mini|Hermann Bahrmini|Hermann Bahr (1891) Hermann Anastas Bahr (* 19. Juli 1863 in Linz, Kaisertum Österreich; † 15. Januar 1934 in München) war ein österreichischer Schriftsteller, Dramatiker sowie Theater- und Literaturkritiker. Er gilt als geistreicher Wortführer bürgerlich-literarischer Strömungen vom Naturalismus über die Wiener Moderne bis hin zum Expressionismus.Hermann Bahr im Lexikon deutschsprachiger Schriftsteller von den Anfängen bis zur Gegenwart. VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1967, Band A–K, S. 60ff.
Leben 1863–1890 mini|hochkant|Hermann Bahr (Original-Zeichnung von Ferry Bératon, 1893) Hermann Bahr kam in der Herrenstraße 12Das Geburtshaus wird häufig irrtümlich als Herrenstraße 18 angegeben, wohin die Familie nach seiner Geburt übersiedelte und wo er seine Jugend verbrachte. Margit Waid: Zur Bestimmung des Geburtshauses Hermann Bahrs. In: Hermann Bahr – Der Herr aus Linz. Eine Dokumentation in Zusammenarbeit mit dem Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich und dem Archiv der Stadt Linz. Stadtmuseum Linz – Nordico, Bethlehemstraße 7, 13. September bis 7. Oktober 1984. Katalog des Stadtmuseums Linz, #39, S. 27–30. in Linz als Sohn des Rechtsanwalts, Notars und liberalen Landtagsabgeordneten Alois Bahr (1834–1898) und seiner Frau Wilhelmine (Minna, geborene Weidlich, 1836–1902) zur Welt. Er besuchte in Linz die Volksschule und für vier Jahre das Akademische Gymnasium. Von November 1878 bis 1881 absolvierte er das Benediktiner-Gymnasium in Salzburg. Das Gymnasium beendete er als einer der herausragendsten Schüler, weswegen er die Abschlussrede halten durfte. Die Rede zum Thema Der Wert der Arbeit soll wegen ihrer sozialistischen Aussage zu einem kleinen Skandal geführt haben.Selbstbildnis, Kapitel X. Nach dem Umzug nach Wien studierte Bahr Klassische Philologie, wechselte aber schon nach wenigen Wochen zur Rechtswissenschaft. In dieser Zeit wurde der junge Bahr von seinem Onkel Salomo RobiscekEhemann der Halbschwester des Vaters. Todesanzeige Neue Freie Presse, 19. Februar 1928 in die berühmte Gesellschaft des Café Scheidl eingeführt und wurde 1881Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 27–31. Kneipschwanz der Wiener akademischen Burschenschaft Albia. Trotz Mensur verweigerte er aus Rücksicht auf seinen Vater eine echte Mitgliedschaft. Er lernte Georg von Schönerer, den Führer der Deutschnationalen, kennen und wurde in der Alldeutschen Bewegung aktiv.
Wegen einer das multinationale, habsburgische Österreich ablehnenden Rede beim deutschnationalen Trauerkommers für Richard Wagner wurde er im März 1883 von der Universität Wien relegiert. Nun studierte Bahr jeweils nur wenige Monate in Graz und in Czernowitz weiter.
Im März 1884 schrieb er sich an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin ein, wo er Nationalökonomie bei Adolf Wagner und Gustav von Schmoller hörte. Gleichzeitig besuchte er auch Vorlesungen in Philosophie, Geschichte, Literatur und Kunstgeschichte.
Ohne Abschluss verließ Bahr 1887 Berlin, um zunächst ein Freiwilligenjahr beim 84. Linzer Regiment in Wien abzuleisten. Danach finanzierte sein Vater ihm einen einjährigen Aufenthalt in Paris sowie zum Abschluss eine Reise nach Südfrankreich, Spanien und Marokko. Durch seinen Aufenthalt in Paris wurde das Interesse Bahrs an Literatur und dem Theater verstärkt. War er schon seit 1882 publizistisch aufgetreten, intensivierte sich das gegen Ende des Jahrzehnts zunehmend. Seine erste Sammlung mit Zeitungsarbeiten erschien als Zur Kritik der Moderne im Herbst 1889 (auf 1890 vordatiert). Er schrieb mit der Guten Schule einen Roman in Nachfolge von Joris-Karl Huysmans’ Gegen den Strich, Literatur- und Kunstkritiken sowie Essays, aber auch Erzählungen und Theaterstücke.Für die frühen Jahre ist vor allem Bahrs Selbstbildnis (1923) Quelle, für die Zeit in Paris auch der Briefwechsel mit dem Vater sowie Bahrs Artikel aus der betreffenden Zeit, wie sie an der Universität Wien auf der Website univie.ac.at gesammelt werden und der Zeittafel ebenda, die aus der Forschung zusammengestellt wird.
