Die Betriebswirtschaftslehre des Tourismus ist innerhalb der Betriebswirtschaftslehre eine spezielle Betriebslehre, die sich mit den ökonomischen Bedingungen des Tourismus (Tourismuswirtschaft) befasst.

Allgemeines In der Wirtschaftswissenschaft wird zwischen Volkswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftslehre unterschieden. Die Betriebswirtschaftslehre kann untergliedert werden in eine allgemeine und eine spezielle Betriebswirtschaftslehre (Betriebslehre). Die allgemeine Betriebswirtschaftslehre befasst sich mit Fragestellungen, die in allen Betriebsformen in gleicher Form auftreten. Solche Fragestellungen sind z. B. Controlling, Marketing, Organisation, Produktion, Finanzen, Investition usw. Spezielle Betriebswirtschaftslehren sind z. B. die Verkehrswirtschaftslehre, Bankbetriebs- und Versicherungsbetriebslehre oder eben die Tourismusbetriebswirtschaftslehre. Bei den speziellen Betriebswirtschaftslehren stehen die Eigenheiten und Fragestellungen von besonderen Wirtschaftszweigen im Vordergrund, die nicht allen Betrieben gemeinsam sind. Anders als die „Allgemeine Betriebswirtschaftslehre“ gehen die speziellen Betriebswirtschaftslehren auf einzelne Funktionsbereiche der Betriebe intensiv ein und/oder widmen sich dem institutionellen Rahmen.Manfred Bardmann: Grundlagen der Allgemeinen Betriebswirtschaftslehre, 2019, S. 1

Harry Rudolph schreibt in seinem Buch Tourismusbetriebswirtschaftslehre zur Betriebswirtschaftslehre bzw. zu speziellen Betriebswirtschaftslehren allgemein: „Spezielle Betriebswirtschaftslehren oder Wirtschaftszweiglehren untersuchen auf niedriger Abstraktionsstufe die Umsetzung der Erkenntnisse der allgemeinen Betriebswirtschaftslehre in den Einzelwissenschaften der Zweige. Dazu muss der zu untersuchende Wirtschaftszweig eine möglichst eindeutige Abgrenzung erfahren. Eine wissenschaftlich befriedigende Begriffsbestimmung fällt umso schwerer, je unbekümmerter die betriebswirtschaftliche Praxis für ein und denselben Gegenstand vielfältige und immer neue Begriffsbildungen schöpft, deren jeweilige Bevorzugung meist nur noch historisch erklärt werden kann.“Harry Rudolph: Tourismusbetriebswirtschaftslehre, 1999, S. 2; ISBN 978-3-486-25987-2

Definition Die Betriebswirtschaftslehre des Tourismus befasst sich mit den wirtschaftlichen Vorgängen der Leistungserstellung und der Leistungsverwertung in den touristischen Betrieben unter Berücksichtigung der sie umgebenden Wirtschaftsbereiche.

Die Beschäftigung mit der Betriebswirtschaftslehre des Tourismus umfasst ein weites Feld. Betriebswirtschaftliche Managementfelder wie Marketing, Organisation, Finanzmanagement, Personalmanagement, Planung / Controlling und Führung werden auf die touristischen Betriebe wie z. B. Reiseveranstalter und -mittler, touristische Fluggesellschaften, Hotelgesellschaften, Zielgebietsagenturen oder Betriebe der touristischen Gastronomie übertragen. Auf der anderen Seite, steht die Tourismusbetriebswirtschaftslehre noch auf ungesicherter Grundlage. Zur Diskussion steht, inwieweit es sich bei den allgemeinen wirtschaftswissenschaftlichen Ansätzen des Tourismus um einen eigenständigen Wissenschaftsbereich – eine „Tourismusökonomie“ – oder lediglich um einen speziellen Wissenschaftsansatz innerhalb der allgemeinen Wirtschaftswissenschaft handelt.

