mini|hochkant=1.3|Karte Berlin-Gropiusstadt

Die Gropiusstadt ist ein Ortsteil im Bezirk Neukölln in Berlin. Sie entstand von 1962 bis 1975 im damaligen West-Berlin als Großwohnsiedlung zwischen den alten Siedlungen Britz, Buckow und Rudow.

Seit 2002 ist die Gropiusstadt neben Neukölln, Britz, Buckow und Rudow ein eigener Ortsteil im Bezirk Neukölln. Den Beschluss hierzu traf das zuständige Bezirksamt anlässlich des 40. Jahrestages der Grundsteinlegung der Siedlung.

Die rund 18.500 Wohnungen der von Walter Gropius geplanten Satellitenstadt wurden zu 90 Prozent als Sozialbauwohnungen errichtet. Seit den 1980er Jahren gilt die Gropiusstadt als sozialer Brennpunkt.

Lage und Struktur Die Gropiusstadt grenzt im Nordwesten an Britz und im Osten an Rudow. Das mittlere Gebiet der Gropiusstadt liegt zwischen den beiden Ortsteilen des historischen Buckow, die als Buckow 1 und Buckow 2 (auch Buckow-Nord) bezeichnet werden. Die gesamte Gropiusstadt ist in zwölf Bereiche eingeteilt.

Das Britzer Gebiet der Gropiusstadt liegt nordwestlich der Johannisthaler Chaussee und südlich der Fritz-Erler-Allee zwischen den U-Bahnhöfen Britz-Süd und Johannisthaler Chaussee. Dieses Gebiet umfasst die Bereiche 1–3. Das Buckower Gebiet bildet den mittleren Teil der Gropiusstadt. Es füllt die Fläche zwischen den alten Siedlungen Buckow 1 und Buckow 2. Nördlich wird dieser Abschnitt durch Johannisthaler Chaussee und Rudower Straße begrenzt, östlich durch den Efeuweg (nördlich der Fritz-Erler-Allee) sowie Lipschitzallee (südlich der Fritz-Erler-Allee). Das Gebiet wird südlich durch den Kölner Damm begrenzt, wobei noch einige wenige Gropiusstadt-Bauten südlich des Kölner Damms stehen – entlang der Ringslebenstraße. Das Buckower Gebiet umfasst die Bereiche 4–8. Die Bereiche 4 und 5 sowie 7 und 8 liegen südlich der Fritz-Erler-Allee; nur der Bereich 6 liegt nördlich jener Straße. Das Rudower Gebiet der Gropiusstadt befindet sich südlich der Fritz-Erler-Allee. Westlich wird dieser Teil durch die Lipschitzallee begrenzt, östlich durch den Zwickauer Damm. Dieses Gebiet umfasst die Bereiche 9–12.

Das Vogelschutzgebiet am Wildmeisterdamm (auch Rudower Wäldchen) ist eine bewaldete Freifläche, die die Gropiusstadt in zwei westliche und einen östlichen Teil trennt. Den nördlichen Abschluss dieser Grünzunge bildet der halbrunde Innenhof des Gropiushauses an der Kreuzung von Fritz-Erler-Allee und Lipschitzallee.

Anders als beim Märkischen Viertel folgte der städtebauliche Entwurf der Gropiusstadt keiner klaren Gestalt. Stattdessen entwickelte man die verschiedenen Teilbereiche einzeln und unabhängig voneinander. Bei diesem Prozess übten die Wohnungsbaugesellschaften GEHAG und Degewo starken Einfluss aus. Die GEHAG war die hauptsächliche Bauherrin für die beiden westlichen Gebiete: südlich der Fritz-Erler-Allee, auf beiden Seiten der Johannisthaler Chaussee – in den Bereichen 1–5 sowie 7–9. Die Degewo war die hauptsächliche Bauherrin für das Rudower Gebiet der Gropiusstadt: südlich der Fritz-Erler-Allee, zwischen Waldgebiet und Zwickauer Damm – Bereiche 11 und 12. Im Bereich 10 – entlang der Fritz-Erler-Allee – baute vor allem die Baugenossenschaft Ideal. Im Bereich 6 – nördlich der Fritz-Erler-Allee – bauten verschiedene kleinere Träger.

Geschichte

Planung mini|hochkant=1.2|Gropiusstadt, Ansicht von Süden, Punkthochhaus und Wohnbebauung in der Bildmitte von Klaus Müller-Rehm, Ausführung 1971–1973

Ein Einfluss für die frühe Nachkriegs-Stadtentwicklung war der sogenannte Kollektivplan von 1946, der erste Wiederaufbau-Entwurf für Berlin nach der Kriegszerstörung. Obwohl dieser Entwurf niemals eine bindende Planungsgrundlage war, spielten die Mitglieder des Planungskollektivs später wichtige Rollen bei der Berliner Stadtentwicklung der 1950er und 1960er Jahre (Wils Ebert, Reinhold Lingner, Hans Scharoun, Peter Friedrich). Das Planungskollektiv hatte sich beim Entwurf stark an der Charta von Athen orientiert. Der Planungskollektiv-Architekt Wils Ebert war maßgeblich an der Entwicklung der Gropiusstadt beteiligt. Ebert hatte bereits 1933 Vorarbeiten zur Charta von Athen geleistet – als Angestellter von Bauhaus-Architekt Walter Gropius.

