mini|200px|Joseph Maréchal Joseph Maréchal (* 1. Juli 1878 in Charleroi; † 11. Dezember 1944 in Löwen) war ein belgischer Jesuit und Philosoph des Neuthomismus. Er gilt als Begründer des sogenannten transzendentalen Thomismus, der die Erkenntnislehre des Thomas von Aquin mit der Transzendentalphilosophie Immanuel Kants zu verbinden suchte.

Leben Maréchal trat 1895 im Alter von 17 Jahren in den Jesuitenorden ein. Er durchlief die ordensübliche Ausbildung in den Geisteswissenschaften, der Philosophie und der Theologie und promovierte 1905 mit einer naturwissenschaftlichen Arbeit an der Universität Löwen. In der Folge lehrte er zeitweise Biologie und vertiefte sich in die experimentelle Psychologie, die er unter anderem in Deutschland studierte; sein Hauptinteresse galt dabei der Psychologie der religiösen Erfahrung und deren Bedeutung für die Metaphysik. 1908 wurde er zum Priester geweiht.

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs ging Maréchal 1914 mit seinen Ordensstudenten nach England. Erst 1919 nahm er die reguläre Lehrtätigkeit am Jesuitenkolleg (Scholastikat) Louvain-Eegenhoven bei Löwen auf, wo er bis 1935 Vorlesungen über Psychologie, natürliche Theologie und die Geschichte der neuzeitlichen Philosophie hielt. Aus gesundheitlichen Gründen stellte er nach 1935 Lehre und Veröffentlichung weitgehend ein.

Werk und Lehre Maréchals Hauptwerk ist das fünfbändige Le point de départ de la métaphysique. Der erste bis dritte sowie der fünfte Band (Cahier) erschienen zu seinen Lebzeiten; der vierte Band (Le système idéaliste chez Kant et les post-kantiens) wurde 1947 postum aus dem Nachlass herausgegeben. Als sein bedeutendster Teil gilt der fünfte Cahier (Le thomisme devant la philosophie critique), in dem er die Erkenntnislehre des Thomas von Aquin mit der kantischen Erkenntniskritik konfrontiert.

Darin entwickelte Maréchal eine Synthese der Kantischen Erkenntniskritik mit der Erkenntnismetaphysik des Thomas von Aquin. Er deutet Kants apriorische Bedingungen der Erkenntnis im Sinne der scholastischen Lehre von den Formalobjekten und wirft der kantischen transzendentalen Methode vor, eine entscheidende Bedingung der Erkenntnis übersehen zu haben: den dynamischen Bezug des Intellekts auf das absolute Sein. Anders als bei Kant hat die Vernunft daher nicht nur eine regulative Funktion, sondern erfasst – ebenso wie auf ihre Weise Verstand und Sinnlichkeit – das Sein selbst. In seiner Auseinandersetzung mit dem deutschen Idealismus, insbesondere mit Johann Gottlieb Fichte, betonte Maréchal diesen intellektuellen Dynamismus so stark, dass ihm verschiedentlich eine zu fichteanische, voluntaristische Deutung der transzendentalen Methode vorgeworfen wurde.

Über die Erkenntnismetaphysik hinaus wurden seine zweibändigen Études sur la psychologie des mystiques (Studien zur Psychologie der Mystiker) bekannt.

Wirkung Maréchal übte einen bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der Neuscholastik aus. Auf ihn berufen sich die häufig als „Maréchal-Schule“ bezeichneten Vertreter eines transzendentalen Thomismus, unter ihnen Karl Rahner, Bernard Lonergan, Johannes Baptist Lotz und Emerich Coreth.

Werke Le point de départ de la métaphysique, Cahiers I–V. 1922–1947, Digitalisate (Der Ausgangspunkt der Metaphysik) Études sur la psychologie des mystiques. Bd. I: 1924, Bd. II: 1937 (Studien zur Psychologie der Mystiker), Übers. v. Algar Thorold: Studies in the Psychology of the Mystics, Burns Oates & Washbourne Ltd., London 1926 (Digitalisat), Neuauflage: The Psychology of the Mystics, Mineola, New York 2004. Précis d'histoire de la philosophie moderne. De la renaissance à Kant, Museum Lessianum, 1933.

Literatur

Rudolf Heinz: Französische Kantinterpreten im 20. Jahrhundert Saarbrücken 1964 (Mainzer philosophische Forschungen. Bd. 5). Johannes Baptist Lotz: Joseph Maréchal, in: Emerich Coreth u. a. (Hrsg.): Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts, Bd. 2, 1988, S. 453–469. Otto Muck: Die transzendentale Methode in der scholastischen Philosophie der Gegenwart, Rauch, Innsbruck 1964. Mechthild Pfaffelhuber: Die Kant-Rezeption bei Maréchal und ihr Fortwirken in der katholischen Religionsphilosophie, Freiburg i. Br. 1970. Klaus Rieß: Gott zwischen Begriff und Geheimnis. Zu einem Ende natürlicher Theologie als Aufgang neuzeitlicher Religionsphilosophie, (Münchener Universitäts-Schriften: Katholisch-Theologische Fakultät), St. Ottilien 1991, ISBN 3-88096-247-2. Petra Uhlig: Analyse und Kritik der Petzelt-Schule bezüglich ihrer sogenannten „Überwindung“ von Empirie und Hermeneutik und ihre Philosophie-historischen Quellen, Pädag. Hochsch., Diss., Leipzig 1986.

Einzelnachweise Carl-Friedrich Geyer: Joseph Maréchal. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 5, Bautz, Herzberg 1993, ISBN 3-88309-043-3, Sp. 793–794. James I. Conway: Maréchal, Joseph (1878–1944). In: Donald M. Borchert (Hrsg.): Encyclopedia of Philosophy. 2. Auflage. Band 5, Thomson Gale / Macmillan Reference, Detroit 2006, ISBN 0-02-865785-3, Stichwort Maréchal, Joseph. James I. Conway: Maréchal, Joseph (1878–1944). In: Donald M. Borchert (Hrsg.): Encyclopedia of Philosophy. 2. Auflage. Band 5, Thomson Gale / Macmillan Reference, Detroit 2006, ISBN 0-02-865785-3, Stichwort Maréchal, Joseph. Johannes Baptist Lotz: Joseph Maréchal. In: Emerich Coreth u. a. (Hrsg.): Christliche Philosophie im katholischen Denken des 19. und 20. Jahrhunderts. Band 2, Styria, Graz/Wien/Köln 1988, S. 453–469.

Weblinks

Hansjürgen Verweyen: ZUR METAPHYSISCHEN BEGRÜNDUNG DER GOTTESERKENNTNIS IN DER "MARÉCHALSCHULE" (Aus: Ontologische Voraussetzungen des Glaubensaktes) Christian Kanzian: Transzendentale Metaphysik – Ein Überblick zur ersten Orientierung

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