Die Graphologie (gemäß geltender Rechtschreibung auch Grafologie) ist die Lehre von der Handschrift als Ausdruck des Charakters.Duden. Band 1: Rechtschreibung. Graphologie bedeutet in wörtlicher Übersetzung die Lehre vom Schreiben sowie die Lehre, wie man aus der Handschrift eines Menschen auf bestimmte Bereiche seiner Persönlichkeit schließen kann. Die Graphologie ist demnach eine Methode der Psychodiagnostik.Heinrich Pfanne: Lehrbuch der Graphologie. Walter de Gruyter&Co., Berlin 1961, S. 1. Dazu werden Schriftproben verwendet, die das übliche Schriftbild des Probanden wiedergeben (beispielsweise Briefe, Notizen, Aufzeichnungen, Abschriften). Die Graphologie gilt heute als Pseudowissenschaft.

Im Laufe des 20. Jahrhunderts hat sich die Graphologie in unterschiedlichen Richtungen weiter entwickelt: Die französische Graphologie befasste sich weiter mit der Erforschung von Ursache und Wirkung in der Handschrift, rückte also einen eher geisteswissenschaftlich-philosophischen Aspekt in den Vordergrund. Die deutschsprachige Graphologie fand bei vielen Naturwissenschaftlern und Ärzten Resonanz, weshalb ein Schwerpunkt auf der Kausalität der Naturwissenschaften zu beobachten ist.Ludwig Wirz: Grundlegung einer kausalen Graphologie. Bouvier, Bonn 1985, S. 59. Die angelsächsische, vor allem die US-amerikanische Graphologie dagegen fokussierte auf Beobachtung und Deutung von Einzelmerkmalen.Marie Bernard: Graphologie. Eine Einführung mit 800 Schriftbeispielen. New York 1985 (englische Originalausgabe). Basel 1990 (deutsche Übersetzung). Untersuchungen und Kritik graphologischer Aussagen müssen dementsprechend immer auch auf dem Hintergrund der unterschiedlichen Ansätze und Methodenschwerpunkte gesehen werden.

Die Aussagekraft der Graphologie wird kontrovers diskutiert. Sowohl Gegner als auch Befürworter berufen sich auf wissenschaftliche Studien. Die Mehrzahl der Autoren kommt zum Schluss, dass sich der Zusammenhang zwischen Merkmalen der Handschrift und Persönlichkeitsmerkmalen wissenschaftlich nicht belegen lasse. Andere Autoren kritisieren die genannten Studien bezüglich der Untersuchungsanlagen,Angelika Seibt: Profil, München 1994. die für die Überprüfung deutender psychodiagnostischer Methoden nicht geeignet seien, und verweisen auf Untersuchungen, die der Qualität der Graphologie ein positives Zeugnis ausstellen.Teut Wallner: (PDF; 192 kB) Nachdruck aus: Zeitschrift für Menschenkunde. Jg. 58, 1994, S. 158–163. mini|500px|Handschrift Jean-Hippolyte Michons

Methodik Grundsätze Die Graphologie geht davon aus, dass die charakteristische Art einer Person zu schreiben, die Möglichkeit begründet, von der individuellen Handschrift auf die individuelle Persönlichkeit eines Menschen zu schließen.Petra Halder-Sinn: Was verrät die Handschrift über uns? In: Spektrum.de, 5. April 2021, abgerufen am 8. April 2021 Die Graphologie befasst sich also damit, aus der Handschrift einer Person ihre wesentlichen oder dominanten Merkmale aufzuspüren, ihren Gesamteindruck zu bestimmen, um sie charakterologisch ausdeuten zu können. Es handelt sich um die Beobachtung und Beschreibung dessen, was heute allgemein als Bewegungs-, Form- und Raumbild bezeichnet wird. In einem zweiten Schritt wird dann daraus ein möglichst getreues Bild des Verhaltens, der Gemütsverfassung, der potentiellen Antriebe und Anlagen, d. h. ein abgerundetes Persönlichkeitsbild des Schrifturhebers erstellt.Alfons Lüke: Von der Graphologie zur Schriftpsychologie. In: Fünfzig Jahre für die Schriftpsychologie : Festschrift zum 75. Geburtstag von Prof. Dr. H.-W. Scherz. Edition Scrittura, Zürich 1990, , S. 69.

