Ein Hörgerät ist ein Hilfsmittel, welches der Reduzierung eines Funktionsdefizits des Hörorgans und damit der Verbesserung des Sprachverständnisses und der sozialen Eingliederung Hörgeschädigter dient. Kindern mit Hörminderung soll durch Hörgeräte der Spracherwerb ermöglicht bzw. die Sprachentwicklung gefördert und der Schulbesuch ermöglicht werden. Ferner werden Hörgeräte als Bestandteil einer Tinnitustherapie eingesetzt. Die Wirksamkeit ist hierzu jedoch nicht eindeutig nachgewiesen.
Geschichte mini|Elisabeth de Meuron mit einem Hörrohr
Die ersten Hörhilfen standen im 17. Jahrhundert als Hörrohre zur Verfügung. Dabei handelte es sich um einen Trichter, der den Schall verstärkte. Die Wirkung war noch recht bescheiden, doch gelang bereits eine Verstärkung um etwa 20 bis 30 Dezibel, für einen damals Schwerhörigen eine beträchtliche Verbesserung. Ludwig van Beethoven ließ sich eine solche Hörhilfe um 1813 von Johann Nepomuk Mälzel anfertigen.
Erst mit Verbreitung der 1876 erfundenen Telefontechnik gab es auch eine Weiterentwicklung bei den Hörgeräten. Werner von Siemens erfand für Schwerhörige 1878 einen eigenen Telefonhörer. 1896 erfand der Engländer Bertram Thornton ein Tischhörgerät, das ein Kohlemikrophon hatte. Aufgrund dieser Erfindung produzierte die Acouphone Company ab 1898 serienreife Hörgeräte.
1898 nutzte Miller Reese Hutchinson die Kohlemikrofon-Technik, um das erste transportable Hörgerät zu bauen. 1901 meldete er in New York ein Patent für sein „Acoustikon“ an, das die bisher rein mechanische Hörrohrtechnik revolutionierte. Das zwölf Kilogramm schwere Gerät bestand aus einem Kohlemikrophon zur Schallaufnahme, einem Verstärker sowie einem Lautsprecher, der ans Ohr gehalten werden musste. 1902 wurden handlichere Geräte erfunden, bei denen das Mikrophon mit der Hand gehalten und Verstärker und Batterien um den Hals gehängt wurden.Roland Gööck: Die großen Erfindungen: Landwirtschaft, Nahrung, Medizin. Sigloch Edition, Stürtz Verlag, 1986, ISBN 3-8003-0237-3, S. 262.
Ab 1910 gab es gleichfalls von Siemens, jedoch nur für Werksangehörige und deren Familien, Geräte, die nicht nur den Telefonton, sondern auch den Umgebungsschall verstärkten. 1913 kam, nunmehr von der Firma Siemens & Halske, ein überarbeitetes Modell unter dem Namen Phonophor in den freien Verkauf, bestehend aus Batterie, Mikrofon und Hörer, diese Komponenten dabei in einem speziellen Handtäschchen oder Köfferchen mitnehmbar. Ab 1914 wurden die „Phonophore“ mit einem speziell dafür gefertigten Einsteckhörer, „Ohrsprecher“ genannt, ausgestattet. Damit war das Gerät nicht nur unauffälliger, sondern konnte mit dieser Miniaturisierung die Schallverstärkung auch gezielter am Ohr zur Wirkung bringen.
In den 1920er Jahren waren dann Röhren-Tischgeräte erhältlich. Bei diesen konnte man die Verstärkung für verschiedene Frequenzbereiche getrennt einstellen. Tiefe Töne empfand der Hörende nun nicht mehr als zu laut und hohe Töne nicht mehr als zu leise. Als Nachteil schlug unverändert die Gerätegröße zu Buche und ihre Bindung an Strom aus der Steckdose, was einen mobilen Gebrauch ausschloss. Schiffsbauingenieure erfanden 1920 das leistungsfähigere „Vactuphone“, ein Hörgerät mit Elektronenröhren, das die Schallwellen in elektronische Signale umwandelte und diese verstärkte. Diese unhandlichen Hörgeräte wurden bis in die 1950er Jahre verwendet.
Im Jahr 1947 wurde durch die Erfindung des Transistors auch die Hörgerätetechnologie verändert. Er ermöglichte mit seiner platz- und stromsparenden Verstärkertechnik eine Verbesserung der Geräte. Die Hörhilfen wurden bald so klein, dass man sie nicht mehr in der Hand, sondern hinter dem Ohr tragen konnte.
