Patriarchat (wörtlich „Herrschaft der Väter“, „Väterherrschaft“) beschreibt in der Soziologie, der Politikwissenschaft, der Religion und verschiedenen Gesellschaftstheorien ein System von sozialen Beziehungen, maßgebenden Werten, Normen und Verhaltensmustern, das von Vätern und Männern geprägt, kontrolliert und repräsentiert wird.Karl-Heinz Hillmann: Wörterbuch der Soziologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 410). 5., völlig überarbeitete und erweiterte Auflage. Kröner, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-520-41005-4, S. ??. Von ähnlicher Bedeutung wie Patriarchat ist die wenig gebräuchliche Neubildung Androkratie,Androkratie ist eine Neubildung von , zu Genitiv andrós mit dem Wortstamm kratos ‚Herrschaft‘. wörtlich „Herrschaft des Mannes“.Beispielsweise: Birgit Sauer: Die Allgegenwart der „Androkratie“: feministische Anmerkungen zur „Postdemokratie“. In: Politik und Zeitgeschichte. APuZ 1–2/2011, Bundeszentrale für politische Bildung, 28. Dezember 2012.
Wortherkunft Der Ausdruck „Patriarchat“ ist das Abstraktum zu Patriarch, abgeleitet von patriárches „Stammvater eines Geschlechts, Urvater“; gebildet aus patḗr „Vater“ und -archēs „Oberhaupt“, zu árchein „der erste sein, Führer sein, herrschen“. Das Adjektiv patriarchalisch hat seit dem 19. Jahrhundert auch die Bedeutung „vaterrechtlich“ (vergleiche patrilinear).
In der ältesten bekannten griechischen Übersetzung der hebräischen Bibel, der Septuaginta, wird patriarches in der Bedeutung „Erzväter“ verwendet. Dementsprechend wurde die Bezeichnung „Patriarch“ im Mittelalter und in der frühen Neuzeit als Synonym für die Stammväter der Israeliten vor der Sintflut und danach bis zum Auszug aus Ägypten verwendet. Daraus erklärt sich die Assoziation von „Patriarch“ mit einem alten Mann, denn von den Stammvätern der Israeliten wird in der Bibel berichtet, dass sie ein sehr hohes Alter erreichten. Die von den Römern anerkannte Institution des jüdischen Patriarchats unter Führung eines „Nasi“ (Patriarchen) bestand vom 2. bis Anfang des 5. Jahrhunderts in Palästina. In der christlichen Kirche wird die Bezeichnung „Patriarch“ ebenfalls seit der Spätantike als Titel für einen hohen Metropoliten (Oberbischof) verwendet. Entsprechend heißen die von einem Patriarchen regierten Teilkirchen oder Kirchenprovinzen „Patriarchate“.
Abgeleitet vom griechischen und römischen Recht wird als Patriarchat in der Familiensoziologie eine familiale Organisation verstanden, die dem männlichen Oberhaupt in Anlehnung an den pater familias als dem „Herrn des Hauses“ die rechtliche und ökonomische Macht und Verantwortung über die von ihm abhängigen Familienmitglieder zuschreibt.Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats. Campus 1991, S. 295.vgl. Michael Mitterauer, Reinhard Sieder: Vom Patriarchat zur Partnerschaft, Beck’sche Reihe, C.H. Beck, München 5. Aufl. 1991, ISBN 978-3-406-35575-2.
Geschichte Der älteste griechische Text, der ein Patriarchat bezeugt, ist die Ilias von Homer.
Laut Uwe Wesel sei die griechische Demokratie „eine Männerdemokratie“ gewesen, „die Unterdrückung der Frau ohne Beispiel in der damaligen Antike, besonders in Athen“.
Plato schrieb, die Frauen seien „daran gewöhnt, verborgen und im Dunkel zu leben“.
Das Theater durften sie nicht besuchen, und die Schauspieler waren immer Männer, mit Masken für die Frauenrollen. Die Männer waren also unter sich, wenn die Orestie des Aischylos aufgeführt wurde, die den Konflikt zwischen Mutterrecht und Vaterrecht behandelt. Angeklagt ist Orest, Agamemnons Sohn, der seine Mutter ermordet hat, um den Tod des Vaters zu rächen. Am Ende erklärt die Göttin Athene: „Drum wiegt für mich der Mord an einer Frau doch leichter, die den Mann erschlug.“ Weil ihre Stimme den Ausschlag gibt, wird Orest freigesprochen.