Graphologie ist kein psychologischer Test im engeren, testpsychologischen Sinne. Gewisse Merkmale können exakt gemessen werden (z. B. Größe, Schriftneigung), andere sind zwar nicht messbar, aber quantifizierbar: ob ein bestimmtes Merkmal (z. B. expansiv oder kontrolliert, originell oder an der Norm orientiert) in einer Handschrift vorkommt, kann mit ja oder nein, bzw. auf einer mehrstufigen Skala festgehalten werden. Werden Schriften miteinander verglichen, kann immer gesagt werden, in welcher Schrift das Merkmal stärker ausgeprägt ist. Die Validität ist mit den üblichen statistischen Methoden nur bedingt überprüfbar.

Ansätze und Modelle Die graphologische Arbeit beginnt mit der Merkmalsermittlung. „Es handelt sich dabei teils um die Erfassung messbarer Einzelteile der Schrift, teils um die Kennzeichnung von ganzheitlichen Bewegungsabläufen und Formgebungen, die qualitativ beschrieben werden.“W. H. Müller, A. Enskat: Graphologische Diagnostik. Huber 1987, S. 13. Zunächst werden die verschiedenen Schriftmerkmale erhoben und analysiert. Aus den Ganzheitsmerkmalen (z. B. Rhythmus, Einheitlichkeit, Versteifungsgrad), den Einzelmerkmalen (z. B. Schriftweite, Proportionen, Druckstärke) und den Besonderheiten (z. B. besondere Gestaltung der Unterschrift, Umgestaltung von Buchstaben, Ausschmückungen) der Handschrift erstellt der Graphologe ein Charakterbild. „Bei der Merkmalsermittlung wird noch nicht gedeutet. Die Deutung bildet das Kernstück der graphologischen Arbeit. Man kann sie als die Umkehrung der Schriftentstehung ansehen. Während nämlich bei der Schriftentstehung Wesenszüge des Schreibers in die Schreibbewegung einfliessen, wird bei der Merkmalsauswertung aus der fertigen Schrift auf die Schreibbewegung und von dieser auf die in sie eingegangenen Wesenszüge des Schreibers zurückgeschlossen.“ Die Schriftdeutung erfolgt aber nicht intuitiv, sondern wird methodisch erarbeitet.

Im deutschen Sprachraum gibt es die vier grundlegenden Schulen Ludwig Klages’, Rudolf Pophals, Robert Heiß’ und Max Pulvers.Ursula Avé-Lallement: Die vier deutschen Schulen der Graphologie. Verlag Ernst Reinhardt München 1989, S. 8. Es bedarf „bei der Anwendung der wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Praxis immer einer Synthese verschiedener Richtungen. Das gilt ganz besonders in der Psychologie und speziell auch in der Graphologie“.Heinrich Pfanne: Lehrbuch der Graphologie. De Gruyter, 1961, S. 51.

Die modernen computerbasierten Tools zur Unterstützung der graphologischen Arbeit sind denn auch so konzipiert, dass sie die ganze Palette des graphologischen Erfahrungswissens in Form von Expertensystemen zusammenfassen. Beispiele dafür sind die Programme HSDetectYury Chernov: Computersysteme für Graphologie, abgerufen am 30. März 2014. und GraphoPro.Bruno Keel, Martin Leisebach: abgerufen am 30. März 2014.

(siehe auch Moderne Graphologie)

Geschichte Entwicklung Schon früh scheint sich der Gedanke formiert zu haben, dass aus der Handschrift auf Eigenheiten der schreibenden Person geschlossen werden könne. Aus der Antike sind diesbezügliche Ausführungen Suetons überliefert.

Im Zusammenhang mit der moderneren Graphologie wird ein Werk Camillo Baldis genannt: 1622 schrieb der italienische Philosoph und Arzt seine Abhandlung über eine Methode, die Natur und Qualität eines Schreibers aus seiner Schrift zu erkennen.Camillo Baldi: Trattato Come Da Una Lettera Missiva Si Conoscano La Natura E Qualità Dello Scrittore. Giovanni Battista Bidelli, Mailand 1625, .

Bekannt ist unter anderem, dass sich Johann Wolfgang von Goethe für Handschriften interessiert und eine Sammlung davon angelegt hat. Darüber korrespondierte er unter anderem auch mit dem Zürcher Pfarrer und Gelehrten Johann Caspar Lavater.Heinrich Funk (Hrsg.): Goethe und Lavater, Briefe und Tagebücher. (= Schriften der Goethe-Gesellschaft. Band 16). Weimar: Verlag der Goethe Gesellschaft 1901.