Durch die Verwendung von winzigen Subminiaturröhren als Verstärkerelemente konnte die Elektronik schließlich so weit miniaturisiert werden, dass die Hörgeräte in den 1950er Jahren Westentaschenformat erreichten, wodurch sie mitgeführt werden konnten. Normale Batterien lieferten Strom für ihren Betrieb. Diese Taschengeräte waren sehr teuer, nur ein kleiner Teil der damals häufig von kriegsbedingten Hörschädigungen betroffenen Menschen konnte sich die Ausgabe leisten.
Am 29. Dezember 1952 bot die Firma Sonotone Corporation in Elmsford (New York) erstmals Hörgeräte auf Transistorbasis an. Der Schall wurde per Kabel mit einem damit verbundenen Lautsprecher ins Ohr transportiert.Augsburger Allgemeine. 29. Dezember 2007. Die Miniaturisierung der Geräte kam damit wieder einen Schritt voran. Sie erreichten nun bereits die Größe einer Zigarettenschachtel.
In den 1960er Jahren wurden die modernen hinter dem Ohr getragenen Hörgeräte entwickelt. Zuerst kamen einkanalige, hinter dem Ohr getragene Analoggeräte. Diese hatten relativ große Batterien, deren Ladung teilweise nur einen Tag hielt. Im Jahr 1966 führte die Firma Siemens Audiologische Technik in Erlangen das weltweit erste Im-Ohr-Hörgerät mit der Produktbezeichnung „Siretta 339“ ein., abgerufen am 9. November 2012.
Mit der Entwicklung der digitalen Tonverarbeitung erfolgte der Übergang von der analogen zur effizienteren digitalen Technologie. Project Phoenix stellte 1988 das erste DSP (Digitaler Signalprozessor-Chips)-Hörgerät der Welt her. Moderne digitale Hörhilfen sind mit einem winzigen programmierbaren Computer bestückt, der Tonsignale auf verschiedenen Frequenzen verstärkt und auch die Hörfähigkeit stark schwerhöriger Personen verbessern kann. Mit der Miniaturisierung verschwinden Hörgeräte im Ohrkanal und erhalten eine natürlichere Klangtreue. Auch die leistungsfähigeren Hinter-dem-Ohr-Hörgeräte wurden kleiner und diskreter. Mitte der 1990er Jahre wurden die ersten volldigitalen Hinter-dem-Ohr- und Im-Ohr-Hörgeräte mit einer Leistung von 40 Millionen Rechenschritten pro Sekunde in Massenproduktion hergestellt.
Mit der Digitaltechnik konnte zwischen Nutz- und Störschall unterschieden und der Störschall reduziert werden. Waren in einem Hörgerät um 1960 rund zehn Transistoren eingebaut, sind es heute (2017) etwa 20 Millionen Transistoren.Andi Vonlanthen: Prozessor im Ohr – Hörgeräte von Phonak. In: Franz Betschon, Stefan Betschon, Willy Schlachter (Hrsg.): Ingenieure bauen die Schweiz. Technikgeschichte aus erster Hand. Band 2, Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2014, ISBN 978-3-03823-912-3, S. 445–458.
Ab den 1960er Jahren wurde mit dem Cochlea-Implantat ein neues Gerätekonzept (Verbindung von Telefontechnik mit Sprachprozessoren) für taube oder hörgeminderte Personen entwickelt, bei denen selbst leistungsstarke Hörgeräte keine ausreichende Versorgung ermöglichen.
Allgemeines und Funktionsweise Im einfachsten Fall besteht ein Hörgerät aus einem Mikrofon, einem Signalverstärker, einem Lautsprecher („Hörer“, engl.: receiver) und einer Energiequelle (Batterie oder Akku). Das Mikrofon empfängt die Schallsignale aus der Umgebung, der Verstärker erhöht die Intensität dieser Signale und der Lautsprecher gibt die verstärkten Signale wieder ab. Diese elektronischen Bauteile sind in einem Gehäuse untergebracht, welches hinter dem Ohr oder im Ohr getragen wird. Der verstärkte und vom Lautsprecher ausgesendete Schall gelangt über einen Schallkanal, z. B. einen Schallschlauch, in den Gehörgang.
Je nach Art und Ausprägung der Hörschädigung haben betroffene Menschen eine zu höheren Schallpegeln verschobene Hörschwelle und eine eingeschränkte Dynamik. Das bedeutet, dass Geräusche in bestimmten Tonhöhen für Hörgeschädigte gerade hörbar, für ein gesundes Gehör aber schon eher laut sind; lautere Geräusche hingegen sind für Hörgeschädigte mitunter eher zu laut als für normal Hörende. Hörgeräte arbeiten prinzipiell mit einer frequenzabhängigen Verstärkung und Dynamikkompression, um für den Hörgeschädigten unhörbare Töne einerseits wieder hörbar zu machen und andererseits nicht unangenehm laute Pegel zu erzeugen.
