Baudolino ist ein historischer Roman von Umberto Eco, der 2000 im italienischen Original und 2001 in der Übersetzung von Burkhart Kroeber erschienen ist. Er erzählt im Stil eines Schelmenromans die Lebensgeschichte eines piemontesischen Bauernjungen aus der Gegend von Alessandria, der anno 1154 als etwa Dreizehnjähriger von dem Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa adoptiert und an dessen Hof erzogen wurde, nach einem Studium in Paris zum Berater des Kaisers in italienischen Dingen aufstieg, 1189 mit dessen Heer zum Dritten Kreuzzug aufbrach, nach abenteuerlichen Reisen in den fernen Osten anno 1204 die Plünderung von Konstantinopel durch die Kreuzritter des Vierten Kreuzzugs miterlebte und einige Jahre später irgendwo im Orient verschollen sein soll.
Inhalt Einleitung Der Roman beginnt mit einem selbstverfassten Bericht des jungen Baudolino über seine erste Begegnung mit Barbarossa: Es muss während dessen erster Romfahrt 1154 gewesen sein, der noch ungekrönte Kaiser hatte sich im Wald und Nebel der westlichen Poebene verirrt, bat den Bauernjungen um Hilfe und wurde, nachdem er die Nacht in der Hütte von Baudolinos Vater verbracht hatte, am nächsten Tag von dem Jungen zu seinem Heer zurückgeführt. Der Text reproduziert den von Baudolino eigenhändig niedergeschriebenen Bericht, den er am kaiserlichen Hofe in Regensburg „Anno Domini MCLV“ (1155) unter der Überschrift „Chronik des Baudolino aus dem Geschlecht der Aulari“ verfasst hat. Da er gerade erst Lesen und Schreiben gelernt hat und in seiner heimatlichen Mundart zu schreiben versucht, ist sein Bericht in einer zunächst gewöhnungsbedürftigen Sprache und Orthographie geschrieben.
Rahmenhandlung Nach dieser Einleitung wird das Leben Baudolinos zwar in der dritten Person und in heutiger Sprache erzählt, aber so, wie er selbst es im April 1204 als über Sechzigjähriger in Konstantinopel dem byzantinischen Historiker und hohen Beamten Niketas Choniates erzählt, den er aus den Händen marodierender fränkischer Kreuzfahrer gerettet und in Sicherheit gebracht hat.Niketas ist im Gegensatz zu Baudolino eine reale Person der Geschichte: Er lebte von etwa 1150 bis etwa 1215 und hat das grundlegende zeitgenössische Werk über die Eroberung Konstantinopels geschrieben, aus dem ihn Eco immer wieder zitieren lässt, vgl. Niketas Choniates, Die Kreuzfahrer erobern Konstantinopel, übersetzt, eingeleitet und erklärt von Franz Gabler. Byzantinische Geschichtsschreiber, Bd. 3, Styria, Graz 1958. Während er dem Byzantiner sein Leben erzählt und mit ihm darüber und allgemein über den Lauf der Welt spricht, sehen sie von einem sicheren Ort aus zu, wie die prächtige Stadt am Bosporus drei Tage lang brennt und geplündert wird. Am vierten Tag wagen sie es, ihr Versteck zu verlassen, und ziehen verkleidet gemeinsam mit anderen Flüchtlingen in die Stadt Selymbria am Marmarameer. Dort beendet Baudolino die Erzählung seines Lebens. Sie lässt sich inhaltlich und perspektivisch in zwei Teile zerlegen:Dies hat schon der Autor selbst verschiedentlich betont. In einem längeren "Gespräch über 'Baudolino'", das der Romanist Thomas Stauder im Mai 2001 mit ihm geführt hat, sagt Eco dazu: "Das Mittelalter glaubte an die Geheimnisse des Orients, auf deren Suche sich Baudolino begibt und worüber auch der Historiker Jacques Le Goff einiges sehr Lesenswerte geschrieben hat. Im Roman habe ich daraus eine Art von Chiasmus gemacht: Im ersten Teil beschreibe ich ein Abendland voller Probleme, das die Lösung derselben in einem märchenhaften Morgenland zu finden hofft; im zweiten Teil ist dann die Rede von einem in einem katastrophalen Zustand befindlichen Orient, der sich die Rettung vom Okzident erwartet." Zibaldone. Zeitschrift für italienische Kultur und Gegenwart, No. 33, Frühjahr 2002, Tübingen, Stauffenberg Verlag, 2002, S. 101.
