mini|„Urgnotschaften“ des Berchtesgadener Landes. Kartenausschnitt einer Landkarte von J. Mall (1628).

Gnotschaft ist eine seit Jahrhunderten ausschließlich in der Region Berchtesgadener Land innerhalb des heutigen Landkreises Berchtesgadener Land gebräuchliche Bezeichnung für einen Zuständigkeitsbereich, aus der Anfang des 19. Jahrhunderts die Bezeichnungen von Gemeinden und Gemeindeteilen abgeleitet wurden. Sie geht auf Ende des 14. Jahrhunderts im gebietsgleichen Kernland der Fürstpropstei Berchtesgaden entstandene bäuerliche Zusammenschlüsse zurück. Nach Übernahme ihrer Aufgaben durch die Gemeindeverwaltungen werden seit Mitte des 20. Jahrhunderts keine Gnotschafter mehr gewählt und der Begriff Gnotschaft steht nur noch für eine Gemeindeteilbezeichnung.

Geschichte

Mit dem 1377 ausgestellten Landbrief des Propstes Ulrich Wulp begann das Klosterstift Berchtesgaden – wegen seiner hohen Schulden notgedrungen – den leibeigenen Bauern deren Höfe als Lehen mit eingeschränkten Eigentumsrechten zu überlassen. Die Bauern schlossen sich daraufhin in Gnotschaften (vermutlich für: Genossenschaften) zusammen, was damals zumindest dem Begriff nach bereits auf etwas „mildere Untertansverhältnisse“ deutete.Joseph Ernst von Koch-Sternfeld: Die Gnotschaften suchten nach und nach Grundsätze der Selbsthilfe zu verwirklichen, wie es sich im nachbarschaftlichen Zusammenstehen bei Hochzeiten und Beerdigungen, der gemeinsamen Brauchtums- und Festtagspflege sowie bei Zusammenkünften nach Art der „Heimgartenbesuche“ zeigte. Festschrift zu 850 JAHRE Bischofswiesen 1155–2005, PDF-Datei S. 8 f. (Prospektseite 12 f.) und S. 24 (Prospektseite 45). Ob jedoch die Gnotschaften in freien genossenschaftlichen Zusammenschlüssen der jeweils benachbarten Einödhöfe oder in einem „Organisationsakt der Landesherrschaft“ begründet waren, ist nicht mehr nachweisbar.Dieter Albrecht: Die Fürstpropstei Berchtesgaden. In: Max Spindler, Andreas Kraus (hrsg.): Handbuch der bayerischen Geschichte. S. 293.

Bereits in dem ersten Steuerbuch des Berchtesgadener Landes von 1456 werden die acht „Urgnotschaften“ Au, Salzberg, Bischofswiesen, Ettenberg, Gern, Ramsau, Scheffau und Schönau sowie als deren Unterabteilungen „Gnotschaftsbezirke“ und die sie betreuenden „Gnotschafter“ (Schreibweise lt. Feulner auch: Gnotschäfter) aufgeführt. Diese acht Gnotschaften im „Land Berchtesgaden“ gruppierten sich um die Hauptorte des Berchtesgadener Kernlandes, den zentralen Markt Berchtesgaden und den Markt Schellenberg, und hatten bis zur Säkularisation im Jahre 1803 Bestand. Die Anzahl ihrer „Gnotschafterbezirke“ variierte im Laufe der Jahrhunderte und betrug zuletzt 32.Joseph Ernst von Koch-Sternfeld: Geschichte des Fürstenthums Berchtesgaden und seiner Salzwerke. Band 2, ab S. 145 f.Manfred Feulner: im Auftrag der Blaskapelle Maria Gern. Literatur und Quellen: berchtesgadeninfo.de, Marktarchiv Berchtesgaden, Abt. Maria Gern.

