mini|hochkant|Leonhardskirche

Die Leonhardskirche in Stuttgart ist die zweitälteste Kirchengründung in der Altstadt Stuttgarts und heute Mittelpunkt der Evangelischen Leonhardkirchengemeinde Stuttgart innerhalb des Kirchenkreises Stuttgart der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.

Geschichte mini|Leonhardsviertel mit zerstörter Leonhardskirche am 22. August 1944 1337 wurde am Ort der heutigen Kirche – auf freiem Feld circa 500 Meter vor dem damaligen Esslinger Tor – eine kleine, dem heiligen Leonhard geweihte Kapelle errichtet. Wahrscheinlich diente der Bau zunächst als Station für Pilger des Jakobswegs. Ab Ende des 14. Jahrhunderts entwickelte sich außerhalb des Esslinger Tores und mit der Kapelle als Zentrum eine Vorstadt, wahlweise nach Tor oder Kapelle als Esslinger oder Leonhardsvorstadt bezeichnet. Noch vor 1408 wurde der erste Bau durch eine einschiffige Kirche mit Chor und Turm ersetzt. Mit der Aufgabe des Friedhofs der Stiftskirche wurde der Leonardskirchhof 1430 Friedhof für die Bürger Stuttgarts. Die Bedeutung der Kirche nahm weiter zu, obwohl sie bis 1806 Filialkirche blieb.

Bereits im Jahr 1463 wurde eine Erweiterung der Kirche notwendig, die der Baumeister der Stiftskirche, Aberlin Jörg, bis 1466 durchführte. Nach dieser Baumaßnahme präsentierte sich die Leonhardskirche als spätgotische dreischiffige Hallenkirche mit leicht eingezogenem Chor und seitlich stehendem Turm. In dieser Form verblieb das Bauwerk fast unverändert bis in die Zeit des Zweiten Weltkriegs. Vier Veränderungen jedoch sind erwähnenswert: Im Jahre 1511 wurde für einen bestallten Prediger – der erste hieß Dr. Johannes Mantel – eine Prädikatur gestiftet.Matthias Figel: Der reformatorische Predigtgottesdienst. Eine liturgiegeschichtliche Untersuchung zu den Ursprüngen und Anfängen des evangelischen Gottesdienstes in Württemberg; Epfendorf/Neckar 2013, S. 189–195 (Liste: Die Prädikaturen in Württemberg vor der Reformation)Harald Möhring: Ev. St. Leonhardskirche Stuttgart; Reihe Kleiner Kunstführer Band 1505, Regensburg 1984, S. 4 Die dafür notwendige Kanzel bestand entweder 1511 schon oder wurde nun errichtet – am zweiten der vier Südpfeiler von der Turmecke her, also in der südlichen Kirchenmitte. Damit ergab sich der für die schließlich mit der württembergischen Reformation 1534 offiziellen Predigtgottesdienste ein Kirchenraumcharakter einer Querkirche.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche – Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, ISBN 978-3-95505-592-9, S. 81, 238, 319; Fußnoten 312, 574. Die zweite Veränderung geschah 1855–57 mit der Kirchenrenovierung und neugotischen Umgestaltung durch Carl Beisbarth sen.: die neugotische Kanzel von 1858 wurde um einen Pfeiler näher an die Turmecke gestellt und das neue Gestühl zum Chor ausgerichtet, wodurch die bisherige Querorientierung aufgehoben war. Des Weiteren: Eine Sakristei wird 1898 durch den Architekten Theodor Frey angebaut, und 1907 renovierte Richard Böklen die Kirche. Nach dem verheerenden Bombardement Stuttgarts im Jahre 1944 wurde die stark beschädigte Kirche zwischen 1948 und 1954 durch Rudolf Lempp unter der Bauleitung von Architekt Dipl.-Ing. Gerhard Schneeweiß vereinfacht wieder aufgebaut und dabei die neue Kanzel direkt an die Turmecke gesetzt, da die südliche Pfeilerreihe nun fehlte.Georg Kopp: Die Leonhardskirche in Stuttgart; Kleine Führer durch deutsche evangelische Kirchen, Heft 1 der Reihe D (Württemberg), Verlag Kunst und Kirche, Berlin/Leipzig 1938, S. 8 f.

Bauwerk Äußeres mini | hochkant=1.5 | Blick von der Hauptstätter Straße.

