Die Insel des vorigen Tages ist der dritte Roman von Umberto Eco, der 1994 im italienischen Original unter dem Titel L’isola del giorno prima und 1995 in der deutschen Übersetzung von Burkhart Kroeber erschienen ist. Er erzählt die angeblich wahre Geschichte des piemontesischen Landadligen Roberto de La Grive, der um die Mitte des 17. Jahrhunderts auf der Suche nach der Lösung des Problems der Längengrade an der Datumsgrenze in der Südsee verschollen sein soll.

Inhalt Der Erzähler behauptet, die Geschichte anhand von fragmentarischen Aufzeichnungen und Briefen aus dem 17. Jahrhundert so getreu wie möglich rekonstruiert zu haben: Im Juli oder August des Jahres 1643 befindet sich ein junger Italiener namens Roberto de La Grive als Schiffbrüchiger in der Südsee auf einem verlassenen Segelschiff namens „Daphne“, das in Sichtweite einer einsamen Insel vor Anker liegt, und schreibt Briefe an eine nicht genauer definierte „Signora“, aus denen sich sein bisheriges Leben und die Erklärung seiner seltsamen Lage allmählich ergeben:

In der Gegend von AlessandriaAlessandria ist Umberto Ecos Geburtsstadt. als Sohn eines kleinen Landadeligen aufgewachsen, erfindet sich Roberto, weil er sich einsam fühlt, einen Halbbruder und Doppelgänger, den er Ferrante nennt und später manchmal tatsächlich zu sehen wähnt. Im Frühjahr 1630, im Alter von 16 Jahren, reitet er mit seinem Vater und dessen Mannen nach Casale im benachbarten Monferrato, um die im Mantuanischen Erbfolgekrieg von den Spaniern belagerte Stadt zu verteidigen. Im Kampf gegen die Spanier kommt sein Vater ums Leben, und Roberto fühlt sich noch einsamer als zuvor. Beeinflusst von einem französischen Edelmann, den er in Casale kennengelernt hat, geht er schließlich nach Frankreich, studiert in Aix-en-Provence bei einem nicht weiter präzisierten „Kanonikus von Digne“Dahinter verbirgt sich der 1592 in Digne geborene atomistische Philosoph und Naturforscher Pierre Gassendi. und gelangt sodann nach Paris, wo er Anschluss an freigeistige Kreise findet, in den Salons der „Précieuses“ verkehrt, jener adligen Damen, die geistreiche, unkonventionelle Gespräche lieben, und sich in die schöne Lilia verliebt, was er ihr jedoch nicht zu sagen wagt, sondern nur in schmachtenden, aber nicht abgeschickten Briefen ausdrückt.

Um die Angebetete zu beeindrucken, hält er Anfang Dezember 1642 in einem Pariser Salon einen Vortrag über die Liebe als materielle Kraft, die dem „sympathetischen Pulver“ vergleichbar sei, einer Substanz, mit der man Wunden auf Distanz heilen oder auch verschlimmern könne, wenn man sie auf die Klinge streue, mit der die Wunde geschlagen worden sei. Am Abend nach diesem Vortrag taucht ein Hauptmann bei Roberto auf, verhaftet ihn und bringt ihn zu Kardinal Mazarin. Während Kardinal Richelieu nebenan auf dem Sterbebett liegt, beschuldigt Mazarin den Verhafteten des Hochverrats. Seine einzige Chance, der Todesstrafe zu entgehen, sei die Durchführung einer geheimen Mission. Ein junger Mann von Anfang Zwanzig namens Colbert – der sich „auf vielversprechende Weise in die Geheimnisse der Staatsverwaltung einarbeitet“, wie Mazarin ihn vorstellt – erläutert Roberto, worum es geht: Auf hoher See könne man zwar mit Hilfe der Gestirne und schon seit der Antike bekannter Navigationsinstrumente den jeweiligen Breitengrad ermitteln, aber das genüge nicht, um beispielsweise eine bestimmte Insel später wiederzufinden. Dazu müsse man auch den Längengrad kennen. „Doch leider“, so Colbert, „hat sich bisher jedes Mittel, das zur Bestimmung der Längengrade erdacht worden ist, als untauglich erwiesen.“ Wenn man außer der Ortszeit auch die genaue Zeit z. B. in Paris kennen würde, wäre es möglich, die Zeitdifferenz in einen Winkel bzw. einen Längengrad umzurechnen, denn eine Stunde entspricht 15 Längengraden. Aber es gibt keine Uhr, die genau genug geht, und wie soll man irgendwo auf dem Meer wissen, wie viel Uhr es gerade in Paris ist? Man bräuchte einen Festen Punkt oder Punto Fijo, wie ihn die Spanier nennen, doch woher nehmen? Nun habe jedoch die französische Regierung erfahren, dass der englische Arzt Doktor Byrd sich auf eine Expedition zur Erforschung des Problems vorbereite. Aus Gründen der Tarnung werde er dazu nicht ein englisches, sondern ein holländisches Schiff nehmen, die „Amarilli“. Roberto solle nach Amsterdam reisen, mit an Bord der „Amarilli“ gehen und heimlich beobachten, was Doktor Byrd unternehmen werde.

