Der Engländer erzielte gegen Ryan Day 5 Centurys und stellte damit die Bestleistung in einem Best-of-19-Crucible-Match ein. Eines davon war sogar ein Maximum Break, das 13. Break von 147 Punkten in der Crucible-Geschichte. Mit einem 10:5-Sieg zog er souverän ins Achtelfinale ein. Keine Probleme hatten auch die Ex-Weltmeister Mark Williams und Stuart Bingham mit klaren Siegen. John Higgins gegen David Grace und Neil Robertson gegen Neuling Wu Yize gelangen mit 10:3 die höchsten Erstrundenergebnisse. Wus Landsmann Fan Zhengyi hatte beim 5:10 gegen den Saisonbesten Mark Allen ebenfalls wenig Chancen. Auch Pang Junxu konnte gegen Titelverteidiger Ronnie O’Sullivan wenig ausrichten, vor allem weil er gleich am Anfang 0:5 in Rückstand geriet und erst nach einem Zwischenstand von 3:8 noch auf 7:10 verkürzen konnte.
Die anderen beiden Debütanten konnten dagegen überraschen. Si Jiahui ließ sich von einem anfänglichen Rückstand gegen Shaun Murphy nicht irritieren und übernahm beim Stand von 4:3 erstmals die Führung. Am Abend zog er sogar auf 9:6 davon, doch statt zu vollenden, musste er den Ausgleich durch Murphy hinnehmen. Er behielt aber die Nerven, legte im Decider einen entscheidenden Snooker und holte sich das Match. Deutlicher fiel der Sieg von Jak Jones aus. Der Waliser, der in der Qualifikation bereits Barry Hawkins geschlagen hatte, übernahm mit dem 2:1 die Führung und er blieb seinem Gegner Ali Carter bis zum 7:6 immer einen Schritt voraus. Dann gewann er sogar 3 Frames in Folge und mit 10:6 schaffte er als zweiter WM-Neuling in diesem Jahr einen Debütsieg im Crucible.
Die dritte und größte negative Überraschung war das Ausscheiden von Vorjahresfinalist Judd Trump. Trotz 2:0-Führung ging er gegen Anthony McGill mit 3:6 aus der ersten Session. In der zweiten Session hatte er, obwohl er erneut die ersten beiden Frames gewann, wenig entgegenzusetzen. So gewann der Schotte schließlich mit 10:6, sein erster Sieg gegen den Weltmeister von 2019 im achten Aufeinandertreffen. Das frühe Aus kam auch für Ding Junhui, der zuletzt aufsteigende Form gezeigt hatte. Bis zum 5:5 konnte er gegen Hossein Vafaei zwar mithalten, dann zog der Iraner aber entschlossen davon und holte 5 der nächsten 6 Frames zum 10:6-Sieg.
Andere Favoriten wie Mark Selby, Gary Wilson und Jack Lisowski mühten sich etwas mehr, kamen aber jeweils mit Vorsprung weiter. Neben Murphy und Si mussten aber noch zwei weitere Paare in den Entscheidungsframe. Luca Brecel führte zwar durchgängig gegen Ricky Walden, schaffte es aber nach 9:6-Führung nicht mit Vorsprung über die Ziellinie. Erst im Decider sicherte er sich mit einem 84er-Break das Weiterkommen. Obwohl er bereits 2012 als bis dahin jüngster Spieler die WM-Endrunde erreicht hatte, war das im sechsten Anlauf sein erstes Vordringen in Runde 2. Joe Perry genügte in dem wegen der Störaktion aufgeschobenen Match eine 5:0- und 7:2-Führung gegen Robert Milkins nicht. Beim Stand von 8:4 verlor er 5 Frames in Folge, konnte sich dann zwar noch in den Decider retten, den er aber klar verlor. Obwohl Milkins erstmals in seiner Karriere als Top-16-Spieler in der Weltrangliste für die Endrunde gesetzt gewesen war, erreichte er damit bereits zum vierten Mal das WM-Achtelfinale.
Achtelfinale In Runde 2 traf Hossein Vafaei auf Ronnie O’Sullivan. Besondere Aufmerksamkeit bekam das Match dadurch, dass der Iraner im Vorfeld öffentlich Kritik am Verhalten des Rekordweltmeisters bei ihrem letzten Aufeinandertreffen beim German Masters geübt hatte, das Vafaei mit 5:0 gewonnen hatte. Nach 0:4-Rückstand hatte der Engländer beim Anstoß einfach die Weiße wild in das Dreieck der Roten geschossen. Im Match schien Vafaei bei seinem ersten WM-Achtelfinalauftritt aber völlig überfordert. Bei seinem ersten Anstoß trieb er ebenfalls direkt die Roten auseinander und verlor prompt den Frame. O’Sullivan machte mit konzentriert gespielten hohen Breaks aus einem 2:1 ein 6:2 zum ersten Sessionende. In Session 2 hatte Vafaei dieser Leistung nichts mehr entgegenzusetzen, der Engländer gewann 7 Frames hintereinander und zog, ohne in eine dritte Session zu müssen, mit 13:2 ins Viertelfinale ein. O’Sullivan erzielte in der ersten Session sein 200. Century-Break bei einer Weltmeisterschaft und in Session 2 das 1200. seiner Karriere.
