Am 30. April 1919 erfolgte im Münchner Luitpold-Gymnasium die Hinrichtung von zehn Gefangenen durch Rotgardisten, in deren Folge die Münchner Räterepublik in Gewalt endete.
Die Bezeichnung „Geiselmord“ hat sich zwar etabliert, ist aber umstritten. So bezeichnet der Journalist Hermann Gilbhard (1994) die Tat als Verbrechen, nicht als Geiselmord, da sechs der Ermordeten Mitglieder der Thule-Gesellschaft waren, die politisch gegen die Räteregierung agiert hätten.Hermann Gilbhard: Thule-Gesellschaft - Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz. Kiessling-Verlag, München 1994. S. 130 f. Somit seien sie politische Gefangene gewesen bzw. als Gesetzesbrecher festgenommen worden. Allerdings waren diese Personen keine Funktionäre der Thule-Gesellschaft, sondern einfache Mitglieder bzw. die Sekretärin. Die beiden hingerichteten Weißgardisten waren militärische Gefangene. Auf die gefangengehaltenen Zivilisten würde die Bezeichnung „Geisel“ zutreffen, da die Personen als Versicherung gegen die bevorstehenden Angriffe der Regierungstruppen und Freikorps benutzt werden sollten.
Vorgeschichte Im Zuge der Novemberrevolution 1918 rief Kurt Eisner am 8. November den „Freistaat Bayern“ aus. Wie König Ludwig III. waren alle regierenden Fürsten abgesetzt oder geflohen. Noch während der Konsolidierungsversuche wurde – am 21. Februar 1919 – Ministerpräsident Eisner in München vom ehemaligen Leutnant Anton Graf Arco ermordet, der als Motiv angab, dass Eisner ein Bolschewist und Jude gewesen sei und er damit seine „deutsche Gesinnung“ zeigen wollte. Die am 17. März gebildete Regierung unter Johannes Hoffmann wurde am 7. April durch die von Ernst Niekisch ausgerufene Räterepublik aus München verdrängt und floh nach Bamberg, um von dort aus die Arbeit fortzusetzen, die sich zunächst im Wesentlichen auf den Abwehrkampf gegen die Münchner Revolutionäre konzentrierte. Die erste Räterepublik, die pazifistisch-anarchistische Intellektuelle wie Ernst Toller, Erich Mühsam, Gustav Landauer und Silvio Gsell prägten, bestand indes nur eine Woche.
Zweite Räterepublik in München Nachdem es den Münchner Revolutionären mit den neu aufgestellten und unter dem Kommando von Rudolf Egelhofer stehenden Roten Garden gelungen war, den konterrevolutionären Palmsonntagsputsch niederzuschlagen, änderte sich die Ausrichtung der Räterepublik, indem Mitglieder der neu gegründeten Kommunistischen Partei Deutschlands wie Eugen Leviné, Max Levien und Tobias Akselrod die zweite Räteregierung prägten.
Ab Mitte April wurden bei Anzing, Dachau und Starnberg Kämpfe zwischen der bayerischen Roten Armee und gegenrevolutionären Einheiten ausgetragen. Am 16. April gelang es bei der Schlacht um Dachau den Rotgardisten zunächst, die vorrückenden Freikorpsverbände zurückzuschlagen. Auf Seiten der Freikorps fielen vier Offiziere, 41 Mann wurden gefangen genommen (fünf Offiziere und 36 Soldaten). Die Revolutionäre verloren acht Mann.
Danach verschlechterte sich die Situation der bestehenden Räteregierung zunehmend. Die von Bamberg aus agierende geflohene Regierung Hoffmann organisierte den militärischen Widerstand gegen die Kommunisten, dazu verbanden sich die zurückgeschlagenen Freikorps mit dem von Hoffmann beim Reichswehrminister Gustav Noske (SPD) angeforderten Reichswehrverband in Stärke von 35.000 Mann.
Zur Sicherung ihrer zunehmend aussichtslosen Position angesichts der feindlichen Übermacht begann die Rotgardisten bei gezielten Festnahmen Geiseln zu nehmen.Münchner Neueste Nachrichten, 23. April 1919 Auch Leviné selbst berichtete, dass bewaffnete Proletarier Geiseln gefangen nahmen,Rosa Meyer-Leviné: Leviné - Leben und Tod eines Revolutionärs. Fischer Taschenbuch, Frankfurt a. Main, 1974, S. 105 f. er selbst spricht immer von „Geiseln“ und nie von „Gefangenen“ o. ä. Am 30. April sollen etwa 1.400 Geiseln in München an verschiedenen Orten von der Roten Armee festgehalten worden sein, es gab den (von der Kommandantur mit 6:7 Stimmen abgelehnten) Plan, alle Geiseln beim Vorrücken der Weißen Garden auf der Theresienwiese zu erschießen, um das Vorrücken zu stoppen.Josef Karl: Die Schreckensherrschaft in München und Spartakus im bayr. Oberland. Nach amtlichen Quellen aufgezeichnet von Josef Karl. Hochschulverlag, München 1919. S. 85.
