mini|Führungsmitglieder des Cali-Kartells. V. l. n r. oben: Gilberto Rodríguez, Miguel Rodríguez, José Santacruz. V. l. n. r. unten: Hélmer Herrera, Henry Loaiza-Ceballos, Victor Patiño-Fomeque. Das Cali-Kartell (span. Cartel de Cali) war ein Zusammenschluss verschiedener kolumbianischer Kokainproduzenten und -schmuggler in der Stadt Cali. Es wurde von Gilberto Rodríguez Orejuela, seinem Bruder Miguel und José Santacruz Londoño in den 1970er Jahren gegründet und kontrollierte auf dem Höhepunkt seiner Macht 80 Prozent der kolumbianischen Kokainexporte in die Vereinigten Staaten von Amerika.
Mitte der 1990er Jahre wurde die Führungsspitze des Kartells verhaftet und verbüßt seitdem langjährige Haftstrafen. Beobachter gehen davon aus, dass auch das Cali-Kartell in mehrere kleine und unabhängig voneinander agierende Gruppen zerfallen ist. Die bekannteste dieser kleineren Gruppen ist das extrem gewalttätige Norte-del-Valle-Kartell aus dem nördlichen Cauca-Tal.
Gründung Die Orejuela-Brüder und Londoño kamen aus höheren sozialen Schichten als Führungspersönlichkeiten anderer zeitgenössischer Organisationen wie beispielsweise dem rivalisierenden Medellín-Kartell. Gilberto Rodriguez Orejuela war Apotheker, sein Bruder Miguel Angel war in der Immobilien- und Baubranche aktiv und war für den Aufstieg des Fußballvereins América de Cali mit verantwortlich.Myléne Sauloc, Yves Le Bonniec: Tropenschnee – Kokain: Die Kartelle, ihre Banken, ihre Gewinne, ein Wirtschaftsreport. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1994, S. 103. José „Chepe“ Santacruz Londoño hatte einen Titel als Wirtschaftswissenschaftler. Orejuela betrieb eine Discount-Apothekenkette und verlagerte seine Geschäftstätigkeiten auf die Weiterverarbeitung von Kokapaste aus den Anden, die in Leticia umgeschlagen wurde. Der gesellschaftliche Hintergrund brachte dem Syndikat den Gruppennamen „Gentlemen aus Cali“ ein.Myléne Sauloc, Yves Le Bonniec: Tropenschnee – Kokain: Die Kartelle, ihre Banken, ihre Gewinne, ein Wirtschaftsreport. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1994, S. 102. Ursprünglich formierte sich das Cali-Kartell aus einem Ring von Kidnappern, den „Los Chemas“,druglibrary.org Major Traffickers & Their Organizations, The Cali Mafia, DEA Publications die von Luis Fernando Tamayo Garcia argentinatoday.org. Abgerufen am 25. Oktober 2018 (spanisch) angeführt wurden. „Los Chemas“ waren an zahlreichen Entführungen beteiligt, u. a. von zwei Schweizer Staatsbürgern, dem Diplomaten Herman Buff und dem Studenten Werner José Straessle.Ron Chepesiuk: The Bullet or the Bribe: Taking Down Colombia’s Cali Drug Cartel, Praeger Frederick, 2003, S. 23. Die 700.000 US-Dollar Lösegeld aus dieser Aktion bildeten wahrscheinlich das Stammkapital für ihre Aktivitäten im internationalen Drogenhandel.
Die neu zusammengesetzte Gruppe begann zunächst ähnlich wie das Medellín-Kartell mit dem Marihuanaschmuggel. Aufgrund der höheren Gewinnspanne und dem geringeren Materialeinsatz entschied man sich für den Export von Kokain. Schon in den frühen 1970er Jahren wurde Hélmer „Pacho“ Herrera nach New York entsandt, um den dortigen Markt zu sondieren und nach größeren Absatzmöglichkeiten zu suchen.Ron Chepesiuk: The War on Drugs – An International Encyclopedia. ABC-CLIO, 1999, ISBN 0-87436-985-1, S. 95. Dies geschah zu einer Zeit, als man bei der DEA Kokain als weniger kritische Droge im Gegensatz zum Heroin ansah, die sehr viel weniger abhängig mache, und keine Verbindung zu einer gewalttätigen Drogenbeschaffungskriminalität feststellte. Während Gilberto und Miguel Rodriguez in New York, Houston und Los Angeles Absatzmöglichkeiten fanden, erschloss José Santacruz Londoño Vertriebswege in San Francisco, Las Vegas und Chicago.Myléne Sauloc, Yves Le Bonniec: Tropenschnee – Kokain: Die Kartelle, ihre Banken, ihre Gewinne, ein Wirtschaftsreport. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1994, S. 64.
Organisation mini|Organisationsstruktur des Cali-Kartells Die Tatsache, dass Kokain zunächst nicht im Fokus der US-amerikanischen DEA-Fahndung war, erlaubte es dem Cali-Kartell, sich in New York weiterzuentwickeln. Das Cali-Kartell untergliederte sich in viele kleinere Zellen, die voneinander unabhängig operierten und einem „Celeño“ oder Manager berichteten, der dann wieder an eine weitere Führungsebene im Cali-Kartell Bericht erstattete. Die unabhängige Zellenstruktur unterschied das Cali-Kartell stark vom dominanten Medellín-Kartell. Das Cali-Kartell agierte als Dachgruppe voneinander unabhängiger krimineller Gruppen und Zellen, im Gegensatz zu der streng hierarchischen Leitungsfunktion eines Pablo Escobar vom Medellín-Kartell. Das Cali-Kartell verwendete die Methoden moderner Unternehmensführung, angefangen von Marktstudien bis zu einer optimierten Lieferkette des Warenstromes aus Kolumbien in die USA.
Während das Medellín-Kartell überwiegend mit dem Heer kooperierte, war es in Cali der Polizeiapparat, der für die Drogenhändler arbeitete.Myléne Sauloc, Yves Le Bonniec: Tropenschnee – Kokain: Die Kartelle, ihre Banken, ihre Gewinne, ein Wirtschaftsreport. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1994, S. 93. Vom Cali-Kartell spricht man seit Mitte der 1970er Jahre. Über die Jahre expandierte es und hatte zu seiner Hochzeit etwa 2500 bis 6000 Mitglieder. Im Gegensatz zum Medellín-Kartell war das Cali-Kartell vertikal organisiert und definierte sich auf gemeinsame Kooperationen.Myléne Sauloc, Yves Le Bonniec: Tropenschnee – Kokain: Die Kartelle, ihre Banken, ihre Gewinne, ein Wirtschaftsreport. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1994, S. 97.
Man nimmt an, dass jede Zelle einer größeren Gruppe berichtete und diese weiter an die Führungsebene. Folgende Gruppen wurden von dem ehemaligen Buchhalter des Cali-Kartells, Guillermo Pallomari,articles.latimes.com The man who took down Cali, Los Angeles Times, 24. Februar 2007. benannt:
Drogenhandel: Kontrolle über verarbeitende Laboratorien, Versandmethoden und -routen Militär: Kontrolle über Personensicherheit, Bestrafung und Disziplin in Zusammenhang mit Bestechung von Militärs und hohen Polizeioffizieren Politik: Bestechung von Kongressmitgliedern, Beamten und Politikern Finanzen: Kontrolle über Geldwäsche, Kerngeschäft und Kooperation mit legalen Geschäftsaktivitäten Rechtsabteilung: Kontrolle über Verteidigung von verhafteten Mitgliedern, Kauf von Lobbyisten und Überseerepräsentanten
Verglichen mit Pablo Escobars Medellín-Kartell trat das Cali-Kartell weniger auffällig in Erscheinung. Erzielte Gewinne aus dem Drogenschmuggel wurden in legale Geschäfte reinvestiert und so reingewaschen. Nachdem die Konkurrenz zwischen beiden Kartellen Anfang der 90er Jahre eskalierte und vor allem Escobar immer gewalttätiger agierte, unterstützte das Cali-Kartell die paramilitärischen Los Pepes.Information Paper on “Los Pepes”. (PDF; 596 kB) gwu.edu, NS Archive Diese Organisation, die sich als Schutztruppe der Opfer Escobars bezeichnete, bestand in Wirklichkeit aus Drogenhändlern wie Diego „Don Berna“ Murillo-Bejarano und Paramilitärs wie Vincente Castañotelegraph.co.uk Revealed: The secrets of Colombia’s murderous Castaño brothers, The Telegraph, 7. November 2008. und Carlos Castaño. Parallel dazu informierte das Cali-Kartell gezielt die Polizei und die US-amerikanische Anti-Drogenbehörde DEA über Escobars Aktionen.
Nachdem Pablo Escobar im Dezember 1993 erschossen wurde und das Medellín-Kartell zersplitterte, übernahm die Konkurrenz aus Cali rasch den frei gewordenen Markt. Als die Nachfrage in den USA die Sättigungsgrenze erreichte, wurde verstärkt auf den Export nach Europa und Asien gesetzt.
Im Gegensatz zum Medellín-Kartell versuchte das Cali-Kartell nicht durch die direkte Konfrontation mit dem Staat, sondern durch Unterwanderung und Korruption seine Interessen durchzusetzen. So investierten sie auch in den Wahlkampf des Präsidenten Ernesto Samper. Durch die Veröffentlichung der sogenannten „Narco-Kassetten“aceproject.org Narco-Trafficking, ACE The Electoral Knowledge Network. aceproject.org. Abruf am 27. April 2017 (englisch) kam dieser Skandal ans Licht. Samper war nun gezwungen, hart gegen das Cali-Kartell vorzugehen, um seine Unabhängigkeit zu beweisen. Das Cali-Kartell wurde vom DEA-Kommandeur Thomas Constantineconstantine-institute.org Professor Tom Constantine, The Constantine Institute folgendermaßen bezeichnet:
Aktivitäten Drogenhandel Das Cali-Kartell, dessen Anfänge im Marihuanahandel lagen, wechselte aufgrund des einfacheren Transports und der sehr viel größeren Gewinnmarge schnell in das Kokaingeschäft. Das Kartell wurde durch seine Innovationen im Kokaingeschäft, indem man die Raffinierung von Kokain aus Kolumbien nach Perú und Bolivien verlagerte, bekannt. Ebenso schuf das Cali-Kartell als Pionier erstmals Schmuggelrouten für größere Transporte durch Panamá. Man diversifizierte das Angebot auch an Opium und stellte einen namhaften japanischen Chemiker ein, welcher die Raffineriemethoden für die kolumbianischen Bedingungen optimierte. Gemäß den Aussagen von Thomas Constantine an den US-Kongress wurde das Cali-Kartell aufgrund ihres Zugangs zu den Schlafmohnanbaugebieten in Kolumbien zur dominierenden Organisation in Südamerika. Die Debatte über den Anteil der Beteiligung des Cali-Kartells im internationalen Heroinhandel bleibt nicht restlos geklärt. Es wird angenommen, dass die Führungsetage des Cali-Kartells am Heroinhandel nicht direkt beteiligt ist, jedoch assoziierte Partner wie Ivan Urdinola-Grajales, welcher mit verschiedenen Heroindistributionszentren in Zusammenhang gebracht wurde.druglibrary.org Major Traffickers & Their Organizations, The Cali Mafia, DEA Publications Zur Blütezeit des Cali-Kartells wurden 70 Prozent des Weltkokainmarktes beherrscht und der Absatz insbesondere auch in Europa vorangetrieben. In Europa hatte das Cali-Kartell sogar einen Marktanteil von 90 Prozent. Mitte der 1990er Jahre war das Cali-Kartell ein multinationaler Milliardenkonzern.
Finanzen Geldwäsche von eingenommenen Zahlungen direkt aus dem Drogenhandel wurde durch Investment in Fonds betrieben, welche wiederum aus legalen Geschäften stammten und größere Zahlungsströme verdecken sollten. 1996 sollen die Umsatzerlöse sieben Milliarden US-Dollar betragen haben. Mit erhöhtem Geldeingang verstärkte sich die Notwendigkeit für intelligentere Alternativen der Geldwäsche. Gilberto Rodriguez als Vorsitzender der ,derechos.org Los Jinetes de la Cocaina, Capítulo V Los negocios die auch vom Medellín-Kartell zur Geldwäsche missbraucht wurde, nutzte seine Position, um Geschäftspartnern und Mitgliedern das Überziehen ihrer Konten und Darlehen ohne Rückzahlung zu ermöglichen.
Gilberto nahm Geschäftsbeziehungen zur First InterAmericas Bank Subject: British intelligence Mossad DOPE, INC Cartel Drug, Oil Wars on Git.Nettime.com The Cali Cartel: New Kings of Coke, Time Magazine, 1. Juli 1999. in Panamá auf, welche einen Großteil seiner legalen Geschäfte abwickelte. Gilberto Rodriguez zufolge sei dies im Einklang mit dem Gesetz von Panamá geschehen. Jedoch bewahrte ihn dies nicht vor der Strafverfolgung durch US-Behörden. Gilberto gründete später die „Grupo Radial Colombiano“, Virginia Vallejo Homepage, Biografía ein Netzwerk von mehr als 30 Radiostationen und einer Drogerienkette namens Drogas la Rebaja,elespectador.com Capturan al testaferro de los Rodríguez Orejuela, El Espectador, 21. März 2009. welche 400 Filialen in 28 Städten mit 4200 Angestellten unterhielt und etwa 216 Millionen US-Dollar jährlich erwirtschaftete.
Bestechung