mini|hochkant|Rose Ausländer (1918) mini|hochkant|Rose Ausländer (1931) Rosalie Beatrice Ruth „Rose“ Ausländer, geborene Scherzer (geboren am 11. Mai 1901 in Czernowitz, Österreich-Ungarn; gestorben am 3. Januar 1988 in Düsseldorf)Helmut Braun: Ausländer, Rose. In: NDB-online, veröffentlicht am 1. März 2024 (Online), abgerufen am 15. März 2026. war eine aus der Bukowina stammende deutsch- und englischsprachige Lyrikerin. Sie lebte in Österreich-Ungarn, Rumänien, den USA, Österreich und Deutschland.
Leben
mini|Gedenktafel am Geburtshaus in Czernowitz mini|Das Grab von Rose Ausländer auf dem jüdischen Teil des Nordfriedhofs in Düsseldorf Rosalie „Rosa“ Scherzers Vater Sigmund Scherzer stammte aus der streng orthodoxen, von Chassidismus und Mystik des Ostjudentums geprägten Stadt Sadagora, bekannte sich aber zum Freidenkertum. Er war Prokurist in einer Import-Export-Firma in Czernowitz, wo er seine Frau Etie Rifke Binder kennenlernte. Rose Scherzer wuchs in einem weltoffenen, liberal-jüdischen, auch kaisertreuen Elternhaus auf, in dem die wichtigsten Regeln der jüdischen Tradition bewahrt wurden.
Rose Scherzer lebte in Czernowitz, bis ihre Familie 1916 vor der zweiten russischen Besetzung der Stadt im Ersten Weltkrieg nach Budapest floh. Von dort zog sie mit ihren Eltern weiter nach Wien und absolvierte 1919/1920 die einjährige Germinal-Handelsschule, ein Lyzeum der Wiener Kaufmannschaft. Als sie 1920 in das nun rumänische Czernowitz/Cernăuţi zurückkehrte, trat sie eine Stelle in einer Rechtsanwaltskanzlei an und studierte als Gasthörerin Literatur und Philosophie an der Czernowitzer Universität, brach das Studium aber ein Jahr nach dem Tod des Vaters ab. In Czernowitz nahm sie am „Ethischen Seminar“ von Friedrich Kettner teil, einem praktisch-philosophisch orientierten Seminar, in dem vor allem Constantin Brunner, Spinoza, Platon und die Bibel rezipiert wurden.
Gemeinsam mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer verließ sie 1921 auf Anraten der Mutter die Bukowina und wanderte in die USA aus. Hier war sie unter anderem Buchhalterin beim Westlichen Herold und begann mit dem Schreiben. In dem von ihr bis 1927 redigierten Amerika-Herold-Kalender erschienen ihre ersten Gedichte. Am 19. Oktober 1923 heiratete sie Ausländer in New York, wo sie mittlerweile als Bankangestellte arbeitete, trennte sich aber bereits Ende 1926 wieder von ihm. Im selben Jahr erhielt sie die US-amerikanische Staatsbürgerschaft.
1927 kehrte sie für acht Monate in die Bukowina zurück, um ihre erkrankte Mutter zu pflegen, und lernte den Kulturjournalisten und Graphologen Helios Hecht kennen. Das Paar reiste 1928 nach New York; Rose Ausländer veröffentlichte in den folgenden Jahren eine Reihe von Gedichten und Feuilletons in deutschsprachigen amerikanischen Zeitungen. 1930 wurde ihre Ehe mit Ignaz Ausländer geschieden.
1931 kehrte Ausländer mit Hecht nach Czernowitz zurück. Sie veröffentlichte Gedichte und Aufsätze in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien, übersetzte aus dem Jiddischen und Englischen, gab Englischunterricht und arbeitete als Lebensberaterin für die Zeitung Der Tag. Da sie mehr als drei Jahre nicht mehr in den USA gewesen war, wurde ihr 1934 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft aberkannt. 1935 trennte sie sich von Hecht. Sie arbeitete als Fremdsprachenkorrespondentin für eine Chemiefabrik in Bukarest.
1939 erschien durch die Vermittlung von Alfred Margul-Sperber ihr erster Gedichtband Der Regenbogen, der zwar von der Kritik gelobt wurde, aber beim Publikum durchfiel. Von Freunden in den USA gedrängt, wegen der bedrohlichen politischen Situation in Czernowitz nach New York zurückzukehren, reiste sie 1939 erneut in die USA, kehrte jedoch noch im selben Jahr nach Czernowitz zurück, um ihre schwer erkrankte Mutter zu pflegen. In der Folge des Hitler-Stalin-Pakts von 1939 besetzten im Juni 1940 sowjetische Truppen Czernowitz und die nördliche Bukowina. Ausländer wurde als angebliche US-Spionin vom sowjetischen Inlandsgeheimdienst NKWD verhaftet und nach viermonatiger Haft wieder aus dem Gefängnis entlassen. Sie arbeitete nun als Krankenschwester in einer Augenklinik. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion besetzten die mit Deutschland verbündeten rumänischen Truppen unter Marschall Ion Antonescu Anfang Juli 1941 Czernowitz. Auch Rumänen verfolgten und ermordeten Juden. Rose Ausländer wurde ins Ghetto der Stadt gesperrt, wo sie Paul Celan kennenlernte.Rose Ausländer auf der Webseite judentum-projekt.de, abgerufen am 25. Oktober 2016 Sie durfte die Stadt auch nach der Auflösung des Ghettos nicht verlassen, entging jedoch Zwangsarbeit und Deportation und überlebte in einem Kellerversteck.
