Die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine, auch russisch-ukrainische Beziehungen genannt, beschreiben das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine. Die beiden Länder befinden sich seit Februar 2022 im Kriegszustand und unterhalten keine diplomatischen Beziehungen mehr. Beide Staaten verfügen über eine lange gemeinsame Geschichte und über zahlreiche gesellschaftliche und kulturelle Kontakte. Die gemeinsamen kulturellen Wurzeln beider Nationen lassen sich bis ins Mittelalter zurückverfolgen und die Ukraine war Teil des Russischen Zarenreiches und der Sowjetunion. Nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 gestalteten sich die Beziehungen beider Länder wechselhaft. Nach der ukrainischen Revolution im Rahmen des Euromaidan im Jahr 2014 wurde die ukrainische Halbinsel Krim von nicht gekennzeichneten russischen Streitkräften besetzt und später von Russland annektiert, während gleichzeitig pro-russische Separatisten das ukrainische Militär in einen bewaffneten Konflikt um den Donbass verwickelten, was den Beginn des Russisch-Ukrainischen Kriegs markierte. Gestalteten sich die bilateralen Beziehungen danach bereits stark antagonistisch, folgte Anfang 2022 eine weitere Eskalation mit einem großangelegten russischen Angriff auf die Ukraine von der Krim, von Südwestrussland sowie von Belarus aus.

Geschichte mini|Kiewer Rus

Kiewer Rus

Sowohl Russland als auch die Ukraine beanspruchen ihr Erbe aus der Kiewer Rus, einem von den Wikingern gegründeten Staatswesen, das die meisten ostslawischen und einige finno-ugrischen Stämme vereinte und im neunten bis elften Jahrhundert die byzantinische Orthodoxie übernahm. Die Hauptstadt des Staates bildete die Stadt Kiew und von russischen Nationalisten wurde die Identität der Kiewer Rus später für Gebietsansprüche und die Proklamierung einer angeblichen Einheit beider Völker genutzt.

Fürstentum Moskau und Russisches Reich Nach der mongolischen Invasion der Rus trennte sich die Geschichte der Völker, die die Territorien Russlands und der Ukraine bewohnten. Das Großfürstentum Moskau vereinigte alle Überreste der nördlichen Provinzen der Rus und entwickelte sich zum modernen russischen Staat. Das Fürstentum Galizien-Wolhynien kam unter die Herrschaft des Großfürstentums Litauen, gefolgt von Polen-Litauen. Innerhalb von Polen-Litauen lehnten die militanten Saporoger Kosaken die Polonisierung ab und gerieten oft mit dem vom polnischen Adel kontrollierten Staat aneinander.

Unruhen unter den Kosaken führten dazu, dass sie sich gegen die polnisch-litauische Herrschaft auflehnten und eine Vereinigung mit Russland anstrebten, mit dem sie Ähnlichkeiten in Kultur, Sprache und Religion hatten. Dies wurde 1654 im Vertrag von Perejaslaw formalisiert, in dem die Kosaken dem Zaren die Treue schworen.Zwischen der polnischen Adelsrepublik und dem Russischen Reich (1569–1657). In: Frank Golczewski (Hrsg.): Geschichte der Ukraine. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993, ISBN 3-525-36232-3. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts wurde ein Großteil des ukrainischen Territoriums nach und nach vom Russischen Reich annektiert und seine Autonomie bis zur Teilung Polens Ende des 18. Jahrhunderts aufgehoben. Das Saporoger Kosakenheer wurde 1775 vom Russischen Reich gewaltsam aufgelöst und die meisten Kosaken wurden in die Kuban-Region am Südrand des Russischen Reiches umgesiedelt. Ukrainer wurden in der Zeit des Russischen Reiches als Kleinrussen bezeichnet. Die Politik Russlands zielte auf die Russifizierung der Kleinrussen ab und die Bevölkerung wurde zum orthodoxen Christentum konvertiert. Im Jahr 1804 wurde die ukrainische Sprache als Unterrichtsfach und Unterrichtssprache aus den Schulen verbannt. In der Westukraine bildete sich dagegen unter dem Einfluss der Habsburgermonarchie eine getrennte kulturelle Identität.

