Dieser Artikel benennt die wichtigsten Neuerungen der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 einschließlich der seither erfolgten Aktualisierungen. Die darum geführte Debatte wird im Artikel zur Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996/Pro und Kontra behandelt. Deren Ergebnisse werden unter den Begriffen Neue Rechtschreibung oder Neue deutsche Rechtschreibung dargestellt.

Einleitung

Im Rahmen der Reform der deutschen Rechtschreibung von 1996 wurden die gültigen Rechtschreibregeln in großem Umfang überarbeitet. Die seit 1996 gültige neue Rechtschreibung wurde sowohl 2004 als auch 2006 nachgeändert, was in neuen Regelwerken resultierte. Zusätzlich gab es 2011, 2017 als auch 2024 Aktualisierungen dieses Regelwerkes sowie 2018 eine redaktionelle Anpassung des Vorwortes. Somit entsprechen die aktuell gültigen Rechtschreibregeln dem Regelwerk von 2024. Das Amtliche Regelwerk und Wörterverzeichnis ist seit dem 1. Juli 2024 für Schulen, Unterricht und öffentliche Verwaltungen verbindlich. „Die zuständigen staatlichen Stellen Deutschlands, Österreichs, der Schweiz, der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens und des Fürstentums Liechtenstein haben den Vorschlägen des Rats zur Anpassung des Regelwerks bis Ende Juni 2024 zugestimmt.“Das Amtliche Regelwerk und Wörterverzeichnis: Grundlegende Neubearbeitung in d. F. vom 14. Juli 2023 des Rats für deutsche Rechtschreibung, Eupen, online. Es ist auf der Basis empirischer Schreibbeobachtung erarbeitet worden. (bis 2006 in der Fassung von 2018)

In Literatur und öffentlicher Diskussion wird weitgehend die Bezeichnung neue (deutsche) Rechtschreibung verwendet, mitunter „reformierte Rechtschreibung“ oder „Reformschreibung“.

Die bis 1996 gültige Regelung wird im nachfolgenden Text auch „traditionelle (deutsche) Rechtschreibung“ genannt.

Änderungen der Reform von 1996 gegenüber der traditionellen Rechtschreibung

Die Reform betraf die folgenden Bereiche, für die hier nur jeweils einzelne Beispiele genannt werden sollen.Beispiele aus: Klaus Heller: Rechtschreibreform. In: Sprachreport, Extra-Ausgabe Juli 1996. Institut für deutsche Sprache, Mannheim.

Themenbereich traditionelle Schreibung reformierte Schreibung Laut-Buchstaben-Zuordnung: e / ä Stengel Stängel Laut-Buchstaben-Zuordnung: ß / ss Kuß Kuss Laut-Buchstaben-Zuordnung: Dreifachkonsonanten Ballettänzer Balletttänzer oder Ballett-Tänzer duden.de - Zusammentreffen von 3 gleichen Buchstaben (Regel D169) Laut-Buchstaben-Zuordnung: Fremdwörter Orthographie Orthographie oder Orthografie Getrennt- und Zusammenschreibung: Verben radfahren Rad fahren Getrennt- und Zusammenschreibung: Adverbien wieviel wie viel Schreibung mit Bindestrich 3tonner 3-Tonner Groß- und Kleinschreibung: Substantive in bezug auf in Bezug auf Groß- und Kleinschreibung: Adjektive auf deutsch auf Deutsch Zeichensetzung: Durch und eingeleitete Hauptsätze Der Schnee schmolz dahin, und bald ließen sich die ersten Blumen sehen, und die Vögel stimmten ihr Lied an. Der Schnee schmolz dahin und bald ließen sich die ersten Blumen sehen und die Vögel stimmten ihr Lied an. Worttrennung am Zeilenende Zuk-ker Zu-cker

Einige neu eingeführte Schreibweisen sind durch nachfolgende Reformen der Reform wieder für ungültig erklärt worden, in anderen Fällen wurde der Gebrauch der traditionellen neben der reformierten Rechtschreibung freigestellt. Zur Begründung der Änderungen und ihrer Regelhaftigkeit sowie für weitere Beispiele siehe die Ausführungen unten zur Fassung von 2006.

Änderungen nach 1996 Im Jahre 2004 wurden einige Regeln modifiziert und weitere Schreibweisen als Varianten zugelassen. Im Jahre 2006 kam es zu umfangreicheren Änderungen am Regelwerk. Hierbei wurden auch erstmals weitere Schreibweisen für ungültig erklärt. Letztere sind heute in Schule und Behördenverkehr ebenso überholt wie diejenigen, die schon seit 1996 nicht mehr gelten.