Im Frühjahr 1944 marschierte die Rote Armee in Czernowitz ein, das nun wieder sowjetisch wurde, und befreite die wenigen überlebenden Juden. Rose Ausländer reiste über Rumänien neuerlich nach New York und arbeitete wieder als Fremdsprachenkorrespondentin. Ihre Gedichte schrieb sie bis 1956 ausschließlich auf Englisch. 1957 traf sie in Paris Paul Celan wieder; unter seinem Einfluss löste sie sich von ihrem klassisch-expressionistischen Ton und modernisierte ihren Stil – eine Entwicklung, die bereits in New York unter dem Eindruck der amerikanischen Moderne, vor allem durch die Rezeption Marianne Moores, begonnen hatte.
1964 zog Rose Ausländer nach Wien um und 1965 nach Düsseldorf. Als Verfolgte des Nazi-Regimes erhielt sie eine Entschädigung und bezog eine Rente. Ihr zweiter Gedichtband Blinder Sommer (1965) war ihr literarischer Durchbruch und brachte ihr die erste Auszeichnung, den „Silbernen Heinetaler“ des Verlages Hoffmann und Campe. Bis 1971 unternahm Rose Ausländer ausgedehnte Reisen durch Europa, vor allem nach Italien und 1968/69 letztmals in die USA.
1972 zog sie in das Altenheim der Jüdischen Gemeinde Düsseldorfs. Es war Rose Ausländer, die anregte, dass dieses jüdische Altenwohn- und Pflegeheim in der Nelly-Sachs-Straße in Düsseldorf-Stockumnach Hans Bender (FAZ 5. Januar 1988) nach Nelly Sachs benannt wurde.
Noch lange nach ihrer Übersiedlung nach Deutschland war Rose Ausländer kaum bekannt. Erst der Verleger Helmut Braun, den sie 1975 kennenlernte, änderte ihren Bekanntheitsgrad. Ausländer war unter anderem Mitglied des Verbands deutscher Schriftsteller (VS) und des Bodensee-Klubs. Nach einem Oberschenkelhalsbruch, von dem sie sich nicht mehr erholte, beschloss Rose Ausländer 1977, ihr Zimmer nicht mehr zu verlassen und sich nur noch auf ihr Schreiben zu konzentrieren. Ihr letzter öffentlicher Auftritt war im Juni 1977 in Düsseldorf bei der Preisverleihung des Andreas-Gryphius-Preises.Elke Nußbaum: Rose Ausländer (1901–1988). Abgerufen am 24. Juli 2026.
Bis zu ihrem Tod 1988 veröffentlichte Rose Ausländer zahlreiche Gedichtbände, die hohe Auflagen erreichten.
Rose Ausländer fand auf dem jüdischen Friedhof auf dem Gelände des Nordfriedhofs Düsseldorf ihre letzte Ruhestätte. Ihr Nachlass, insbesondere ihre Bibliothek, befindet sich heute im Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf.Dagmar Jank: Bibliotheken von Frauen: ein Lexikon (= Beiträge zum Buch- und Bibliothekswesen. Band 64). Harrassowitz, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-447-11200-0, S. 15.
Rezeption
Im Jahr 2014 widmete sich eine Veranstaltungsreihe im Philosophicum Basel dem Werk Rose Ausländers mit einer Reihe von Vorträgen, Dokumentarfilmen, Lesungen und Gesprächen. Es wird auch eine Wanderausstellung der Friedensbibliothek Berlin gezeigt.
