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Die französischen Internierungslager in Casseneuil waren Teil einer Lagerinfrastruktur, die ab Ende 1939 geschaffen wurde, um die für den Bau des Entwicklungsprojekt zur Poudrerie nationale de Sainte-Livrade-sur-Lot benötigten Zwangsarbeiter unterzubringen. Nach dem Scheitern des Poudrerie-Projekts dienten die beiden Lager unterschiedlichen Zwecken, so zum Beispiel weiterhin als Lager zur Unterbringung von Fremdarbeitern, als Sammellager für zur Deportation bestimmte Juden, als Kriegsgefangenenlager oder als militärisch genutzte Camps. In den 1950er Jahren wurde aus dem einen Lager ein Wohn- und aus dem anderen ein Industriegebiet.
Die Entstehung der Internierungslager in Casseneuil Von Ende 1939 bis zum Waffenstillstand von Compiègne (1940) wurde auf einem zum Teil auf der Casseneuiler Gemarkung gelegenen Gelände daran gearbeitet, eine große Schießpulverfabrik, die Poudrerie nationale de Sainte-Livrade-sur-Lot zu errichten. Für den Bau dieser Fabrik waren ungefähr 5.000 Menschen tätig, darunter etwa 3.500 spanische Bürgerkriegsflüchtlinge, die in Frankreich Schutz gesucht hatten und hier nun als Zwangsarbeiter rekrutiert wurden.
Zur Unterbringung dieser Arbeitskräfte entstanden im Umfeld der Poudrerie fünf Barackenlager, davon zwei auf Casseneuiler Gemarkung: das Camp de Sauvaud (Punkt A auf der Karte); später bekannt als Camp de la Gare oder Camp de Casseneuil, auf dessen Gelände sich heute ein Industriegebiet befindet, und das Camp de la Glaudoune (Punkt C auf der Karte); heute der Stadtteil Cité Belle Rive am nördlichen Rand des ehemaligen Poudrerie-Geländes.
Das Camp de la Gare Internierungslager für Fremdarbeiter Das Camp de la Gare beherbergte, bedingt durch die Einstellung der Arbeiten an der Poudrerie, nur für eine relativ kurze Zeit dort benötigte Arbeiter. Nach der AJPN dauerte diese Phase der Camp-Geschichte von 1939 bis zum Juni 1940, und die dienstverpflichteten spanischen Arbeiter waren zu der Zeit in einer Compagnie de Travailleurs Étrangers (CTE, Fremdarbeiterkompagnie) zusammengefasst.AJPN: 146e CTE Casseneuil 1939 – 6/1940 Eine andere Quelle sieht die spanischen Arbeiter ausweislich eines Poststempels als Mitglieder der 17ème Compagnie de Travailleurs Militaires.Prisonniers de Guerre: les groupements et compagnies de travailleurs espagnols 1940 – La Poudrerie / Gironde Welche Tätigkeiten den Fremdarbeitern nach der Einstellung der Bauarbeiten an der Pulverfabrik noch oblagen, ist nicht bekannt.
Der AJPN zur Folge waren ab Juni 1940 – und somit in direkter Nachfolge der CTE – vier Groupes de Travailleurs Étrangers (GTE, Fremdarbeitergruppen) in Casseneuil stationiert. Tatsächlich gab es diese Organisationsform aber erst ab dem Herbst des Jahres 1940. Die GTE waren vom Vichy-Regime per Gesetz vom 17. September 1940 als Nachfolgeorganisation der CTE eingeführt worden.Siehe hierzu den bereits zitierten Wikipedia-Artikel Das System der Arbeitslager in Frankreich 1939 – 1944 Wie viele Arbeiter in Casseneuil verblieben, ist nicht bekannt; da die GTE aber in der Regel aus etwa 250 Mann starken Einheiten bestanden, wären noch um die 1.000 dienstverpflichteten Arbeiter an diesem Ort stationiert gewesen.
