Als Abendland oder Okzident wurde ursprünglich der westliche Teil Europas bezeichnet, im Wesentlichen also das Gebiet der lateinsprachigen römischen Provinzen des Weströmischen Reiches in Europa. Sie sind etwa deckungsgleich mit dem Sprengel des Patriarchats von Rom.

Der Begriff Abendland ergab sich aus der antiken und mittelalterlichen Vorstellung von Europa als dem westlichsten, der untergehenden Abendsonne am nächsten gelegenen Erdteil. Das ihm entsprechende Antonym ist daher das griechisch-orthodox und islamisch geprägte Morgenland oder der Orient. Die griechisch-orthodoxe Kirche wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch als die morgenländische bezeichnet.vgl. etwa Nikodim Milaš: Das Kirchenrecht der morgenländischen Kirche. Zara 1897.

In Zeiten des Kalten Krieges wurde der Begriff teils übereinstimmend mit dem Begriff der westlichen Welt verwendet, d. h. vor allem die alten Mitgliedsländer der Europäischen Union und Nordamerika. Seit der Romantik entwickelte sich vor allem im deutschsprachigen Raum eine besondere Traditionslinie um den Abendlandbegriff, die einen letzten Höhepunkt in einer regelrechten Abendland-Ideologie der 1950er Jahre fand.

Von Rechtsextremen und Rechtskonservativen wird Abendland als Kampfbegriff mit antimuslimischer Ausrichtung verwendet.

Frühe Begriffsverwendung Im Römischen Reich stand der lateinische Begriff occidens (zu ergänzen: sol, „die untergehende Sonne“) für die westliche Himmelsrichtung. Martin Luther prägte in seiner Bibelübersetzung dafür den Ausdruck Abend. Bis ins frühe 17. Jahrhundert wurde der Begriff im Plural gebraucht, so erstmals 1529 bei Kaspar Hedio. Zunächst waren damit rein geographisch die Länder Westeuropas gemeint.

Je deutlicher aber die einzelnen Abendländer unterschiedliche Entwicklungen nahmen, desto häufiger lässt sich der Kollektivsingular das Abendland nachweisen. Der Theologe Friedrich Wilhelm Graf sieht hier Zusammenhänge zur gemeinsamen Bedrohung durch die Türkenkriege einerseits, andererseits den Versuch, nach dem (wenn auch nur prekären) Ende der konfessionellen Bürgerkriege der Frühen Neuzeit damit „eine Art vorrechtlich sozialmoralischer Grundlage des neuen innerchristlichen Religionsfriedens zu bezeichnen“.Friedrich Wilhelm Graf: Europa als das „Abendland“?. In: Anthony B. Atkinson, Peter M. Huber, Harold James, Fritz W. Scharpf (Hrsg.): Nationalstaat und Europäische Union. Eine Bestandsaufnahme. Liber Amicorum für Joachim Jens Hesse. Nomos, Baden-Baden 2016, ISBN 978-3-8487-1709-5, S. 349–358, hier S. 351. Als Relationsbegriff setzt Abendland immer einen Gegenbegriff voraus, von dem er positiv abgegrenzt wird. In der Zeit der Aufklärung wurde weitgehend kenntnisfrei als dieser Gegenbegriff der muslimische Orient imaginiert, von dem man sich abzuheben meinte. Die in diesem Diskurs konstruierten Stereotype finden sich noch in Georg Wilhelm Friedrich Hegels Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (gehalten 1822–1831), in denen er behauptete:

Romantik und Historismus In Deutschland entwickelten, von Novalis durch seine Schrift Die Christenheit oder Europa angeregt, die Brüder August Wilhelm Schlegel und Friedrich Schlegel eine Europakonzeption, die sich auf kulturelle Traditionen stützte. Das Abendland umfasste ihrer Vorstellung nach alle Länder, die durch ihr romanisches, germanisches und christliches Erbe zu einem einzigen europäischen Kulturraum in Antinomie zu einem islamischen Orient oder Morgenland vereint waren. Besondere Bedeutung maßen sie dabei Karl dem Großen als vermeintlichem Einiger Europas und Herrn über das christliche Abendland zu. Friedrich Schlegel verstand darüber hinaus unter Abendland die kulturelle Einheit der romanischen und germanischen Völker, worunter er vornehmlich Franzosen und Deutsche fasste. Aus der vermeintlichen kulturellen Ähnlichkeit zwischen Deutschen und Franzosen wollte Schlegel eine politische Assoziation erschaffen, vergleichbar dem Verhältnis zwischen Römern und Griechen in der Spätantike. Damit war für Friedrich Schlegel das Abendland, das er auch unter dem Europabegriff fasst, ein Mythos im romantischen Sinn: Europa ist ihm ein kritischer Begriff, anhand dessen er seine eigene Gegenwart mit ihren Nationalismen und dem Krieg gegen Napoleon theoretisch sowie poetisch zu fassen vermag.