Erster Teil Schon als zwölf- bis dreizehnjähriger Bauernjunge hat Baudolino den deutschen Kaiser, der sich im Nebel der Poebene verirrt hatte, mit einem Lügenmärchen beeindruckt: San Baudolino, der Ortsheilige jener Gegend, habe ihm die Einnahme der nahe gelegenen Stadt Tortona durch Kaiser Barbarossa prophezeit. Friedrich ist von dem Jungen angetan und nimmt ihn mit zur Kaiserkrönung nach Rom. Danach kümmert sich Bischof Otto von Freising in Regensburg um Baudolinos Erziehung,Otto von Freising ist ebenfalls eine reale Person der Geschichte. In seiner umfassenden Weltchronik Chronica sive Historia de duabus civitatibus („Geschichte der beiden Reiche“ – gemeint sind das weltliche und das himmlische) hat er die Hoffnung auf ein Bündnis zwischen dem Priesterkönig Johannes und dem deutschen Kaiser ausgedrückt. wobei er den ohnehin mit ausgeprägter Fabulierlust Gesegneten lehrt, es sei ein gutes Werk, um der höheren Wahrheit willen „falsch zu bezeugen, was du für richtig hältst“.Baudolino, Hanser, S. 71, dtv S. 77. Auf dem Sterbebett mahnt er ihn, stets an das Reich des Priesterkönigs Johannes im fernen Osten zu denken und nach ihm zu suchen. Denn: „Nur wenn man danach sucht, wird man das Banner der Christenheit über Byzanz und Jerusalem hinaustragen können.“
Baudolino nimmt sich den Rat zu Herzen, geht jedoch vorerst zum Studium nach Paris und lernt dort erste Freunde kennen: einen Rittersohn aus Köln, von dem alle nur als „der Poet“ sprechen, einen rothaarigen Levantiner namens Abdul, der schöne provençalische Lieder zur Laute singt, einen fahrenden Scholaren namens Boron, einen für die bretonischen Ritter- und Feengeschichten schwärmenden Franzosen namens Kyot und den jüdischen Rabbi Solomon.Hinter Baudolinos Freunden verbergen sich lauter historisch belegte Personen der mittelalterlichen Literaturgeschichte: der sogenannte Archipoet aus Köln, der provençalische Troubadour Jaufré Rudel, der fahrende Scholar Robert de Boron sowie der Provençale Kyot, der laut Wolfram von Eschenbach die Vorlage für dessen Parzival verfasst haben soll. Mit ihnen trainiert er sein Talent zum Erfinden von Lügengeschichten, wozu sie wiederholt Haschisch konsumieren, sprich: den berauschenden „grünen Honig“, den Abdul bei den Assassinen kennengelernt hat.
Nach dem Studium nimmt Baudolino seine Freunde mit an den Hof des Kaisers, wo er zu einem Ministerialen des Reiches ernannt wird. Als solcher – und als begabter Lügner – nimmt er Einfluss auf den Verlauf der Weltgeschichte: Er begleitet den Kaiser auf dessen Feldzügen nach Italien, dient ihm als gewiefter Unterhändler in den Auseinandersetzungen mit den lombardischen Städten, erlebt die Gründung der Stadt Alessandria mitAlessandria ist die Geburtsstadt von Umberto Eco und später die Schlacht von Legnano,Beide werden ausführlich und sehr lebendig geschildert, erstere aus der Sicht des Heimkehrers Baudolino, der am Weihnachtsabend zum ersten Mal seit seiner Kindheit wieder in die alte Heimat kommt, letztere aus der Perspektive des verirrten Soldaten – wie die Schlacht bei Waterloo in Stendhals Kartause von Parma. beschafft nützliche Reliquien – so etwa die Gebeine der Heiligen Drei Könige, deren Überführung nach Köln anno 1164 er zusammen mit seinen Freunden organisiert – und tut alles, um die Macht und das Ansehen seines Adoptivvaters zu vergrößern.
