mini|Herme des Perikles, römische Kopie hadrianischer Zeit nach griechischem Original, Vatikanische Museen Perikles (; * vor bzw. um 490 v. Chr.Kagan z. B. datiert den Traum von Perikles’ Mutter, sie habe einen Löwen zur Welt gebracht (Herodot 6,131), den sie angeblich wenige Tage vor der Niederkunft hatte, auf 494 v. Chr. (Kagan: Perikles. Die Geburt der Demokratie. S. 27.); † September 429 v. Chr.) gehörte zu den führenden Staatsmännern Athens und der griechischen Antike im 5. Jahrhundert v. Chr. Mit seinem Wirken gingen der Ausbau der Attischen Demokratie, die Sicherung der Vormachtstellung Athens im Attischen Seebund und die Durchführung eines glanzvollen Bauprogramms auf der Athener Akropolis einher.
Als fortlaufender Inhaber der Strategenfunktion, des bedeutendsten Wahlamtes in der demokratisierten Gesellschaft Attikas, gelang es Perikles, der über vielgerühmte rhetorische Qualitäten verfügte, die Volksversammlung meist für seine politischen Anliegen zu gewinnen. Eine wesentliche Mitverantwortung fiel ihm dadurch auch in dem sich anbahnenden innergriechischen Machtkampf mit Sparta und dem von diesem dominierten Peloponnesischen Bund zu, der in den Peloponnesischen Krieg und den Niedergang der Hegemonie Athens mündete.
Ein Perikleisches Zeitalter? Die Urteile von Mit- und Nachwelt über Art und Ausmaß von Perikles’ politischem Wirken gehen zum Teil weit auseinander. Gründe dafür liegen einerseits in dem Spektrum nachweislicher und möglicher Initiativen in seiner Verantwortung, zum anderen in der Art der Auswertung und Problematisierung historischer Quellen.
Wird auf der einen Seite aus Tradition oder Überzeugung weiterhin der Begriff „Perikleisches Zeitalter“ verwendet,Z. B. Bayer/Heideking: Chronologie des Perikleischen Zeitalters. Darmstadt 1975. so stellt sich von anderer Warte her die Frage nach dem „Abschied von Perikles“.Überschrift des Einleitungskapitels (S. 7 ff.) bei Will: Perikles. Gerade in der jüngsten Perikles-Forschung zeigen sich unvereinbare Standpunkte. Wolfgang Will unterlegt sein Abschiedsgeleit so: „Historiker und Archäologen machten sich auf die Suche nach dem großen Mann des 5. Jahrhunderts und fanden Perikles, genauer gesagt, sie erfanden ihn und eine ganze Ära dazu – die perikleische.“Will: Perikles. S. 7. Gustav Adolf Lehmann dagegen bescheinigt Perikles „staatsmännische Leistungen von überzeitlicher und damit welthistorischer Bedeutung“ im Zusammenhang mit „den institutionellen Vorkehrungen, die den im Parteienkampf der 460er Jahre entstandenen Ordnungsbegriff der demokratia mit festen rechtsstaatlichen Garantien sowie mit hohen sozialkulturellen Zielsetzungen unlösbar verbunden haben“. Für ihn entspricht es insofern „durchaus der historischen Logik, dass die Großbauten auf der Akropolis […] zum Symbol der perikleischen Ära, als der überragenden Blütezeit Athens, geworden sind.“Lehmann, S. 342f.