Mitte der 1950er Jahre begannen erste Vorüberlegungen für die Schaffung einer Großsiedlung im Süden Neuköllns. Die Wiederaufbauarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg gewann an Dynamik und getreu dem Motto der Charta von Athen sollte auch in die dicht bebauten Gründerzeitviertel „Licht, Luft und Sonne“ einziehen. Für die Bewohner der dabei abzureißenden Hinter- und Seitenhäuser musste aber neuer Wohnraum geschaffen werden.

Vorläufer-Planungen Aus Überlegungen, die in Britz gelegene Hufeisensiedlung von Bruno Taut nach Süden zu erweitern, entstand die Idee, die an der südlichen Stadtgrenze Berlins gelegene Ackerfläche für das Wohnungsbauvorhaben zu nutzen. Bis 1954 war schon eine erste Erweiterung der Hufeisensiedlung mit 272 Wohneinheiten gebaut worden, nach Plänen von Max Taut und Eduard Ludwig. Insgesamt entstanden in den 1950er Jahren 3.284 Wohnungen in der Wohnsiedlung Britz-Süd, als südliche Erweiterung der Hufeisensiedlung. Diese Häuser stehen zwischen in der Bereich zwischen Hufeisensiedlung, Gutschmidtstraße und Grüner Weg.

Der erste Bebauungsplan für das Gebiet der heutigen Gropiusstadt stammt vom Juli 1954 und ist ein Entwurf des Bezirksamts Neukölln. Zu diesem Zeitpunkt stand noch zur Diskussion, ob Volkswagen ein Zweigwerk in Berlin eröffnen würde. Der Standort des Berliner VW-Werks wäre in Rudow gewesen. Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Kurt Exner hatte dahingehend ab 1954 mit VW verhandelt, nachdem 1952 der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter den Kontakt zu VW hergestellt hatte. VW verwarf den Plan jedoch 1956.

Planungsvorbereitung Die Initiative zum Bau der Großsiedlung war 1955 vom Vorstandsvorsitzenden der GEHAG – Karl-Heinz Peters – ausgegangen, als VW noch nicht abgesprungen war. Peters gilt heute als „Gründer der Gropiusstadt“. Im Mai 1958 begannen erste Grundstücksankäufe für die Großsiedlung Berlin-Britz-Buckow-Rudow (BBR), wie der Planungsname nach den beteiligten Stadtteilen lautete. Ende desselben Jahres äußert Karl-Heinz Peters den Wunsch, dass Walter Gropius einen einheitlichen städtebaulichen Entwurf hierfür anfertigen soll. Um das zu erreichen, engagierte die GEHAG zunächst Wils Ebert, der die notwendigen Vorbereitungen treffen und den Kontakt zu Gropius herzustellen sollte. Beim Bau des Walter-Gropius-Haus im Hansaviertel anlässlich der Bauausstellung Interbau war Wils Ebert der Kontaktarchitekt vor Ort, da Gropius selbst Professor an der Harvard University war und in Cambridge (Massachusetts) blieb. Gropius hatte 1945 in Cambridge das Architekturbüro The Architects Collaborative (TAC) gegründet und verstand sich selbst als primus inter pares, nicht als alleiniger Entwerfer.

Erste Entwürfe 1958–1961 mini|hochkant=0.85|Einfamilienhaus in der Gropiusstadt, Bohm-Schuch-Weg, Entwurf Tilman Vetter, Ausführung 1969–1970

1958 begann die Senatsabteilung für Bau- und Wohnungswesen mit der Erstellung von Erschließungsplänen. Die Planungsabteilung der GEHAG – geleitet von dem Architekten Otto Scheibe – legte im März einen ersten Bebauungsplan vor, noch bevor Gropius/TAC oder Ebert kontaktiert wurden. Gropius sagte im Mai 1959 zu, die Verhandlungen über einen Vertrag zogen sich über mehrere Monate hin. Im Juli 1959 – noch vor der formellen Beauftragung von Gropius/TAC – ließen GEHAG, Berliner Bausenator Rolf Schwedler und das Bezirksamt Neukölln unabhängig Pläne von Ernst May erstellen. Der Entwurf von May bezog sich nur auf den östlichsten Teil des Rudower Gebiets der Siedlung, der direkt an Zwickauer Damm und Neuköllner Straße grenzt, der spätere Bereich 12. Gropius/TAC und GEHAG schlossen im Januar 1960 einen Vertrag ab. Im Mai 1960 und April 1961 legten Gropius/TAC erste eigene Entwürfe vor. Die TAC-Konzeption sah als Reminiszenz an die Hufeisensiedlung kreisrunde Baukörper mit dazwischenliegenden, überschaubaren Wohnvierteln und Einfamilienhaussiedlungen vor, in denen zentral Geschäftszentren und eine Anbindung an die zu verlängernde U-Bahn-Linie 7 eingebettet waren. Große öffentliche Grünflächen dazwischen sollten die Bebauung auflockern und den Bewohnern zur Naherholung dienen. Gropius wollte die „mannigfaltigen Elemente des herkömmlichen Stadtlebens“ mit den damals modernen Methoden des Städtebaus verbinden.