Mit zwei hohen Centurys startete John Higgins ideal in sein Match gegen Kyren Wilson und hinterließ damit offensichtlich Eindruck bei dem Engländer, der in der ersten Runde so sehr überzeugt hatte. Überraschenderweise mühte er sich vergebens gegen den Lauf von Higgins und trotz einiger knapperer Frames ging er in Session 1 mit 0:8 unter. Nachdem der Schotte zu Beginn der zweiten Session noch auf 10:0 erhöht hatte, ging es für Wilson eigentlich nur noch darum, überhaupt noch eine dritte Session zu erreichen. Zwei Frames konnte er noch gewinnen, doch wie zuvor O’Sullivan schaffte auch Higgins mit 13:2 das vorzeitige Weiterkommen und durch eine Session weniger hatte er einen freien Tag mehr.
Eine einseitige Partie wurde es auch zwischen Mark Allen und Stuart Bingham. Bis zum 3:4 konnte der Engländer mithalten, dann gewann Allen 8 Frames hintereinander und hätte das Match schon nach 2 Sessions beenden können, aber Bingham rettete sich mit einem Century im 16. Frame in Session 3. Doch die war schnell beendet, weil Allen mit dem Gewinn des ersten Frames zum 13:4 abschloss. Allen erzielte im Match 13 Breaks von mehr als 50 Punkten. Zweigeteilt und ähnlich deutlich war auch das Match von Mark Selby, der bis zum 6:6 in Gary Wilson einen gleichwertigen Gegner hatte. Von den nächsten 8 Frames gingen dann aber 7 an den viermaligen Weltmeister und mit 13:7 erreichte Selby das Viertelfinale.
Trump-Bezwinger Anthony McGill traf in Runde 2 auf dessen Freund Jack Lisowski und es sah ebenfalls nach einem einseitigen Match aus. 7:1 endete Session 1 für den Schotten und er zog sogar auf 10:1 davon, bevor Lisowski eine Aufholjagd begann. Auf 5:10 und 8:11 kam er heran, dann gewann aber McGill wieder 2 Frames am Stück und setzte sich damit mit 13:8 durch.
Luca Brecel kam mit seinem ersten Achtelfinale gut zurecht. Obwohl Mark Williams zunächst vorlegte, ging er mit 4:4 aus der ersten Session und kam mit leichtem spielerischem Übergewicht mit 9:7 aus der zweiten Session. Nach seinem vierten Century zum 11:8 wurde er zwar noch einmal nervös und Williams erkämpfte sich den Ausgleich, doch Brecel fand rechtzeitig in sein Spiel zurück und vollendete mit zwei hohen Breaks den 13:11-Sieg.
Neben diesen mehr oder weniger erwartbaren Ergebnissen gab es aber auch zwei große Überraschungen durch die beiden verbliebenen WM-Neulinge. Si Jiahui, bis dahin nicht einmal in den Top 64 der Welt, war seinem Gegner Robert Milkins durchweg überlegen. Die ersten drei Halbsessions gewann er jeweils mit 3:1 und den Vorsprung von 6 Frames verteidigte er dann bis zum Schlussstand von 13:7. Der 20-Jährige war der jüngste Spieler der letzten 25 Jahre, der das Viertelfinale erreichte. Dasselbe Ergebnis erzielte Jak Jones gegen Neil Robertson, wobei er mit dem Australier bis zum 5:5 gleichauf war. Dann gewann er 5 Frames in Folge. Die Gegenwehr von Robertson war danach nach 2 Frames schon wieder erschöpft und Jones holte sich die 3 verbleibenden Frames zum 13:7-Sieg.
Viertelfinale Zur Halbzeit des Turniers zeigte sich, dass die Spieler, die bislang besonders souverän durch das Turnier gekommen waren, nicht unbedingt die ersten Weltmeisterkandidaten sein müssen. Titelverteidiger Ronnie O’Sullivan legte zwar erneut eine erste 6:2-Session vor und konnte diesen Vorsprung in der zweiten Session, die 10:6 endete, behaupten, Gegner Luca Brecel war aber von einem ganz anderen Kaliber als zuvor Vafaei. In der entscheidenden Session bekam plötzlich der große Favorit keinen Fuß mehr auf den Boden, der Belgier holte nicht nur Frame um Frame auf, er zog vorbei und siegte mit 13:10, nachdem er 7 Frames in Folge gewonnen hatte. Umkämpft war eigentlich nur der erste der 7 Frames, die letzten 6 entschied Brecel jeweils mit einem Break von mindestens 60 Punkten, in den letzten 3 Frames machte O’Sullivan gar nur noch einen einzigen Punkt. Bemerkenswert war Brecels Spieltempo, der im Durchschnitt pro Stoß mehr als eine Sekunde weniger brauchte als O’Sullivan, der wegen seiner schnellen Spielweise den Spitznamen „The Rocket“ trägt.
Auch John Higgins, der bis dahin insgesamt nur 5 Frames abgegeben und dabei eine 10:0-Serie hingelegt hatte, zeigte ein ganz anderes Gesicht. Sein Gegner Mark Selby hatte bis dahin durchaus mehr kämpfen müssen, trotzdem war es das Duell zweier 4-facher Weltmeister. Die 3:0-Führung des Schotten schien zwar eine Fortsetzung der bisherigen Leistung, aber bereits zum ersten Sessionende konnte Selby mit drei Frames in Folge, in denen sein Gegner keinen Punkt machte, zum 4:4 ausgleichen. Danach gewann der Engländer die nächste Halbsession mit 3:1 und zwei weitere Frames, bis es beim Stand von 9:5 aus Zeitgründen zum vorzeitigen Sessionende kam. Auch die letzte Session wurde konstant von Selby dominiert, der auf 10:5 und 12:6 davonzog und sich nach einem letzten Century von Higgins den 20. Frame zum 13:7-Sieg holte.