Anders als nach der APJN begann nach Duranthon die zweite Phase der Internierung im Camp de la Gare erst im September 1941. Ab dem Zeitpunkt seien auf Verlangen der deutschen Besatzungsbehörden mehrere Gruppen von Arbeitern im Lager stationiert gewesen, die von Gendarmen bewacht worden seien. Casseneuil sei ihr Heimathafen („port d‘attache“) gewesen, ihre Einsatzorte dagegen der Atlantikwall, eine Poudrerie in Tours, die U-Boot-Basis in Bordeaux-Bacalan und Aluminiumwerke in den Alpen. Nur einen Absatz weiter spricht Durathon allerdings davon, dass im August 1942 nur noch einige Spanier, die in der Landwirtschaft beschäftigt waren, im Camp de la Gare gewohnt hätten.Madeleine Duranthon: Autour de la Poudrerie … Les Camps
Zu den vier von der AJPN aufgeführten GTE (siehe Weblinks) liegen nur für die GTE 536 weiterführende Informationen vor, und diese betreffen die Situation im Sommer 1942. Auf einer CAFI-Webseite heißt es, in der Region Lot-et-Garonne seien 1942 448 ausländische Juden interniert gewesen. Sie hätten hauptsächlich drei GTE angehört, darunter auch der GTE 536. Diese Gruppe habe mehrheitlich aus Spaniern bestanden, aber auch aus 109 Juden. Von diesen Juden hätten nur 10 in der Poudrerie gearbeitet, die Restlichen an anderen Arbeitsstellen außerhalb von Casseneuil.CAFI: 1940-1952 – Une succession de courtes occupations Die Einheit wurde von einem französischen Offizier geleitet, der es verstanden habe, das Lager zu einem „erträglichen Aufenthaltsort zu machen“.Christian Eggers: Unerwünschte Ausländer Diese besonderen Bedingungen, die für die meisten Lager unvorstellbar waren, schildert Eggers wie folgt:
Bei der AJPN und bei Peter Gaida finden sich ähnlich positive Aussagen über die GTE 536, wobei Gaida auch noch erwähnt, dass innerhalb des Lagers der GTE 536 vermutlich schon 1941 Baracken für als arbeitsuntauglich eingestufte Internierte eingerichtet worden seien.Peter Gaida: "Überschüssige Ausländer" Gaida schreibt außerdem, dass es 1944 Pläne gegeben habe, in Casseneuil – neben Muret – eine „Disziplinargruppe“ für Deserteure aus den Arbeitseinsätzen bei der Organisation Todt (OT) einzurichten. Ob es dazu kam und welche Verbindungen im Detail zwischen den GTE in Casseneuil und der Organisation Todt bestanden, ist nicht bekannt. Allerdings war die OT verantwortlich für den Bau der U-Bootstützpunkte an der französischen Küste sowie des Atlantikwalls, wo ja nach Duranthon in Casseneuil stationierte GTE eingesetzt waren.
Teil der Judenverfolgungen des Vichy-Regimes Der August 1942, der für die Fremdarbeiter in Casseneuil mit einigermaßen erträglichen Lebensbedingungen einherging, nahm für einige von ihnen und andere Menschen in der Region einen tödlichen Verlauf. Zuvor seien immer mal wieder jüdische Menschen in einen abgeschirmten Teil des Lagers gebracht worden, die beim heimlichen Überschreiten der Demarkationslinie zwischen der besetzten und der freien Zone verhaftet wurden. Am 26. August aber führte das Vichy-Regime in der freien Zone eine große Razzia durch, um die noch in Freiheit lebenden staatenlosen Juden festzunehmen und sie anschließend an die Deutschen zur Deportation auszuliefern.