Die Gnotschafter wurden von den Bauern ohne Mitwirkung der Landesherren in der Regel alljährlich neu gewählt, in der Gnotschaft Gern laut einer Liste von 1802 alle zwei Jahre. Ihr wissenschaftlich bislang kaum untersuchtes Aufgabenfeld lag unter anderem in der Mitwirkung bei der Besprechung von Wege- und Brückenbaumaßnahmen oder auch Bachregulierungen. Zudem waren sie an der Aufsicht über die für die Bauern „ausgeschiedenen Gemeinwälder“ wie auch beim Abfassen der Steuerrollen für das Landgericht und der Weiterleitung regierungsamtlicher Anordnungen beteiligt. Ab dem 17. Jahrhundert hatten sie zudem als „Armenpfleger“ bedürftige Personen zu unterstützen. Trotzdem waren über die Jahrhunderte hinweg auch die „Gnotschafter“ als deren Leibeigene zuallererst der Regentschaft des Stifts verpflichtet gewesen.

Dieter Albrecht vermutet, dass zwischen Landschaftausschuss und Gnotschaftern ein Zusammenhang bestand und die Ausbildung der Gnotschaften zumindest „das genossenschaftlich-kooperative Bewusstsein der Bauernschaft befördert“ hat.

1803 wurde die Fürstpropstei Berchtesgaden aufgelöst und das Berchtesgadener Land verlor damit seine politische Eigenständigkeit. Nach drei kurz hintereinander folgenden Herrschaftswechseln wurden 1810 dessen Gebiet und seine Gnotschaften dem Königreich Bayern angegliedert.

Gnotschaften nach 1817 mini|hochkant=1.6|Gnotschaften innerhalb des Amtsgerichts Berchtesgaden (grau: das angrenzende, nur teilweise angezeigte Amtsgericht Reichenhall), Kartenausschnitt von 1896 In den Gemeindeverzeichnissen ab 1817 sind die acht „Urgnotschaften“ nunmehr als „Gemeinden“, die einstigen 32 „Gnotschafterbezirke“ – nach Splittung der zwei bisherigen Bezirke in Ramsau und Umverteilung von vier Schellenberger Ortsteilen – als deren nunmehr 38 „Gnotschaften“ aufgeführt. Hinzu kommen noch der Markt Berchtesgaden mit seinem Landgericht als Hauptort sowie das „Marktgericht“ Schellenberg Markt, das nur noch den Marktkern selbst behielt und seine „Bürgerlehen“ außerhalb als neue Gnotschaften Götschen, Schaden, Schneefelden, Unterstein 1818 an die neu gebildete Gemeinde Schellenberg Land abtrat.Historischer Atlas von Bayern, Band Altbayern, Reihe I Heft 7: Fürstpropstei Berchtesgaden. S. 34 f., geschichte.digitale-sammlungen.de

Der diesem Abschnitt vorangestellte Kartenausschnitt des Amtsgerichts Berchtesgaden von 1896 stellt die Zugehörigkeit der dort nicht namentlich bezeichneten Einzelgehöfte zu den Gnotschaften dar – nicht aber die Grenzen zwischen den Gnotschaften. Die heutige Zugehörigkeit der Einzelgehöfte zu den Gnotschaften im Sinne von amtlich benannten Gemeindeteilen weicht bisweilen davon ab.

