mini|Blick auf den Marktplatz mit St. Nikolai Rinteln ist eine Stadt und selbständige Gemeinde in Norddeutschland im Weserbergland an der Weser im Landkreis Schaumburg in Niedersachsen. Die gut erhaltene Altstadt ist auch heute noch von zahlreichen wertvollen Fachwerkhäusern geprägt. Im Mittelalter umschloss eine Stadtmauer die Stadt, deren Ausbau in der Neuzeit die Stadt zur Festung Rinteln machte. Von 1619 bis 1810 befand sich im Ort die Universität Rinteln. Rinteln war bis zum Jahr 1977 Kreisstadt, zunächst bis 1904 des Landkreises Rinteln, ab 1904 des Landkreises Grafschaft Schaumburg.
Geographie Lage Rinteln wird im Süden von den Höhen des Lippischen Berglandes, im Norden vom Wesergebirge und im Osten vom Süntel sowie den Fischbecker Bergen eingebettet. Die Stadt gehört landschaftlich zum Naturpark Weserbergland Schaumburg-Hameln. Das „Rintelner Becken“ wird landschaftlich prägend und weithin sichtbar von der Burg Schaumburg auf dem etwa hohen Nesselberg (südlicher Sporn des Wesergebirges) beherrscht. Rund 12,5 km (Luftlinie) nordwestlich der Weserbrücke von Rinteln durchbricht die Weser, weiter flussabwärts, bei Porta Westfalica die Westfälische Pforte und tritt in das Norddeutsche Tiefland ein. Dieser markante Einschnitt zwischen östlichem Weser- und westlichem Wiehengebirge ist von der Rintelner Weserbrücke aus ebenso zu sehen wie die Schaumburg und die gesamte Wesergebirgskette bis zum Süntel. Etwa zwei Kilometer westlich der Altstadt liegt der Doktorsee.
Stadtgliederung Die Stadt Rinteln ist eine Einheitsgemeinde und gliedert sich neben der Kernstadt 18 weitere Stadtteile:
Diese sind in zehn Ortschaften zusammengefasst: Ahe-Engern-Kohlenstädt, Deckbergen-Schaumburg-Westendorf, Exten, Hohenrode-Strücken, Krankenhagen-Volksen, Möllenbeck, Rinteln (Kernstadt), Steinbergen, Taubenberg (Friedrichswald, Goldbeck, Uchtdorf, Wennenkamp), Todenmann.
Geschichte Mittelalter mini|Stadtbefestigung Rinteln im mittelalterlichen Zustand auf einem Merian-Stich um 1650 mini|Die Eulenburg, im Mittelalter das „Steinwerk“ genannt, heute Sitz des Museums mini|Weserbrücke Die Anfänge der Stadt Rinteln lassen sich zurückverfolgen bis in das späte 11. Jahrhundert. Bereits im Jahre 896 wurde ein Benediktinerinnen-Stift, das Kloster Möllenbeck, am Rand der Weseraue angesiedelt. Auf dem rechten, nördlichen Weserufer hatte sich in Höhe einer Überfahrt das kleine Dorf Rentene (später: Alt-Rinteln) entwickelt. Im Jahre 1223 bestanden bereits eine feste Brücke und ein gräfliches Gericht. Um 1230 gründete Graf Adolf IV. von Holstein und Schaumburg Neu-Rinteln auf dem gegenüber liegenden, südlichen Weserufer. Im Jahre 1239 wurden die Stadtrechte verliehen.Die Urkunde ist abgebildet bei: Matthias Blazek: Die Grafschaft Schaumburg 1647–1977. ibidem, Stuttgart 2011, S. 12, ISBN 978-3-8382-0257-0.
Durch das Recht, Wegezoll zu erheben (1391), und das Messeprivileg (1392) gewann Rinteln an Bedeutung auch für das Umland. Die günstige Verkehrslage an der Weserbrücke unterstützte den Aufschwung. Bald nach Gründung der Stadt wurde mit dem Bau einer Stadtmauer begonnen, die anfangs aus Palisaden bestand und 1257 erstmals erwähnt wurde. Während der Wüstungsphase des 14. Jahrhunderts wurden zahlreiche Siedlungen im Umfeld der Stadt aufgegeben. Die Bewohner zogen in den Schutz der Rintelner Stadtbefestigung und bewirtschafteten von hier aus als Ackerbürger ihre Felder. Rinteln blieb jedoch in erster Linie eine Handwerker- und Handelsstadt. Um 1450 war Rinteln mit einem umfangreichen Landwehrsystem und drei Warttürmen umgeben. Zum städtischen Besitz gehörte seit dem 15. Jahrhundert auch ein Stadtwald im Norden Lippes, der „Rintelsche Hagen“.
Vor allem die Lage an der Weser war dem Handel förderlich. So genannte „Bremer Waren“ kamen mit den Schiffen flussaufwärts: Tabak, Butter, Stockfisch, Kolonial- und Haushaltswaren. Für Frachten mit dem Ziel Rinteln richtete die Stadt einen Zollschuppen ein. Stromab befördert wurden Holz, Steinkohle und Getreide, ebenso wie der in der Nähe abgebaute Obernkirchener Sandstein. Auch das Handwerk mit seinen verschiedenen Zünften, insbesondere das Schuhmacherhandwerk, hatte seinen Anteil am Aufschwung der Stadt, die bis ins 17. Jahrhundert hinein eine wirtschaftliche Blütezeit erlebte. Wohlhabende Bürger und die zahlreichen in der Stadt ansässigen Adelsfamilien errichteten in dieser Zeit stattliche Bauten im Stil der Weserrenaissance.Willy Leson: Heide, Harz und Weserbergland. Landschaft, Geschichte, Kultur. J. P. Bachem, Köln 1980, ISBN 3-7616-0530-7, S. 175. Diese Epoche endete mit dem Dreißigjährigen Krieg, der 1623 die Grafschaft erreichte. Allein in den Jahren 1624 und 1625 starb rund ein Drittel der ca. 2500 Einwohner an der von Soldaten eingeschleppten Pest, es folgten Drangsale durch Einquartierung, Plünderung und Kriegskontributionen.
