Baubo () ist eine Gestalt der griechischen Mythologie, die besonders in den Mythen der frühen Orphiker auftaucht. Sie gehört zum Mythos der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter. Die Gestalt Iambe aus den Homerischen Hymnen wird mit ihr identifiziert.
Begriff Schon der Name der Baubo weist auf die Verbindung zum eleusinischen Mysterienkult hin: bedeutet „Leibeshöhle“ oder „Bauch“.
Baubo wird ebenso wie Iambe/Iambos als Paar (Baubo/Baubon) gesehen.
Mythos Baubo ist nicht direkt aus der griechischen Literatur bekannt, sondern nur durch die Polemiken christlich-römischer Autoren – vor allem Clemens von Alexandria, auf den sich Arnobius und Eusebius von Caesarea stützen – gegen die Mysterienkulte. Die christlichen Autoren zitieren dabei die antike orphische Dichtung, sodass deren Texte über Baubo so indirekt als Fragmente erhalten sind.
Baubo erscheint darin als eine Einheimische (wörtlich: γηγενεῖςOtto Kern: Orphicorum fragmenta. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1922, Nr. 52 (online mit englischer Übersetzung).) von Eleusis, der heutigen Stadt Elefsina.
Sie ist mit Dysaules verheiratet und die Mutter von Triptolemos und EubuleusPausanias, Beschreibung Griechenlands 1,14,2 sowie der Töchter Protonoe und Nesa (oder Nisa)Suda s. v. Δυσαύλης und Valerius Harpokration, Lexikon zu den zehn Rednern s. v. Δυσαύλης oder nach der Lesung von Karl Müller der Mise.Karl Müller: Fragmenta historicorum Graecorum. Band 2, S. 339.
Aus ihrer Rolle im eleusinischen Mysterienkult ergibt sich auch Baubos Aufgabe als Begleiterin der Demeter: Nach der Entführung ihrer Tochter Persephone durch den Unterweltsgott Hades trauert Demeter und wird von Baubo durch obszöne Scherze aufgemuntert. Zu diesen Scherzen gehörte auch das Entblößen der Vulva (Anasyrma).
Bei Arnobius wird beschrieben,Arnobius, adversus nationes 5,25–29. wie Baubo, eine Einwohnerin von Eleusis, die von der Suche nach ihrer Tochter völlig erschöpfte Demeter (Ceres bei Arnobius) bei sich aufnimmt, sie bittet, sich nicht ganz zu vernachlässigen, ihr Kykeon bringt, einen Mischtrank aus Wein und Getreide, den die Göttin aber ablehnt und sich in keiner Weise in ihrer Trauer ermuntern lässt. Da greift Baubo zu anderen Mitteln: Sie geht und macht ihren Unterleib glatt und weich wie ein Kind (d. h. wohl, dass sie die Schambehaarung rasiert), dann kehrt sie zurück, beginnt Scherze zu treiben und deckt schließlich ihren glatten Unterleib auf.
Und Clemens von Alexandria zitiert aus den Orphika die entsprechende Stelle:Clemens, Protreptikus 20–21, auch Orphische Fragmente 52 (Otto Kern: Orphicorum fragmenta. Weidmannsche Buchhandlung, Berlin 1922.) Sprach’s und raffte empor die Gewänder und zeigte die ganze Bildung des Leibs und schämte sich nicht. Und der kleine Iakchos Lachte und schlug mit der Hand der Baubo unter die Brüste.Das hier mit „Brüste“ übersetzte hat auch die Bedeutung „Schoß“, „Vulva“, siehe z. B. Euripides, Helena 1159. Wie nun die Göttin dies merkte, da lächelte gleich sie von Herzen, Nahm dann das blanke Gefäß, in dem ihr der Mischtrank gereicht war.Übersetzung von Otto Stählin aus: Des Clemens von Alexandreia ausgewählte Schriften. J. Kösel & F. Pustet, Kempten & München 1934 (unifr.ch).
Terrakottafiguren mini|Griechische Terrakotta-Figur einer Baubo, gefunden in Priene. Der nackte Unterleib ist als Gesicht gestaltet.|337x337px
Als kunstgeschichtlicher Begriff werden als Baubo-Figurinen oder kurz Baubos eine Gruppe relativ kleiner Terrakotta-Figurinen bezeichnet, die vorwiegend aus dem griechisch-römischen Ägypten stammen und kauernde Frauen mit entblößter Vulva zeigen. Man vermutet, dass sie dem Kult der Isis bzw. der synkretistischen Verschmelzung von Isis und Demeter sowie von Osiris und Dionysos zuzuordnen sind.Marcella Pisani: The Collection of Terracotta Figurines in the British School at Athens. In: The Annual of the British School at Athens. Band 101, 2006, S. 290, doi:10.1017/S006824540002133X. Die Bezeichnung geht wohl auf eine von Margaret Murray in einem Artikel über Darstellungen weiblicher Fruchtbarkeit geprägte Klassifizierung zurück.M. A. Murray: Female Fertility Figures. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. Band 64, 1934, , S. 93–100, doi:10.2307/2843950, .