Von „Urgnotschaften“ und Gnotschafterbezirken zu Gemeinden und Gnotschaften „Urgnotschaften“ bis 1803 Gemeinden ab 1817 Gnotschafterbezirke bis 1803 Gnotschaften ab 1817 Au 1. Gnotschafterbezirk Unterau 2. Gnotschafterbezirk Oberau 3. Gnotschafterbezirk Resten Bischofswiesen 1. Gnotschafterbezirk Loipl 2. Gnotschafterbezirk Stanggaß 3. Gnotschafterbezirk Strub 4. Gnotschafterbezirk Bischofswiesen 5. Gnotschafterbezirk Winkl 6. Gnotschafterbezirk Engedey Ettenberg 1. Gnotschafterbezirk Vorderettenberg 2. Gnotschafterbezirk Hinterettenberg vorm. Schellenberg Markt Schneefelden(ab 1818 in neuer Gemeinde Schellenberg Land) vorm. Schellenberg Markt Schaden(ab 1818 in neuer Gemeinde Schellenberg Land) Gern 1. Gnotschafterbezirk Vordergern 2. Gnotschafterbezirk Obergern 3. Gnotschafterbezirk Hintergern Ramsau 1. Gnotschafterbezirk Au Schwarzeck 2. Gnotschafterbezirk Antenbichl Taubensee ab 1824 inkl. Weiler Ramsau Salzberg 1. Gnotschafterbezirk Anzenbach(von 1817–1818 bei Gern) 2. Gnotschafterbezirk Metzenleiten(von 1817–1818 bei Gern) 3. Gnotschafterbezirk Untersalzberg I 4. Gnotschafterbezirk Untersalzberg II 5. Gnotschafterbezirk Obersalzberg 6. Gnotschafterbezirk Mitterbach Scheffau 1. Gnotschafterbezirk Oberstein 2. Gnotschafterbezirk Neusieden vorm. Schellenberg Markt Götschen(ab 1818 in neuer Gemeinde Schellenberg Land) vorm. Schellenberg Markt Unterstein(ab 1818 in neuer Gemeinde Schellenberg Land) Schönau 1. Gnotschafterbezirk Königssee (ab 1817 eigenständige Gemeindeinkl. 2 weitere Gnotschaften s.u.) 2. Gnotschafterbezirk Oberschönau I 3. Gnotschafterbezirk Hinterschönau 4. Gnotschafterbezirk Königssee: Schwöb 5. Gnotschafterbezirk Unterschönau II 6. Gnotschafterbezirk Oberschönau II 7. Gnotschafterbezirk Unterschönau I 8. Gnotschafterbezirk Königssee: Faselsberg

Gnotschaften als Gemeindeteile heute mini|hochkant=1.6|Das Berchtesgadener Land (rot) innerhalb des Landkreises Berchtesgadener Land mit Grenzen der heutigen fünf Gemeinden sowie den zwei gemeindefreien Gebieten bzw. Forsten (dunkelrot) Schellenberger Forst im Norden und Eck im Osten. Wasserflächen: (li.) Hintersee, (re.) Königssee u. Obersee Nach der Gebietsreform in Bayern von 1971 bis 1980 sind die vormals acht Urgnotschaften bzw. Gemeinden des ursprünglichen „Berchtesgadener Landes“ in den fünf Gemeinden Berchtesgaden, Bischofswiesen, Marktschellenberg, Ramsau bei Berchtesgaden und Schönau am Königssee sowie den zwei gemeindefreien Gebieten bzw. Forsten Schellenberger Forst im Norden und Eck im Osten aufgegangen. Die Gnotschafter verrichteten ihre Gemeindedienste bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts. Die einstigen „Gnotschafterbezirke“ dienen jetzt nur noch als kleinteilige Ortsteil- bzw. Gemeindeteilbezeichnungen innerhalb der fünf Gemeinden, werden aber von den Einheimischen noch immer als „Gnotschaften“ bezeichnet.

Im Amtlichen Ortsverzeichnis für Bayern wurden zuletzt 38 Gnotschaften aufgeführt, die sich auf die Gemeinden Berchtesgaden (12), Bischofswiesen (6), Marktschellenberg (8), Ramsau bei Berchtesgaden (4) und Schönau am Königssee (8) verteilen. Sechs Gemeindeteile von vier dieser Gemeinden, darunter auch die beiden historischen Hauptorte, werden nicht als Gnotschaft bezeichnet.

Berchtesgaden In die Gemeinde Berchtesgaden wurden im Rahmen der Gebietsreform in Bayern von 1971 bis 1980 die zuvor selbstständigen Gemeinden Au, Gern und Salzberg eingemeindet.

