mini|hochkant|Die Entstehung der Welt; Briefmarke der Färöer von 2003 nach einer Vorlage von Anker Eli Petersen
Die germanische Schöpfungsgeschichte umfasst die Mythen germanischer Völker, die davon berichten, wie die Welt (Kosmogonie) und der Mensch (Anthropogonie) entstanden.
Germanische Schöpfungsmythen sind überwiegend nur durch die mittelalterliche Edda-Literatur der Isländer erhalten geblieben. Diese gibt nicht die Mythen aus urgermanischer Zeit wieder, sondern die westnordischen Mythen des Mittelalters, nachdem sie von Dichtern (Skalden) bearbeitet und niedergeschrieben wurden. Somit stellen die Schöpfungsmythen der Edda-Literatur nur den Endpunkt der Entwicklung des westnordischen Zweiges der nordgermanischen Völker dar. Bis auf wenige Reste sind die übrigen Überlieferungen der germanischen Völker verloren gegangen.
Mit Hilfe aller verfügbaren Zeugnisse, sprachwissenschaftlicher Untersuchungen und des Vergleichs mit den Schöpfungsmythen anderer, insbesondere indogermanischer Völker können Teile der vorhandenen Überlieferung mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeitsgraden auf Mythen zurückgeführt werden, die noch aus urgermanischer Zeit stammen. Die germanischen Schöpfungsmythen lassen sich aber auf diese Weise nicht mehr als einheitliches Ganzes wiederherstellen. Insgesamt ergibt sich ein verwirrendes Bild, da die vorhandenen Quellen erkennen lassen, dass die erhaltene Überlieferung unterschiedlichste Entwicklungsstufen über mehrere tausend Jahre hinweg von der vorindogermanischen bis in die mittelalterliche Zeit enthält, deren Schöpfungsmythen weder in urgermanischer noch in westnordischer Zeit jemals eine Einheit bildeten.
Quellenübersicht Nordische Überlieferung → Siehe auch: Edda
mini|hochkant=1.5|Dieser Zeitbaum stellt den Überlieferungszeitraum und grobe Überlieferungsstränge der germanischen Schöpfungsmythen dar und zeigt, wo und wann die vorhandenen Quellen die Überlieferung wiedergeben. Blau ist die Zeit, in der man von germanischem Heidentum sprechen kann, gelb der Beginn der christlichen Zeit. Der Gesamtdarstellungszeitraum reicht von 1800 v. Chr. bis 1300 n. Chr.
Die Literatur der Edda ist die reichhaltigste Quelle westnordischer Schöpfungsmythen, die in unterschiedlichem Maße bereits von mittelalterlichem und christlichem Gedankengut beeinflusst ist.
Schöpfungsmythen sind in den Götterliedern der Lieder-Edda Vǫluspá, Grímnismál, Vafþrúðnismál und Hyndlulióð enthalten. Sie sind überwiegend das Werk von Dichtern, die die vorhandene Überlieferung zwar bearbeitet haben, sie aber dennoch authentisch wiedergeben könnten. Die kosmogonischen und anthropogonischen Inhalte stammen fast ausnahmslos noch aus vorchristlichen Zeiten, im Falle Islands also von vor 1000. Christliche Färbungen in geringem Maße können jedoch nicht ausgeschlossen werden.
Die Vǫluspá nimmt unter diesen Liedern eine Ausnahmestellung ein. Sie ist das einzige Lied, das den Charakter eines Schöpfungshymnus besitzt, und einen Erzählbogen von der Vorzeit und der Erschaffung bis zum Untergang der Welt spannt. Sie ist in drei nicht ganz übereinstimmenden Niederschriften des 13. Jahrhunderts erhalten: zum einen in vollständigen Fassungen in den Handschriftensammlungen des Codex Regius und des Hauksbók, zum anderen ausschnittsweise in Zitaten in der Prosa-Edda. Die Inhalte wurden bis dahin offenbar mündlich überliefert, möglicherweise auf der Grundlage einer älteren schriftlichen Vorlage.Gísli Sigurðsson: Vǫluspá. In: Heinrich Beck, Dieter Geuenich, Heiko Steuer (Hrsg.): Reallexikon der germanischen Altertumskunde, Band 35. De Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-11-018784-7, S. 531 f.