Werke (Auswahl) Lyrik
Briefwechsel Hans Bender: Briefe und Dokumente 1958–1995 (= Texte aus der Bukowiner Literaturlandschaft. Band 48). Rimbaud, Aachen 2009, ISBN 978-3-89086-517-1. Alfred Kittner: Briefe mit Rose Ausländer (= Texte aus der Bukowina. Band 34). Rimbaud, Aachen 2006, ISBN 3-89086-581-X. mit Ursula Ratjen und Wolfgang Ratjen: „Meine liebe Frau Ratjen … Grüße auch an Wolfi“ Briefwechsel (= Schriftenreihe der Rose Ausländer-Stiftung. Band 8). Ausländer-Stiftung, Köln 1997, ISBN 3-932670-08-6 und ISBN 3-932670-07-8. Helmut Braun (Hrsg.): „My dear Roisele!“ Itzig Manger, Elieser Steinbarg und andere jiddische Dichter der Bukowina. Illustrator: Arthur Kolnik (= Schriftenreihe der Rose Ausländer-Gesellschaft. Band 6). Üxheim 1996, ISBN 3-86575-255-1.Ausstellungskatalog. Der Titel stammt von einem Brief Kolniks an Ausländer. Weitere Autoren: Ausländer, Alfred Margul-Sperber, Alfred Kittner, Edith Silbermann, Helios Hecht und andere. Weitere ISBNs: ISBN 3-932670-05-1, ISBN 3-931826-07-4. Harald Vogel, Michael Gans (Hrsg.): „Jedes Wort ist notwendig“: Zum literarischen Briefwechsel Rose Ausländer – Peter Jokostra. Interkulturelles Symposium: Pädagogische Hochschule Ludwigsburg in Zusammenarbeit mit der Universität Czernowitz (= Jahrbuch der Rose Ausländer-Gesellschaft 2003; Schriftenreihe. Band 17). Aphorisma, Berlin 2011, ISBN 978-3-86575-272-7.Beiträge von Boy Hinrichs, Kerstin Klepser, Klaus Krause, Oxana Matiychuk, Petro Rychlo, Siegrid Thielking, Harald Vogel.
Auszeichnungen und Ehrungen 1966: Silberner Heine-Taler des Verlages Hoffmann und CampeHelmut Braun: Dokumentationszentrum ROSE - AUSLÄNDER. 1967: Droste-Preis der Stadt Meersburg 1977: Ida-Dehmel-Literaturpreis der GEDOK 1977: Andreas-Gryphius-Preis 1978: Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 1978: Mitgliedschaft im PEN-Zentrums der Bundesrepublik Deutschland 1978: Ehrengabe des Kulturkreises der Deutschen Wirtschaft im BDI 1980: Roswitha-Gedenkmedaille der Stadt Bad Gandersheim 1984: Großer Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste 1984: Großes Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland 1986: Evangelischer Buchpreis
Eine nach ihr benannte Rose-Ausländer-Straße gibt es in Kaarst und seit 2018 in Düsseldorf-Derendorf.
Vertonungen Max Beckschäfer: Kennst du die Formel vom Leben – 5 Lieder für gemischten Chor und Harfe (2002). 1. Die Formel – 2. Richte dich auf – 3. Die Harfe ist mein Instrument – 4. Gemeinsam – 5. Noch bist du da. Uraufführung am 12. Oktober 2002 in Wolfenbüttel im Rahmen des Projekts „Komponisten komponieren für Kinder- und Jugendchor“ des AMJ. Carus-Verlag, Stuttgart 2002, ISMN 979-0-007-11264-6.
Kurt Bikkembergs: Preise die kühlende Liebe der Luft (2017) für Kinder- und Jugendchor (gewidmet dem Ulmer Spatzen Chor) 1. Singen – 2. Der Garten – 3. Auch so etwas – 4. Vielleicht – 5. Gemeinsam – 6. Wachsen dürfen – 7. Noch bist du da Nikolaus Brass: Rose-Ausländer-Lieder (1987) für 4 Frauenstimmen. Texte aus Im Atemhaus wohnen: Das Schönste; Mein Haus; Hinter den Wänden. Dauer: ~8’. UA 4. November 1987 Stuttgart (Planetarium; Ensemble <belcanto>, Leitung: Dietburg Spohr). CD (Koch-Schwann / Aulos 3-1386-2) Arthur Dangel: Ausländer-Zyklus (2004/05). Texte aus: Ich eine kleine Blume 1. Dennoch Rosen – 2. Wir träumen Schlaraffenland – 3. Die Finsternis wächst – 4. Im Leuchtfeuer – 5. Hereingefallen sind wir – 6. Keine Gedichte – 7. Aufatmen – 8. Ich bin Kain – 9. Nichts tröstet – 10. Ich lausche – 11. Ich eine kleine Blume – 12. Morgens eine Nachtigall – 13. Im Sommer – 14. Jenen verlorenen Zeiten – 15. Ich sammle meine Verluste – 16. Aus der Sonne – 17. Ich danke den Göttern – 18. Das Weiß einer Säule – 19. Ich bin schon lange verschollen – 20. Die Tage des Schweigens – 21. Ich war ein Vogel Siegrid Ernst: Das Signal (2012) für Sprechstimme und Orgel 1. Das Signal („Ein Gerücht geht um…“) – 2. Werben („Die großen Worte…“) – 3. Gemeinsam („Vergesset nicht…“) – 4. Hoffnung („Wer hofft / ist jung…“) – 5. Noch bist du da („Wirf deine Angst / in die Luft…“) David Philip Hefti: Rosenblätter (2007). Liederzyklus für mittlere Stimme und Klavier. Uraufführung am 30. November 2009 in Zürich (Tonhalle; Judith Schmid [Mezzosopran], Sarah Tysman [Klavier]). Notenausgabe: Edition Kunzelmann GmbH. CD: telos music records (TLS 103)