mini|St. Galler Neumen, geschrieben zwischen 922 und 926 n. Chr. Neumen () werden graphische Zeichen, Figuren und Symbole genannt, die seit dem 9. Jahrhundert zur Notation der melodischen Gestalt und der gewünschten Interpretation des Gregorianischen Gesangs verwendet werden. Gelegentlich dienen sie auch für das Aufschreiben weltlicher und religiöser Melodien außerhalb der Liturgie. Meist stehen sie über dem Text.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 349, Neumen am Rand des Textes bei Bruno Stäblein, Leipzig 1975, Abb. 60. siehe auch :Datei:Notker neumes.jpg

Ferner wurden bereits im frühen Mittelalter kurze melodische Einheiten, Melodieformeln oder melismatische Melodieteile über einzelnen Vokalen – wie beispielsweise der Jubilus, der auf dem letzten Vokal des Alleluias gesungen wird – als Neumen bezeichnet. In diesem Fall wurde der Begriff Neume von Pneuma (griechisch pneuma ‚Geist‘, ‚Hauch‘, ‚Luft‘) abgeleitet.Max Haas: IV. Neumen. In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 2., neubearbeitete Auflage. Sachteil 7, Kassel et altera 1997, Spalte 296.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 351Hugo von St. Viktor: , zitiert bei Heinrich Bellermann: Der Kontrapunkt: Mit zahlreichen Notenbeispielen und fünf Tafeln. Reprint: Olms 2001, Fußnoten S. 49; dort auch weitere Definitionen von Johannes Tinctoris und Franchinus Gaffurius.

Herkunft des Begriffes Die Herleitung des Begriffes Neume aus den Praktiken der sogenannten Cheironomie ist in der heutigen Musikwissenschaft umstritten. Dass mit den Neumen tatsächlich Finger- und Handbewegungen („Winke“) des Cantors abgebildet werden sollten oder stilisiert wurden, kann aus alten Quellen nicht geschlossen werden. Es ist zudem keinesfalls erwiesen, dass sich die Cantores in karolingischer Zeit der Cheironomie bedienten. Dennoch werden zumindest die St. Galler Neumen in einer Verbindung mit der Cheironomie gesehen. Strittig ist allerdings, ob die betroffenen Neumen Dirigierbewegungen nachzeichnen sollten oder ob es vielmehr umgekehrt war und der Cantor die Neumen in seinen Dirigierbewegungen nachzeichnete.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 506–509 Eine Elfenbeintafel aus Lothringen, die vermutlich im 10. Jahrhundert entstanden ist, zeigt gestische Handbewegungen aller Mitglieder einer Schola.Therese Bruggisser: Musik im liturgischen Buch. In: Michael Scholz, Adrian Mettauer (Hrsg.): Buchkultur im Mittelalter. Berlin 2005, S. 19.

Die Verwendung des Wortes Neume im Sinn von musikalischen Schriftzeichen gibt es erst seit dem 11. Jahrhundert. Im älteren Schrifttum finden sich stattdessen Begriffe wie nota, figura notarum oder forma notarum. Dieser allgemeinere Begriff schließt auch andere frühe Formen der Notation wie die Dasia- oder die Buchstabennotation mit ein. Bezeugt wird der Übergang von nota zu neuma in einem anonymen, meist ins späte 11. Jahrhundert datierten Essay:Cod. Lat. Palat. 235. Siehe auch Peter Wagner: Neumenkunde. 2. Aufl., Leipzig 1912, S. 355.

Allgemein üblich wurde die Bezeichnung Neume erst im 19. und 20. Jahrhundert im Gefolge der wissenschaftlichen Untersuchungen des Gregorianischen Chorals und dessen Notierung. In der musikwissenschaftlichen Forschung besteht aber bis heute keine einheitliche Verwendung des Begriffs „Neume“. Während manche Autoren den Terminus als Bezeichnung für einzelne Notationszeichen des Gregorianischen Chorals verstehen, verwenden andere ihn zur Beschreibung ganzer Notationssysteme oder gar als Gattungsbegriff für vormensurale musikalische Schriftlichkeit. Diese begriffliche Uneindeutigkeit hat eine lange Tradition: Schon im 19. Jahrhundert legten etwa Peter Wagner, Oskar Fleischer und Ewald Jammers unterschiedliche Definitionen zugrunde – je nachdem, ob sie von der Zeichenform, der musikalischen Funktion oder der historischen Entwicklung ausgingen.