Eine Gesamtschau der westnordischen Schöpfungsüberlieferung nahm erst im 13. Jahrhundert Snorri Sturluson in seinem Werk Prosa-Edda vor, als der heidnische Glaube bereits nicht mehr lebendig war, und seine Mythen und Gebräuche nur noch als kulturelles Erbe aus Traditionsbewusstsein gepflegt wurden. Die Prosa-Edda fußt auf den Götterliedern der Lieder-Edda, insbesondere der Vǫluspá, schöpft aber auch aus Quellen, die nicht mehr erhalten sind. Sie ist weitaus stärker von mittelalterlich-christlichem Denken beeinflusst als die Götterlieder und versucht die heidnischen Mythen untereinander, aber auch mit dem Christentum zu harmonisieren. Altes und neues Gedankengut fließen in ihr unterschiedslos zu einer Einheit zusammen, die es als solche wohl noch nicht einmal unter den Isländern gegeben hatte. Die Prosa-Edda prägte bis in heutige Zeit das Verständnis der Schöpfungsmythen, weil sie sich dem klaren Aufbau der Vǫluspá unterordnet und trotzdem durch die Zusammenhänge, die sie zu den anderen Götterliedern herstellt und durch die Erhellung vieler dunkler Stellen der Lieder, den Eindruck überlegenen Wissens erweckt. Snorri Sturluson nahm durch seine Harmonisierungsarbeit und Ergänzungen aber letztlich eine ganze Reihe von Eingriffen in die Mythen vor und verstand auch offensichtlich selbst nicht mehr alle Inhalte davon. Deswegen ist es besser, darin nicht die authentischere Wiedergabe der westnordischen Überlieferung zu sehen, sondern sie als letzte und vor allem eigenständige Entwicklungsstufe der Schöpfungsmythen zu begreifen.
Hinweise auf Schöpfungsmythen enthält vielleicht noch das Götterlied Rígsþula, das nicht zur Lieder-Edda gehört und aus dem 13. Jahrhundert stammt, sowie die Skaldendichtung ab dem 9. Jahrhundert. Die Überlieferung der ostnordischen Schöpfungsmythen ist fast vollständig verloren gegangen.
West- und ostgermanische Überlieferung Die westgermanische Überlieferung zur Schöpfungsgeschichte ist im Wesentlichen nur in zwei Resten erhalten. Zum einen im christlichen Wessobrunner Gebet um 790, zum anderen durch knappe Bemerkungen von Tacitus in seinem 98 entstandenen Werk Germania. Die Schöpfungsmythen der Ostgermanen sind hingegen spurlos erloschen, sieht man von einer schwer zu deutenden Bemerkung in Jordanes’ Werk Getica aus dem 6. Jahrhundert ab.
Schöpfungsmythen nach den Quellen Isländische Götterlieder Vǫluspá miniatur|hochkant|Die Prosa-Edda. Titelblatt einer isländischen Ausgabe des 18. Jahrhunderts
Bevor die Welt geschaffen wurde, war nichts als der Ginnungagap, in dem das erste Wesen namens Ymir lebte. Da hoben Burs Söhne die kahle Erde, in der bereits der Weltenbaum Yggdrasil keimte, empor und schufen Midgard (Miðgarðr) auf der Erde. Sonne, Mond und die Gestirne entstanden, und obwohl die Himmelslichter noch nicht ihren Platz eingenommen hatten, ließ schon der Sonnenschein das erste Gras aus der Erde wachsen. Als die Götter Nacht, Neumond, Morgen, Mittag, Nachmittag und Abend benannt hatten, damit die Zeit gezählt werden konnte, trafen sie sich auf ihrem Versammlungsort Idafeld (Iðawǫll), bauten Altar und Tempel, schmiedeten Werkzeuge, lebten im Reichtum ihres Goldes und vertrieben sich die Zeit beim Brettspiel, bis drei mächtige Riesentöchter kamen. Daraufhin beratschlagten die Götter, wer die Zwerge aus Brimirs Blut und Bláinns Knochen (wohl Ymir)Rudolf Simek: Lexikon der germanischen Mythologie (= Kröners Taschenausgabe. Band 368). 3., völlig überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 2006, ISBN 3-520-36803-X, S. 53: vermutlich Kenningar für Ymir. erschaffen solle, die sodann als Nächstes entstanden.Lieder-Edda: Vǫluspà. 2–10. Zitat, sofern nicht anders angegeben, nach Arnulf Krause: Die Götter- und Heldenlieder der Älteren Edda. Reclam-Verlag, 2004, ISBN 3-15-050047-8. Am Strand fanden dann die drei Götter Odin, Hœnir und Loðurr Askr und Embla, leb- und schicksalslos, und schufen daraus die Menschen, deren Schicksal die drei Nornen von der Urðr-Quelle unter Yggdrasil bestimmen.Lieder-Edda: Vǫluspà. 17 f., 20. Darüber hinaus wird vielleicht noch ein Abstammungsmythos der Menschen angedeutet, denn in der Codex-Regius-Fassung werden am Liedanfang die Menschen als Heimdallrs Söhne bezeichnet.Lieder-Edda: Vǫluspà. 1
Vafþrúðnismál Noch vor Erschaffung der Welt formte sich nach dem Vafþrúðnismál der Riese Aurgelmir aus den Eitertropfen der Élivagár. Unter seinem Arm wuchsen ein Mädchen und ein Junge und durch das Zusammenschlagen der Füße schuf er einen sechsköpfigen Sohn. So zeugte er den Riesen Thrudgelmir (Þhrudgelmir), der wiederum den ältesten noch lebenden Verwandten Ymirs und der Asen, den Riesen Bergelmir, erzeugte. Unklar bleibt, ob Aurgelmir nur ein anderer Name für Ymir ist, oder ob er aus einer eigenständigen Schöpfungsüberlieferung stammt. Vom Riesen Bergelmir heißt es noch, dass er auf ein lúðr (ein schwer deutbares Wort) gelegt wurde.Lieder-Edda: Vafþrúðnismál 29, 31, 33, 35 Zu welchem Zweck, wird nicht erwähnt.