Starnberg war am 17. April 1919 durch den Einmarsch von Rotgardisten unter Führung von Hans Kain besetzt worden. Sie machten das Hotel Bayerischer Hof zu ihrem Hauptquartier. Am 29. April wurden die Revolutionäre von Regierungstruppen besiegt, dabei wurden 22 Rotgardisten und sechs weitere Revolutionäre erschossen.
Am 30. April 1919 morgens gegen 6 Uhr erreichte ein Telegramm das Luitpold-Gymnasium mit dem Inhalt, dass preußische Truppen vor den Toren Münchens stünden, dass vier Sanitätsmannschaften der Roten und ein 68-jähriger Mann erschossen worden seien und ein Kopfgeld auf Rotgardisten ausgesetzt worden sei.Karl Glock: Die Prozesse des Geiselmordes im Luitpold-Gymnasium in München vor dem Volksgericht. Karl Glock & Sohn Verlag, München 1919. S. 73, 75, 78. Diese Nachricht steigerte die ohnehin angespannte Stimmung der Besatzung im Luitpold-Gymnasium zu einer panischen Erregung. Daraufhin kam es zu spontanen gewalttätigen Übergriffen auf die beiden gefangenen Husaren der Garde-Kavallerie-Schützen-Division, besonders auf den jüngeren Hindorf, der schwer misshandelt wurde.
Angeheizt wurde die gewalttätige Stimmung durch Gerüchte über die Erschießung von Rotarmisten in Grünwald. Diese waren aber falsch, denn Grünwald wurde erst am 1. Mai 1919 durch das von Oberstleutnant Herrgott geführte 1. Schützenregiment des Bayrischen Schützenkorps kampflos erobert. Ebenso gab es das wahrheitswidrige Gerücht, bei Forstenried seien 20 gefangene Rotarmisten erschossen worden. Eine Überprüfung dieser Nachrichten fand in der hektischen Untergangsstimmung nicht statt.
Das Luitpold-Gymnasium als Kaserne der Rotgardisten mini|Ehemaliges Luitpold-Gymnasium in der Münchner Müllerstraße Das 1887 gegründete Luitpold-Gymnasium war in einem ehemaligen Lazarettgebäude in der Müllerstraße 5–7 untergebracht.
Am 13. April 1919 wurde das Gymnasium von der IV. Abteilung der Roten Armee München besetzt und fortan als Kaserne benutzt. Die Zustände im ehemaligen Gymnasium müssen sehr chaotisch gewesen sein, da klare militärische Befehlsstrukturen und militärische Autorität fehlten. In der ersten Tagen der Besetzung wurde alles Greifbare geplündert und gestohlen. Im Gymnasium befanden sich etwa 750–800 Personen, von denen aber die wenigsten regulär in der Roten Armee dienten. So fassten am 20. April 750 Personen Mittagessen, obwohl der Etat nur 330 aufwies. Zum Abendappell traten dann nur 30 Mann an.Karl Glock: Die Prozesse des Geiselmordes im Luitpold-Gymnasium, S. 102. Kommandant des Luitpold-Gymnasiums war der erst 25-jährige Gelegenheitsarbeiter Fritz Seidel, der über keine militärische Erfahrung verfügte. Dieser war zunächst Obmann der Kommunistischen Partei Sektion IV Gärtnerplatzviertel und kam auf Befehl Egelhofers ins Luitpold-Gymnasium. Zweiter Kommandant war der frühere Friseur und erwerbslose Monteur Willy Haussmann, der bereits Patient in der Nervenheilanstalt Eglfing gewesen war und sich später seiner Verhaftung durch Selbstmord entzog. Er war Stellvertreter Seidels in der Sektion Gärtnerplatzviertel gewesen.Karl Glock: Die Prozesse des Geiselmordes im Luitpold-Gymnasium, S. 108. Hierher brachte die „Kommission zur Bekämpfung der Gegenrevolution“ die Geiseln.
Insbesondere als sich am 29. und 30. April durch den Einmarsch der Regierungstruppen und Freikorps der Zusammenbruch der Räterepublik abzeichnete, waren die Verhältnisse im Gymnasium chaotisch, anarchistisch und gewaltsam. Über den Umgang mit den Gefangenen bzw. deren Exekution herrschte Unklarheit. Die meisten Soldaten blieben wohl nur noch im Gymnasium, da Seidel am Nachmittag des 30. April (auch während der Exekution der Geiseln) die Lohnauszahlung vornahm. Gegen Abend und in der Nacht des 30. April verließen die Rotgardisten plündernd das Gymnasium, um unterzutauchen. Toller kam spät abends ins Gymnasium, befreite nach bestätigten Angaben die letzten Geiseln und wies verbliebene Rotgardisten an, ohne Uniform zu verschwinden.Karl Glock: Die Prozesse des Geiselmordes im Luitpold-Gymnasium, S. 36, 52 So kam es bei der Rückeroberung durch die Regierungstruppen und Freikorps am 1. und 2. Mai zu keinen Kämpfen am Gymnasium.