Nach einer monatelangen Seereise, die über den Atlantik nach Südamerika, um Kap Hoorn herum und bis weit in den Westen des Stillen Ozeans führt (und im Kapitel „Das Narrenschiff“ fast elegisch mit Anklängen an berühmte Südseegeschichten – von der des Robinson Crusoe über die der Bounty bis zu denen von Robert Louis Stevenson und Paul Gauguin – beschrieben wird), findet Roberto endlich heraus, wie Doktor Byrd jede Nacht heimlich die Uhrzeit in London ermittelt: Auf dem Schiff ist ein Hund versteckt, den man vor der Abreise in London mit einer Klinge verletzt hat. Offenbar streut Doktor Bryd auch noch Salz in die klaffende Wunde, damit sie nicht verheilt. Immer um Mitternacht streicht jemand in London „sympathetisches Pulver“ auf die Klinge, die die Wunde geschlagen hat – und im selben Augenblick heult der sonst nur wimmernde Hund laut auf.Dieses abstruse Verfahren zur Bestimmung der Längengrade wurde tatsächlich 1687 in einem Flugblatt mit dem Titel Curious Enquiries vorgeschlagen, siehe Dava Sobel, Längengrad, Berlin 1996.

Im Juli oder August 1643 gerät die „Amarilli“ jedoch in einen Orkan und geht mit Mann und Maus unter. Roberto kann sich auf eine Planke retten und treibt tagelang im Wasser, bis er zu einem Schiff gelangt, das in einer seichten Bucht vor Anker liegt: die „Daphne“. Mit letzter Kraft klettert er eine Strickleiter hinauf und schläft erschöpft auf dem Deck ein.

Als er wieder erwacht, stellt er fest, dass die Rettungsboote fehlen und das Schiff zwar intakt, aber offenbar von der Besatzung verlassen ist. Im Osten sieht er eine paradiesische Insel liegen, die jedoch für einen Nichtschwimmer wie Roberto unerreichbar ist. In der Kombüse findet er reichlich zu essen. Als er seltsame Geräusche hört, zieht er sich ängstlich in die Kapitänskajüte zurück.

Später wagt er es, den Geräuschen nachzugehen. Dabei entdeckt er ein Gewächshaus mit exotischen Pflanzen und ein Vogelhaus voller Käfige mit buntschillernden Vögeln. Die Pflanzen sind offenbar frisch gegossen und die Vögel gerade gefüttert worden! Als er weitersucht, entdeckt er hinter dem Vogelhaus einen Raum mit zahlreichen Uhren und anderen Messinstrumenten. Hat vielleicht auch auf diesem Schiff jemand versucht, eine Methode zur Bestimmung der Längengrade zu erproben? Systematisch untersucht Roberto das Schiff und findet schließlich einen alten Mann, der sich als Jesuitenpater Caspar Wanderdrossel aus Rom vorstellt. Der gebürtige Deutsche, ein barocker Universalgelehrter, der ein markant barockes Deutsch sprichtIm italienischen Original spricht er ein Italienisch mit deutscher Wortstellung (die Verben am Ende etc.), das in Italien als „tedesco maccaronico“ eine lange Tradition in der parodistischen und satirischen Literatur hat. (und nach dem Muster barocker Universalgelehrter wie Athanasius Kircher und Caspar Schott gestaltet ist), erklärt Roberto, er habe die Reise in die Südsee unternommen, um exotische Tiere und Pflanzen zu sammeln. Vor kurzem habe er jedoch wegen eines Insektenstichs hohes Fieber bekommen, und als der Kapitän Pestbeulen an ihm zu entdecken glaubte, sei die Besatzung auf die nahe Insel geflohen. Dort seien die Männer dann wohl von „Eingeborenen“ getötet und womöglich verspeist worden.