Die Leonhardskirche erhebt sich auf dem Leonhardsplatz parallel zur Hauptstätter Straße auf einer Grundfläche von 53 × 22 Metern. Das Langhaus misst 34 × 22 Meter, der Chor 19 × 12 Meter. Das Langhaus der spätgotischen Hallenkirche wird durch drei gleich hohe Schiffe mit fünf Jochen gegliedert und durch ein hohes, ziegelgedecktes Satteldach mit Schleppgauben bekrönt, das fast so hoch wie die Außenwände ist. Der einschiffige, schmälere und niedrigere Chor von 3 Jochen Tiefe endet mit einem Dreiachtelschluss und wird von einem abgewalmten Satteldach bekrönt, ebenso die halbhohen Sakristeianbauten. Im südlichen Winkel von Chor und Langhaus erhebt sich der 55,5 m hohe Turm mit einem geschweiften Faltdach. Der steile Spitzhelm mit seiner grünen Patina wirkt als weithin sichtbares Erkennungszeichen der Kirche. In der Ecke zwischen Turm und Chor erhebt sich bis zur Höhe des Chors ein achteckiges Treppentürmchen mit Pyramidendach und Kreuzblume.

Die Außenmauern der Kirche tragen einen dunkelgelben Verputz, nur die Umrahmungen der Fenster und die Vorderseiten der Strebepfeiler zeigen den unverputzten Sandstein. Die Kirche verfügt außer dem Hauptportal im Westen über 7 weitere Zugänge, 5 einfache und 2 doppelte Türen. Außer durch die Fensterrose im Westen wird die Kirche durch 22 Maßwerkfenster mit Spitzbogen belichtet, unter anderem durch je 5 Fenster an den Langseiten und im Chor. Die Sandsteinumrahmungen der Spitzbogenfenster sind als unregelmäßige Rustikarahmen ausgebildet.

Strebepfeiler mit geschweifter Verdachung und zweifachem Rücksprung stützen die Gewölbe: je 4 an den Langseiten und 2 an der Westfassade, außerdem 3 schräggestellte Pfeiler an den Langhausecken. Niedrigere Pfeiler, die ein Wimperg mit Kreuzblume bekrönt, stützen den Chor (4 Pfeiler) und die beiden Sakristeien (je 3 Pfeiler). Ein Kaff- oder Kappgesims in Höhe des ersten Rücksprungs der Strebepfeiler verläuft um die gesamte Kirche und wird an den Fenstern zur Fensterbank abgekröpft.#Möhring 1984, Seite 6–9, #Kopp 1938, Seite 4–5, #Wais 1956, Seite 20–22.

Inneres Die Halle des Innenraums gliederte sich bis zum Zweiten Weltkrieg in 3 gleich hohe Schiffe mit Netzgewölben. Sie waren durch zwei Arkadenreihen mit je vier profilierten achtseitigen Pfeilern und spitzen Scheidbögen voneinander getrennt.

Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wurde der Innenraum nur teilweise rekonstruiert. Die Wände erhielten einen weißen Anstrich, so dass die Kirche, auch auf Grund der durchsichtigen, hell getönten Scheiben der Langhausfenster, in hellem Licht erstrahlte. Die erhaltene linke Arkadenreihe trennt das linke Seitenschiff vom Mittelschiff, während dieses auf Grund der zerstörten rechten Arkadenreihe mit dem rechten Seitenschiff einen einzigen Raum bildet.

Die Netzgewölbe wurden nicht wiederhergestellt, stattdessen erhielten Mittelschiff und rechtes Seitenschiff eine flache, dunkel getönte Holzdecke, die durch die unterschiedliche Ausrichtung der Deckenbalken an die Trennung der beiden Schiffe erinnert. Je ein Halbpfeiler an der Westwand und der Ostwand sowie Gewölbeanfänger und Scheidbögen an der Südwand erinnern als Überreste an die verlorene rechte Arkadenreihe. Ein Teil des Chorgestühls aus der Hospitalkirche wurde an der Südwand aufgestellt.

mini | hochkant=0.75 | Chor mit Triumphbogen.

Im linken Seitenschiff wurden die Kreuzrippengewölbe durch einfache Kreuzgratgewölbe ersetzt. Die ersten drei Arkaden (von Westen her) wurden durch eine hölzerne Empore miteinander verbunden. In der Ecke des letzten Jochs des linken Seitenschiffs wurde 1970 die Orgel aufgebaut. Während die Orgel sonst meist abgehoben auf einer Empore thront, bietet der ebenerdige Aufbau den Gläubigen den seltenen Vorteil der Nähe zu Orgel und Organist.

Ein spitzer Triumphbogen trennt das Mittelschiff vom Chor. „Der nahezu stilecht renovierte Chor zeigt die alte Herrlichkeit“, heißt es in einer Beschreibung des Wiederaufbaus der Kirche.#Knellessen 2000, Seite 58. Dies gilt besonders für das original wiederhergestellte Netzrippengewölbe. Die 3 mittleren der 5 Spitzbogenfenster im Chorhaupt wurden 1957 mit Buntglasfenstern ausgestattet. Im Chor ist der Choraltar aufgestellt, während der Hauptaltar an der Grenze zum Chor im Mittelschiff steht. An den seitlichen Chorwänden wurde ein Teil des Chorgestühls aus der Hospitalkirche aufgestellt. Vom Chor führt eine Tür links zur ehemaligen Sakristei und rechts zur jetzigen Sakristei.#Möhring 1984, Seite 10, #Kopp 1938, Seite 8–9, #Wais 1956, Seite 20.