Unter Katharina II. zerschlug Russland 1783 das Khanat der Krimtataren und gliederte die Krim in das russische Reich ein. Die Annexion wurde „für alle Zeiten“ proklamiert.

Erster ukrainischer Nationalstaat und Sowjetunion

mini|Flagge der Ukrainischen SSR Im Zuge der Februarrevolution 1917 wurden offizielle Beziehungen zwischen der russischen provisorischen Regierung und der ukrainischen Zentralna Rada (Zentralrat) aufgenommen. Nach der kommunistischen Machtübernahme in Moskau und der sowjetischen Militäraggression durch die Sowjetregierung Anfang 1918 erklärte die Ukraine am 22. Januar 1918 ihre volle Unabhängigkeit als Ukrainische Volksrepublik, die von 1917 bis 1922 bestand. Die beiden Verträge von Brest-Litowsk, die die Ukraine und Russland getrennt voneinander mit den Mittelmächten unterzeichneten, beruhigten den militärischen Konflikt zwischen ihnen vorübergehend, und die Sowjets zogen sich zurück. mini|Anteil der Ukrainer in russischen Regionen (Zensus von 1926) Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Ukraine zum Schlachtfeld des ukrainischen Unabhängigkeitskriegs, der mit dem russischen Bürgerkrieg verbunden war. Sowohl Russen als auch Ukrainer kämpften in fast allen beteiligten Armeen aufgrund ihrer persönlichen politischen Überzeugungen. Im Jahr 1922 gehörten die Ukraine und Russland zu den Gründungsmitgliedern der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, nachdem die Ukraine 1920 von der Roten Armee besetzt worden war. Die Westukraine fiel dagegen im Frieden von Riga 1920 an Polen, Rumänien und die Tschechoslowakei.

Mit dem Ende des Russischen Reiches wurde auch das Verbot der ukrainischen Sprache aufgehoben. Es folgte eine Periode der Korenisazija, in der die Kulturen der verschiedenen Sowjetrepubliken gefördert wurden. Unter der Rosstriljane widrodschennja (übersetzt hingerichtete Wiedergeburt) wurden allerdings in den 1930er Jahren zahlreiche ukrainische Schriftsteller, Publizisten und Künstler von der Sowjetmacht hingerichtet oder in Gulags transportiert.

