mini|Christian Kracht 2025 Christian Kracht (* 29. Dezember 1966 in Saanen) ist ein Schweizer Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist.

Leben und Wirken Christian Kracht ist der Sohn des gleichnamigen Verlagsmanagers und dessen Frau Uta. Krachts Vater war mehrere Jahre Generalbevollmächtigter und erster stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des Axel-Springer-Konzerns. Kracht wuchs in der Schweiz, Deutschland, den USA, Kanada und Südfrankreich auf. Er besuchte mehrere internationale Internate, unter anderem die Schule Schloss Salem und die kanadische Lakefield College School. Wie er im Mai 2018 bei einer Poetikvorlesung an der Frankfurter Universität berichtete, wurde er in Lakefield als Zwölfjähriger von einem Pastor sexuell missbraucht.Anne Backhaus: «Ich hörte, wie er hinter mir die Hose öffnete». In: Spiegel Online. 16. Mai 2018. Kracht studierte nach seinem Abitur 1985 ein Jahr lang Film und Literatur am College of Liberal Arts der Pennsylvania State University und anschliessend am Sarah Lawrence College in Bronxville, New York, wo er 1989 sein Studium abschloss. Mitte der 1990er Jahre ging Kracht nach Neu-Delhi. Als Nachfolger von Tiziano Terzani arbeitete er als Indien-Korrespondent für den Spiegel.

Danach lebte er für mehrere Jahre in der ehemaligen jugoslawischen Botschaft in Bangkok. Von dort aus bereiste er verschiedene andere asiatische Länder. Seine Reiseberichte wurden zunächst in der Welt am Sonntag veröffentlicht und im Jahr 2000 unter dem Titel Der gelbe Bleistift bei Kiepenheuer & Witsch publiziert. Ab 1998 war Kracht für die Boulevardzeitung B.Z. als «Textpfleger» tätig. Er war vom damaligen Chefredaktor Franz Josef Wagner engagiert worden.

Von Herbst 2004 bis Juni 2006 gab Christian Kracht in Kathmandu, wegen der politischen Unruhen in Nepal später in San Francisco, in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Eckhart Nickel insgesamt acht Ausgaben des Magazins Der Freund heraus. Das Magazin wurde im März 2006 mit dem «bronzenen Nagel» des Art Directors Club für Deutschland (ADC) in der Kategorie «Zeitschriftengestaltung» und dem LeadAward in Gold in der Kategorie «Cover des Jahres» ausgezeichnet. 2006 war Kracht Dozent an der vom Berliner Autor und Konzeptkünstler Rafael Horzon gegründeten Wissenschaftsakademie Berlin.

Von Mitte November 2006 bis Ende Oktober 2007 war Kracht fester Kolumnist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine jeden zweiten Samstag erschienene Kolumne trug den Titel «Brief aus …» (manchmal auch «Gespräch mit …»). Laut Kracht sei es Absicht gewesen, sich ein Jahr lang in der Kolumne mit der «Selbstreferenzialität» zu beschäftigen.Siehe Kracht: Brief aus der Vergangenheit, letzter Teil. In: FAZ, 20. Oktober 2007. Zusammen mit Horzon schrieb er 2005 drei identische Briefe an Wim Wenders, Björk und Jonathan Meese, in denen die beiden ihre Bewunderung bekunden und angeben, dem Schreiben 1000 Euro beigelegt zu haben.Christian Kracht: Drei Briefe aus der Vergangenheit, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16. Juni 2007, S. Z4.

2006 schrieb er zusammen mit Horzon das Stück Hubbard. Der Titel spielt auf den Scientology-Gründer L. Ron Hubbard an. Die Uraufführung am Hamburger Thalia Theater kam nicht zustande, da es sich unter anderem aufgrund einer Regieanweisung, einhundert brennende Ziegen über die Bühne zu jagen, nicht aufführen liess.

