mini|hochkant|Farbauswahl gefärbter Seide
Seide (Kurzzeichen nach Textilkennzeichnungsgesetz: SE), von mittellateinisch seta, ist ein tierischer Faserstoff. Sie wird aus den Kokons der Seidenraupe, der Larve des Maulbeer-Seidenspinners, gewonnen. Neben dieser Maulbeerseide werden auch Fasern aus den Kokons anderer Schmetterlingsarten, Muscheln und Spinnen als Seide bezeichnet. Von nennenswerter wirtschaftlicher Bedeutung ist dabei nur die Seide einiger Vertreter der Gattung Antheraea (Tussahseide, Kurzzeichen: ST). Maulbeerseide ist die einzige in der Natur vorkommende textile Endlosfaser und besteht hauptsächlich aus Protein. Sie kommt ursprünglich aus China und war eine wichtige Handelsware, die über die Seidenstraße nach Europa transportiert wurde. Neben China, wo heute noch der Hauptanteil produziert wird, sind Japan und Indien weitere wichtige Erzeugerländer, in denen der Seidenbau betrieben wird.
Das zugehörige Adjektiv ist seiden (aus Seide bestehend) bzw. seidig (an Seide erinnernd, mit Seide vergleichbar).
Geschichte mini|hochkant|Frauen „schlagen“ Seide (Huizong, China, 12. Jh.) mini|hochkant|Foulard (Seidentuch) im klassischen Equipage-Stil mini|Wirtschaftsgebäude (1835) Seidenplantage Regensburg
Anfänge Schon die alte Indus-Zivilisation (etwa 2800 bis 1800 v. Chr.)I. L. Good u. a.: New Evidence for early silk in the indus civilization. In: Archaeometry. 21. Jan 2009, doi:10.1111/j.1475-4754.2008.00454.x. und das alte China kannten die Seide. Durch genaue Untersuchungen der Seidenstruktur archäologischer Funde wurde festgestellt, dass zur Seidenproduktion im Indus-Gebiet der Seidenspinner der Gattung Antheraea eingesetzt wurde. Es handelt sich hier um eine sogenannte Wildseide.Philip Ball: Rethinking silk's origins, Did the Indian subcontinent start spinning without Chinese know-how? In: Nature. 17. Feb 2009; doi:10.1038/457945a. Der Ursprung der Maulbeerseide liegt etwa im 3. Jahrtausend v. Chr. und ist eher von Legenden umrankt, als dass es genaue Jahreszahlen gäbe. Der Sage nach soll in China der legendäre Kaiser Fu Xi (etwa um 3000 v. Chr.) als erster auf den Gedanken gekommen sein, Seidenraupen zur Herstellung von Gewändern zu nutzen. Fu Xi gilt auch als Erfinder eines mit Seidenfäden bespannten Saiteninstruments. Die Sage nennt noch einen weiteren berühmten Kaiser: Shennong (Gott des Ackerbaus, etwa 3000 v. Chr.) soll das Volk gelehrt haben, Maulbeerbäume und Hanf anzubauen, um Seide und Hanfleinen zu gewinnen. Leizu von Xiling, die Gattin des Gelben Kaisers Huáng Dì, hat angeblich im 3. Jahrtausend v. Chr. dem Volk die Nutzung von Kokons und Seide zur Herstellung von Kleidungsstücken beigebracht.
Aufbauend auf dieser Legende wurde anhand der Chronologie der chinesischen Kaiser eine Entstehungszeit der Seide von 2700 bis 2600 v. Chr. angenommen, da bei den Ausgrabungen von Qianshanyang Fragmente von Seidengeweben gefunden wurden, die mittels Radiocarbondatierung in die Zeit um 2750 v. Chr. datiert werden konnten. Neuere archäologische Funde von chemischen Relikten des Seidenproteins Fibroin in zwei 8500 Jahre alten Gräbern lassen vermuten, dass bereits jungsteinzeitliche Bewohner von Jianhu die Seidenfasern zu Stoffen gewebt haben.