Hörgeräte sind heute üblicherweise mit einem Doppelmikrofon und einem digitalen Signalprozessor ausgestattet. Dies ermöglicht umfangreiche Einstellmöglichkeiten, um einen Hörverlust individuell mit einer angepassten Verstärkung zu versorgen. Während frühere analoge Hörgeräte mit einem Verstärkungssteller, einer Pegelbegrenzung und bestenfalls mit einer Klangblende ausgestattet waren, bieten heutige digitale Hörgeräte viele separat einstellbare Kanäle, Parameter zur Dynamikkompression, Störlärm- und Rückkopplungsunterdrückung, zahlreiche Filter, dynamische Signalverarbeitungsalgorithmen, drahtlose Schnittstellen und vieles mehr. Die Anpassung von Hörgeräten erfolgt bei einem Audiologen bzw. Hörakustiker, der die entsprechenden Parameter über eine Anpass-Software auf die individuelle Hörschädigung einstellt.
mini|rechts|Wiederaufladbare Hörgeräte mit Bluetooth-Technik im Earbud-Design, mit Ladeetui Die Bauformen für die häufigsten Arten von Schwerhörigkeit sind aktuell die Hinter-dem-Ohr- und die Im-Ohr-Geräte. Beide Formen können je nach Art der Konstruktion noch weiter unterteilt werden. So kann der Lautsprecher des Hinter-dem-Ohr-Geräts in den Gehörgang ausgelagert sein. Man spricht dann von einem RIC-Gerät (receiver in the channel; dt. „Lautsprecher im Gehörgang“). RIC-Hörgeräte bilden mittlerweile den größten Anteil der Hörgeräteversorgungen. Bei einseitiger Taubheit kommt eine CROS- oder BiCROS-Versorgung in Betracht. Für bestimmte Fälle von Schwerhörigkeit gibt es spezielle Formen, die etwa auf Knochenleitung basieren, sowie implantierbare und teilimplantierbare Hörsysteme.
Die Energieversorgung von Hörgeräten erfolgte zunächst nur mit Zink-Luft-Knopfzellen, welche in vier verschiedenen Größen erhältlich sind. Neben der Batterie haben sich aber inzwischen Akkus in Li-Ionen-Technik etabliert. Zunächst konnten sie bei Alterung ähnlich wie Batterien von den Hörgerätenutzern selbst ausgetauscht werden. Um Platz zu sparen, werden aber die Akkus zunehmend in Sonderformen fest verbaut, ihr Austausch kann dann nicht mehr durch die Nutzer erfolgen. Bei voller Ladung ist abhängig von Nutzungsart und Sparsamkeit der verbauten Komponenten eine Betriebsdauer von mindestens 18–20 Stunden möglich. Die Aufladung erfolgt über metallische Kontakte oder induktiv.
Aufgrund der stetigen Miniaturisierung der Digitaltechnik sind mittlerweile tausende Arten und Varianten von Hörgeräten erhältlich. Die Hörgerätetechnik zielt mittlerweile primär nicht mehr auf den alleinigen Ausgleich der Hörschädigung ab, sondern auf die Erzielung größtmöglichen Hör- und Bedienkomforts, Konnektivität und Design.
Bauformen Hinter-dem-Ohr-Geräte (HdO) mini|Als modernes Hinter-dem-Ohr-Hörgerät ist die Audio-Röhre zum Lautsprecher kaum sichtbar. mini|Ein modernes Hinter-dem-Ohr-Hörgerät mit Minizellenbatterie.
Hinter-dem-Ohr-Geräte (HdO) haben eine Gehäuseform, mit der das Gerät oben auf die Ohrmuschel aufgesetzt werden kann, wobei der größte Teil des Gehäuses im hinteren Bereich der Ohrmuschel aufliegt. Der Schallkanal wird vorn im oberen Bereich des Gehäuses herausgeführt. Der Schall, der durch den im Gehäuse eingebauten Hörer erzeugt wird, wird durch den Schallkanal, bestehend aus Hörwinkel, Schallschlauch und Otoplastik (Ohrpassstück), in das Ohr geleitet. Da bei HdO-Geräten ausreichend Platz für Batterie oder Akku, Elektronik und Schallwandler zur Verfügung steht, können vielfältige technische Optionen sowie hohe Verstärkungsleistungen realisiert werden.
Für starke Hörminderungen werden durch den großen Abstand zwischen Hörgerätemikrofon und der Schallaustrittsöffnung nahe am Trommelfell höhere Verstärkungen möglich, da sich dadurch die Rückkopplungsanfälligkeit verringert. Akustische Rückkopplung führt zu einem lästigen Pfeifen, das beispielsweise bei nicht korrekt sitzendem Ohrpassstück, durch Ohrenschmalz (Cerumen) verlegtem Gehörgang oder defektem Schallschlauch auftritt.