Einige Terrakottafiguren aus dem Demeter-Heiligtum von Priene zeigen Frauen mit nacktem Unterleib, der als Gesicht gestaltet ist.Heute in der Antikensammlung Berlin. Vgl. dazu Frank Rumscheid: Die figürlichen Terrakotten von Priene. Fundkontexte, Ikonographie und Funktion in Wohnhäusern und Heiligtümern im Licht antiker Parallelbefunde. Band 1, Reichert, 2006, S. 80.
Interpretationen Nach Ansicht von Charles Picard, Marie-Joseph Lagrange und Alfred Loisy wird Baubo gemeinsam mit Iambe als Personifikation der Sexualität gedeutet.
Nach Ansicht anderer hatten die ihr zugeordneten Kulthandlungen apotropäische Bedeutung. So bemerkt Arnobius ausdrücklich, dass die Geste der Baubo als Parallele und Entsprechung zur Präsentation des Phallos im Kult des Dionysos zu sehen ist. Dementsprechend hat man gefolgert, dass die Baubo-Darstellung (also Frauenbildnisse mit entblößtem Unterleib, meist mit weit gespreizten Schenkeln) eine apotropäische Vulva sei, so wie das Fascinum ein apotropäischer Phallos ist.Vor allem Georges Devereux widmete diesem Aspekt eine breit angelegte Untersuchung: Baubo. Die mythische Vulva. Aus dem Französischen übersetzt von Eva Moldenhauer. Syndikat, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-434-46063-2.
Ludwig Radermacher, Erwin Rohde und Robert Eisler vermuten den Ursprung der Gestalt Baubo in einem hundsgestaltigen, weiblichen Schreckdämon aus dem Gefolge der Hekate analog zu Gorgo, Gello, Mormo und anderen.
Es wurde spekuliert, ob der Scherz der Baubo darin bestand, dass sie sich ein Bauchgesicht aufgemalt hat und dieses Gesicht das im orphischen Fragment erwähnte (bartlose) Kind Iakchos sei.Hermann Diels: Arcana Cerealia in Miscelanea Salinas. Palermo 1907, S. 8. Ebenso wird überlegt, ob sich Iakchos unter Baubos Gewand befand.
Rezeption
mini|Ernst Barlach: Die Hexe Baubo, Teil der Walpurgisnacht, Holzschnitt nach Goethes Faust, 1923
Moderne Rezeption erfuhr Baubo am prominentesten in Goethes Drama Faust: Der Tragödie erster Teil (1808), wo sie als Teilnehmerin in der Walpurgisnacht erscheint:Faust I, Vers 3962–3967: Text siehe Wikisource. Stimme. Die alte Baubo kommt allein, Sie reitet auf einem Mutterschwein. Chor. So Ehre dem, wem Ehre gebürt! Frau Baubo vor! und angeführt! Ein tüchtig Schwein und Mutter drauf, Da folgt der ganze Hexenhauf.
Goethes Beschreibung war vielleicht von antiken Terrakottastatuen inspiriert, die eine nackte, auf einem Schwein reitende Frau, möglicherweise Baubo, zeigen. Abbildung in Georges Devereux: Baubo. Die mythische Vulva. Aus dem Französischen übersetzt von Eva Moldenhauer. Syndikat, Frankfurt am Main 1985, S. 75. Zur Rezeption bei Goethe siehe auch Otto Kern: Baubo in der Walpurgisnacht. In: Goethe-Jahrbuch. Band 18, 1897, S. 271–273; Gero von Wilpert: Baubo. In: Goethe-Lexikon. Kröner, Stuttgart 1998, S. 80. Allerdings könnte es auch sein, dass diese Statuen erst durch Goethe mit Baubo identifiziert wurden. So gelangte 1848, also deutlich nach Goethes Bezugnahme in Faust, eine antike ägyptische Terrakottastatue in den Besitz der Antikensammlung Berlin (Inventarnummer TC 4875). Dass diese im Katalog „Baubo auf dem Schwein“ genannt wurde, scheint jedoch bereits durch Goethes berühmte Passage beeinflusst gewesen zu sein.Frederika Tevebring: Baubo on the Pig: Travel across Disciplines. In: Eva-Maria Troelenberg, Kerstin Schankweiler, Anna Sophia Messner (Hrsg.): Reading Objects in the Contact Zone (= Heidelberg Studies on Transculturality. Band 9). Heidelberg University Publishing, Heidelberg 2021, S. 125–131 (doi:10.7885/heiup.766; Digitalisat; Academia) Goethes Zitat wird aufgenommen bei Settembrini in Thomas Manns Der Zauberberg.Thomas Mann: Der Zauberberg. Roman (= Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Werke, Briefe, Tagebücher). Hrsg. von Michael Neumann. Fischer, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-10-400300-9, S. 405 (). –Laura Baginski – von Baubo zu Vulviva. In: feuilletonfrankfurt.de. 18. August 2012, abgerufen am 28. März 2020 („Schriftsteller-Übervater Thomas Mann wiederum greift in seinem von uns so sehr geschätzten Jahrhundertroman „Der Zauberberg“, Fünftes Kapitel, in dem auf den „Totentanz“ folgenden Abschnitt „Walpurgisnacht“ – leider offensichtlich kritiklos – auf die Goethe’sche Walpurgisnacht zurück.“).