Der ursprüngliche Entwurf von Gropius/TAC sah vor, möglichst viele verschiedene stadträumliche Situation zu schaffen: „das übergeordnete Grün, der grüne Gürtel, der große Hof, der kleine Hof, der Eingangshof, der Fußweg, die Fußwegkreuzung, der Laden-Fußweg.“ Die großen Höfe orientierten sich an der Hufeisensiedlung. Sie sollten das Zentrum des jeweiligen Wohnbereichs bilden. Entsprechend des ersten TAC-Plans vom Mai 1960 war das Siedlungsgebiet in zwölf Wohnbereiche eingeteilt und besaß zwölf große kreisförmige Wohnhöfe, jeweils einen pro Bereich. Der Entwurf wurde von GEHAG-Chefarchitekt Otto Scheibe abgelehnt. Der zweite TAC-Plan vom April 1961 reduzierte die Anzahl der großen kreisförmigen Höfe auf drei. Der Anteil an Hochhäusern war auch höher.

Planänderungen ab 1961 mini|hochkant=0.85|Wohnhöfe Wermuthweg, Entwurf Peter Pfankuch & Dieter Enke, Ausführung 1968–1970

Mit dem Mauerbau am 13. August 1961 änderten sich schlagartig die Rahmenbedingungen in West-Berlin: da keine Wachstumsflächen nach außen mehr verfügbar waren, mussten die Bauvorhaben nun deutlich verdichtet werden. Statt der ursprünglich vorgesehenen 14.500 Wohnungen wurden die Planungen modifiziert, die endgültige Planfassung sah auf 264 Hektar fast 19.000 Wohneinheiten für mehr als 50.000 Menschen vor. Der Berliner Senat und die Bezirke forderten radikale Änderungen am TAC-Entwurf von 1961. Wils Ebert hatte zu diesem Zeitpunkt einen alternativ-Entwurf erstellt, den sogenannten Prinzip-Plan, der zwar bei Senator Schwedler als auch bei Gropius auf starken Widerstand stieß, nicht so bei GEHAG-Vorstand Peters. Eberts Prinzip-Plan besaß nur noch einen großen kreisförmigen Wohnhof, der aus drei gebogenen Hochhauszeilen zusammengesetzt war und südlich der Fritz-Erler-Allee im Bereich zwischen Johannisthaler Chaussee und Lipschitzallee stehen sollte. Alle anderen Wohnhäuser sollten freistehende Zeilen sein, die rechtwinklig zueinander stehen sollten, entweder in Nord-Süd- oder in Ost-West-Ausrichtung.

Im Laufe des Jahres 1962 mischte sich zunehmend Senatsbaudirektor Werner Düttmann in den Planungsprozess ein. Er und Wils Ebert begannen, unabhängig von Gropius/TAC eine eigene Auswahl von Planern zu treffen, die die einzelne Bereiche und Gebäude der Siedlung entwerfen sollen. Dieser Prozess resultierte in der Prämierung der städtebaulichen Entwürfe von Peter Pfankuch/Dieter Enke sowie Rolf Gutbrod.

Der Leiter der Planungsabteilung der GEHAG war der Architekt Otto Scheibe. Scheibe und die GEHAG sahen den Prinzip-Plan von Ebert 1962 als ausreichend an und wollten nicht länger auf die Ausarbeitung der Entwürfe von Gropius/TAC warten. Die GEHAG begann 1962 mit dem Bau des ersten Abschnitts der Großsiedlung im nordwestlichen Britzer Gebiet im Bereich 1 um den Otto-Wels-Ring sowie Bereich 2 zwischen Severingstraße und Johannisthaler Chaussee. Dieser Teil wurde noch mit der – ursprünglich vor dem Mauerbau festgelegten – Geschossflächenzahl (GFZ) von 0,8 errichtet. Später verdoppelte man die GFZ auf 1,6 im Buckower und im Rudower Gebiet im Osten der Siedlung. Die Bereiche mit der höchsten Bevölkerungsdichte befinden sich im Südosten der Großsiedlung.

Hochhaussiedlung