Neuere Arbeiten haben diese Divergenz als methodisches Problem erkannt und konnten aufzeigen, dass der Begriff „Neume“ häufig aus einem „semio-zentristischen“ Verständnis hervorgeht, das die Zeichenhaftigkeit isoliert betrachtet, ohne deren historischen Gebrauch und klangliche Intention einzubeziehen. Man plädiert daher für eine doppelte Perspektive: einerseits die historische, andererseits die retrospektive, welche die Relation von Zeichen (Signifikant), Bezeichnetem (Signifikat) und klingender Realisierung (Referent) mitberücksichtigt.

Ursprung der Neumen/Notas Über Ursprung und Entstehung der Neumen/Notas gibt es unterschiedliche Theorien, von denen keine als zweifelsfrei gesichert gelten kann.Einen sehr differenzierten Überblick mit Beschreibung der Theorien und dem Pro und Kontra der wichtigsten Wissenschaftler bietet Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 505–526 Die in ihnen behandelten wichtigsten möglichen Vorbilder für gregorianische Neumen werden im Folgenden kurz genannt.

Die „Winke“ der Cheironomie werden heute nicht mehr widerspruchslos als Ausgangspunkt für die Neumen gesehen. Auf keinen Fall kann aus der Etymologie des erst spät auf die Notenzeichen angewandten Begriffes Neume – wie oben dargestellt – auf den Ursprung der Zeichen geschlossen werden.Max Haas, Kassel et altera 1997, Spalte 314. Ein direkter Zusammenhang mit griechisch-syrischen, syrisch-soghdischen, griechisch-koptischen und lateinischen Punktzeichen sowie mit byzantinischenByzantinische ekphonetische Zeichen über dem Text, spätes 10. Jahrhundert und hebräischen sowie Codex von Aleppo ekphonetischen Zeichen wie den Teamim wird widersprüchlich diskutiert.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 510–516Solange Corbin, Köln 1977, S. 3.12–3.16Max Haas, Kassel et altera 1997, Spalte 311ff. Prosodische Zeichen und Akzente wie Akutus und Gravis ähneln einigen Neumen sehr. Dennoch bleibt auch ihre Vorbildfunktion umstritten.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 516–522Solange Corbin, Köln 1977, S. 3.16–3.21. In den Blickpunkt gerückt sind möglicherweise von den Goten vermittelte Vorbilder aus Südgallien und Spanien und deren Adaption in den Skriptorien des karolingischen Bereiches.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 523–526.

Es wird aber auch vertreten, dass die gregorianischen Neumen/Notas ohne direkte Vorbilder in karolingischer Zeit aus den damals herrschenden Bedürfnissen heraus neu entstanden seien.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 433.

In den frühen musiktheoretischen Schriften Musica Albini und Musica Disciplina wird nicht nur der einzelne Ton als kleinster Teil der Musiklehre definiert, sondern auch die Parallele zu dem Buchstaben als dem kleinsten Teil der Sprachlehre und dem Einheitsmaß (gemeint ist die Zahl Eins) als dem kleinsten Teil der Arithmetik betont. Das deutet in Analogie zu diesen analytischen sprachlichen und mathematischen Disziplinen auf eine Detailbetrachtung, rationale Betrachtung und Kategorisierung der Melodien, wie sie bereits kurz vor 800 im Tonar von St. Requier/CentulaTonar der Abtei in Saint-Riquier/Centula online. nachweisbar ist. In der nordamerikanischen Musikwissenschaft werden in neuerer Zeit verschiedene Theorien über die Frage diskutiert, welche Impulsgebungen zur Entstehung der Neumenschrift bedeutsam gewesen sein könnten. Zweifellos spielte das Bemühen der Karolinger um die Vereinheitlichung der Liturgie und der Schrift in diesem Zusammenhang eine große Rolle. Die von Ademar de Chabannes verfasste Chronik aus dem Jahr 1028 berichtet über das besondere Engagement der karolingischen Kantoren, die die notam romanam gelernt hätten, die allerdings inzwischen notam fransciscam hießen.James Grier: Ademar de Chabannes, Carolingian Musical Practices, and "Nota Romana", Journal of the American Musicological Society, 56.1 (2003), S. 43–98; vgl. die Diskussionen zwischen Levy, Treitler und Hughes in: Oral and Written Transmission in Chant, hrsg. von Thomas Forest Kelly, Ashgate 2009. Bereits Kenneth Levy deutete die in der Admonitio generalis Karls des Großen (789) genannten notas übereinstimmend mit dieser Begriffsverwendung und der von Aurelian von Réome als musikalische Notation und ordnete sie der „prähistorischen“ Phase der Verschriftlichung des Gregorianischen Gesangs zu. Auch Leo Treitler datierte den Beginn der notas, die erst später neumen genannt wurden, aufgrund zahlreicher Indizien ins späte 8. oder frühe 9. Jahrhundert.Kenneth Levy: Charlemagne’s Archetype of Gregorian Chant. In: Journal of the American Musicological Society. Band 40 (1987), S. 11, vgl. Kenneth Levy: Zur Archäologie von Neumen (aus dem Englischen von Margaret Hiley). In: Beiträge zur Gregorianik. Band 36 (2003), S. 47–58; Leo Treitler: Reading and Singing: On the Genesis of Occidental Music-Writing. In: Leo Treitler: Early Music History. Band 4 (1984), S. 207. Vgl. hingegen die kritischen Anmerkungen von Helmut Hucke: Gregorianische Fragen. In: Die Musikforschung. Band 41 (1988), S. 304–330; s. a. Michael Glatthaar, Bernard von Réome und die Datierung der Musica disciplina Aurelians, in: Revue bénédictine 121 (2011), S. 357–381. Der ursprüngliche, schon von Karl dem Großen im Jahre 789 verwendete Terminus für die Notation des gregorianischen Gesangs war offensichtlich nota und wurde erst später durch den Ausdruck neuma ersetzt.