Als eigentlicher Begründer der modernen Graphologie gilt Jean-Hippolyte Michon (1806–1881). Der französische Geistliche hat die Bezeichnung „Graphologie“ geschaffen. Er sammelte, ordnete und systematisierte Handschriften nach von ihm beobachteten Merkmalen. Dabei lehnte er sich an die Systematik der Naturwissenschaften an: Er unterschied zwischen Klassen (classes), Familien (familles), Gruppen, (groupes) und Nuancen (nuances). Sein 1875 erschienenes Hauptwerk nannte er denn auch Systematik der Graphologie: die Kunst, Menschen aufgrund ihrer Handschrift zu kennen.Système de graphologie: l’art de connaître les hommes d’après leur écriture. deutsch: System der Graphologie. Reinhardt, München/Basel 1965.

Jules Crépieux-Jamin nahm diesen Rahmen auf; auch er sammelte, verglich, gruppierte und klassifizierte Schriften. Allerdings entwickelte er ein eigenes System. In seinem 1889 veröffentlichten Hauptwerk L’ABC de la graphologieJules Crépieux-Jamin: L’ABC de la graphologie. 1929. (PUF, 1960) gliedert er die Schriftmerkmale nach Gattungen (genres) und Arten (espèces).

Auch andernorts interessierte man sich für den Ausdruck der Persönlichkeit in der Handschrift, so auch in Deutschland. Die Entwicklung der Forschungen verlief in Frankreich und in Deutschland weitgehend getrennt; an dieser Situation hat sich trotz gelegentlicher Annäherungen im Prinzip wenig geändert.Ludwig Wirz: Grundlegung einer kausalen Graphologie. Bonn 1985, S. 283ff. Auf dem Hintergrund der angespannten deutsch-französischen Beziehungen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war ein Austausch unter Wissenschaftlern der beiden Länder wenig opportun. So wurden auch im deutschsprachigen Raum verschiedene Konzepte für Analyse und Interpretation der Handschrift entwickelt. Man spricht von „vier deutschen Schulen der Graphologie“.Ursula Avé-Lallemant: Die vier deutschen Schulen der Graphologie. Klages, Pophal, Heiß, Pulver. München 1989. Die folgenden Autoren haben hier wesentliche Forschungsergebnisse präsentiert.

Personen Ludwig Klages (1872–1956) studierte Chemie und später Psychologie. Sein Buch Handschrift und CharakterLudwig Klages: Handschrift und Charakter. Gemeinverständlicher Abriss der graphologischen Technik. Leipzig, 1917. erschien erstmals 1917 und wurde vielfach neu aufgelegt. Darin versuchte er mit Hilfe des „Ausdrucksprinzips“ und des „Darstellungsprinzips“ zu begründen, wieso die Handschrift eines Menschen Aussagen über den Charakter des Schreibers gestatten soll. Er legte umfangreiche Definitionen von Merkmalen der Handschrift fest und erstellte Deutungstabellen. Nach Klages kann ein Schriftmerkmal aus dem Dasein einer Kraft oder aber aus der Abwesenheit einer Gegenkraft erklärt werden.Ludwig Klages: Handschrift und Charakter. Bovier, Bonn 1956, Kapitel 2.

Rudolf Pophal (1893–1966) war Mediziner mit den Schwerpunkten Neurologie und Psychiatrie. Ursprünglich ein Schüler Klages’, hat er später jedoch seinen eigenen Ansatz entwickelt und die Handschrift als Gehirnschrift aufgefasst.Rudolf Pophal: Die Handschrift als Gehirnschrift. Greifenverlag, Rudolstadt 1949. Pophal untersuchte physiologische und neurologische Bedingungen des Schreibens und leitete aus der Dominanz von Gehirnzentren Aussagen über die Persönlichkeit eines Menschen ab.

Für den Schweizer Max Pulver (1889–1952) spielten Tiefenpsychologische Aspekte eine wichtige Rolle. Er hat eine Raumsymbolik für die Handschrift entwickelt.Max Pulver: Symbolik der Handschrift. Orell Füssli, Zürich/Leipzig 1931. Sie geht davon aus, dass die Richtungen rechts und links sowie oben und unten als Projektionsflächen dienen. So symbolisiert die Richtung nach rechts die Zukunft und das Du, die Richtung nach links symbolisiert die Vergangenheit und das Ich. Die Oberzone einer Handschrift ist eine Projektionsfläche für den intellektuellen und geistigen Bereich, die Unterzone ist eine Projektionsfläche für den vitalen und materiellen Bereich.