Die Thule-Gesellschaft mini|Emblem der Thule-Gesellschaft mit Hakenkreuz
Die rechtsextreme Thule-Gesellschaft engagierte sich intensiv zur Bekämpfung der Novemberrevolution u. a. durch ein Freikorps-Werbebüro. In ihrem Quartier im Hotel Vier Jahreszeiten wurden am 26. April nachmittags von einem Kommando Arbeiterwehr und Matrosen unter Befehl der Polizei ein Waffenlager, gefälschte Stempel mit der Unterschrift des Stadtkommandanten Rudolf Egelhofer, der Stadtkommandantur und der Eisenbahn, sowie deren Mitgliederkartei gefunden. Mitglieder der Gesellschaft hatten mit gefälschten Papieren in der Stadtkommandantur, in der KPD und in der Roten Armee Informationen sammeln können und diese an die gegnerische Exilregierung in Bamberg weitergeleitet.Hermann Gilbhard: Thule-Gesellschaft - Vom okkulten Mummenschanz zum Hakenkreuz. Kiessling-Verlag, München 1994. S. 108. Die Sekretärin Gräfin Westarp wurde zweimal am 26. April verhaftet, verhört und später wieder freigelassen. Auch andere Mitglieder der Thule-Gesellschaft wurden aufgegriffen, verhört und durften wieder gehen. Allerdings wurden zwei Militärkoffer konfisziert, die antisemitische Plakate und Flugblätter enthielten. Damit war die Quelle der antisemitischen Propaganda gefunden, die in München kursierte und die Räteregierung, der einige Juden angehörten (Ernst Toller, Erich Mühsam, Gustav Landauer, Eugen Leviné, Tobias Akselrod, Arnold Wadler und Frida Rubiner)Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. Die Jahre der Vernichtung 1939–1945. Sonderausgabe. Beck, München 2007, ISBN 978-3-406-56681-3, S. 1072, Fn. 80. bedrohte.
Anhand der bei der Durchsuchung der Räume der Thule-Gesellschaft aufgefundenen Listen wurden Thule-Mitglieder verhaftet. Da aber durch die vorherige Durchsuchung schon eine Warnung erfolgt war, gelang es den Entscheidungsträgern und wichtigen Person sich abzusetzen. Nur weniger wichtige Personen, die nicht gewarnt worden waren, und insbesondere vier Adelige wurden verhaftet. Dabei wurden die Wohnungen sämtlicher Mitglieder durchsucht. Alle Gefangenen wurden zur Stadtkommandantur gebracht, es waren dies Neuhaus und Deike, die in der Wohnung Neuhaus’ festgenommen wurden, v. Seidlitz, der aus seinem Atelier geholt wurde, sowie Daumenlang und v. Westarp, die in ihrer Wohnung aufgegriffen wurde. Anschließend wurden sie zum Polizeipräsidium gebracht, wo sie Egelhofer in Anwesenheit von Levien verhörte.Rudolf von Sebottendorf: Bevor Hitler kam - Urkundliches aus der Frühzeit der Nationalsozialistischen Bewegung. Deukula-Verlag Grassinger & Co., München 1933. S. 139. Schließlich wurden die Gefangenen von Seidel ins Luitpold-Gymnasium gebracht. Dort kam v. Thurn und Taxis dazu, der von Seidel im Parkhotel festgenommen worden war, und v. Teuchert, der bei einer Erkundung aufgegriffen worden war. Somit waren nun im Luitpold-Gymnasium sieben Thule-Angehörige gefangen.
Dazu kamen die beiden im Kampf bei Oberschleißheim gefangengenommenen Husaren Linnenbrügger und Hindorf, die am Mittag des 29. April ins Luitpold-Gymnasium eingeliefert wurden. Hinzu kam der 62-jährige Kunstprofessor Berger, der am Vormittag des 30. April in der Nähe seiner Wohnung in der Adalbertstraße festgenommen worden war, da er vor einer Plakatsäule geäußert hatte, dass die dort von der Räteregierung angeschlagenen Bekanntmachungen zum Bürgerkrieg reizen würden, und das Plakat abgerissen hatte. Insgesamt waren jedoch etwa 23 Personen im Luitpold-Gymnasium gefangen, wobei sich deren Zahl ständig änderte, da weitere Gefangene hinzukamen oder entlassen wurden.