Das Hausschwein (wissenschaftlich Sus scrofa domesticus) ist die domestizierte (in menschliche Haltung genommene) Form des Wildschweins und bildet mit ihm eine einzige Art. Es gehört damit zur Familie der Echten Schweine aus der Ordnung der Paarhufer. In einigen Teilen der Welt gibt es freilebende Schweinepopulationen, die aus verwilderten Hausschweinen hervorgingen. Schweine sind Allesfresser; sie fressen sowohl tierische als auch pflanzliche Nahrung.

Das Hausschwein ist eines der am frühesten domestizierten Haustiere in der menschlichen Zivilisationsgeschichte und wird seit vermutlich 9000 Jahren zur Fleischerzeugung gehalten. In Europa und Ostasien ist Schweinefleisch die am häufigsten gegessene Fleischsorte. Die Domestizierung erfolgte in unterschiedlichen Weltregionen unabhängig voneinander.

mini|100px|Laut­äußerung eines Hausschweins

Benennung Schwein als deutscher Name des Borstenviehs stammt von mittelhochdeutsch swîn und bezeichnete ursprünglich nur Jungtiere (Ferkel bzw. Frischlinge). Das weibliche Schwein heißt Sau (Plural in Allgemeinsprache Säue, fachsprachlich Sauen; niederdeutsche Bezeichnung: Mutte). Das neuhochdeutsche Wort Sau stammt von mittelhochdeutsch und althochdeutsch sû und ist verwandt mit gleichbedeutend lateinisch sus. Das männliche Schwein wird Eber genannt, Jungtiere nennt man Ferkel. Spanferkel sind Ferkel, die noch am Span, der Zitze saugen (spänen). Bis zum Gewicht von 25 kg sind es Ferkel, zwischen 25 und 50 kg Läufer oder Polk. Zur Zucht ausgewählte Tiere im Alter vom 4. bis zum Ende des 6. Lebensmonats werden Jungschweine genannt. Kastrierte männliche Tiere werden Borg oder Altschneider genannt. Endstufeneber bezeichnet zur Züchtung verwendete männliche Schweine, wenn in einem Zuchtprogramm mehrere Zuchtstufen verwendet werden. Der Endstufeneber ist der Vater des angestrebten Endproduktes. Als Leersau wird eine Muttersau in der Zucht bezeichnet, an der keine Ferkel mehr saugen, die aber noch nicht wieder tragend ist, das heißt, neu besamt oder gedeckt wurde.

In Süd- und Mittelwestdeutschland ist die Wutz ein geläufiges Synonym für Schwein.

Heranwachsen mini|Wollschweinferkel Bei Schweinen beträgt die Trächtigkeits­dauer etwa 112 bis 114 Tage (drei Monate, drei Wochen, drei Tage); der anschließende Geburtsvorgang wird Ferkeln oder auch Abferkeln genannt.

Bei neugeborenen Ferkeln kann man bei ursprünglichen Rassen noch die Zeichnung erkennen, die bei Frischlingen so typisch ist. Wenn sie etwa sechs Monate alt sind bzw. etwa 100 kg Lebendgewicht haben, sind die Tiere schlachtreif. Schweine können etwa zehn Jahre alt werden.Jürgen Weiss u. a.: Tierpflege in Forschung und Klinik. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Enke, Stuttgart 2009, ISBN 978-3-8304-1077-5.

Gesundheit Schweine können nicht schwitzen. Viele Schweinerassen sind stressanfällig und können auch ähnliche Herz- und Kreislaufkrankheiten entwickeln wie der Mensch. Sie werden deshalb auch als Labor- und Versuchstiere gehalten. Physiologisch sind sich Schwein und Mensch sehr ähnlich. Das betrifft nicht nur die ähnlichen Krankheitsausprägungen, sondern z. B. auch die Struktur und Beschaffenheit von Fleisch und Fettgewebe. In der Rechtsmedizin werden beispielsweise Stich- und Schussverletzungen an frisch geschlachteten Schweinen nachgestellt.

Rassen mini|Hängebauchschwein mini|Iberische Schweine mini|Halbwilde Hausschweine auf Korsika mini|Eberferkel des Rotbunten Husumer Schweines Heute gibt es eine Vielzahl von Schweinerassen. Sie entstanden alle erst in den letzten zwei Jahrhunderten. Bis dahin sorgte die Praxis der Eichelmast dafür, dass sich Hausschweine immer wieder mit Wildschweinen kreuzten.