Entsprechend unterschiedlich fällt das Urteil über die Zuverlässigkeit der historischen Quellen zu Perikles aus. Lehmann stellt angesichts der „exakt 2500 Jahre“, die seit dem anzunehmenden Geburtsjahr des Perikles vergangen sind, fest: „Gleichwohl hat die historische Quellenbasis ausgereicht, um in einer vorsichtigen Annäherung […] alle wichtigen Stationen im Werdegang und Lebensweg dieses Staatsmannes und Mitbegründers der <radikalen> attischen Demokratie zu erfassen.“ Will dagegen betont: „Die Quellen zur Geschichte des Alkmeoniden Perikles fließen spärlich. Über keinen anderen der berühmten Staatsmänner oder Feldherrn der Antike ist so wenig bekannt.“Will: Perikles. S. 12. Die von Thukydides überlieferten Reden dienten, „so erhebend sie sein mögen, kaum der Wahrheitsfindung.“ Auch Plutarch schöpfe – ein halbes Jahrtausend nach Perikles – bei seinen Zitaten aus trüber Quelle.Will: Perikles. S. 112. Daraus und aus den Perikles betreffenden Heroisierungs- und Vereinnahmungstendenzen der beiden vergangenen Jahrhunderte ergibt sich für Will: „Der Perikles, der heute in den Geschichtsbüchern, Lexika und wissenschaftlichen Biographien spukt, ist das alte Phantasiegebilde, eine Mixtur aus Demokrat, Kulturheros, weitsichtigem (Verteidigungs-) Kriegsplaner und Friedensstifter in einem.“Will: Perikles. S. 10.
Die nachfolgende Darstellung berücksichtigt sowohl die gegenüber den antiken Quellen ausgeprägt skeptische als auch eine ihnen aufgeschlossener begegnende Lesart. Zusätzliche Orientierung und Vermittlung bietet dafür auch die Perikles-Monographie von Charlotte Schubert, die in der Deutung der zu behandelnden historischen Vorgänge von den Handlungsintentionen des Perikles, über die ihrer Auffassung nach kaum Authentisches vorliegt, weitgehend absieht und stattdessen die Verhältnisse und Bedingungen zu rekonstruieren sucht, die prägend insbesondere auf das politische Handeln und auf die Richtung von gesellschaftlichen Veränderungen einwirkten.Schubert: Perikles. 1994, S. 2. Im Gegensatz dazu leitete Donald Kagan seine Perikles-Biographie 1992 wie folgt ein: „Das Leben eines einzelnen darzustellen und ihn als eine kraftvolle Macht zu schildern, die nicht nur die eigene Zeit wesentlich prägte, sondern auch zukünftige Jahrhunderte, ist heute nicht in Mode. Noch weniger gängig ist es, dem Betreffenden heroische Eigenschaften zuzuschreiben, wie es in diesem Buch geschieht. Aber ich hoffe, dass der Leser sich durch das Beweismaterial von der Berechtigung meines Unternehmens und der Schlüssigkeit seiner Ergebnisse überzeugt.“ (Kagan: Perikles. Die Geburt der Demokratie. S. 7.)
Lebensstationen und Wirkungsschwerpunkte Der Alkmeonidenspross Perikles kam im Demos Cholargos der Phyle Akamantis zur Welt. „Von beiden Elternhäusern her aus einem der ersten Häuser und Geschlechter“, so charakterisierte Plutarch die Herkunft des Atheners.Plutarch, Perikles 3 Aus heutiger Sicht bemerkt Donald Kagan: „Perikles’ aristokratisches Erbe, der Einfluss, der von seiner Verwandtschaft mit den Alkmeoniden ausging, und der Ruhm seines Vaters verschafften ihm im politischen Leben Athens eine Ausgangsposition, wie sie kaum jemand sonst hatte.“Kagan: Perikles. Die Geburt der Demokratie. S. 45. Seine Mutter Agariste war die Nichte des Kleisthenes, der dem Geschlecht der Alkmeoniden angehörte und das Ende der Peisistratiden-Tyrannis mit bewirkt hatte. In diesem Zusammenhang hatte Kleisthenes dann durch grundlegende politische Reformen eine Demokratisierung der attischen Polis auf den Weg gebracht.