Römerzeit Ein Fernhandel mit chinesischer Seide (lateinisch sericumUnter Sericum crudum verstand Valerius Cordus das feine Häutchen über der Puppe des Seidenwurms. Die ebenfalls so bezeichneten Seidenraupenkokons wurden noch Ende des 18. Jahrhunderts in Apotheken vorrätig gehalten. Vgl. Otto Zekert (Hrsg.): Dispensatorium pro pharmacopoeis Viennensibus in Austria 1570. Hrsg. vom österreichischen Apothekerverein und der Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Deutscher Apotheker-Verlag Hans Hösel, Berlin 1938, S. 155.) existierte schon zu Beginn der christlichen Zeitrechnung. Laut dem Römer Plinius dem Älteren (etwa 23 bis 79 n. Chr.), der auch die Seidenraupen beschreibt, verdankt der antike Mittelmeerraum die Herstellung der Koischen Seide einer gewissen Pamphilia von Kos.Plinius: Naturalis historia 11, 26, vgl. Silk in the Ancient Rome. Diese Seide wurde jedoch zunehmend durch feinere und dünnere chinesische Seide verdrängt. Laut Publius Annius oder Lucius Annaeus Florus sollen die Römer bei der vernichtenden Niederlage, die ihnen 53 v. Chr. die Parther in der Schlacht bei Carrhae beibrachten, erstmals chinesische Seide kennengelernt haben.Heide-Renate Döringer: Seide: Mythen – Märchen – Legenden, BoD Books on Demand, Norderstedt 2013. ISBN 978-3-7322-5402-6. Kapitel 6, S. 88: Die Legende wird mit der falschen Quellenangabe „Flores“ (recte: der römische Geschichtsschreiber (Annaeus) Florus) referiert. Florus ist der einzige römische Historiograph, der im Zusammenhang mit Carrhae die Seidenlegende erwähnt.
Der römische Satiredichter Juvenal klagte im Jahre 110 n. Chr., dass die römischen Frauen so verwöhnt seien, dass sie mittlerweile sogar die feine Seide als zu rau empfänden. Die chinesische Seide gelangte über mehrere Handelsstationen nach Rom. Chinesische Händler brachten die Seide zu den Häfen von Sri Lanka, wo indische Händler sie aufkauften. Arabische und griechische Händler kauften Seide an der südwestlichen Küste des indischen Halbkontinents ein. Der nächste Umschlagsplatz war die Inselgruppe Sokotra im nordwestlichen Indischen Ozean. Von dort aus wurde die Seide in der Regel bis zu dem antiken ägyptischen Rotmeerhafen Berenike gebracht (Indienhandel).William Bernstein: A Splendid Exchange: How Trade shaped the World. Atlantic Books, London 2009, ISBN 978-1-84354-803-4. Kamelkarawanen transportierten sie anschließend weiter bis zum Nil, wo die Fracht erneut mit Schiffen bis nach Alexandria gelangte. Hier kauften sie überwiegend römische Händler auf, die die Seide schließlich in das Gebiet des heutigen Italien importierten.
Charakteristisch für diesen Fernhandel war, dass chinesische Händler selten westlich von Sri Lanka in Erscheinung traten, indische Händler nur den Zwischenhandel bis zum Roten Meer übernahmen und römische Händler sich auf den Handel zwischen Alexandria und dem römischen Reich begrenzten. Griechische Händler hatten dagegen den größten Anteil an diesen Transaktionen und handelten Seide von Indien bis an die italienische Küste. Es dauerte ungefähr 18 Monate, bis Seide vom Süden Chinas die Häfen entlang der italienischen Küste erreichte. Ein Handel über die Seidenstraße setzte erst im 2. Jahrhundert n. Chr. verstärkt ein. Der Beginn der Seidenstraße wird oft mit ca. 100 v. Chr. angegeben. Man vermutet, dass hierfür der Offizier Zhang Qian, den Kaiser Wudi in die Königreiche von Zentralasien zum Anknüpfen von Handelsbeziehungen entsandt hatte, ausschlaggebend war. Diese Handelsroute war deutlich komplexer und der genaue Weg verschob sich entsprechend den jeweiligen politischen Verhältnissen. Typische Umschlagsplätze der Seide waren Herat (heute in Afghanistan), Samarkand (heute in Usbekistan) und Isfahan (im Iran). Während beim Seehandel griechische Händler eine große Rolle spielten, dominierten jüdische, armenische und syrische Zwischenhändler den Handel über den Landweg.