So erfinden die Freunde in Anlehnung an die Begegnung des Seefahrers Sindbad mit dem Prinzen von Sarandip einen Brief des angeblich über Indien herrschenden Priesterkönigs Johannes an Kaiser Friedrich, der dessen Autorität in der Auseinandersetzung mit dem Papst stärken soll, womit sie jedoch eine formidable politische Fälschergeschichte auslösen. Denn noch bevor sie den Brief wirklich abschicken, kopiert ihn ein griechischer Spion namens Zosimos, ändert ihn ein wenig um und adressiert ihn an Kaiser Manuel von Byzanz, aber später taucht der Brief, diesmal an Papst Alexander III. gerichtet, offenbar auch in Rom auf. In den nur leicht verschiedenen, dem jeweiligen Adressaten angepassten Versionen wird stets ausführlich von der großen Macht und dem juwelenstrotzenden Reichtum jenes fernen Landes im Osten berichtet.Der Brief hat wirklich existiert, er wurde um 1165 angeblich von dem Presbyter Johannes, König von Indien, an den byzantinischen Kaiser Manuel I. Komnenos geschickt und hat so großes Aufsehen erregt, dass Papst Alexander III. sich 1177 zu einem Antwortschreiben veranlasst sah; Genaueres sowie den Text des Briefes in deutscher Übersetzung bietet Ulrich Knefelbach, Die Suche nach dem Reich des Priesterkönigs Johannes. Dargestellt anhand von Reiseberichten und anderen ethnologischen Quellen des 12.-17. Jahrhunderts. Verlag Andreas Müller, Gelsenkirchen 1986; weitere Literaturangaben hier. Als Geschenk des morgenländischen Priesterkönigs an den abendländischen Kaiser hatte Baudolino den Heiligen Gral vorgesehen,Im Roman heißt er immer nur „Gradal“ von lat. gradalis. unter dem man sich damals zumeist einen besonders kostbaren Kelch vorstellte, aus welchem Jesus beim letzten Abendmahl getrunken haben sollte. Doch statt eines goldenen und juwelenbesetzten Kelches präsentiert Baudolino, als er dann etwas vorweisen muss, die hölzerne Trinkschale seines Vaters als „den“ Heiligen Gral (denn das Trinkgefäß des einfachen Zimmermannssohnes Jesus könne ja nicht aus Gold und Juwelen bestanden haben, sondern müsse „schlicht, schmucklos, arm wie Unser Herr Jesus Christus“ gewesen seinBaudolino, Hanser S. 315, dtv S. 336.). Und die Operation gelingt ihm, denn wie Niketas in einem früheren Gespräch über Reliquien bemerkt hat: „Es ist der Glaube, der sie echt macht, nicht sie den Glauben“.Baudolino, Hanser S. 133, dtv S. 142.
Weder der Gral noch Baudolino können jedoch verhindern, dass Barbarossa, als er 1189 zum Dritten Kreuzzug aufbricht, unterwegs in Kilikien beim Schwimmen in dem Flüsschen Saleph stirbt. In Baudolinos Erinnerungen liest sich Barbarossas Tod allerdings ganz anders als in den Geschichtsbüchern, und der mysteriöse Badeunfall seines geliebten Adoptivvaters wird ihn noch lange beschäftigen und erst gegen Ende seiner Geschichte eine (mögliche) Erklärung finden.
Zweiter Teil Nach Friedrichs Tod beschließt Baudolino, nicht umzukehren, sondern mit seinen Freunden und Getreuen weiter nach Osten zu ziehen, um das Reich des Priesters Johannes zu finden. Diese Expedition führt die Gruppe in ferne Weltgegenden, die von allerlei kuriosen Menschen- und Monsterwesen bewohnt sind – ein phantastischer, teils komischer, teils anrührender, teils dramatischer Streifzug durch die mittelalterliche Mythologie der Fabelwesen. Dabei bedienen sich die Reisenden der Weltkarte des Kosmas Indikopleustes, der eine flache Erde annahm. Nach einer endlosen Reise durch Steppen und Wüsten, die sie unter anderem durch das Land der weisen Gymnosophisten führt, welche in paradiesischer Nacktheit leben, und durch das stets und immer stockdunkle Land Abkasia, wo der fieberkranke Abdul wieder zu singen beginnt, aber danach die Begegnung mit einer Mantikore nicht überlebt, gelangen sie endlich zu dem steinernen Fluss Sambation, hinter dem angeblich die zehn verlorenen Stämme Israels leben und der nur am Sabbat überquert werden kann, weil er dann stillsteht, aber am Sabbat darf ihn auch Rabbi Solomon nicht überqueren, was jedoch für den einfallsreichen Baudolino kein Problem ist.