Die Hauptaufgabe der Betriebswirtschaftslehre des Tourismus ist es, die mit der Leistungserstellung beschäftigten Tourismusbetriebe zu analysieren und zu beschreiben. Die BWL des Tourismus interessiert sich vor allem für die Abläufe und Prozesse in touristischen Unternehmen. Es geht im Grunde genommen um die verschiedenen Organisationsprinzipien. Wie ist der Tourismusbetrieb organisiert? Wie funktioniert die Aufbau- und Ablauforganisation im Betrieb? Ebenso geht es um die Entscheidungen von Betrieben und von betrieblichen Teilbereichen bzw. -funktionen, die mit der Erstellung der touristischen Leistungen beschäftigt sind.

Zu den tourismusspezifischen Betrieben zählen beispielsweise touristische Carrier, Beherbergungsbetriebe, Reiseveranstalter, Reisevermittler, Tourismusbüros, Fremdenverkehrsämter usw. Die meisten von Tourismusbetrieben erstellten Leistungen sind Dienstleistungen. Insofern hat die Tourismusbetriebswirtschaftslehre sehr viele Gemeinsamkeiten mit der BWL von anderen Dienstleistungsunternehmen. Das Besondere der Tourismusleistung ist jedoch, dass diese Leistung ihrem Wesen nach eine Dienstleistung ist, die von unterschiedlichen touristischen Leistungsträgern erbracht wird (Beispiel Pauschalreise: Reisebüro (Verkauf), Flug (Transfer), Bus zum Hotel (Transfer), Hotel (Beherbergung), Ausflug (Reiseleitung)).

„So befasst sich die Betriebswirtschaftslehre des Tourismus mit den ökonomischen Verhaltensweisen und Gestaltungen der am Tourismus beteiligten Betriebe“.Karl M. Brauer: Betriebswirtschaftliche Touristik, 1985, ISBN 3-428-05787-2

Die besondere Betriebswirtschaftslehre des Tourismus kann wiederum in spezielle Betriebswirtschaftslehren unterteilt werden. Für den Tourismus relevante Betriebswirtschaftslehren sind die BWL der Reiseveranstalter und die BWL der Reisevermittler/Reisebüros – diese beiden speziellen Betriebswirtschaftslehren könnten überbegrifflich als Touristik-BWL bezeichnet werden. Ebenfalls relevant sind die BWL der touristischen Luftfahrt, BWL der Zielgebietsagenturen, BWL der Hotelunternehmen sowie ggf. die BWL der (touristischen) Gastronomie. Die Gemeinsamkeit all dieser speziellen Betriebswirtschaftslehren des Tourismus liegt darin, dass sie sich mit betriebswirtschaftlich relevanten Aktivitäten und Aspekten der Reiseleistungen/Reisedienstleistungen beschäftigen.

Walter Freyer schreibt, dass die betriebswirtschaftliche Sichtweise des Tourismus alle betriebswirtschaftlichen Vorgänge, welche während der einzelnen Phasen des Reisens auftauchen, behandelt. Als relevante Reisephasen nennt er die Reisevorbereitung (am Heimatort), die Reisedurchführung und den Aufenthalt am „fremden“ Ort (im Zielgebiet). Ebenfalls interessant für die Tourismus-BWL sind die jeweils mit der Leistungserstellung der verschiedenen Tourismusbetriebe zusammenhängenden Managementprozesse (Einkauf, Produktion, Vertrieb usw.) sowie die Besonderheiten der einzelnen touristischen Betriebsarten (wie Reiseveranstalter-, Reisevermittler-, Hotel-, Kur- und Bäderbetriebe usw.).Walter Freyer: Beitrag der Wirtschaftswissenschaften zur Tourismuswissenschaft, in: Akademie Loccum (Hrsg.), Auf dem Weg zu einer Theorie des Tourismus, 1998

Arten Die Betriebswirtschaftslehre des Tourismus kann grundsätzlich in eine funktionale und institutionelle Tourismusbetriebswirtschaftslehre aufgeteilt werden.