Älteste Neumen und Neumenfamilien Die ältesten überlieferten Quellen zu Neumeneintragungen stammen aus dem 9. Jahrhundert. Sie werden deutschen, französischen, nordspanischen und paläofränkischen Neumenfamilien zugeordnet. Diese ältesten uns vorliegenden Neumen sind nicht auf das Repertoire des Gregorianischen Gesangs beschränkt, sondern begleiten oft auch außerliturgische religiöse und weltliche Texte wie beispielsweise solche von Boethius und Martianus Capella.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 347 u. 431fEwald Jammers, Tutzing 1965, S. 78f

Die drei ältesten der erhalten gebliebenen liturgischen Sammlungen neumierten Gregorianischen Gesangs stammen aus dem frühen 10. Jahrhundert. Sie wurden in St. Gallen (Codex Sangallensis 359), in Laon (Codex Laon 239Graduel de Laon, auf manuscrit.ville-laon.fr) und in der Bretagne (Codex Chartres 47Bénédictins de Solesmes: Codex 47 de la bibliothèque de Chartres (Paléographie musicale Bd. XI), Solesmes 1912, ISBN 978-2-85274-187-4) aufgeschrieben.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 348f Die darin enthaltenen Neumen – sie werden heute St. Galler Neumen, lothringische Neumen und bretonische Neumen genannt – haben zwar Gemeinsamkeiten, unterschieden sich jedoch in wesentlichen Merkmalen und wahrscheinlich in ihrer Zielrichtung auf die Festlegung der Melodiegestalt und des Ausdrucks der textgebundenen Melodien sowie auf die Praxis des Singens, Lernens und Memorierens.Max Haas, Kassel et altera 1997, Spalte 303 Das Erlernen der Stücke geschah allerdings trotz Notation zunächst weiterhin viva voce durch Vor- und Nachsingen. Die Neumen konnten dabei zur Kontrolle herangezogen werden, wie es der Bericht des St. Galler Geschichtsschreibers Ekkehard IV. über das sagenhafte Antiphonar des Romanus nahelegt, das im 8. Jahrhundert direkt aus Rom nach St. Gallen gelangt sei.Cod. Sang. 615, Faksimile S. 141ffEccardus (Sangallensis): St. Galler Klostergeschichten/Ekkehard IV. Übersetzt von Hans F. Haefele, 3. unveränd. Aufl., Darmstadt 1991, ISBN 3-534-01417-0 Exzerpt und deutsche Übersetzung onlineMax Haas, Kassel et altera 1997, Spalte 314f

Die genannten drei Neumenfamilien zeigen bereits die beiden praktischen Hauptanliegen der Neumierung der römisch-katholischen Liturgie, nämlich das Auf und Ab der melodischen Linie zu erfassen und den textbezogenen Ausdruck sicherzustellen. Die St. Galler Neumenschrift gilt als perfekt in Bezug auf den intendierten Ausdruck. Sie ist am besten erforscht. Vor allem mit ihrer Entschlüsselung und Interpretation beschäftigt sich die Gregorianische Semiologie.Nancy Phillips, Darmstadt 2000, S. 353 u. 362–367 Skriptorien als lokale Zentren der Verbreitung