Laut Leopold von Ranke habe die abendländische Kultur mithilfe des Humanismus die Spaltung des Corpus Christianum durch die Reformation überstanden und bilde bis in die Moderne die gemeinsame geistige Grundlage Europas. Genauer definiert er das Abendland anhand dreier Kulturerscheinungen: der griechisch-römischen Antike, dem römischen, d. h. papstzentriertem Christentum und der Kultur der ‚germanisch-romanischen‘ Völker.

Diese Position wurde von Gustav Droysen kritisiert, der darin die kulturhistorische Abwertung der Reformation sah.

Zwischen den Weltkriegen Kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs veröffentlichte Oswald Spengler sein kulturphilosophisches Hauptwerk Der Untergang des Abendlandes (1918/22). Darin beschreibt er die Bedrohung bzw. den Zerfall der okzidentalischen Kultur, die er in Europa und Nordamerika verortete. Nach Spenglers Geschichtsvorstellung könnten derartige Hochkulturen als Riesenpflanzen angesehen werden, die aus einer mütterlichen Landschaft heraus geboren werden, wachsen, reifen und schließlich eingehen. Er betonte jedoch, dass der Untergang des Abendlandes nicht im Sinne eines Katastrophismus zu verstehen sei. Vielmehr werde der abendländische Kultur-Organismus allmählich durch fremde Zivilisationen abgelöst. Spengler ging davon aus, dass die „russische Kultur“ diese Rolle übernehmen und die Geschichte des dritten Jahrtausends maßgeblich bestimmen werde. Gegen Spengler und seinen Kulturpessimismus wandten sich katholische Publizisten aus dem Kreis um die Zeitschrift Hochland, die sich leidenschaftlich dafür einsetzten, die Werte des christlichen Abendlands zu bewahren.

In der nationalsozialistischen Propaganda spielte das Ideologem des Abendlandes eine geringere Rolle als in den Jahren vor 1933. Wenn es benutzt wurde, war es mit Vorstellungen von Reich oder Mitteleuropa konnotiert und rassistisch aufgeladen.Vanessa Conze: Das Europa der Deutschen. Ideen von Europa in Deutschland zwischen Reichstradition und Westorientierung (1920–1970). Oldenbourg, München 2009, ISBN 978-3-486-59633-5, S. 57 f. Nach der Schlacht von Stalingrad erlebte es eine neue Konjunktur: Nun erschien der Nationalsozialismus als Rettung der abendländischen Kultur vor der herandrängenden Gefahr aus dem Osten hingestellt. Zu diesem Zwecke wurde auch versucht, Persönlichkeiten aus Mythos und Geschichte wie Leonidas I., Hagen von Tronje oder Karl den Großen als Vorläufer einer gesamteuropäischen Gesellschaft darzustellen.Peter Krüger: Etzels Halle und Stalingrad. Die Rede Görings vom 30. 1. 1943. In: Die Nibelungen. Ein deutscher Wahn, ein deutscher Alptraum. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1991, S. 151–190; Günter Barudio: Politik als Kultur. Ein Lexikon von Abendland bis Zukunft. Metzler, Stuttgart 1994, S. 3; Anuschka Albertz: Exemplarisches Heldentum. Die Rezeptionsgeschichte der Schlacht an den Thermopylen von der Antike bis zur Gegenwart. Oldenbourg, München 2006, ISBN 978-3-486-59637-3, S. 296 f; Axel Schildt: Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre, Oldenbourg, München 1999, ISBN 978-3-486-59439-3, S. 26 ff. Gleichzeitig dienten die Gemeinsamkeiten, die den „abendländischen“ Europäern zugeschrieben wurden, als Abgrenzungsmerkmal, insbesondere gegenüber Fremd- oder Feindbildern, die von der slawischen, russisch-asiatischen und besonders von der jüdischen Kultur gezeichnet wurden. Als Legitimationsgrundlage für Angriffskriege und Deportationen konnten diese Feindbilder einem Selbstbild der Zugehörigkeit zu einer arisch-abendländischen Kultur gegenübergestellt und in die vorherrschenden Ideologien von Rasse, Blut und Boden sowie in nationalsozialistische Europapläne integriert werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und 1950er Jahre mini|hochkant|Wahlplakat CDU 1946: Rettet die abendländische Kultur … – Allegorie Ecclesia vom Portal des Straßburger Münsters mit Kreuzfahne vor kreuzförmigem SED-Symbol