Unter Diktator Josef Stalin kam es im Rahmen der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und der Entkulakisierung in den frühen 1930er Jahren zu einer Hungersnot in der Sowjetunion, von denen Südrussland, Kasachstan und die Ukraine besonders betroffen waren. Die Hungersnot kostete in der Ukraine knapp 3,5 Millionen Menschen das Leben und wurde als Holodomor bekannt. Inwiefern die Hungersnot von den Sowjetbehörden absichtlich ausgelöst wurde, um die ukrainische Nationalbewegung zu unterdrücken, wurde in der Forschung diskutiert. Die unabhängige Ukraine bemühte sich später um die Anerkennung des Holodomor als Völkermord, und verschiedene Staaten erkannten ihn als solchen an. mini|Die territoriale Entwicklung der Ukrainischen SSR Die nächste Katastrophe ereignete sich mit dem Beginn des Deutsch-Sowjetischer Krieges am 22. Juni 1941. Die Ukraine wurde schnell von der Wehrmacht überrannt und in der Schlacht um Kiew nahmen die Deutschen im September 1941 Kiew ein. In der Ukraine führten die deutschen Besatzer einen Vernichtungskrieg und das Massaker von Babyn Jar leitete den Holocaust in der Ukraine ein. Teile der ukrainischen Nationalbewegung kollaborierten mit den Nazis und beteiligten sich an der Vernichtung der Juden und der Verfolgung der polnischen Minderheit. In einer Gegenoffensive eroberte die Rote Armee 1943 Kiew zurück und vertrieb die Deutschen aus dem Land. Der Zweite Weltkrieg kostete in der Ukraine 6,5 Millionen Menschen das Leben, ein Fünftel der Bevölkerung, und führte zur Zerstörung vieler Städte und der Infrastruktur. mini|Anteil Ja-Stimmen beim Unabhängigkeitsreferendum 1991 Auch nach dem Ende des Krieges bekämpfte die Ukrainische Aufständische Armee bis in die 1950er Jahre hinein die sowjetische Herrschaft, bis diese endgültig vom NKWD niedergeschlagen werden konnte. Es kam in dieser Zeit auch zu Änderungen der Grenzen der Ukraine, u. a. durch den Anschluss von Transkarpatien an die Ukrainische SSR. 1954 übertrug Nikita Chruschtschow die Krim von der Russischen SSR auf die Ukrainische SSR. Die genauen Motive dafür sind unbekannt, es könnten aber innenpolitische Faktoren eine Rolle dabei gespielt haben und Chruschtschow hatte als Mitglied der Kommunistischen Partei der Ukraine eine enge Beziehung zu dieser. Innerhalb der Sowjetunion spielte die Ukraine eine herausragende Rolle, einmal als Kornkammer des Landes und auch als Industriezentrum durch die wichtigen Industriegebiete im Donezbecken. Mit Leonid Iljitsch Breschnew wurde die Sowjetunion von 1977 bis 1982 von einem Ukrainer regiert. Auch weitere Regierungschefs wie Nikita Chruschtchow und Konstantin Tschernenko hatten enge Verbindungen zur Ukraine. 1985 übernahm mit Michail Gorbatschow (dessen Mutter Ukrainerin war) ein Reformer die Macht in Moskau, was der ukrainischen Nationalbewegung Auftrieb verschaffte. Eine wichtige Rolle für den Zerfall der Sowjetunion spielte auch die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl von 1986, die katastrophale Folgen für die Ukraine hatte. Die separatistische Volksbewegung der Ukraine wurde 1989 gegründet. Die Werchowna Rada der Ukrainischen SSR erklärte am 16. Juli 1991 die Souveränität der Ukraine. Nach dem gescheiterten Putschversuch in Moskau 1991 erfolgte die Unabhängigkeitserklärung der Ukraine am 24. August 1991. Das anschließende ukrainische Unabhängigkeitsreferendum von 1991 bestätigte die Unabhängigkeit mit einer landesweiten Mehrheit von 92,3 %, mit Mehrheiten in allen Regionen der Ukraine, einschließlich der Krim.

Unabhängige Ukraine mini|Unterzeichnung der Belowescher Vereinbarungen Die Grundlage für die postsowjetischen Beziehungen wurde durch die Belowescher Vereinbarungen zwischen dem neuen ukrainischen Staatschef Leonid Krawtschuk und dem russischen Präsidenten Boris Jelzin sowie dem belarussischen Staatschef Stanislau Schuschkewitsch am 8. Dezember 1991 geschaffen. Während sich die Staats- und Regierungschefs darauf einigten, die Sowjetunion formell aufzulösen, wollten die Russen gegen den Widerstand der Ukraine eine neue supranationale Struktur schaffen, um sie zu ersetzen. Dies führte zur Gründung der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS), welche allerdings nur als loser Staatenbund fungierte. Auf dem Gebiet der nun unabhängigen Ukraine waren weiterhin sowjetische Kernwaffen stationiert, was 1994 zur Unterzeichnung des Budapester Memorandum führte, bei der die Ukraine ihre Kernwaffen aufgab; im Gegenzug für das Versprechen Russlands, die post-sowjetischen Grenzen zu respektieren. Ein weiterer Streitpunkt betraf die in Sewastopol stationierte russische Schwarzmeerflotte, was zu einer Proklamation der russischen Duma führte, dass die Übergabe der Krim 1954 an die Ukraine illegitim gewesen sei. Nach mehreren Jahren intensiver Verhandlungen wurde der Streit 1997 mit der Unterzeichnung des russisch-ukrainischen Flottenvertrags gelöst. Der Vertrag teilte die Flotte auf und erlaubte Russland, einige der Marinestützpunkte in Sewastopol bis 2017 für die russische Marine zu mieten (später bis 2042 verlängert), und der russisch-ukrainische Freundschaftsvertrag legte den Grundsatz für eine strategische Partnerschaft und betonte den Respekt für die gegenseitigen Grenzen und die gegenseitige Sicherheit. mini|Putin in der Ukraine (2001)