Änderungen der Rechtschreibung im Jahr 2004 gegenüber 1996 Durch die Neufassung der amtlichen Regelung im Jahre 2004 wurde noch keine der 1996 neu eingeführten Schreibweisen widerrufen, es wurden ihnen jedoch weitere Varianten hinzugefügt. Zusätzlich zu Leid tun wurde als neue Variante leidtun eingeführt. Bei festen Verbindungen aus Präposition und dekliniertem Adjektiv ohne vorangehenden Artikel wurde zusätzlich zur Kleinschreibung auch die Großschreibung zugelassen: von neuem/Neuem, bei weitem/Weitem, bis auf weiteres/Weiteres, seit längerem/Längerem, binnen kurzem/Kurzem. Bei bestimmten Verbindungen mit Partizip wurden auch die zusammengeschriebenen Positivformen wieder zugelassen: z. B. neben Zeit sparend auch wieder zeitsparend (entsprechend zum Komparativ zeitsparender und zum Superlativ am zeitsparendsten).

Änderungen der Rechtschreibung im Jahr 2006 gegenüber 2004 Am 2. März 2006 hat die Kultusministerkonferenz (KMK) die vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgeschlagenen Änderungen übernommen, die seit dem 1. August 2006 gelten und mit dem 1. August 2007 verbindlich wurden. Dem Schreiber ist jetzt noch mehr als bisher freigestellt, sich für die eine oder andere Schreibweise zu entscheiden. Einige Änderungen sind jedoch verbindlich, das heißt, ältere Reformvarianten gelten als falsch.Zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung ab 1. August 2006 (PDF, 186 kB). Sprachreport, Extra-Ausgabe Juli 2006, Institut für Deutsche Sprache, Mannheim.

Getrennt- und Zusammenschreibung Verben Verbpartikeln, die unfeste Zusammensetzungen bilden, sind nicht mehr nur die Präpositionen und eine eng vorgeschriebene Anzahl von Adverbien, sondern praktisch alle Adverbien, soweit sie den Hauptton tragen (Bsp.: beisammenbleiben). Trägt das Verb die Betonung, schreibt man auseinander: zusammen tanzen, nacheinander gehen, voneinander lernen … Verb + Verb: Bei Verbindungen aus zwei Verben mit bleiben und lassen als zweitem Bestandteil ist bei übertragener Bedeutung gemäß § 34 E7 wieder Zusammenschreibung möglich, z. B. liegenbleiben, sitzenbleiben, stehenlassen; dasselbe gilt für kennenlernen. Substantiv + Verb: Zusammenschreibung als Zusammensetzung oder Getrenntschreibung als Wortgruppe ist jetzt außer bei danksagen / Dank sagen und gewährleisten / Gewähr leisten auch möglich bei achtgeben / Acht geben, achthaben / Acht haben, haltmachen / Halt machen, maßhalten / Maß halten sowie in Fällen wie marathonlaufen / Marathon laufen, staubsaugen / Staub saugen. verblasstes Substantiv + Verb: Die Verben eislaufen, kopfstehen und nottun werden nur noch als Zusammensetzungen behandelt (hier ist auch die Groß- und Kleinschreibung betroffen): Seefahrt tut not … Adjektiv + Verb: Das Verb leidtun wird nur noch als Zusammensetzung behandelt (hier ist auch die Groß- und Kleinschreibung betroffen): Es tut mir leid bzw. besser: Das sollte Dir leidtun! Bei Goethe: Erlköng hat mir ein Leids getan. Adjektiv + Verb: Stellt ein einfaches Adjektiv das Ergebnis des Vorgangs dar, kann getrennt- oder zusammengeschrieben werden: fern bleiben / fernbleiben, näher kommen / näherkommen, voll laden / vollladen, warm halten / warmhalten …; bei neuer Bedeutung muss zusammengeschrieben werden: kurzarbeiten, richtigstellen, schwerfallen … An die Stelle der Regelungen mit steigerbarem Adjektiv oder Adjektiven mit den Suffixen -ig, -isch, -lich ist die Formulierung „Verbindungen mit morphologisch komplexen oder erweiterten Adjektiven“ getreten.

