Perlentaucher (auch: Der Perlentaucher) ist ein deutsches Online-Magazin für kulturelle Themen, insbesondere für Literatur. Seit 2000 wird dort eine Presseschau der deutschsprachigen Feuilletons veröffentlicht. Die Redaktion hat ihren Sitz in Berlin-Mitte, nach ihrer Adresse in der Eichendorffstraße ist ihre Online-Buchhandlung eichendorff21 benannt. Laut IVW hatte die Website im März 2017 über 713.000 Besucher. Von den 1,5 Millionen Seitenabrufen in diesem Monat stammten 75 Prozent aus dem Inland.Perlentaucher Medien GmbH. In: IVW, März 2017, abgerufen am 21. Oktober 2018. Damit ist der Perlentaucher nach eigenen Angaben „das führende und unabhängige Kultur- und Literaturmagazin im deutschsprachigen Netz“. 2025 hatte die Seite über 107.000 Rezensionsnotizen zu mehr als 65.000 Büchern.

Geschichte Gründung und Geschäftsmodell mini|Mitbegründer und Geschäftsführer Thierry Chervel (2017) Die Idee zum Perlentaucher hatten im Jahr 1999 Anja Seeliger und Thierry Chervel, der bis dahin als Journalist für die taz und die Süddeutsche Zeitung (SZ) geschrieben hatte.„Surfen in der Tiefe“. In: Spiegel Online, 28. August 2000, abgerufen am 28. August 2016 (Interview mit Thierry Chervel). Sie wollten damit dem geringen Gewicht entgegenwirken, das die Kultur bis dahin im Internet hatte. Zusammen mit Adam Cwientzek und Niclas Seeliger gründeten sie mit eigenem Startkapital von 60.000 DMNichts Interessantes aus Österreich. Thierry Chervel über Vergangenheit und Zukunft des „Perlentauchers“ und Trends im Feuilleton. In: Frankfurter Rundschau. 2. Februar 2005, Stadtausgabe, S. 18. die Perlentaucher Medien GmbH als Betreibergesellschaft des neuen Portals. Seit dem 15. März 2000 ist die Webseite online.

In der Form lehnten sich die Gründer an die Presseschauen an, die Chervel als Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Paris im französischen Hörfunk schätzen gelernt hatte: Die Übersicht sollte eher in der Art einer „persönlichen Kolumne eines Journalisten“ angelegt sein, der Zeitungen durchblättert und dabei spontane und durchaus subjektive Empfehlungen gibt, und sich damit von den bis dahin üblichen „amtlichen Verlautbarungen“ absetzen, wie man sie etwa aus dem Deutschlandfunk kannte.

Das Projekt, das Chervel selbst fünf Jahre nach der Gründung als „kleinen Familienbetrieb“ bezeichnete, finanzierte sich ursprünglich ausschließlich über Internetwerbung, die als Werbebanner eingebunden oder in dem regelmäßig erscheinenden Newsletter enthalten ist, der per E-Mail frei verbreitet wird. In den Anfangsjahren kooperierte der Perlentaucher mit bol.de, dem Konkurrenzangebot des Bertelsmann-Konzerns zum seit 1998 in Deutschland aktiven Buchhändler Amazon, das Perlentaucher-Inhalte erwarb. Die Angebote werden vor allem von Buchverlagen genutzt. Die werktägliche Presseschau „Heute in den Feuilletons“ wurde zudem bis Juli 2016 von Spiegel Online in einer Kooperation übernommen.Heute in den Feuilletons. In: Spiegel Online. Abgerufen am 28. August 2016. Die Einnahmen aus der Verlagswerbung waren im Lauf der Zeit rückläufig. Seit 2018 besteht eine Kooperation mit dem Dienst Steady, über den die Leser für das weiterhin frei abrufbare Angebot freiwillig einen regelmäßigen Betrag zahlen können. Nach Angaben des Perlentauchers wurden darüber im Jahr 2019 monatlich netto etwa 5000 Euro eingenommen. Im Dezember 2021 hätten auf diesem Weg 1983 Mitglieder insgesamt 9299 Euro pro Monat für den Perlentaucher gezahlt, was fast dem Spendenziel entsprach. Seit 2019 betreibt das Unternehmen zudem einen eigenen Onlineshop eichendorff21, der vorwiegend anspruchsvollere Literatur anbietet. Laut Chervel ermöglichte die Steady-Kooperation die Investition in den Onlineshop sowie das finanzielle Überstehen der durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise. Die Finanzierung des Magazins sei „stabil“.