In Casseneuil fand bereits am 19. Juli eine erste Razzia stattFrédéric Pascaud: Un mémorial en hommage aux juifs déportés, und die dabei und am 26. August festgenommenen Menschen wurden in das Lager Casseneuil gebracht, das als Sammellager auserkoren worden war. Hierher kamen auch jüdische Menschen, die sich in einem Bauernhof in Monbahus versteckt hatten, und Menschen aus Allez-et-Cazeneuve. Im dortigen Château de Tombebouc () war die GTE 308 stationiert, der laut Duranthon überwiegend jüdische Männer – im Vichy-Jargon PalästinenserAJPN: Groupement Palestinien de Travailleurs Étrangers – belgischer Herkunft und einige aus Ostblockländern angehörten. Eine auf einer weiteren AJPN-Webseite abgebildeten Gedenktafel, die zusätzlich das Bild der damals elfjährigen Eléonore Zimmerman zeigt, die zu den deportierten Kindern gehörte, legt nahe, dass das Château de Tombebouc auch selbst als Sammellager während der Razzien fungierte.Gedenktafel zu Ehren der Deportationen aus Casseneuil und dem Château de Tombebouc. Diese Gedenktafel wurde am 5. April 1992 an der Wand einer Baracke auf dem ehemaligen Lagergelände eingeweiht und trug die Inschrift: „Am 23. August und 3. September I942 wurden 346 Juden, darunter 34 Kinder, die in den Gemeinden des Departements Lot-et-Garonnee aufgespürt und im Schloss Tombebouc und im Lager Casseneuil zusammengetrieben wurden, von der Vichy-Regierung an die Nazis ausgeliefert und in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.“ (Madeleine Duranthon: Autour de la Poudrerie … Les Camps, S. 27. „Le 23 août el Ie 3 septembre I942, 346 Juifs, dont 34 enfants, raflés dans les communes du Lot-et-Garonnee, rassemblés au château de Tombebouc et au camp de Casseneuil furent livrés aux Nazis par le gouvernement de Vichy et déportés vers le camp d'extermination d'Auschwitz.“) Da das Gelände heute von der Firma "France Prune" genutzt wird, ist nicht bekannt, ob dieser Erinnerungsort noch besteht.
In der Folge der beiden Razzien wurden 473 Männer, Frauen und 38 Kinder aus Casseneuil deportiert, nur 37 von ihnen überlebten.Casseneuil: un mémorial en hommage aux déportés juifs inauguré Für 31 Familien hat die AJPN Kurz-Biografien erstellt.AJPN: Arrestations 1939-1945 : Casseneuil Die Biografien aller 473 Deportierten sind in dem Buch Les 473 déportés juifs de Lot-et-Garonne veröffentlicht worden.Alexandre Doulut & Sandrine Labeau: Les 473 déportés juifs de Lot-et-Garonne, les Fils et filles des déportés juifs de France, Paris 2010, ISBN 978-2-9535840-0-4 (mit einem Vorwort von Serge Klarsfeld) Ein von der APJN zitierter Bericht eines französischen Nachrichten-Offiziers vom 31. August 1942 zeigt aber, dass die „Operationen zum Einsammeln ausländischer Israeliten“ (opérations de ramassage des Israélites étrangers) nicht zur vollsten Zufriedenheit ihrer Initiatoren verlaufen war. In dem Bericht ist von erwarteten 700 Verhaftungen die Rede, die aber nicht realisiert werden konnten. Zudem habe es eine ganze Reihe von Interventionen zugunsten der betroffenen Personen gegeben, und die Bevölkerung im Allgemeinen der Aktion ablehnend gegenüber gestanden habe. „Man versteht nicht ganz, was der Zweck dieser Aktion ist. Einige behaupten, dass diese Aktion keinen anderen Grund hat, als die Juden wieder Deutschland zur Verfügung zu stellen, das geschworen hat, die israelitische Rasse auszulöschen.“AJPN: Camp de Sauvaud dit Camp de la Gare ou Camp de Casseneuil durant la Seconde Guerre mondiale „On ne comprend pas très bien le but de cet acte qui est très diversement commenté. Certains prétendent que cette opération n'a d'autre raison que de remettre les Juifs à la disposition de l'Allemagne qui a juré de supprimer la race israélite.“
Auf Initiative des Vereins Association pour le Mémorial du camp de Casseneuil wurde am 4. September 2016 zu Ehren der Deportierten eine Gedenkstätte am ehemaligen Gelände des Camp de la Gare eingeweiht (Punkt B auf der Karte).Fotos von der Gedenkstätte finden sich auch auf der CAFI-Webseite CAFI: 1940-1952 – Une succession de courtes occupations (Weblinks) An der Zeremonie nahm auch Serge Klarsfeld teil.
Nicht weit von der Gedenkstätte entfernt befindet sich auch die Avenue de la Gare. Von dem für das Lager namensgebenden Bahnhof existiert nur noch ein ehemaliges Lagergebäude. (Punkt D auf der Karte)Ob das Gebäude des Institut médico éducatif () das alte Bahnhofsgebäude oder ein Teil von diesem ist, konnte nicht verifiziert werden.
Zwangsarbeiterrekrutierung für Nazi-Deutschland