Adjektive unflektiertes Adjektiv + Adjektiv: Bei abstufender Bedeutung des 1. Adjektivs ist Getrennt- oder Zusammenschreibung möglich: früh reif/frühreif, leicht verdaulich/leichtverdaulich adjektivisch gebrauchte Partizipien: Getrennt- oder Zusammenschreibung ist wie seit 2004 möglich: allgemein bildend/allgemeinbildend, Hilfe suchend/hilfesuchend; klein kariert/kleinkariert, selbst vermarktend/selbstvermarktend …

Groß- und Kleinschreibung Desubstantivierungen verblasste Substantive + sein/bleiben/werden: Zu angst, bange … sind neu feind, freund, klasse, spitze und unrecht getreten: Ich bin ihm feind. – Das bleibt unrecht. … recht/Recht und unrecht/Unrecht + behalten, bekommen, geben, haben, tun: Groß- wie Kleinschreibung ist gestattet: Ich habe völlig recht/Recht, Wir geben dir recht/Recht. Du tust mir unrecht/Unrecht. … Präposition + dekliniertes Adjektiv (ohne Artikel): Hier sind wie seit 2004 beide Schreibweisen korrekt: bis auf weiteres/Weiteres, seit kurzem/Kurzem … Präposition + undekliniertes Adjektiv (ohne Artikel): wie bisher Kleinschreibung, jetzt auch wieder bei zu eigen machen Adjektiv + Substantiv in fester Verbindung, (die keine Eigennamen sind): Generell gilt Kleinschreibung: das autogene Training, das neue Jahr (auch: das Neue Jahr), die grüne Witwe …Bei übertragener Bedeutung ist auch Großschreibung gestattet: der Blaue Brief, das Schwarze Brett – aber nur zur besonderen Hervorhebung.Lediglich Fachsprachen können andere Festlegungen treffen, etwa die Rote Karte, der Goldene Schnitt, die Kleine Anfrage, die Erste Hilfe.

mini|Uneinheitliche Groß- und Kleinschreibung von Pronomen der 2. Person Plural

Anredepronomen Die Forderung der Reform von 1996, die zur Anrede verwendeten Pronomen der zweiten Person generell nur noch kleinzuschreiben, wurde 2006 insofern zurückgenommen, als Pronomina, die auch grammatisch 2. Person sind, also du, ihr und ihre Ableitungen, jetzt in Briefen wahlweise groß- oder kleingeschrieben werden dürfen.

Worttrennung Einzelne Vokalbuchstaben am Wortanfang oder vor oder hinter der Wortfuge bei Zusammensetzungen (Komposita) dürfen nicht mehr abgetrennt werden, also nicht mehr a-ber, O-fen, E-cke, Sonna-bend, Ge-ografie (2006 § 107 E1). An der Trennung unmittelbar hinter Präfixen wird festgehalten, also z. B. In-stanz, Kon-struktion, Pro-blem, das gilt nach § 112 (2004) bzw. § 113 (2006) aber nur, wenn das Präfix als solches erkannt und empfunden wird. Vor allem bei Fremdwörtern ergeben sich daraus neue Trennmöglichkeiten (Ins-tanz, Kons-truktion, Prob-lem), die die Wörterbuchverlage recht unterschiedlich handhaben.

Zeichensetzung Änderungen bei der Reihung von Sätzen mit und, oder etc. Nebensätze gleichen Grades dürfen nicht mehr durch ein Komma getrennt werden (§ 72): Ich gehe davon aus, dass er Besorgungen macht und dass er bald zurückkommt. – Er hat nichts gesagt, weder dass er zahlungsunfähig ist noch dass er Hilfe braucht. … Gleiches gilt für die Reihung von Hauptsätzen (§ 72). Hier kann man aber ein Komma setzen, um die Gliederung zu verdeutlichen (§ 73): Sie ging aus der Tür(,) und er sah sie nie wieder. – Neben der Möglichkeit, die Satzinhalte mit Absicht weniger stark miteinander zu verbinden als ohne Komma (Sprechpause), aber auch nicht so stark zu trennen wie mit Punkt (statt Komma), kann man so vor allem Missverständnisse bei der Zuordnung von Subjekt und Prädikat vermeiden: Die Polizei verhaftete den Hauptverdächtigen(,) und seine Gattin sowie ihre drei Kinder, die sich in derselben Wohnung aufhielten, mussten dies mit ansehen.

Änderungen bei Abhängigkeit von einem Korrelat oder Verweiswort Infinitiv-, Partizip-, Adjektiv- oder entsprechende andere Wortgruppen werden durch ein Komma abgegrenzt, wenn sie von einem Korrelat oder Verweiswort abhängen: Auf diese Weise, jede Adresse überprüfend, fanden wir ihn schließlich. – Nur so, verbittert und im Rollstuhl, ist mir mein Onkel in Erinnerung geblieben. – Mit dem Rucksack bepackt, so standen wir vor der Tür. …

Änderungen bei syntaktischer Sonderstellung Infinitiv-, Partizip-, Adjektiv- oder entsprechende andere Wortgruppen werden durch ein Komma abgegrenzt, wenn sie als einem Substantiv oder Pronomen nachgetragene Zusätze anzusehen sind und damit aus der üblichen Satzstruktur herausfallen: