mini|Stiftskirche
mini|Altar, Orgel und Kanzel mini|Stiftskirche im Jahr 1916 Die evangelische Stiftskirche ist eine denkmalgeschützte Kirche im Stadtteil Beutelsbach der Großen Kreisstadt Weinstadt im Rems-Murr-Kreis von Baden-Württemberg. Ihre Kirchengemeinde gehört zum Kirchenbezirk Schorndorf der Evangelischen Landeskirche in Württemberg.
Lage Das Gebäude befindet sich am Marktplatz mit der Hausnummer 8 im Ortskern von Beutelsbach.
Geschichte Die Vorgängerkirche war die Pfarrkirche St. Leodegar, welche als Grablege des Hauses Wirtenberg genutzt wurde. Sie wurde 1080 erstmals urkundlich erwähnt (Beutelsbach gilt als ältester Besitz des Hauses Württemberg). Dies war Anlass für die Gründung eines Chorherrenstiftes,Datenbank Klöster in Baden-Württemberg des Landesarchivs Baden-Württemberg welches durch Ulrich I. um 1226–1265 neu ausgestattet und vergrößert wurde.Oliver Auge: Das Stift und seine Kirche in Beutelsbach. Zur Geschichte und Bedeutung eines „Leitfossils“ der mittelalterlichen Kirchengeschichte. In: 500 Jahre Stiftskirche Beutelsbach - Das Gotteshaus an der Wiege Württembergs. Stuttgart 2022, S. 25–45 - sowie der für 9. Mai 2022 in Beutelsbach mit gleichem Sachtitel angekündigte Festvortrag von Prof. Dr. Auge. Das Stift samt Grablege wurde im Reichskrieg 1311–1312 stark beschädigt, die anschließend auch deswegen von Eberhard I. vollzogene Verlegung nach Stuttgart war 1321 im Wesentlichen abgeschlossen.Oliver Auge: 925 Jahre Beutelsbach. Eine Begegnungsstätte von mittelalterlicher Kirche und Welt. Das Stift Beutelsbach und seine Geschichte. In: Festschrift 925 Jahre Beutelsbach. (Hrsg.) Stadtarchiv und Museen Weinstadt, Kleine Schriftenreihe 6 (2006), S. 51–73 [60–64]. Die spätmittelalterliche Wehranlage, von der heute noch Reste des Wehrkirchhofes und ein Torturm erhalten sind, war Bestandteil der Neubaumaßnahmen ab 1476 für die heutige Kirche (der Torturm ist inschriftlich auf 1505 datiert).
Die Stuttgarter Architekten Paul Schmohl und Georg Stähelin renovierten 1906 die Stiftskirche und bauten sie von der Quer- zur Längskirche um. Die Architekten Hans Seytter 1951 und Gerhard Fetzer 1987 besorgten durchgreifende Renovierungen. Zuletzt am 12. September 2021 wurde die Stiftskirche nach fünfjähriger Generalrenovierung wiedereröffnet.
Architektur Der Bau des heutigen Kirchgebäudes wurde nicht erst 1522, wie bisher angenommen, sondern bereits 1476, direkt nach Abriss des Vorgängerbaus, in spätgotischem Stil als Westturm-Kirche mit einschiffigen Langhaus begonnen.Tilmann Marstaller: Neue Daten zur Baugeschichte der Beutelsbacher Stiftskirche. In: 500 Jahre Stiftskirche Beutelsbach – Das Gotteshaus an der Wiege Württembergs. (Hrsg.) Evangelische Kirchengemeinde Beutelsbach – Kleine Schriften des Vereins für württembergische Kirchengeschichte Nr. 28; Stuttgart 2022, S. 65–93. Im Jahre 1522 wurde die Kirche mit der Fertigstellung des Turms und des Chors mit seinen Maßwerkfenstern und seinem „in reichen Sternfiguren strahlenden Netzrippengewölbe“ vollendet.
Die Chorempore wurde 1727 eingebaut. Im Jahre 1906 wurde die seit 1683 existierende flache Holzdecke durch ein Täferdecke im Schiff ersetzt.
Ausstattung Spätgotisches Altarkreuz Altargitter von 1709 Kanzel von 1685/1694 Taufstein von 1476 Gruftplatte der Margarete von Lothringen, erste Gemahlin von Graf Eberhard Epitaph von Zacharias Bechtlin, Stiftspfleger († 1684) Wappentafel zur Erinnerung für die Renovierung der Kirche nach dem Dreißigjährigen Krieg
Kanzel Mit dem Aufmauern der Langhauswände am Ende des 15. Jahrhunderts wurde auf der Nordwand eine Steinkanzel mit Steintreppe von Osten gesetzt, bautechnisch zwingend im Mauerverbund entweder mit einer tragenden Wandkonsole oder mit steinerner Standsäule. Hundert Jahre zuuvor bereits war vor allem in Kirchen des Herzogtums Württemberg begonnen worden, Kanzeln für Prädikanten bereitzustellen,Karl Halbauer: Predigstül. Die spätgotischen Kanzeln im württembergischen Neckargebiet bis zur Einführung der Reformation. In der Reihe: Veröffentlichungen der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg, Reihe B: Forschungen, Band 132. Stuttgart 1997 mit denen – letztlich unbeabsichtigt – die Reformation vorbereitet und der Wechsel von der spätmittelalterlichen Eucharistiefeier zum reformatorischen Predigtgottesdienst erleichtert wurde. Das nach Einführung der Reformation allgemein übliche und notwendige Kirchengestühl in Langhaus und Chor wurde auf diese Kanzel ausgerichtet, was dem Raum den Charakter einer Querkirche verlieh.Ulrich Zimmermann: Die Predigtkirche und die Querkirche. Protestantischer Kirchenbau in Württemberg. Eine Studie zur Geschichte und Theologie des Kirchenraums und zur Entstehung zweier Kirchenbautypen. Ubstadt 2025, S. 235, 271 – ISBN 978-3-95505-592-9 Die Kanzel erhielt 1685 zur Akustik-Optimierung einen hölzernen Schalldeckel, wurde darunter jedoch 1694 durch eine Holzkanzel ersetzt. Deren alte steile Steintreppe wurde 1710 zugunsten eines hölzernen „Cantzelgangs“ waagrecht entlang der Nordwand mit Mauerdurchbruch von der Sakristei her abgebrochen. Die umfassende Kirchenrenovierung 1906 erbrachte das Versetzen der Holzkanzel mit Schalldeckel zum heutigen Platz nördlich am Chorbogen mit dem nun abgewinkelten Rest des Kanzelzugangs. Gleichzeitig erfolgte ein Neubau des Gestühls im Parterre mit neuer Ausrichtung auf den Chorbogen und die neue Kanzelposition. Der barocke Kanzeldeckel ist bekrönt von einer hohen Figur des lehrenden Christus, der in seiner linken Hand die Weltkugel mit einem Kreuz darauf hält. Es ist das Herrschaftszeichen des Reichsapfels, der zu den Insignien mittelalterlicher Kaiser gehörte.
Altarkreuz und Taufstein Der geschnitzte und farblich gefasste Kruzifixus am großen Holzkreuz stammt wohl wie der Taufstein aus der Bauzeit der Stiftskirche um 1476. Er war – an Ketten aufgehängt – über zweihundert Jahre lang auf halber Höhe im Chorbogen dominant sichtbar. Als die Chorempore 1709 auch für Gottesdienstbesucher vergrößert wurde, wurde das Kreuz ebenerdig hinter dem Altar aufgestellt und schließlich 1952 an der Altarrückwand befestigt. Der achteckige Taufstein zeigt spätgotisches Maßwerk außen am tiefen Becken und eine Dreiviertelfigur eines Engels am Fuß.
Altargitter Das in der Mitte des 17. Jahrhunderts angebrachte und aufwändig geschmiedete Zaungitter um den Altar mit an den Ecken aufragenden Blütenspitzen ist eine seltene Erscheinungsform kirchenräumlicher Kleinarchitektur und kommt in dieser Form fast ausschließlich im württembergischen Remstal und im Gebiet zwischen Schönbuch und Albhochfläche vor, zum Beispiel in Bad Urach,Monika Ingenhoff-Danhäuser: Das Altargitter. In: Friedrich Schmid: Die Amanduskirche in Bad Urach. (Hrsg.) i. A. des Vereins zur Erhaltung der Amanduskirche e.V., Sigmaringen 1990, S. 121–127 Balingen, Kirchheim unter Teck, Nürtingen und Weilheim an der Teck. Wegen gelegentlicher, ebenfalls geschmiedeter pflanzendekorativer Überwölbung legt sich die Gattungsbezeichnung „Altarlaube“ nahe, wie sie z. B. in der Martin-Luther-Kirche zu Trossingen gebräuchlich ist. Diese Altarlauben in sorgsam floraler, heiterer, ja spielerischer Gestaltung stellen eine in evangelischen Kirchen ungewohnte Betonung des Altars dar und haben keine Vorläufer in vorreformatorischer Zeit und keine Parallelen im späteren katholischen Kirchenbau. Ihre Besonderheit und ihre in Vergessenheit geratene, heute bisher unbekannte Bedeutung weisen in die Frühgeschichte des entstehenden württembergischen Pietismus mit seiner ungewöhnlichen Symbolkunst und Emblematik. Ihre verborgene Botschaft wird derzeit erforscht.
Tafelbilder An der Empore befinden sich zwölf Tafelbilder von der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert mit Szenen der Passion Christi. Mit ihrer qualitativ hochwertigen Malerei und thematischen Darstellung stellen sie einen Höhepunkt in der reichen Beutelsbacher Kirchenausstattung dar. Neueste Forschungen haben erstmals zum einen ein nahe verwandtes Projekt im württembergischen Möglingen ergeben, ebenfalls ohne Namensangabe eines Künstlers, zum anderen die offenbar gemeinsame Bildvorlage aus der Kupferstichpassion des niederländischen Malers und Grafikers Hendrick Goltzius von 1596/98 für den Mailänder Bischof Federico Borromeo.Bernd Breyvogel: Der Passionszyklus an der Westempore. In: 500 Jahre Stiftskirche Beutelsbach – Das Gotteshaus an der Wiege Württembergs. (Hrsg.) Evangelische Kirchengemeinde Beutelsbach – Kleine Schriften des Vereins für württembergische Kirchengeschichte Nr. 28; Stuttgart 2022, ISBN 978-3-944051-18-5, S. 215–245.