Das Lied beschreibt darüber hinaus, wie die Welt aus den einzelnen Körperteilen Ymirs gebildet wurde. Aus seinem Fleisch entstand die Erde, aus den Knochen die Berge, aus dem Schädel der Himmel, aus dem Blut das Meer.Lieder-Edda: Vafþrúðnismál 20 f. Unausgesprochen bleibt, wer die Welt erschuf.
Weitere Zeugnisse Auch das Grímnismál gibt diesen Weltentstehungsmythos wieder. Jedoch fügt es hinzu, dass aus dem Haar Ymirs die Bäume, aus dem Gehirn die Wolken und aus den Wimpern Midgard (Miðgarðr), die Welt der Menschen geschaffen wurde – und zwar von den Göttern.Lieder-Edda: Grímnismál 40
Nach dem Hyndlulióð war einer der Söhne Burrs der Asengott Odin.Lieder-Edda: Hyndlulióð 30 Darüber hinaus wird ausgesagt, dass alle Riesen von Ymir abstammen.
Das Rígsþula beschreibt, wie die Stände des Knechts, des Bauern und des Adeligen durch das Wirken des Gottes Ríg (Heimdallr) entstanden.
Prosa-Edda In der Prosa-Edda werden die verstreuten Schöpfungsberichte der Lieder-Edda zusammengefasst. Dunkle oder unstimmige Stellen der Lieder-Edda werden harmonisiert oder ergänzt, weitere Schöpfungsmythen werden hinzugefügt.
Die Prosa-Edda beginnt im Hauptteil Gylfaginning den Schöpfungsbericht mit einem Vǫluspá-Zitat, nach dem am Anfang nur das Nichts in Form des Ginnungagaps war. Im Widerspruch dazu beschreibt sie danach den Ginnungagap wie eine Schlucht, die zwischen zwei Welten lag, die älter als der Graben zwischen ihnen waren. Im Süden war die Feuerwelt Muspellsheim und im Norden die kalte Wasser- und Eiswelt Niflheim mit der Quelle Hvergelmir. Aus der Quelle strömte das giftige Wasser, das die Urzeitflüsse Élivágar speiste. Ihre Wasser flossen Richtung Ginnungagap, bis sie zu Eis froren. Das Gift, das aus ihnen sprühte, schlug im Nordteil des Grabens als Reif nieder, während im Südteil die Funken Muspellsheims hinein flogen. Nur in der Mitte des Grabens war es mild. Dort trafen die heiße Luft aus dem Süden und der Reif aus dem Norden aufeinander, so dass der Reif taute. Aus diesen Gischttropfen entstand das erste Wesen in Menschengestalt namens Ymir, das die Reifriesen Aurgelmir nennen. Aurgelmir schwitzte unter seinem linken Arm einen Mann und eine Frau aus und durch das Zusammenschlagen der Füße zeugte er einen Sohn, von dem die Reifriesen abstammen.Prosa-Edda: Gylfaginning 4–6
Als der Reif im Ginnungagap weiter taute, kam die Kuh Auðhumla hervor. Vier Milchströme flossen aus ihrem Euter, damit nährte sie Ymir. Auðhumla hingegen leckte das Salz der bereiften Steine. Binnen drei Tagen schleckte sie ein menschenähnliches Wesen namens Búri frei. Dieser hatte einen Sohn namens Borr, der mit Bestla die drei Söhne Odin, Vili und Vé zeugte. Borrs Söhne erschlugen Ymir und brachten ihn in den Ginnungagap, um aus seinem Körper die Welt zu erschaffen. Das aus ihm strömende Blut ertränkte alle Reifriesen, außer Bergelmir, der sich mit seiner Frau in einem lúðr retten konnte.Prosa-Edda: Gylfaginning 6–8
Danach brach das Goldzeitalter an. Die Götter vergnügten sich auf dem Idafeld (Iðavǫllr), bis die Frauen aus Riesenheim kamen und alles verdarben. Infolgedessen erließen die Götter die Gesetze und schufen die Zwerge. Im Gegensatz zur Vǫluspá fanden dann Odin, Vili und Vé am Strand zwei noch namenlose Baumstämme. Sie gaben ihnen ihre Namen, Askr und Embla, und machten sie zu Menschen, deren Schicksal die Nornen bestimmen.Prosa-Edda: Gylfaginning 9, 14 f.