Harald Sommer (* 12. Dezember 1935 in Graz; † 19. März 2021 ebenda) war ein österreichischer Schriftsteller, der Milieudramen über Außenseiter der Gesellschaft verfasste, zum Teil im Dialekt.
Leben und Werk Der Autor wurde als Wilfried Harald Somer geboren. „Da niemand fähig war, seinen Namen richtig auszusprechen und zu schreiben, reagierte er mit einem zweiten m und wurde Harald Sommer“, so kulturGarten.kulturGarten: In Memoriam Harald Sommer: Ein Freund*innenkreis erinnert sich, 4. August 2021. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit übte Harald Sommer im Lauf der Jahre viele Berufe aus, er war Tankwart, Gärtner, Straßenbauarbeiter, Lkw-Fahrer. Im künstlerischen Feld betätigte er sich auch als Jazzmusiker und Zeichner.
Er wird der Grazer Gruppe zugerechnet, einer informellen Verbindung österreichischer Autoren mit dem Schwerpunkt Graz, deren prominenteste Vertreter Wolfgang Bauer, Helmut Eisendle, Reinhard P. Gruber, Peter Handke, Bernhard Hüttenegger, Elfriede Jelinek, Gert Jonke, Alfred Kolleritsch, Gerhard Roth, Michael Scharang und Alfred Paul Schmidt waren. Die Grazer Gruppe war mit dem Forum Stadtpark verbunden, die Autoren, auch Harald Sommer, publizierten ihre Texte häufig in der dort herausgegebenen Literaturzeitschrift manuskripte.
1969 wurde sein Stück Die Leit im Rahmen des steirischen herbstes uraufgeführt, ein naturalistisches Dialektstück über einen Mutter-Tochter-Konflikt. Ute Radkohl spielte die Tochter, Gerti Pall die Mutter. Der Autor erhielt dafür den Jung-Dramatikerpreis. Mit dem nächsten Theatertext – A unhamlich schtorka obgaung [Ein unheimlich starker Abgang] – sicherte er sich einen Platz in den Literaturgeschichtsbüchern, obwohl sich das Stück, anders als Handkes Publikumsbeschimpfung (1966) oder Bauers Magic Afternoon (1968), nicht dauerhaft in den Spielplänen etablieren konnte. Der Literaturkritiker der konservativen Südost-Tagespost, Wolfgang Arnold, versuchte bereits im Vorfeld, die Aufführung zu verhindern. Doch auch der Autor war mit der Inszenierung von Bernd Fischerauer nicht zufrieden und distanzierte sich. Es spielten Ute Radkohl, Heinz Marecek, Branko Samarovski u. a. Die Uraufführung wurde zum Skandal, mit Zwischenrufen empörter Grazer Bürger.Vergasn, umlegn. Der Spiegel, 8. November 1970. Die Inszenierung wurde anschließend auch in München und Berlin gezeigt, in Basel folgte eine Spielfassung in schwyzerdütsch.
Harald Sommer ging nach München, später nach Berlin. 1972 verfilmte er für den ORF sein Zweipersonen-Stück Der Sommer am Neusiedler See, besetzt mit Wolfgang Gasser und Louise Martini. 1973 inszenierte er am Wiener Volkstheater ein neues Stück, eine Paraphrase von Schillers Wilhelm Tell mit dem Titel Ich betone, dass ich nicht das geringste an der Regierung auszusetzen habe. Dieser Text hatte zuvor bereits das Interesse von Hilde Spiel geweckt, die in der FAZ eine wohlwollende Kritik veröffentlichte. Sie sah politischen Opportunismus noch subtiler dargestellt als im Herrn Karl von Helmut Qualtinger. Darsteller waren u. a. Gusti Wolf, Wolfgang Klivana.Bernhard Valentinitsch: Nachruf, veröffentlicht in den manuskripten, hier zit. nach Facebook Während die ideologie- und sprachkritischen Theatertexte nur selten auf der Bühne inszeniert wurden, gibt es eine Reihe von Hörspielfassungen, fallweise auch Verfilmungen. 1973 verfilmte Michael Verhoeven mit Katja Rupé und Elmar Wepper den Unheimlich starken Abgang für das Fernsehen.Filmportal.de: Ein unheimlich starker Abgang, Besetzung und Inhalt, abgerufen am 21. August 2022.