In neuester Zeit wurden sehr kleine Schweinerassen, sogenannte Minischweine, auch als Haustiere ohne kommerzielle Endnutzung beliebt. Durch die Intensivierung der Landwirtschaft werden immer weniger Rassen dort genutzt. Die meisten Schweine in den Mastställen sind Gebrauchskreuzungen, die von großen Zuchtunternehmen als sogenannte Hybridschweine vermarktet werden.

Einige der bekannteren Rassen sind: Amerikanisches Yorkshire-Schwein Angler Sattelschwein Bentheimer Landschwein Cornwallschwein Dänische Landrasse Deutsches Edelschwein Deutsche Landrasse Deutsches Sattelschwein Duroc-Schwein Hängebauchschwein Hampshire-Schwein Iberisches Schwein (Cerdo Ibérico) Lettisches Weißschwein Mangalica-Schwein (Wollschwein) Meißner Schwein Pietrain Rotbuntes Husumer Schwein Schwäbisch-Hällisches Landschwein Turopolje-Schwein

Haltungsgeschichte

Molekularbiologische Untersuchungen an Haus- und Wildschweinen zeigten, dass sich während der Jungsteinzeit die Domestikation in vielen Gebieten der Erde unabhängig voneinander vollzog. Die Daten machen deutlich, dass frühe Bauern im Laufe der Zeit sich immer weiter nach Norden und Westen nach Europa ausbreiteten und dabei domestizierte Schweine aus dem Nahen Osten mitbrachten. Der Vergleich von Genomsequenzen aus archäologischen Schweinefunden mit dem Erbgut heutiger Haus- und Wildschweine erbrachte, dass der genetische Fingerabdruck der Schweine aus dem Nahen Osten nach und nach verschwand und die in Europa eingeführten Hausschweine immer stärker mit europäischen Wildschweinen vermischt wurden, so dass genetische Linien aus dem Nahen Osten später nur noch einen Genanteil von rund vier Prozent oder weniger haben.Laurent A. F. Frantz et al.: Ancient pigs reveal a near-complete genomic turnover following their introduction to Europe. PNAS August, 2019, doi:10.1073/pnas.1901169116

Jungsteinzeit

Erste archäologische Nachweise der Domestizierung gibt es aus der Zeit vor 9000 Jahren auf dem Gebiet der heutigen Osttürkei. Zu den ältesten Fundorten von Knochen halbdomestizierter Schweine gehören die neolithischen Siedlungen von Jericho (Palästina), Jarmo (Irak), Çatalhöyük und Hallan Çemi (Türkei) sowie Argissa-Margula (Griechenland). Hallan Çemi ist dabei einer der ältesten auf eine Domestizierung von Schweinen hinweisenden Fundorte. Die Bewohner dieses jungsteinzeitlichen Dorfes aßen überwiegend junge männliche Schweine; im archäologischen Befund nehmen Funde von Schweineknochen sogar zu einem Zeitpunkt zu, als die Bewaldung dieser Region zurückging. Dies wird dahingehend interpretiert, dass Schweine sich dem Menschen weitgehend angeschlossen hatten und in der Nähe der Siedlung nach Nahrung suchten. Die in Hallan Çemi gegessenen Schweine wiesen allerdings noch keine Domestikationsmerkmale auf. Dies kann auf die kurze Zeit zurückzuführen sein, in der Hallan Çemi bewohnt war. Die Siedlung wurde nach rund 400 Jahren aufgegeben.Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 2: Out of the Wild, Ebook-Position 561

mini|Skulptur eines Schweinekopfes aus der Jungsteinzeit im Museum für Ur- und Frühgeschichte in Thüringen, Weimar

Eine längere Siedlungsgeschichte als Hallan Çemi hat Çayönü. An diesem Siedlungsplatz lässt sich die Entwicklung von den ersten Rundbauten einer frühen Ackerbaugemeinschaft aus dem 10. Jahrtausend zu einer großen Siedlung mit differenzierter Bebauung im 9. und 8. bis zum Anfang des 7. Jahrtausends nachvollziehen. Ähnlich wie in Hallan Çemi aßen die Bewohner von Çayönü überwiegend jüngere Schweine, und über die Jahrhunderte lässt sich bei diesen Schweinen eine Veränderung der Knochenstruktur nachweisen: Die verzehrten Tiere haben kürzere Schnauzen, die Zähne stehen im Gebiss enger zueinander. Die archäologischen Funde weisen hier darauf hin, dass Schweine sich über eine Zeit von 2000 Jahren allmählich zum Hausschwein entwickelten.Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 2: Out of the Wild, Ebook-Position 577.