Perikles’ Vater Xanthippos (aus dem Priestergeschlecht der Buzygai) war politisch hervorgetreten als Ankläger des Miltiades, der den Sieg über die Perser in der Schlacht bei Marathon herbeigeführt hatte, bald danach aber in einer aufwändigen Strafexpedition zur See gegen Paros in verdächtiger Manier erfolglos blieb. Xanthippos selbst musste sich 484 v. Chr. als einer der ersten der Entscheidung des Scherbengerichts (Ostrakismos) stellen und Athen verlassen, zweifellos ein markantes Erlebnis für den etwa 10-jährigen Perikles.Lehmann, S. 44f. Xanthippos’ Widerpart bei diesem Ostrakismos war Themistokles, der damit in Athen vorläufig die Oberhand behielt und politisch die Weichen stellte. Als die Perser 481 v. Chr. neuerlich zum Griechenland-Feldzug rüsteten, amnestierten die Athener ihre Exilierten und riefen sie zu gemeinsamer Verteidigung nach Athen zurück. Unter Führung des Themistokles bereiteten die Griechen die Seeschlacht bei Salamis vor, während Perikles an der Evakuierung der Frauen und Kinder aus der Stadt teilgenommen haben dürfte und nach Lehmann die von den Persern in Brand gesteckte Athener Akropolis vor Augen gehabt haben könnte.Lehmann, S. 56. Xanthippos war für das Jahr 480/479 v. Chr. zum Strategen gewählt worden und leitete nach dem Sieg bei Salamis die Verfolgung und Vernichtung der persischen Flotte: „Ihm gebührte der Ruhm, den großen Barbarenkrieg beendet zu haben, und, wie die Zukunft zeigen sollte, verstand es Perikles, sich das väterliche Verdienst zunutze zu machen.“Will: Perikles. S. 32 f.
Wichtigen erzieherischen Einfluss hatte nach der Darstellung PlutarchsPlutarch, Perikles 4–6 in der Musiklehre Damon von Athen, der ihn aber zugleich politisch stark beeinflusst habe und wegen politischer Ambitionen dem Scherbengericht anheimfiel. Außerdem habe Perikles die Lehren und Beweismethoden des Zenon von Elea bei diesem selbst kennen gelernt. Maßgeblich für das ernste und würdige Auftreten sowie für die rhetorische Schulung des Perikles sei aber insbesondere der Philosoph Anaxagoras gewesen, der wegen seiner naturkundlichen Erkenntnisse und Lehren bei vielen Zeitgenossen im Rufe des überragenden Verstandesmenschen stand und einen entsprechenden Beinamen (Nous) zuerkannt bekam.Will allerdings hält alle Aussagen zu Kindheit und Jugend des Perikles für unbrauchbar, so auch die zu den frühen Einflüssen seitens Damons, Zenons und des Anaxagoras, die nur durch Plutarch zu seinen Erziehern gemacht worden seien, indem er „mit Kombinationsgabe, Phantasie und großzügiger Auslegung seiner Quelle Platon den Mangel an Überlieferung über den frühen Perikles wettzumachen suchte.“ (Will: Perikles. S. 27.)
Anfänge politischer Profilierung Von dem Erlebnis der Ostrakisierung seines Vaters womöglich geprägt, hat Perikles keine Eile gezeigt, sich politisch in vorderer Reihe zu etablieren. Wie gefährdet man selbst bei großen persönlichen Verdiensten in führenden Stellungen war, hatte sich nicht nur bei Miltiades gezeigt, sondern auch bei Themistokles. Für ein knappes Jahrzehnt trat Perikles öffentlich nicht mehr nennenswert in Erscheinung, nachdem er 472 v. Chr. die Choregie für die Aufführung der Tragödie „Die Perser“ von Aischylos übernommen hatte, bei der der Dichter den 1. Preis errang.Kagan: Perikles. Die Geburt der Demokratie. S. 62. Zum neuen starken Mann in der Zeit nach den Perserkriegen war Kimon geworden, der Sohn des Miltiades. Die guten Beziehungen, die er zur Landmacht Sparta unterhielt, führten aber schließlich dazu, dass gegen Kimon der Verdacht geschürt wurde, die Interessen Athens mit Rücksicht auf die rivalisierende griechische Großmacht zu vernachlässigen. Unter den Anklägern in einem 463 v. Chr. angestrengten Prozess gegen Kimon war auch Perikles, der seinen Part nach Plutarch aber kaum ernsthaft betrieb und im Vergleich zu seinen Kollegen dem Kimon, der schließlich freigesprochen wurde, am wenigsten schadete.Plutarch, Perikles 10