mini|Sigmund Freud: Skizze einer Terrakotta-Figurine aus Priene (heute Antikensammlung Berlin, TC 8615), 1916: „Sie zeigen einen Frauenleib ohne Kopf und Brust, auf dessen Bauch ein Gesicht gebildet ist; der aufgehobene Rock umrahmt dieses Gesicht wie eine Haarkrone.“
Auch ein Aphorismus in Friedrich Nietzsches Fröhlicher Wissenschaft erwähnt Baubo: „Vielleicht ist die Wahrheit ein Weib, das Gründe hat, ihre Gründe nicht sehen zu lassen? Vielleicht ist ihr Name, griechisch zu reden, Baubo?“ Nietzsche, selbst Klassischer Philologe, nutzt in diesem gelehrten Witz die Verknüpfung des Baubo-Mythos sowohl mit Witz und Kreativität als auch mit dem Moment des „Entblößens“, der auch in der wissenschaftlichen Geste der „Ent-Deckung“ wichtig ist. Baubo scheint so als Personifikation von Nietzsches Konzeption einer fröhlichen, kreativen Wissenschaft zu dienen.Frederika Tevebring: Baubo, Truth, and Joyful Philology in Nietzsche’s Die fröhliche Wissenschaft. In: The German Quarterly. Band 93, Heft 3, Juli 2020, S. 359–373 (DOI:10.1111/gequ.12145; Digitalisat).
Sigmund Freud stieß auf eine der Abbildungen der als Baubo identifizierten Terrakotten aus Priene und brachte sie mit dem klinischen Fall eines Patienten in Verbindung, dem das Wort „Vaterarsch“ im Kopf herumschwirrte, mit dem verbundenen Bild des Vaters als „nackte[m], mit Armen und Beinen versehenen Unterkörper [...], dem Kopf und Oberkörper fehlten. Die Genitalien waren nicht angezeigt, die Gesichtszüge auf dem Bauch aufgemalt.“ Freud konnte sich zunächst wenig Reim auf dieses Bild machen, bis er eine Terrakotta-Figur aus Priene fand (heute Antikensammlung Berlin, TC 8615), die, so glaubte er, „volle Übereinstimmung mit dem Zwangsbild meines Patienten zeigt“.Sigmund Freud: Mythologische Parallele zu einer plastischen Zwangsvorstellung . In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke. Band 10, London 1949, S. 398–400 (Volltext). Zuerst in: Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse, 1916. Dazu ausführlich Frederika Tevebring: Mythological Parallels and Visual Compulsions: The Matriarchal Subtext to Freud’s Archaeology. In: American Imago. Band 78, Nr. 2, Sommer 2021, S. 275–305 (doi:10.1353/aim.2021.0013; Digitalisat).
Eine moderne Rezeption im Sinne der Rückbesinnung auf Mythologie in der DDR-Literatur der 80er Jahre ist die Erzählung Baubo von Franz Fühmann.Franz Fühmann: Das Ohr des Dionysios. Erzählungen. Hinstorff Verlag, Rostock 1985, S. 54–72, die Erzählung selbst stammt aus dem Jahr 1984.
Ähnliche Mythen Das symbolische Ritual der Enthüllung der Vulva, häufig durch eine Göttin, zur Lösung einer angespannten Situation wird Anasyrma oder auch Ana-suromai genannt und findet sich in vielen Mythen wieder, so zum Beispiel im Mythos der Hathor,Valentina Alessia Beretta: The Anasyrma Fertility Ritual in Ancient Egypt: from Hathor to Hermaphroditus. In: Birmingham Egyptology Journal. Band 10, 2024, S. 22–35 (PDF). der Heket, der Baba/Ba’u/Baev und der Ame-no-uzume/Ame-no-uzume-no-mik.
Siehe auch Sheela-na-Gig
Literatur Olga R. Arans: Iambe and Baubo. A study in ritual laughter. Ann Arbor (MI) 1988, (Dissertation, University of Illinois at Urbana-Champaign 1988).
Georges Devereux: Baubo. Die mythische Vulva. Aus dem Französischen übersetzt von Eva Moldenhauer. Syndikat, Frankfurt am Main 1985, ISBN 3-434-46063-2.