Mittelalter Den Chinesen war es bei Todesstrafe verboten, die Raupen oder ihre Eier außer Landes zu bringen. Um das Jahr 555 herum gelang es jedoch angeblich zwei persischen Mönchen, einige Eier zum oströmischen Kaiser Justinian I. nach Konstantinopel zu schmuggeln (siehe: Schmuggel von Seidenraupeneiern ins Byzantinische Reich). Mit diesen Eiern und dem Wissen, welches sie bei ihrem Aufenthalt in China über die Aufzucht von Seidenspinnern erworben hatten, war jetzt auch außerhalb Chinas eine Produktion von Seide möglich. Es ist allerdings fraglich, ob die Eier des Seidenspinners diese lange Reise überstanden hätten. Fest steht aber, dass um 550 n. Chr. die Seidengewinnung im Byzantinischen Reich begannRobert Sabatino Lopez: Silk industry in the Byzantine Empire. In: Speculum. 1945, S. 1–42. und im mittelalterlichen Persien, etwa im Gebiet des iranischen Hochlands im 10. Jahrhundert, Seide hergestellt wurde.D. G. Shepherd: Technical Aspects of Buyid Silks. In: Arthur U. Pope, Phyllis Ackerman (Hrsg.): A Survey of Persian Art from Prehistoric Times to the Present XIV (= New Studies 1938–1960, Proceedings, The IVth International Congress of Iranian Art and Archaeology, Part A, April 24-May 3, 1960), Oxford University Press, Oxford / London / New York 1960, S. 3090–3099; D. G. Shepherd: Medieval Persian Silks in Fact and Fancy. A Refutation of the Riggisberg Report. In: Bulletin de liaison du Centre International d’Etudes des Textiles Anciens (CIETA). Band 39/40, 1974, S. –239.Vgl. auch S. S. Blair, J. M. Bloom, A. E. Wardwell: Reevaluating the Date of the „Buyid“ Silks by Epigraphic and Radiocarbon Analysis. In: Ars Orientalis. Band 22, 1992, S. 1–41. In Europa etablierte sich eine Reihe Regionen als Zentren der Seidenproduktion und der Seidenfärberei. Ab dem 12. Jahrhundert wurde Italien in der Produktion europäischer Seide führend. Frühe Zentren der Herstellung und Verarbeitung waren Palermo und Messina auf SizilienRaffaello Piraino: Il tessuto in Sicilia. L’Epos 1998, ISBN 88-8302-094-4, S. 142. sowie Catanzaro in Kalabrien. Die norditalienische Stadt Lucca verdankte ihren Einfluss und ihre Macht im 13. Jahrhundert beispielsweise ihrer Seidenindustrie mit ihren mechanischen, wasserkraftgetriebenen Seidenzwirnmühlen. Insbesondere die Farbenpracht, in der Luccaner Färber diese Seide färben konnten, galt in Europa als unübertroffen. Politische Unruhen zu Beginn des 14. Jahrhunderts führten dazu, dass sich Luccaer Textilhandwerker in Venedig niederließen und es dadurch zu einem Kenntnistransfer kam, der langfristig dazu beitrug, dass Lucca zu einer unbedeutenden Provinzstadt wurde.Amy Butler Greenfield: A Perfect Red – Empire, Espionage and the Qest for the Color of Desire. HarperCollins Publisher, New York 2004, ISBN 0-06-052275-5, S. 5 und S. 6. Eine wichtige Handelsroute für die Seide führte von Italien über den Brennerpass nach Mitteleuropa, wobei Bozen seit 1200 ein zentraler Umschlagplatz für den Seidenhandel auf diesem Weg war.Armin Torggler: Von grauem Loden und farbigen Tuchen. Überlegungen zu Tuchhandel und Textilverarbeitung in Tirol. In: Verona-Tirol. Kunst und Wirtschaft am Brennerweg bis 1516. (= Runkelsteiner Schriften zur Kulturgeschichte. 7). Athesia-Verlag, Bozen 2015, ISBN 978-88-6839-093-8, S. 199–245, bes. S. 238–241.
Neuzeit Ab dem 15. Jahrhundert verbreitete sich die Seidenraupenzucht auch in den südfranzösischen Regionen Ardèche, Dauphiné sowie den Cevennen, wo sich auf vielen bäuerlichen Anwesen heute noch Gebäude befinden, die ehemals der Seidenraupenzucht dienten und die Magnanerie genannt werden.
Vom 17. bis 19. Jahrhundert hatte neben Zürich und Lyon auch Krefeld eine bedeutende Seidenindustrie, die von der Familie von der Leyen dominiert wurde. Zu den berühmtesten Kunden gehörten der französische Kaiser Napoleon und der preußische König Friedrich II. Im Jahr 1828 kam es im Rahmen der wachsenden Unzufriedenheit der deutschen Weber auch in Krefeld zu Aufständen der Seidenweber. Sie protestierten gegen die Lohnkürzungen der Firma Von der Leyen.Entwicklungsgeschichte der Stadt Neustadt an der Aisch bis 1933. Ph. C. W. Schmidt, Neustadt a.d. Aisch 1950; 2. Auflage ebenda 1978, S. 431. Am Beginn des 19. Jahrhunderts wurde in Bayern mit König Ludwig I. als Hauptaktionär einer Aktiengesellschaft in Regensburg auf den Winzerer Höhen Maulbeerpflanzungen mit Seidenraupenzucht und die Herstellung von Seide betrieben. Die Aktiengesellschaft wurde 1861 mit hohen Verlusten für die Aktionäre aufgelöst. Das ehemalige Wirtschaftsgebäude der Seidenplantage wird heute als Spa genutzt.
Aufgrund von grassierenden Tierseuchen wurde die Seidenraupenzucht um 1860 in Südfrankreich, Italien und im Mittelmeerraum weitgehend eingestellt.
Entstehung und Gewinnung mini|Seidenraupen werden mit Blättern des Maulbeerbaums gefüttert. Suzhou (Jiangsu), Juni, 1987