Ende Februar 2007 erschien, als Ergebnis einer Kilimandscharo-BesteigungSiehe hierzu auch die Bildreportage von Kracht und Niermann: Kilimanjaro. In: Qvest, Nr. 23, Dez. 2006 / Jan. 2007, S. 59–71. in Zusammenarbeit mit Ingo Niermann, das Buch Metan, in dem der Planet Erde von einer unsichtbaren Zivilisationsform bewohnt und beherrscht wird. Die Autoren Kracht und Niermann treten mit dieser Zivilisationsform in Kontakt und werden Zeugen bis dahin nicht für denkbar gehaltener und nicht einmal gedachter Erscheinungen. AblehnendSo Harald Peters: Über kleine und größere Stinker. In: Welt am Sonntag, 4. März 2007 bis verwundert gaben sich die ersten Rezensionen: «Was die beiden Dichter in der Folge dieser Reise da jedenfalls über die Erneuerung des Menschengeschlechts aus dem Geist des Furzes zusammenschwadronieren, ist wirklich beunruhigend. Oder auch einfach: großer Quatsch.»Volker Weidermann. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 4. März 2007, S. 30. Ein anderer Rezensent erkannte in der vermeintlichen Verschwörungstheorie «eine Parodie des alarmistischen, menschheitsbelehrenden Groß-Sachbuches» und befand: «Wenn man allerdings dieses Buch für einen Scherz hält, dann ist es vielleicht gar kein schlechter.»Christoph Bartmann: Eine große Weltatemtheorie. In: Süddeutsche Zeitung, 16. April 2007, S. 16.

Um 2015 lebte Christian Kracht mit seiner Frau, der Regisseurin Frauke Finsterwalder, und der gemeinsamen Tochter in Los Angeles.flavorwire.com 2019 lebte er in Indien. 2020 zog er aufgrund der Coronakrise zurück in die Schweiz. Kracht ist Mitglied des P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im AuslandChristian Kracht. exilpen.org; abgerufen am 12. August 2018. und Mitgründer des PEN Berlin.

Im Jahr 2019 übergab Christian Kracht dem Marbacher Literaturarchiv sein persönliches Archiv. Im Jahr 2025 wurde er als Gastprofessor an die Universität Zürich berufen.

Er galt als möglicher Kandidat für den Nobelpreis für Literatur des Jahres 2025.

Kracht wird von der Literaturagentur Wylie vertreten.

Romane 1995 veröffentlichte Kracht seinen Debütroman Faserland. Er beschäftigt sich darin mit der zeitgenössischen Konsumkultur, dem Niedergang der sogenannten harmonischen «bürgerlichen Gesellschaft» der Nachkriegszeit und individuellen und nationalen Identitätskrisen.Heike Schmoll: Abschreckend. Rezension. In: FAZ, 2. August 2013, S. 7. Kracht erklärte, Erzählperspektive und Erzählhaltung seien «zutiefst unsicher». Wer da eigentlich spreche und ob er selbst es sei, bleibe offen.

Für seinen im September 2001 erschienenen Roman 1979 erhielt Kracht internationale Anerkennung. Er schildert die Fragilität eines als dekadent beschriebenen westlich-großbürgerlichen Wertesystems und seine Ohnmacht gegenüber den östlich-totalitären Modellen Islamismus und Maoismus. Der Roman erschien in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu den Anschlägen vom 11. September 2001, was ihm zusätzliche Beachtung verschaffte.

Unter dem Titel Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten wurde im September 2008 der dritte Roman von Christian Kracht veröffentlicht. Er gehört zum Genre der Alternativweltgeschichten und handelt von einer «Schweizer Sowjet Republik (SSR)», die sich im Dauerkrieg u. a. mit einem Grossteil Resteuropas befindet. Es handelt sich um eine Dystopie, um eine Geschichte von der Endzeit aller Zivilisation. Eine Inspiration für das Buch war Das Orakel vom Berge von Philip K. Dick, auf das sich Kracht mit mehreren Anspielungen bezieht.

Mit Imperium erschien im Februar 2012 der vierte Roman Krachts. Imperium erzählt die Geschichte des Aussteigers August Engelhardt aus Nürnberg neu. Engelhardt reiste Anfang des 20. Jahrhunderts in die damalige Kolonie Deutsch-Neuguinea, um dort eine Kokosplantage zu kaufen und zu betreiben. Sein erklärtes Ziel: sich als bekennender Vegetarier ausschließlich von der Kokosnuss zu ernähren. Auf dieser historisch belegten Gestalt basierend, erzählt Kracht eine Mischung aus Südseeballade, Sehnsuchtsphantasie und Aussteigergeschichte. August Engelhardt sah sich selbst als Weltretter, wollte eine neue Religion stiften, ein eigenes Reich gründen und mit einer kruden Kokosnuss-Philosophie die ganze Welt retten. Imperium erzählt vom Aufbruch, von Hoffnungen, Enttäuschungen und dem grandiosen Scheitern. Der Leser folgt einer Spirale des Wahnsinns, die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt. Der Held geht am Ende unter. Er wird vom Vegetarier zum Kannibalen, vom Weltenretter zum Antisemiten und vom gesunden Asketen zum körperlichen Wrack.