Grimme Online Award, 2003 Drei Jahre nach ihrer Gründung wurde die Website 2003 mit dem Grimme Online Award Medienjournalismus ausgezeichnet. Die Jury bezeichnete Perlentaucher als ein „einzigartige[s] ‚Journal der Journale‘“., Adolf-Grimme-Institut, 2003.

„signandsight.com“, 2005–2012 Zum fünfjährigen Bestehen des Portals im Jahr 2005 wurde mit Förderung der Kulturstiftung des Bundes die englischsprachige Schwesterseite signandsight.com ins Leben gerufen, die sich an ein internationales Publikum richtete und mit einer eigenen Feuilletonschau, Übersetzungen ausgewählter Artikel und Themen-Schwerpunkten einen Einblick in das zeitgenössische Kulturleben und die gesellschaftliche Debatte in Deutschland geben wollte.Andreas Borcholte: „Wir sind journalistisch unabhängig!“ In: Spiegel Online. 15. März 2005, abgerufen am 28. August 2016 (Interview mit Thiery Chervel). Nachdem die Förderung durch die Bundeskulturstiftung in Höhe von 1,4 Millionen Euro im September 2007 ausgelaufen war, wurde das Portal noch mehrere Jahre lang durch jährlich 30.000 Euro von Jakob Augstein und der Rudolf-Augstein-Stiftung unterstützt. Am 28. März 2012 gab die Redaktion die Einstellung von signandsight.com aus wirtschaftlichen Gründen bekannt.Anja Seeliger, Thierry Chervel: Signandsight.com sagt Goodbye. In: Perlentaucher. 28. März 2012, abgerufen am 29. März 2012.

Debatte zum Islam in Europa, 2007 Im Januar 2007 veröffentlichte Pascal Bruckner auf signandsight.com eine Polemik mit dem Titel Enlightenment fundamentalism or racism of the anti-racists?Enlightenment fundamentalism or racism of the anti-racists? In: signandsight.com. 24. Januar 2007 (englisch). Bruckner wandte sich in scharfen Worten gegen Ian Burumas Buch Die Grenzen der Toleranz – Der Mord an Theo van Gogh, aber fast noch mehr gegen Timothy Garton Ashs Essay über das Buch Islam in Europe, der zuerst in der New York Review of Books erschienen war.

Auf diese Polemik antworteten von Januar bis April 2007 unter anderem Ian Buruma, Timothy Garton Ash, Necla Kelek, Ulrike Ackermann, Adam Krzemiński, Bassam Tibi und viele andere. Die Debatte fand ein weltweites Presseecho und wurde im November 2007 als Buch bei Suhrkamp unter dem Titel Islam in Europa. Eine internationale Debatte publiziert.Islam in Europa – Das Buch zur Debatte. In: Perlentaucher. 1. November 2007, abgerufen am 30. August 2016.

Presseschau für „eurotopics“, 2005–2008 Von 2005 bis zum April 2008 betreute der Perlentaucher gemeinsam mit dem Magazin Courrier international die Presseschau der Seite eurotopics, ein Webangebot der Bundeszentrale für politische Bildung.Abschied von Eurotopics. In: Perlentaucher. 4. März 2008. Nachdem im Juni 2007 der damalige freie Mitarbeiter für eurotopics, Olaf Sundermeyer, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung einen Artikel gegen die Arbeit des Perlentauchers veröffentlicht hatte, ließ der Präsident der Bundeszentrale Thomas Krüger das Projekt im Oktober 2007 neu ausschreiben. Daraufhin kam das Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung e. V. (n-ost) zum Zuge, ein auf Osteuropa spezialisiertes Netzwerk von etwa 200 internationalen Journalisten und Medien, dem auch Sundermeyer angehört. Beiratsmitglied von n-ost war zudem der FAZ-Mitherausgeber Werner D’Inka. Er versicherte, von der Bewerbung nur „beiläufig in meiner Funktion als Beirat“ erfahren und erst danach mit Sundermeyer Kontakt aufgenommen zu haben. Perlentaucher verlor damit seinen bis dahin größten Auftrag in Höhe von 560.000 Euro.

Rechtsstreitigkeiten von Presseverlegern, 2006–2011 Der Perlentaucher und zwei große deutsche Zeitungsverlage trugen zwischen 2006 und 2011 eine gerichtliche Auseinandersetzung durch alle Instanzen über mögliche Urheberrechtsverletzungen aus.