Buntglasfenster Große Chorfenster von Hans Gottfried von Stockhausen: Sehnsucht nach Gerechtigkeit (2000; Armer Konrad, Tanz ums goldene Stierbild, Mose mit Gesetzestafeln), Geborgenheit in Gott (1999; Leodegar, Zöllner Zachäus, Guter Hirte), Geheimnis des Glaubens (2001; Schöpfung, Menschwerdung, Geistesgegenwart), gefertigt in der Glaswerkstatt Franz Mayer’sche Hofkunstanstalt, München.Werkverzeichnis Stockhausen Kleine Chorfenster von Ada Isensee (2009): Deinen Tod, o Herr, verkünden wir – Deine Auferstehung preisen wir – Bis du kommst in Herrlichkeit, gefertigt in der Stuttgarter Glasmalerei Saile.Werkverzeichnis Isensee Drei Glasfenster von Wolf-Dieter Kohler (1966) an der Südseite zu den Themen Taufe – Großes Abendmahl – Barmherziger Samariter, gefertigt in der Esslinger Glaswerkstatt Gaiser & Fieber.Carla Fandrey: Glasmalerei im Rems-Murr-Kreis. In: Kreissparkasse Waiblingen, Geschäftsbericht 1985, S. 23. Glasfenster auf der Empore von Gerhard Dreher: Verkündigung am Grab (1957 für ein Chor-Queroval-Fenster im Chor gefertigt, 2009 auf der Westempore in ein größeres Rundoval-Fenster eingearbeitet, mit Farbglas-Umgebung von Ada Isensee).Gerhard Dreher: Glas Holz Wellpappe – Katalog anlässlich einer Ausstellung zum 70. Geburtstag von Gerhard Dreher und Gisela Dreher-Richels im Forum Kunst, Weilheim/Teck, Dezember 1995 bis Januar 199. (Hrsg.) Jürgen Faust, Weilheim/Teck und Metzingen 1994 [Werkverzeichnis: Arbeiten im Rahmen der Architektur, S. 56]
Orgel mini|Orgel der Kirche Die Aufstellung der vermutlich ersten Orgel in der Stiftskirche ist für 1687 auf einer kleinen Chorempore bezeugt. Voraussetzung dafür war ein Chor ohne einen bis zur Reformation üblichen Haupt- oder Hochaltar. Ob es ihn je einmal gegeben hatte (die Fertigstellung der Kirche fiel in die Reformationszeit), ist nicht bezeugt. Die Nutzung des Chors durch Gestühl, Orgel und bzw. oder eine Empore war nur durch eine Altarposition weiter vorne unter dem Chorbogen möglich. 1726 jedenfalls errichtete der Schwäbisch Gmünder Orgelbauer Johann Christoph Herzer eine größere Orgel auf einer erweiterten und erhöhten Chorempore mit Außenzugang an der Stelle des heutigen östlichen Chorfensters. 1906 erbaute die Fa. Walcker als opus 1325 ein neues Instrument mit 15 Registern auf zwei Manualen und Pedal; der barocke Orgelprospekt von 1727 blieb erhalten. 1967 wurde es wieder durch einen Neubau durch Walcker (opus 4325) mit 25 Registern auf zwei Manualen hinter dem Orgelprospekt von 1727 ersetzt.Orgelbeschreibung auf Organ index, abgerufen am 6. März 2024.
Disposition Hauptwerk 1. Pommer 16′ 2. Prinzipal 8′ 3. Gemshorn 8′ 4. Oktave 4′ 5. Nachthorn 4′ 6. Blockflöte 2′ 7. Rauschpfeife 2fach 8. Mixtur 4–6fach ′ 9. Trompete 8′ Tremulant Schwellwerk 10. Singend Gedackt 8′ 11. Rohrflöte 4′ 12. Nasat ′ 13. Prinzipal 2′ 14. Sifflöte 1′ 15. Tertian 2fach 16. Scharfzimbel 4fach ’ 17. Rohrschalmei 16′ 18. Krummhorn 8′ Tremulant Pedal 19. Subbaß 16′ 20. Flötenbaß 8′ 21. Koppelflöte 2′ 22. Choralbaß 3fach1 4′ 23. Baßzink 4fach2 ’ 24. Posaune 16′ 25. Fagott 8′
Anmerkungen: 1 4' + 2′ + ′ 2 ′ + ′ + ′ + ′
Spielhilfen, Koppeln: 2 freie Kombinationen, 1 freie Pedalkombination, Organo Pleno, Pleno Hauptwerk, Pleno Schwellwerk, Pleno Pedal
Glocken Aktuell besteht das Geläut aus sechs Glocken.