2016 folgte der Roman Die Toten. Das Motiv der Leblosigkeit bezieht sich im Text u. a. auf Medienformen, die von neuen Formen der Vermittlung verdrängt werden, an die sie die Macht zur Lenkung der gesellschaftlichen Selbstwahrnehmung abgeben. Ausgeführt wird diese Überkommenheit am Beispiel des Aufstiegs der Filmstudios von Hollywood in den 1930er Jahren. Die Kulturschaffenden in Japan und im Deutschen Reich – zwei Regionen, die schon bald Tod und Vernichtung über die Welt bringen werden – wollen dem Einfluss der amerikanischen Filme eine eigene Koproduktion entgegenstellen. Die Entscheidung fällt auf das Genre Gruselfilm, welches ausgerechnet der als unbedarft dargestellte Schweizer Regisseur Emil Nägeli in Japan realisieren soll.

Im März 2021 veröffentlichte Kracht den Roman Eurotrash, der zunächst als Fortschreibung zu Faserland vermarktet wurde und an Motive daraus anknüpft. In dem Buch geht es um die Auseinandersetzung des Ich-Erzählers mit dem Namen Christian Kracht mit seiner eigenen Familiengeschichte, wobei insbesondere die alkoholkranke Mutter im Zentrum steht. Das Buch ist autobiographisch geprägt. Eurotrash wurde im Jahr seiner Veröffentlichung für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert. Der Roman stand auch auf der Shortlist für den Schweizer Buchpreis 2021. Sechs Tage nach Bekanntgabe der Shortlist zog Kracht seine Kandidatur zurück. Er begründete dies damit, dass er, der den Preis bereits 2016 gewonnen hatte, den anderen Nominierten eine grössere Chance geben und «der Diskussion über die Förderung meines Werkes, wie sie bisweilen in einigen Schweizer Medien betrieben wird, nicht weiteren Stoff liefern» wolle.

Im März 2025 erschien Krachts Roman Air. Der Protagonist, ein Schweizer Inneneinrichter namens Paul, wird mit einem lukrativen Auftrag aus seinem abgeschiedenen schottischen Wohnort in ein norwegisches Rechenzentrum gelockt, wo er die Wände in ein perfektes Weiß tauchen soll. Was zunächst wie ein harmloses Designprojekt beginnt, entwickelt sich zu einer existenziellen Reise. Damit verwoben erzählt Kracht die Geschichte einer Begegnung und Schicksalsgemeinschaft zweier Wesen in einer zeit- und ortlosen Gegenwelt. Der Roman ist von einer melancholischen Romantik durchzogen und thematisiert, hierin anderen Werken Krachts durchaus verwandt, das Verschwindenhttps://www.perlentaucher.de/buch/christian-kracht/air.html. Air wurde für den Preis der Leipziger Buchmesse 2025 nominiert.

Rezeption und Wirkung Von seinen in 30 Sprachen (Stand 2018. Autorenseite bei Kiepenheuer & Witsch; abgerufen am 12. August 2018.) übersetzten Büchern sagt der Autor, sie seien nur «light entertainment».Interview mit Volker Weidermann und Edo Reents: «Ich möchte ein Bilderverbot haben». In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. 30. September 2001. Jedoch verbirgt sich hinter dieser Aussage Krachts eigener Anspruch: «Das höchste Erreichbare in der Kultur ist nach der Architektur die Komödie. Ich begreife meine Werke humoristisch.»Interview von Daniel Arnet: Kim Jong Kracht. In: Facts. 21. September 2006.

Krachts erster Roman Faserland (1995) wird von einigen Kritikern als ein richtungweisendes Schlüsselwerk deutschsprachiger Popliteratur ab Mitte der 1990er Jahre bezeichnet, andere zogen Parallelen zum Werk Bret Easton Ellis’ oder sahen in Krachts Text gar ein Plagiat.

Kracht selbst stand der Bezeichnung «Popliteratur» distanziert gegenüber. So hatte er den Abdruck seiner Texte in einer Anthologie zum Thema in seinem Verlag Kiepenheuer & Witsch abgelehnt.Siehe Kerstin Gleba, Eckhard Schumacher (Hrsg.): Pop seit 1964. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, S. 398.

Faserland wird auch in die Tradition des deutschen Bildungsromans gestellt, wofür u. a. die Vielzahl der intertextuellen Bezüge herangezogen wird. Insbesondere sein Ende macht das literarische Spiel mit Thomas Manns Tod in Venedig, mit der Charon-Mythologie, mit Goethes Faust I und Auf dem See sowie mit Klopstocks Freundschaftsode Der Zürchersee augenfällig.