Jedoch kritisierte das Patriarchat nicht immer die Abtreibung. Aristoteles schrieb: „Die Zahl der zu erzeugenden Kinder ist ja bestimmt. Wenn aber Eheleute durch die Beiwohnung noch weiteren Nachwuchs über diese Grenze hinaus erzielen, so muss man diese Leibesfrüchte, bevor Gefühl und Leben in sie kommt, abtreiben“.
Auch die römische Gesellschaft war patriarchal organisiert. Der römische Mann hatte das Recht, seine Ehefrau wegen Untreue zu töten.
Die strikte Ablehnung der Empfängnisverhütung und der Abtreibung, die im 4. Jahrhundert zum Dogma wurde, war eine Veränderung im Vergleich zur früheren Haltung, die in der Antike herrschte. Das Gebären und Aufziehen von Kindern wurde zur wichtigsten Aufgabe der Frau (Pronatalismus). Die Reformation und der Humanismus änderten daran nichts, wie auch die folgenden Zitate zeigen. In Bezug auf den zu seiner Zeit noch häufigen Tod einer Mutter im Kindbett schrieb Martin Luther 1522: „Ob sie sich aber auch müde und zuletzt tot tragen, das schadet nicht. Lass (sie sich) nur tot tragen, sie sind darum da. Es ist besser kurz gesund denn lange ungesund leben“. Und der englische Humanist Thomas Morus ließ seinen Idealstaat Utopia fordern, dass die Frauen verheiratet werden, sobald sie körperlich ausgereift sind. Einer drohenden Übervölkerung sollte durch Auswanderung und Gründung von Kolonien begegnet werden.
Nach marxistischer Lesart begünstigten im 20. Jahrhundert die Interessen vor allem der Konsumgüterindustrie in den kapitalistischen Ländern ein neues Frauenbild. Da Millionen von Soldaten in den Weltkriegen jung gestorben waren, wurden Frauen verstärkt als Arbeitskräfte in traditionellen Männerberufen benötigt, vor allem in und nach den Kriegszeiten.Lisa Maria, Julia: Die Frau im I. Weltkrieg: Leben in Erfurt zwischen Kriegserfahrung und verändertem Rollenverständnis. In: 100jahre-ersterweltkrieg.jimdofree.com. Abgerufen am 12. Januar 2022 (Dossier von Radio F.R.E.I.: 100 Jahre – Erster Weltkrieg). Somit waren Frauen wirtschaftlich vermehrt auf sich selbst gestellt. Zeitgleich wurde die Frau nun öfter als Käuferin von Konsumgütern und Haushaltsgeräten umworben. Diese Anpassung des Patriarchats, die Frauen als neue Zielgruppe für Konsumgüter erschloss, beschrieb Betty Friedan als „Weiblichkeitswahn“.
Warum das Patriarchat die Jahrtausende überdauert hat, wurde erst spät untersucht. In Fortführung einer Theorie von Antonio Gramsci, wonach jede stabile Herrschaft auf die zumindest partielle Zustimmung und Mitarbeit der Beherrschten angewiesen ist, schrieb die marxistische Feministin Frigga Haug: „Die einzelnen Frauen finden selbstverständlich […] die gesellschaftlichen Verhältnisse […] zunächst fertig vor. Aber diese Strukturen existieren nur weiter, wenn sie von denen, die in ihnen leben, immer wieder hergestellt werden“.
Patriarchat als politische Legitimationsform Robert Filmer verwendet in seiner im 17. Jahrhundert abgefassten staatstheoretischen Abhandlung Patriarcha den Ausdruck „Patriarchat“ für eine gottgegebene Autorität, die von Vätern an den ältesten Sohn vererbt werden kann.Beate Wagner-Hasel: Das Diktum der Philosophen: Der Ausschluss der Frauen aus der Politik und die Sorge vor der Frauenherrschaft. In: T. Späth, B. Wagner-Hasel (Hrsg.): Frauenwelten in der Antike: Geschlechterordnung und weibliche Lebenspraxis. Stuttgart u. a. 2000, S. 198–217, hier S. 201 mit Hinweis auf R. Filmer: Patriarchia. The natural Power of Kings defended against the Unnatural Liberty of the People, 1640/1680, Nachdruck 1991 (englisch). Auf dieser Basis beruht nach Filmer die Legitimität aller politischen Herrschaft. Die Schrift ist als Rechtfertigung des Gottesgnadentums und des Absolutismus zu verstehen.