Funktionale Betriebswirtschaftslehre des Tourismus

Zur funktionalen BWL des Tourismus zählen Funktionen wie Einkauf, Buchhaltung, Marketing, Produktion, Personal... Auch die organisationelle Zuordnung der Funktionsbereiche sowie die normative, strategische und operative Ausgestaltung stehen hier im Mittelpunkt. Für den Tourismus ergeben sich damit die funktionalen Teilbereiche „Tourismus-Management“, „Personalwesen im Tourismus“, „Touristisches Marketing“ usw., die unabhängig von den einzelnen Arten von Tourismusbetrieben analysiert werden.Walter Freyer: Beitrag der Wirtschaftswissenschaften zur Tourismuswissenschaft, in: Akademie Loccum (Hrsg.), Auf dem Weg zu einer Theorie des Tourismus, 1998Walter Freyer: Tourismus-Marketing, 1997, ISBN 978-3-486-25700-7 In Form der funktionalen BWL des Tourismus werden die tourismusspezifischen Besonderheiten der unterschiedlichen betrieblichen Funktionen analysiert, wie z. B.:

touristische Unternehmenspolitik oder Tourismus-Management Produktion im Tourismus oder touristische Leistungserstellung.

Institutionelle Betriebswirtschaftslehre

Die institutionelle BWL des Tourismus konzentriert sich auf die institutionellen Besonderheiten der Tourismusbetriebe. Sie untersucht die Besonderheiten der unterschiedlichen Arten von Tourismusbetrieben. Beispiele: Hotel-BWL, BWL für Reiseveranstalter, BWL für Destinationen. Der Unterschied zur funktionellen BWL des Tourismus ist, dass die institutionelle BWL des Tourismus anstelle der Analyse der betriebsinternen Aufgaben (Funktionen) von Tourismusbetrieben im Rahmen der touristischen Managementlehre die institutionellen Besonderheiten (und Gemeinsamkeiten) einzelner Arten von Tourismusbetrieben genauer darlegt. So werden z. B. Reiseveranstalter oder Hotelbetriebe getrennt behandelt, es entsteht also eine eigenständige „Reiseveranstalter-BWL“ neben einer „Hotel-BWL“. In der Praxis wird jedoch meist die institutionelle Betrachtung mit einer funktionalen Analyse verbunden, so dass dies zu einer weiteren Ausdifferenzierung der Tourismusbetriebswirtschaftslehre führt: „Management für Beherbergungsunternehmen“ oder „Marketing für Reiseveranstalter“. Am ehesten weist die BWL des Tourismus Parallelen zur BWL der Dienstleistungsbetriebe auf, denn bei den meisten Leistungen im Tourismus handelt es sich um persönliche Dienstleistungen. So muss die BWL des Tourismus Antworten auf die spezifischen Probleme, die sich bei der Dienstleistungsproduktion/-erstellung ergeben, finden (z. B. Problem der Anwesenheit des externen Faktors, Immaterialität, Produktion der DL und Konsum fallen zeitlich zusammen...).

Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre im Tourismus

Die ersten Publikationen zu touristischen Betrieben richteten ihren Fokus hauptsächlich auf das Gastgewerbe. So entstand bereits 1825 das Buch von J. Abel: Die Gasthöfe und Gastwirthe, wie sie sein sollen; nebst einer Darstellung der Rechte und Pflichten der Gastwirthe und ihrer Gäste, zur Buchführung im Gastgewerbe entstand 1902 von H. Gierke das Buch: Hotelbuchführung und 1906 von AlF. Heiß die Publikation: Die Buchhaltung des Gastgewerbes.

Auch Versuche von Gesamtdarstellungen, Darstellungen von Zusammenhängen zum Gastgewerbe, gab es bereits Anfang des 19. Jahrhunderts. Zu nennen wären z. B. P. Damm-Etienne: Hotelindustrie und Fremdenverkehr und: Das Hotelwesen. Zwar handelt es sich bei diesen Veröffentlichungen nicht um eine allumfassende Betriebswirtschaftslehre des Gastgewerbes, jedoch lässt sich ein erheblicher betriebswirtschaftlicher Vorsprung in der Literatur im Vergleich zu den Publikationen, die zu anderen Fremdenverkehrsbetrieben verfasst wurden, feststellen. Von 1910 bis 1932 wurde die Entwicklung der Betriebswirtschaftslehre des Gastgewerbes kontinuierlich vorangetrieben. Beispiel für verfasste Bücher: E. Müller: Internationale Hotelbuchführung. 1907 R. Glücksmann: Privatwirtschaftslehre des Hotelgewerbes. 1917 R. Schwarz: Wissenschaftliche Betriebsführung im Hotelwesen. 1926