1889–1900 mini|hochkant|Hermann Bahr (1900) mini|Ferrotypie von Anna Krieger, 1895: Richard Beer-Hofmann, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler Im nächsten JahrzehntZu den Zeugnissen von Bahrs Jugend (Briefe an den Vater, Selbstbildnis) tritt nunmehr Autobiographisches in seinen Artikeln und die unter der Leitung von Moritz Csáky herausgegebenen Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte, die die Jahre 1885–1906 (Wien: Böhlau 1994–2003) umfassen. wurde Bahr zunehmend zum Propheten der Moderne.Reinhard Farks (Hrsg.): Hermann Bahr. Prophet der Moderne. Tagebücher 1888–1904. Wien 1987. Arbeitete er zunächst für verschiedene Verlage und Zeitschriften, so bestimmten einerseits seine 1890 erfolgte Berufung als Mitarbeiter der Zeitschrift Freie Bühne nach Berlin, andererseits auch die Suche nach einer Festanstellung bzw. Versuche, eigene Zeitungsprojekte auf den Weg zu bringen, seinen weiteren Werdegang. Zum wichtigsten Verlag für seine Bücher wurde in dieser Zeit der 1886 gegründete S. Fischer Verlag in Berlin. Durch die Bücher Bahrs sowie durch ihn vermittelte Titel wurde S. Fischer zu einem der wichtigsten Verlage für die moderne Literatur.Zur Bibliografie siehe einerseits Kurt Thomasberger in: Heinz Kindermann: Hermann Bahr. Ein Leben für das Europäische Theater. Graz, Köln: Böhlau 1954, 347–368; andererseits die Aktualisierung durch Martin Anton Müller auf www.univie.ac.at/bahr Als es ihm nicht gelang, Nachfolger von Otto Brahm bei der Freien Bühne zu werden, verließ er mit Arno Holz, Detlev von Liliencron und anderen Ende Juli 1890 die Redaktion.Siehe das 1. Kapitel in: Peter Sprengel, Gregor Streim: Berliner und Wiener Moderne. Vermittlungen und Abgrenzungen in Literatur, Theater, Publizistik, Wien/Köln/Weimar 1998. Im folgenden Jahr reiste Bahr nach St. Petersburg, wo er Eleonora Duse kennenlernte und sie mit Feuilletons in Deutschland und Österreich-Ungarn bekannt machte.Vor allem: Hermann Bahr: Eleonora Duse. Frankfurter Zeitung, 35 (1891) #129, 1. Morgenblatt, 1–2. (9. Mai 1891)
Wieder in Wien, schloss er Bekanntschaft mit Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und anderen Schriftstellern. Die neuen literarischen Tendenzen, mit denen er so in Kontakt kam, machte Bahr unter dem Namen einer Bewegung Jung-Wiens publizistisch bekannt, wobei Fischer als Verleger fungierte und Bahr selbst zum Sprachrohr dieser Strömung wurde. Ein Buch mit gesammelten Kritiken aus dieser Zeit trägt den programmatischen Titel Die Überwindung des Naturalismus (1891).
In Wien arbeitete Hermann Bahr ab 1892 als Kulturredakteur und Theaterkritiker in der Nachfolge von Ludwig Ganghofer für die Deutsche Zeitung und stieg vom Redakteur zum Mitherausgeber auf. Eine in dieser Zeit geführte Interviewreihe zum Antisemitismus, die er nach dem Vorbild der Enquête sur l'évolution littéraire von Jules Huret gestaltete – und die auch als Buch erschien –, ist möglicherweise das erste deutschsprachige Interviewbuch. Nachdem Bahr 1894 bei der Deutschen Zeitung gekündigt hatte, gründete er mit Heinrich Kanner und Isidor Singer die Wochenschrift Die Zeit, deren Kulturteil er betreute und in der mehrere wegweisende Essays Bahrs erschienen. 1899 kündigte er auch hier und arbeitete in der Folge für den Steyrermühl-Konzern, für dessen Blätter Oesterreichische Volks-Zeitung und Neues Wiener Tagblatt er Theaterkritiken schrieb. 1893 trug er in Neudörfel ein Pistolenduell mit dem Sänger Ferdinand Jäger aus,Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band II: Künstler. Winter, Heidelberg 2018, ISBN 978-3-8253-6813-5, S. 363. und am 28. März 1896 lieferte er sich nach einem Streit mit antisemitischen Studenten ein Säbelduell, wobei er für seinen Redaktionskollegen bei der Zeit, Alfred Gold, eingetreten war, der als Jude für nicht satisfaktionsfähig galt. Er wurde nur leicht an der Hand verletzt.Bahr: Brief an den Vater, 28. März 1896 Nr. 382; Schnitzler: Tagebuch, II, 180-181, vom 30. März 1896
Außer als Theaterkritiker trat Bahr in dieser Zeit zunehmend auch als Kritiker der bildenden Kunst hervor. Für die neugegründete Secession wurde er Berater und schrieb Programmatisches für ihre Zeitschrift Ver Sacrum.Die Zeitschrift Ver Sacrum ist bei ANNO einsehbar.