Innenraum In der Kirche wurde 1522 der Humanist Johannes Reuchlin beigesetzt. Sein Grabstein befindet sich im Chor. Eine Ausstellung erinnert an Reuchlins Leben und Werk.#Knellessen 2003.

Ausstattung Die bildhauerische Ausstattung der Leonhardskirche beschränkt sich auf Kreuzblumen der Strebepfeiler und die Bekrönung des Westportals. Auch das Innere ist schmucklos, mit Ausnahme der Schlusssteine und der Grabmäler. Die übrige Ausstattung stammt aus anderen Kirchen, aus Schenkungen und Leihgaben. Hinzu kommen Auftragswerke von Künstlern des 20. Jahrhunderts, zu denen die Glasfenster und die Tafelgemälde der Emporenbrüstung und der Kanzelbrüstung gehören.

Bild Jahr Künstler Beschreibung Standort 1957 Karl Hemmeter Monumentaler Holzkruzifixus (Triumphkreuz) über der vorderen Eingangstür an der Südseite. In der jetzt Magdalenenkapelle genannten Neuen Sakristei befindet sich ein Gipsentwurf des Kruzifixus. Südwand 2. Hälfte 17. Jahrhundert Barocker Kruzifixus hinter dem Choraltar. Stiftung nach dem Zweiten Weltkrieg. Chor Ende 16. Jahrhundert Schmiedeeisernes Altargitter des Choraltars aus der Hospitalkirche. Chor Altarkreuz, 3 Kerzenleuchter und Osterkerzenständer aus Edelstahl am Hauptaltar. Hauptaltar Kreuzblume mit Opferstockaufsatz beim Haupteingang. Haupteingang Runder Glastisch mit Kreuzblume als Tischbein. Chor 1871 Marmormedaillon mit dem Porträt von Johannes Reuchlin. Reuchlins Grabstein wurde 1871 um eine Umrahmung mit dem Medaillon erweitert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Trümmer des Grabsteins geborgen und ohne die Umrahmung wieder zusammengesetzt. Grabstein und Medaillon wurden nebeneinander an der Chorwand angebracht.#Wais 1956, Tafel 34, #Knellessen 2003.2. Chor Bronzestatuette von Johannes Reuchlin am Emporenaufgang. Emporenaufgang 1490–1493 Hans Ernst von Böblingen, Conrad Zolner, Hans Haß Chorstuhlwange, aufgehängt an der Westwand. Brustbild eines Mönches mit Schwert und Spruchband mit der lateinischen Inschrift: „Vor dem Glauben weicht die Ketzerei“. Darunter Maria mit dem Jesuskind unter einem Baldachin, ihnen zur Seite der Heilige Johannes und die Heilige Barbara. Zu Füßen Marias kniet der Stifter Albert Ludwig, Vikar der Stiftskirche. Inschrift am unteren Rand: „Dominus Albertus Ludwici Vicarius eccle. St. Crucis“ („Herr Albert Ludwig, Vikar der Heilig-Kreuz-Kirche“ (heute Stiftskirche)).#hj 2019. Westwand 1490–1493 Hans Ernst von Böblingen, Conrad Zolner, Hans Haß Chorgestühl aus sechs Sitzreihen aus Eichenholz mit 57 von ursprünglich 87 Sitzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg von der Hospitalkirche in die Leonhardskirche überführt. Siehe: #Chorgestühl. Südseite, Chor um 1470 Altarschrein mit 4 Figuren (von links nach rechts): Apostel, Äbtissin, Heilige Margarete mit dem Drachen, Apostel. Der Schrein stammt aus der Entstehungszeit der Leonhardskirche (um 1470).#Wais 1956, Tafel 23. Chor Fragment einer silbernen, barocken Taufschale mit zwei obstpflückenden Putten, umrandet von Früchten. Nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Trümmern der Kirche geborgen, ausgestellt in einer Vitrine an der Westwand rechts vom Haupteingang. Westwand 1642 Schrein (Wandschränkchen mit Glastür) rechts von der Kanzel mit Abendmahlskannen von 1642. Chor Achteckiger Taufstein mit Bronzedeckel bei der Orgel. Orgel Jean-Claude Mondot Der Gottesknecht Südwesteingang 3 Ikonen über dem Schlussstein Maria mit Rosen und dem Jesuskind mit der Weltkugel. Nordwand

Schlusssteine Nach dem Zweiten Weltkrieg konnten aus den Trümmern der Leonhardskirche 11 von ursprünglich 21 Schlusssteinen gerettet werden. 10 der Schlusssteine sind gut erhalten, von dem Schlussstein mit Erzengel Michael ist nur ein Fragment verblieben. 5 Schlusssteine sind im Chorgewölbe angebracht, die übrigen 6 in Augenhöhe an den Langhauswänden.