Mesopotamien und Altes Ägypten mini|Reliefdarstellung eines Schweins im Tempel von Philae mini|Hieroglyphe für Schwein (rrj) Bereits im Alten Ägypten und in Mesopotamien zeigt sich eine soziale Differenzierung bei dem Verzehr von Schweinefleisch. Darauf weisen beispielsweise Funde im altägyptischen Dorf Kom el-Hisn hin, das während des Baus der Chephren-Pyramide um 2550 v. Chr. zu Nahrungsmittellieferungen an diese rund 100 Kilometer weiter südliche liegende Baustelle verpflichtet war.Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 3: The Pig is Impure, Ebook-Position 596. Die Einwohner von Kom el-Hisn zogen dafür Rinder auf, aßen selbst aber nur wenig Rindfleisch. Lediglich die Knochen von alten Mutterkühen und kranken Kälbern wurden in den archäologischen Fundstellen dieses Dorfes gefunden.Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 3: The Pig is impure, Ebook-Position 602. Fleisch, das von den Dorfbewohnern verzehrt wurde, stammte überwiegend von Schweinen. Das Verhältnis gefundener Rinderknochen zu gefundenen Schweineknochen beträgt 1:25, das heißt für jeden gefundenen Rinderknochen werden 25 Schweineknochen gefunden. Man ist heute der Überzeugung, dass in Kom El-Hisn Schweine in Herden gehalten wurden, die ihr Futter in den Marschen des Nildeltas und den Abfällen des Dorfes fanden.Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 3: The Pig is impure, Ebook-Position 609.

Dass das Dorf Rinder liefern musste, seine Schweine jedoch behalten durfte, liegt an der spezifischen Natur dieses Haustieres. Rinder waren ebenso wie Ziegen und Schafe in der Lage, in der ariden Region auf dem Weg nach Süden ausreichend Nahrung zu finden. Schweine dagegen hätten weder Futter noch den Schatten, auf den sie angewiesen waren, auf dieser Wegstrecke gefunden. Ähnlich zeigen die überlieferten Dokumente der 3. Dynastie von Ur (2114 bis 2004 v. Chr.), dass die zentrale Verwaltung dieses mesopotamischen Reiches zehntausende von Schafen und Kühen von ihren Untertanen einforderte und an Tempel und das Heer weiter verteilte. Schweine dagegen finden keine Erwähnung.Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 3: The Pig is impure, Ebook-Position 628. Es ist jedoch gesichert, dass Schweine gehalten wurden: Sowohl in Ägypten als auch in Mesopotamien finden sich bis 2000 v. Chr. zahlreiche Belege für eine Schweinezucht, sofern die Dörfer in einer Region liegen, in der ausreichend Regen fiel, um eine Landbewirtschaftung ohne künstliche Bewässerung zu ermöglichen. Funde im Tell Halif, einer archäologischen Fundstelle, die heute im Süden Israels liegt, legen außerdem nahe, dass die Zahl der gehaltenen Schweine in Zeiten schwacher staatlicher Kontrolle anstieg.Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 3: The Pig is impure, Ebook-Position 644.

Insgesamt ging die Zahl der gehaltenen Schweine ab 2000 v. Chr. jedoch stark zurück: Zunehmende Desertifikation machte es immer schwieriger, Schweine in Herden zu halten. Schweine finden sich noch in ärmeren Gebieten der nun größeren Städte, wo sie sich von den Abfällen der Menschen ernährten; über die Zeit bildete sich ein Ernährungsmuster, bei dem sich der Verzehr von Schweinefleisch auf die untersten Bevölkerungsschichten begrenzte. Schweine galten im Nahen Osten zunehmend als unrein, was sich unter anderem auch darin manifestiert, dass in den Religionen des Nahen Ostens Schweine, anders als Schafe, Ziegen und Rinder, nicht als Tempelopfer in Frage kamen.Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 3: The Pig is impure, Ebook-Position 705. Die Speisegesetze, wie sie vermutlich im 8. Jahrhundert v. Chr. im 3. und 5. Buch Mose festgelegt wurden und so die Basis der jüdischen Speisegesetze legten, haben darin ihren Ursprung. Diese Speisegesetze bestimmten wiederum die des Islams (siehe Nahrungstabu).Mark Essig: Lesser Beasts. Kapitel 3: The Pig is impure, Ebook-Position 740.

Griechen und Römer mini|Darstellung eines Schweineopfers (Epidromos-Maler, um 500 v. Chr.)