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann die Abendlandidee in Westdeutschland zeitweise an erheblichem Einfluss. Konservativ-bürgerliche Werte sollten nach der Katastrophe der Hitler-Diktatur hier eine neue Verankerung finden und sowohl gegen die als seelenlos und individualistisch bezeichnete Moderne westeuropäischer oder amerikanischer Prägung in Stellung gehen als auch gegen den Kollektivismus und Totalitarismus der Sowjetunion. Auch von der als nihilistisch verstandenen eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit grenzte die Abendlandideologie sich ab. Die katholische Publizistik warb unter dem Schlagwort „Wiedergewinnung der abendländischen Kultur“ für eine Rechristianisierung der deutschen Gesellschaft. In diesem Sinne bekannte sich Bundeskanzler Konrad Adenauer in seiner ersten Regierungserklärung am 20. September 1949 ausdrücklich zum „Geist christlich-abendländischer Kultur“ als Fundament seiner Kanzlerschaft.Klaus von Beyme (Hrsg.): Die großen Regierungserklärungen der deutschen Bundeskanzler von Adenauer bis Schmidt. Hanser, München/Wien 1979, S. 53–73 sowie http://www.kas.de/wf/de/33.820/.

Mit noch stärkerer Emphase erklärte Bundespräsident Theodor Heuss am 16. September 1950 bei einer Schulfeier in Heilbronn:

Noch 1977 führte die Theologische Realenzyklopädie drei „Signaturen des Abendlands“ auf: den Ausgleich zwischen „Paganisierung und Spiritualisierung“ des Christentums, der im Mittelalter erreicht worden sei, eine Ordnung des Spannungsverhältnisses zwischen Kirche und Staat, die die Autonomie beider Seiten berücksichtige, die Betonung individueller Gewissensfreiheit und politischer und gesellschaftlicher Toleranz, die zur Förderung emanzipatorischer Bewegungen.Referiert nach Joachim Mehlhausen: Abendland. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Band 1, Brill, Leiden 2015, S. 10.

Politisch wurde die Abendlandideologie in den vierziger und fünfziger Jahren in der Schulpolitik eingesetzt, etwa beim Kampf für die Erhaltung des dreigliedrigen Schulsystems, für die Bekenntnisschulen, für das humanistische Gymnasium und den altsprachlichen Unterricht.Dietmar Süß, Lieb Abendland, magst ruhig sein, in: Die Zeit vom 17. September 2009, S. 98, auch online

Auch in anderen Bereichen spielte das Abendlandkonzept eine Rolle: Adenauers Außenpolitik mit ihren Schwerpunkten auf Westbindung, NATO-Mitgliedschaft, europäische Einigung, deutsch-französische Freundschaft und Antikommunismus ließ sich in die traditionelle Abendlandidee einbinden. Dadurch konnten auch national-konservative Kreise innerhalb der CDU mit dem Gedanken einer supranationalen Zusammenarbeit der europäischen Staaten versöhnt werden.Axel Schildt, Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre, Oldenbourg, München 1999, S. 23 Danach erschien das karolingische Reich als vorweggenommene Verwirklichung der europäischen Ideale der Nachkriegszeit. Ausdruck dieser Vorstellungen war die Stiftung des Aachener Karlspreises. Aber auch die Geschichtswissenschaft und der Geschichtsunterricht in den westdeutschen Schulen der Nachkriegszeit vermittelten ein Mittelalterbild, das eher den europäischen Wunschvorstellungen der Bundesregierung entsprach als der historischen Wirklichkeit.