Durch den Weiterverkauf von Zusammenfassungen aus dem Feuilleton an die Online-Buchhändler Amazon und buecher.de sahen Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung ihre Urheberrechte verletzt. Ihre Klagen auf Unterlassung und Schadenersatz wurden jedoch am 23. November 2006 vom Landgericht Frankfurt am Main und am 11. Dezember 2007 auch in zweiter Instanz abgewiesen. Die Abstracts der Buchrezensionen seien als freie Benutzungen der Originalrezensionen zulässig (§ 24 UrhG). Ebenso wenig verstoße ihre gewerbliche Nutzung gegen Markenrechte der Kläger oder gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Dagegen legten FAZ und SZ Revision ein.

Am 1. Dezember 2010 hob der Bundesgerichtshof die Berufungsurteile auf und verwies die Sachen an das Oberlandesgericht Frankfurt am Main zurück. Er bestätigte zwar die Auffassung des Berufungsgerichts, dass die Kläger kein generelles Verbot der Verwendung ihrer Buchrezensionen verlangen könnten, vielmehr die urheberrechtliche Zulässigkeit einer Verwertung der Abstracts allein davon abhänge, ob es sich bei den Zusammenfassungen um selbstständige Werke handelt, die in freier Benutzung der Originalrezensionen geschaffen worden sind und daher gemäß § 24 Abs. 1 UrhG ohne Zustimmung der Urheber der benutzten Werke verwertet werden dürfen. Das Berufungsgericht habe bei seiner Prüfung, ob die von den Klägern beanstandeten Zusammenfassungen diese Voraussetzung erfüllen, aber nicht die richtigen rechtlichen Maßstäbe angelegt und zudem nicht alle relevanten tatsächlichen Umstände berücksichtigt. Der Bundesgerichtshof hatte deshalb die Sache an das Berufungsgericht zurückverwiesen.Bundesgerichtshof entscheidet im Rechtsstreit FAZ und SZ gegen Perlentaucher. Pressemitteilung Nr. 229/2010 des Bundesgerichtshofs, 1. Dezember 2010, abgerufen am 28. August 2016.

Am 1. November 2011 entschied das Oberlandesgericht Frankfurt am Main im weiteren Verfahrensgang, dass einzelne Perlentaucher-Kritiken, die im Dezember 2004 erschienen waren und von den Klägern konkret benannt wurden, ihr Urheberrecht verletzten. Diese Abstracts bestünden mehr oder weniger aus einer Übernahme von besonders prägenden und ausdrucksstarken Passagen der Originalrezensionen, von denen lediglich einige Sätze ausgelassen worden seien. Sie stellten deshalb eine unzulässige „unfreie“ Bearbeitung im Sinne des Urheberrechtsgesetzes dar und hätten ohne die Einwilligung der Klägerinnen nicht übernommen werden dürfen. In diesem – eingeschränkten – Umfang gab das Oberlandesgericht den Berufungen deshalb statt und änderte die vorausgegangenen Urteile des Landgerichts entsprechend ab.

Im zeitlichen Zusammenhang mit den umfangreichen Rechtsstreitigkeiten ersuchte der Perlentaucher seine Leser im Januar 2011 um einen finanziellen Beitrag, um den weiteren Bestand der Plattform sicherzustellen. Der Appell wurde mit dem Verfall der Preise für Bannerwerbung im Internet begründet. Man bitte um eine freiwillige Unterstützung durch die Leser, weil der Perlentaucher weiterhin als frei zugängliches Angebot im Internet erhalten bleiben solle. Der Aufruf erbrachte innerhalb von zwei Wochen Spendeneinnahmen in Höhe von 22.000 Euro.

„Efeu“ und „9punkt“, seit 2014 Seit dem Januar 2014Perlentaucher ganz neu. In: Perlentaucher. 21. Januar 2014, abgerufen am 28. August 2016. wird die Presseschau infolge der veränderten Öffentlichkeit sowie der Nutzungsgewohnheiten der Leser in zwei Teilen gegeben, die zeitgleich vormittags erscheinen: In der Rundschau für Kritik und Kultur Efeu (Wortspiel mit Efeu und den Anfangsbuchstaben des Worts „Feuilleton“) geht es um die Entwicklung der Künste und der kulturellen Szenen, während es in der Debattenrundschau 9punkt um das kulturelle Gespräch in einem weiteren, auch politischen und wirtschaftlichen Sinne geht.

Debatte über die Literaturkritik, 2014/2015