1983 richtete der Autor in einer ehemaligen Fleischfabrik in Graz eine Avantgarde-Bühne ein, die nicht subventioniert wurde. Dort brachte er sein eigenes Stück Die Gemeindewohnung zur Aufführung, welches von 1984 bis 1986 insgesamt 36 Vorstellungen erreichte. Er selbst spielte die Rolle des Teufels. Der Text beruht auf einer wahren Begebenheit, dem Fall eines Landtagsabgeordneten aus dem Burgenland, der Frauen auf der Suche nach einer Wohnung zu Sex nötigte. Danach begann die Phase des Vergessenwerdens. Gerhard Ruiss, Geschäftsführer der IG Autorinnen Autoren, des Dachverbands der österreichischen Schriftsteller, zählt Harald Sommer zu den wichtigsten Autoren „der neuen Generation in den 1960er und 1970er-Jahren, bevor er in den 1980er-Jahren nach und nach und in den 1990er-Jahren schließlich nahezu ganz vergessen wurde“.
1990 wurde vom ORF noch ein Hörspiel produziert, Alles in Butter, im Dezember 1991 trat der Autor beim Literaturfest der österreichischen Dialektautoren im Literaturhaus Salzburg auf, neben Gustav Ernst und Helmut Peschina.Literaturhaus Salzburg: Österreichische Dialektautoren / 1. Tag, 6. Dezember 1991. Es gab zahlreiche Projekte, Lyrik und einen Roman, doch fast alle unveröffentlichten Texte wie auch alle seine Zeichnungen sind verloren gegangen.
Werke Theatertexte Die Leit, 1969, UA Graz, Frankfurt (am Main): Verlag der Autoren, 1970 Ein unheimlich starker Abgang, 1970, UA Schauspielhaus Graz Die Hure Gerhild, 1971, UA Frankfurt/Main Triki-Traki, 1971, UA Frankfurt/Main Der Sommer am Neusiedler See, 1971, UA München Ich betone, daß ich nicht das geringste an der Regierung auszusetzen habe, 1973, UA Wien, Frankfurt am Main: Verlag der Autoren, 1981 Das Stück mit dem Hammer, 1973, UA Köln Scheiß Napoleon, 1975, UA München Die Gemeindewohnung, 1984, UA Graz
Hörspielfassungen 1970: Die Leit, ORF, Regie: Klaus Gmeiner Ein unheimlich starker Abgang 1971: Der fünfzehnte Geburtstag, ORF, Regie: Harald Sommer 1972: Der Sommer am Neusiedler See, SFB und BR (mit Walter Kohut und Louise Martini), Regie: Hans Bernd Müller; ORF 1973, Regie: Harald Sommer 1974: Das Stück mit dem Hammer, ORF, Regie: Harald Sommer 1975: Ich betone, daß ich nicht das geringste an der Regierung auszusetzen habe. Drei Akte und ein Vorspiel, SDR, Regie: Ulrich Gerhardt; ORF 1976, Regie: Harald Sommer 1976: Der Härtefall, Original-Hörspiel, Kriminalhörspiel, SWF, Regie: Peter Michel Ladiges; ORF 1981, Regie: Harald Sommer 1983: Wahnsinnig traurig, ORF, Regie: Harald Sommer 1987: Alles im Eimer, ORF 1990: Alles in Butter, ORF, Regie: Heinz Hartwig
Filmfassungen 1972: Ein Sommer am Neusiedler See, ORF, Regie: Harald Sommer, auch ausgestrahlt von der ARD am 12. Juni 1973 1973: Ein unheimlich starker Abgang oder Sonja schafft die Wirklichkeit ab, BRD, Regie: Michael Verhoeven
Literatur Wilhelm Kühlmann: Killy Literaturlexikon, 2011, Si-Vi, S. 54f. Jutta Landa: Bürgerliches Schocktheater, Athenäum, Frankfurt 1988, ISBN 3-610-08922-9. Boris Manner, Oswald Panagl: Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung, 2015, S. 152. C. Rigler (Hrsg.): Forum Stadtpark: die Grazer Avantgarde von 1960 bis heute, 2002.
Weblinks
Österreich Lexikon, Kurzeintrag Hörspieldatenbank HspDat.to, Namensabfrage Grazer Dramatiker Harald Sommer starb mit 85 Jahren, Nachruf der Kleinen Zeitung
Einzelnachweise
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