Die Überwindung des biblischen Patriarchatsbegriffes zeigt sich zum ersten Mal in der politischen Ideengeschichte als „Emanzipation der Söhne“ Ende des 17. Jahrhunderts bei John Locke, der väterliche Gewalt als Staatsbegründung ablehnte. Als Entgegnung auf Filmer argumentierte Locke, dass die Gewalt des Vaters über den Sohn als Gewalt der Eltern über die Kinder zu verstehen sei. In seiner Neubegründung politischer Gewalt nehmen die Brüder die politische Stellung des Vaters ein, wobei Locke die Emanzipation der Frau vom Mann jedoch ausschloss.Marion Löffler: Feministische Staatstheorien. Eine Einführung. Campus Verlag, 2011, S. 142 f. Die Politikwissenschaftlerin Carole Pateman bezeichnet dies als „Geschlechtervertrag“ (sexual contract) zwischen Männern, der in dieser Form nicht nur ein vormodernes Phänomen sei, sondern das moderne „brüderliche“ Patriarchat begründe.Steffen Kailitz: Schlüsselwerke der Politikwissenschaft, VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007, ISBN 978-3-531-14005-6, S. 352 f.
Patriarchat als evolutionäre Entwicklungsstufe Mit der Entwicklung der Anthropologie im 19. Jahrhundert und evolutionistischen Theorien, die alternative Erklärungsmuster zur biblischen Schöpfungsgeschichte und Chronologie anboten, kamen ab 1860 Vorstellungen einer unilinearen stufenweisen Entwicklung der Menschheit und ihrer sozialen Organisation auf, die sich schnell verbreiteten. Auf der Suche nach dem Ursprung der Zivilisation postulierten Johann Jakob Bachofen (Das Mutterrecht) und Henry Sumner Maine (Ancient Law) das Patriarchat als zivilisatorische Errungenschaft von Männern, dem nach Bachofen ein ursprüngliches Mutterrecht oder Matriarchat vorausgegangen war. Bachofen historisierte das Geschlechterverhältnis und stellte die Naturgegebenheit der patriarchalen Familienordnung und das Verhältnis der Geschlechter in Frage. Er hatte dabei keine Kritik am patriarchalen Geschlechtermodell beabsichtigt, sondern vielmehr, dieses zu legitimierenSusanne Lenward: Mythos, Mutterrecht und Magie. Zur Geschichte religionswissenschaftlicher Begriffe. Reimer, Berlin 1993, S. 78. (siehe auch: Geschichte der Matriarchatstheorien). Damit wurden mit dem Begriff Patriarchat erstmals die Beziehungen zwischen Frauen und Männern in den Blick genommen. Und je nachdem, wie man die vermutete evolutionäre Entwicklung als Ganzes und die zeitgenössischen gesellschaftlichen Verhältnisse bewertete, wurde das Patriarchat oder das Matriarchat als jeweils höhere oder niedrigere Entwicklungsstufe menschlicher Gesellschaftsordnung beurteilt.vgl. auch Peter Davis: Myth, matriarchy and modernity. Johann Jakob Bachofen in German Culture 1860–1945. De Gruyter, Berlin / New York 2010, ISBN 978-3-11-022708-6, insbesondere Kapitel 2, S. 49 ff.
Für Bachofen galt der angenommene Übergang vom Mutterrecht zum Vaterrecht als Durchbruch des geistig-männlichen Prinzips, mit dem das höchste Ziel menschlicher Entwicklung erreicht sei. Wie Bachofen nahm auch Lewis Henry Morgan ein ursprüngliches Mutterrecht an. Er war überzeugt, dass diese Gesellschaftsform Vorteile für Frauen aufwies, während der Übergang zur Patrilinearität mit negativen Folgen für die soziale Stellung der Frau verbunden gewesen sei.Meret Fehlmann: Die Rede vom Matriarchat. Zur Gebrauchsgeschichte eines Arguments. Chronos Verlag, Zürich 2011, ISBN 978-3-0340-1067-2, S. 81 f.