Gemeindeteile und Gnotschaften der Marktgemeinde Berchtesgaden Gemarkungen Gemeindeteile Art Anmerkungen Markt Berchtesgaden Markt Berchtesgaden Hauptort vormals fürstliche Residenz des Klosterstifts Berchtesgaden Au Unterau Gnotschaft Eigenständige Gemeinde bis 1972 Oberau Gnotschaft Resten Gnotschaft Maria Gern Hintergern Gnotschaft Eigenständige Gemeinde bis 1972, bis 1953 Ortsname: Gern Obergern Gnotschaft Vordergern Gnotschaft Am Etzerschlößl Neuere Siedlung benannt nach dem von Fürstpropst Jakob Pütrich 1574 erbauten,1960 abgerissenen „Lustschloss“ Etzerschlößl am Fuße der Gnotschaft Gern Salzberg Anzenbach Gnotschaft Eigenständige Gemeinde bis 1972 Metzenleiten Gnotschaft Mitterbach Gnotschaft Obersalzberg Gnotschaft Untersalzberg I Gnotschaft Untersalzberg II Gnotschaft

Bischofswiesen In der Gemeinde Bischofswiesen entsprechen alle Gemeindeteile den einstigen Gnotschaften der „Urgnotschaft“ Bischofswiesen. Bischofswiesen Engedey Loipl Stanggaß Strub Winkl

Marktschellenberg 1911 erfolgte eine Umbenennung: Aus Schellenberg Markt wurde Marktschellenberg; aus Schellenberg Land wurde Landschellenberg. Am 1. März 1911 wurde Ettenberg in die Gemeinde Landschellenberg eingemeindet. Am 1. Oktober 1969 wurden Marktschellenberg, Landschellenberg und Scheffau zur neuen Gemeinde Marktschellenberg zusammengeschlossen.

Gemeindeteile und Gnotschaften der Gemeinde Marktschellenberg Gemarkungen Gemeindeteile Art Anmerkungen Marktschellenberg Marktschellenberg Hauptort neue Gemeinde mit „Bürgerhäusern“vormals Sitz der „Hallinger“ der Fürstpropstei Berchtesgaden Landschellenberg Ettenberg(Hinter- u. Vorderettenberg) Gnotschaft Eigenständige Gemeinde bis 1969 Götschen Gnotschaft Schaden Gnotschaft Schneefelden Gnotschaft Unterstein Gnotschaft Scheffau Mehlweg zu Neusieden Eigenständige Gemeinde bis 1969 Neusieden Gnotschaft Oberstein Gnotschaft Scheffau ehem. Hauptort

Ramsau bei Berchtesgaden Die Gemeindeteile der Gemeinde Ramsau bei Berchtesgaden entsprechen nahezu unverändert den einstigen Gnotschaften der „Urgnotschaft“ Ramsau. Aneinander angrenzende Anteile der Gnotschaften Au, Schwarzeck und Taubensee bilden einen im Zusammenhang bebauten Innenbereich, der informell als Dorf RamsauSitzungsprotokolle öffentliche Sitzung vom 20. September 2011 des Ramsauer Gemeinderats – auf Seite 3 der PDF-Datei heißt es: „Das Baugrundstück (..), Gemarkung Ramsau, liegt im Innenbereich. Im Flächennutzungsplan der Gemeinde Ramsau ist das Gebiet als Fläche Dorfgebiet ausgewiesen.“ oder als Ortszentrum Unter „Zahlen, Daten, Fakten“ die Angabe der Höhenlage des Ortszentrums bezeichnet wird.

Gemeindeteile / Gnotschaften der Gemeinde Ramsau bei Berchtesgaden Gemeindeteile Art Anmerkungen Antenbichl Gnotschaft Au Gnotschaft Schwarzeck Gnotschaft Taubensee Gnotschaft Hierzu gehört auch der einstige Weiler Ramsau Hintersee Dorf am gleichnamigen See

Schönau am Königssee