Aufgrund seiner Himmelsbeobachtungen ist Pater Caspar überzeugt, dass zwischen dem Schiff und der Insel im Osten der 180. Längengrad verläuft, also die Datumsgrenze. Auf der Insel ist es demnach, logisch betrachtet, vom Schiff aus gesehen noch gestern! Für die beiden Schiffbrüchigen wird sie so zur „Insel des vorigen Tages“. Da jedoch beide nicht schwimmen können, wären sie nur mit einem Floß in der Lage, die Insel zu erreichen, aber um das zu bauen, bräuchten sie Werkzeuge, und die haben die Matrosen mit auf die Insel genommen. Vergeblich bemüht sich Roberto, schwimmen zu lernen. Da kommt Pater Caspar auf die Idee, eine Art Taucherglocke zu bauen, in welcher er auf dem vermutlich nicht allzu tiefen Meeresgrund zur Insel hinüberwandern will. Der fromme Pater fürchtet schon, die Sünde der Hoffart zu begehen, so stolz ist er darauf, als erster Mensch in die geheimnisvolle Meereswelt hinabzusteigen. Er schnallt sich die Taucherglocke an, Roberto hievt ihn mit einer Winde empor und lässt ihn ins Wasser hinab. Dann wartet er lange, dass der Pater wieder zum Vorschein kommt, aber vergeblich: Pater Caspar Wanderdrossel taucht nicht wieder auf.

In seiner erneuten Einsamkeit übt sich Roberto weiter im Schwimmen, bis er an einen giftigen Fisch gerät, dessen Berührung ihn in einen Fieberwahn an der Grenze des Todes versetzt. Schon vorher hatte er angefangen, sich einen Roman auszudenken, in dem seine geliebte Lilia und sein böser Doppelgänger Ferrante, den er sich als Kind erfunden hatte, die Hauptrollen spielen: Ferrante ist nach Paris gekommen und gibt sich dort als Roberto aus, in Robertos Gestalt macht er sich an Lilia heran und überredet sie, mit ihm an Bord des Piratenschiffs „Tweede Daphne“ zu gehen, um einem Dokument von größter Bedeutung für die Geschicke Frankreichs nachzujagen. In blindem Hass verfolgt er Roberto über die Meere. Doch in der Südsee meutert die gequälte Besatzung der „Tweede Daphne“, danach gerät das Schiff in einen Orkan und geht unter. Ferrante gelingt es gerade noch, Lilia auf eine aus den Angeln gerissene Tür zu binden. So treibt sie schließlich genau auf die Insel des vorigen Tages zu, vor deren Westküste sich Roberto befindet. Ferrante aber wird an den Strand einer anderen Insel gespült, die sich als Hölle erweist, in der lebende Tote in verschiedenen Stadien der Auflösung vergeblich auf ein Ende ihrer Qualen warten. Dort lässt Roberto seinen bösen Doppelgänger enden. Unterdessen treibt Lilia – immer in Robertos erdachtem Roman – auf ihrem Türblatt im Meer und droht vor Erschöpfung zu sterben. Um sie zu retten, macht sich Roberto selbst zu einer Figur in seinem Roman: Wenn er es schafft, auf die Insel zu gelangen, so überlegt er, dann ist er dank des Zeitsprungs einen Tag vor Lilias Ankunft dort und kann ihr helfen, sobald sie gelandet ist. Sollte er aber die Insel nicht erreichen, dann würde er sich genau auf dem 180. Längengrad treiben lassen, auf der Grenzlinie zwischen heute und gestern, außerhalb der Zeit, und würde dadurch – so malt er es sich in seinem Wahn aus – auch die Zeit auf der Insel anhalten und den Tod der Geliebten für immer hinauszögern.

Mit dieser Idee im Kopf erhebt sich Roberto aus seinem Fiebertraum, lässt die Vögel frei, steckt die „Daphne“ in Brand, lässt sich ins Wasser gleiten und stößt sich ab, „hin zu einer der beiden Glückseligkeiten, die ihn gewiss erwarteten“.

Im Schlusskapitel erwägt der Erzähler, dass die „Daphne“ vielleicht nicht völlig verbrannt ist, da man ja sonst Robertos Aufzeichnungen nicht hätte finden können. Spätere Südseefahrer wie Abel Tasman oder Captain Bligh hätten das Wrack entdeckt und die Papiere gefunden haben können. Aber wie sie dann schließlich in seine Hände geraten sind, lässt der Erzähler offen.

Stil und Aufbau