Hermann Bahr heiratete 1895 die jüdische Schauspielerin Rosa Jokl (1871–1940),Siehe die Briefe an den Vater vom 2. April 1895 und 18. April 1895. wenngleich sie, bedingt durch die Engagements seiner Frau, oft längere Zeit getrennt lebten. Fünf Jahre nach Schließung der Ehe trennte sich das Paar, die Scheidung erfolgte allerdings erst 1909, und Bahr bezahlte seiner Ex-Frau bis an sein Lebensende Unterhalt.
Von 1897 bis zu seiner Deckung 1907 war Bahr Mitglied der Grenzloge Freundschaft.
1900–1909 mini|hochkant|Kolo Moser – Hermann Bahr, ca. 1904 mini|hochkant|Emil Orlik – Hermann Bahr in Berlin 1908 (Privatbesitz) mini|Fotografie von Aura Hertwig (1908) 1899/1900 ließ sich Bahr von dem Architekten Joseph Maria Olbrich das Haus Bahr in Ober Sankt Veit, einem dem Wienerwald sehr nahe gelegenen Stadtteil des 13. Wiener Gemeindebezirks, in der Veitlissengasse 7 bzw. Winzerstraße 22 errichten. (Karl Kraus, für den Bahr schon zuvor ein „rotes Tuch“ gewesen war – nach Shakespeare und Goethe wird Bahr am dritthäufigsten in der Fackel erwähntAlfred Pfabigan: Hermann Bahr als Opfer. In: A. P. und Jeanne Benay (Hrsg.): Hermann Bahr – Für eine andere Moderne, Anhang: Hermann Bahr: Lenke. Erzählung (1909). Korrespondenz von Peter Altenberg an Hermann Bahr (1895–1913). Peter Lang, Bern 2004, S. 205–220. –, verlor einen Zivilrechtsprozess wegen Beleidigung, weil er behauptet hatte, dass Bahr vom Direktor des Volkstheaters Emmerich von Bukovics mit dem Grundstück im Gegenzug für positive Berichterstattung bestochen wurde. Kraus dürfte jedoch recht gehabt haben.Siehe Jay F. Bodine: A Letter of Joseph Olbrich to Hermann Bahr. In: Modern Austrian Language, 9 (1976) #2, S. 45–49.) Zur Innenausstattung seiner Villa gehörte unter anderem auch Gustav Klimts Nuda Veritas. Bahr nutzte seine publizistische Kraft, indem er sich 1901 und 1902 mit seiner Rede für Klimt und mit Gegen Klimt verstärkt für den Künstler einsetzte.
Neben seiner Tätigkeit als Theaterredakteur (die größeren Kritiken versammelte er in Buchausgaben) wurde Bahr als Lustspieldichter zunehmend erfolgreich. Von seinen insgesamt mehr als 40 Stücken sind jedoch nur noch Wienerinnen (1900), Der MeisterDer Meister: Uraufführung am Berliner Deutschen Theater, 12. Dezember 1903 mit Rudolf Rittner und Irene Triesch, Regie: Otto Brahm (1904) und Das Konzert (1909) mehrfach verfilmte, bis heute gespielte Stücke. Einige Bemühungen Bahrs scheiterten, einerseits die Gründung eines eigenen Theaters, andererseits musste er auf eine Stelle als Oberregisseur in München trotz unterschriebenem Vertrag verzichten. Dessen ungeachtet zeigte sich seine Bedeutung auch darin, dass ihn Max Reinhardt an das Deutsche Theater in Berlin berief, wo er 1906 bis 1907 vier Aufenthalte bestritt. Das Bühnenbild einer Ibsen-Inszenierung stammte von Edvard Munch. Bahr war auch ein früher Ideengeber für die Salzburger Festspiele.Pia Janke: Hermann Bahrs Bezüge zu aktuellen Festspielprojekten. In: Hermann Bahr – Für eine andere Moderne. Anhang: Hermann Bahr: Lenke. Erzählung (1909). Korrespondenz von Peter Altenberg an Hermann Bahr (1895–1913). Peter Lang, Bern 2004, S. 189–202. mini|Mit Felix Salten in Altaussee, Juli 1903