Neuzeit Dass sich Rinteln nach dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs ab 1648 recht zügig erholte, lag unter anderem an der Universität, die von 1619 bis 1810 bestand. An ihr lehrten rund zwölf bis fünfzehn Professoren in den vier Fakultäten Theologie, Jura, Medizin und Philosophie. Im Mittel waren etwa 100 bis 130 Studenten eingeschrieben. Der Hochschulbetrieb mit Sitz im Kollegiengebäude, dem früheren Jakobskloster, verfügte über zwei Hörsäle, eine „Kommunität“ (Studentenwohnheim), ein „Konviktorium“ (Mensa), eine Bibliothek, ein Instrumentenzimmer, eine Buchdruckerei, eine Apotheke, einen botanischen Garten, eine Propstei (Güterverwaltung), ein „Anatomicum“ sowie ab 1762 eine regelmäßig erscheinende Zeitung. Zu den so genannten „Universitätsverwandten“ gehörten Tanz- und Fechtmeister, Reit- und Französischlehrer. Die „Universitätskommisse“ war Herberge und Schanklokal der Akademie: Hier konnten Professoren und Studenten unbehelligt vom städtischen Schankmonopol zu niedrigen Preisen Bier und Wein trinken.
mini|Ehemalige Universitätskommisse in der Weserstraße Während des Dreißigjährigen Kriegs und anschließend, um 1654, war Rinteln Schauplatz intensiver Hexenverfolgungen. Die Professoren der Juristenfakultät der Universität verstärkten durch ihre „Beratung“ von Stadt- und Amtsgerichten im ganzen Nordwesten die Hexenprozesse. Zwischen 1621 und 1675 sind rund 400 Gutachten überliefert, die durchweg die rücksichtslose Verfolgung von vermeintlichen Hexen und Hexenmeistern anordneten.Die Eulenburg. Universitäts- und Stadtmuseum Rinteln: Hexenverfolgung in Schaumburg. Abgerufen am 24. Juni 2017. In Rinteln wurden von 1560 bis 1669 mindestens 88 Menschen in Hexenprozessen angeklagt, von denen viele mit der Hinrichtung endeten. Höhepunkte waren die Jahre 1635 bis 1655.Namen der Opfer der Hexenprozesse/ Hexenverfolgung Rinteln. (PDF; 111 kB), abgerufen am 19. Juli 2017.
Von 1652 bis 1689 war Daniel Wilhelmi Prediger an St. Nikolai in Rinteln. Er war auch Beichtvater von Angeklagten in Hexenprozessen, z. B. im Prozess gegen Lucie Kunschopper. Gegen Lucie Kunschopper, geb. Hagemann, Witwe des Kunschoppers,Hans-Jürgen Wolf: Geschichte der Hexenprozesse. Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 1995, S. 722. erhob der Peinliche Amtsankläger in Rinteln am 4. September 1668 die Anklage wegen Zauberei.Cornelia Kurth: Die Hexenverfolgung in Rinteln. 6. März 2013, abgerufen am 22. September 2017.
Ab 1680 sorgten junge, von der Frühaufklärung geprägte Professoren wie Heinrich Bodinus und Henrich Ernst Kestner für eine Abschaffung der Prozesse und stellten sich an die Spitze der Gegner.
Im Jahre 1640 wurde die alte Grafschaft Schaumburg zwischen den Grafen zur Lippe (nun Grafschaft Schaumburg-Lippe) und den Landgrafen von Hessen-Kassel (nun Grafschaft Schaumburg) aufgeteilt. Rinteln erhielt 1651 wegen seiner entfernten Lage zur Residenzstadt Kassel eine eigene Regierung mit Obergericht. Im selben Jahr wurde es hessische Garnisonsstadt und in den Jahren 1665 bis 1680 zu einer Festung ausgebaut.
Ab 1665 wurde die Stadt Rinteln auf Geheiß der vormundschaftlich regierenden Landgräfin Hedwig Sophie von Hessen-Kassel zur Festung Rinteln nach altniederländischer Manier ausgebaut. Die Erdwerke mit Haupt- und Vorwall sowie einem rund 30 m breiten Graben umfassten sieben Bastionen zwei Redouten und zwei Ravelins. Rund 200 Mann ständige Garnison bildeten die standardmäßige Besatzung, die im Belagerungsfall einer erheblichen Aufstockung bedurft hätte. In Ermangelung dieser ausreichenden Besatzung ergab sich die Festung während des Siebenjährigen Krieges und in den napoleonischen Kriegen (1806) kampflos einer französischen Übermacht und wurde jeweils für mehrere Jahre besetzt. Am 13. November 1806 befahl Napoleon, die Festungsanlagen zu schleifen. Ein weiterer Rückschlag war die Schließung der Rintelner Universität Ostern 1810 durch Jérôme, den jüngsten Bruder Napoléons und König des neu gegründeten Königreichs Westphalen.Friedrich Arnold Brockhaus (Hrsg.): Literarisches Conversations-Blatt für das Jahr 1823. Band 2. Brockhaus, Leipzig 1823, S. 1021.
mini|Rinteln, 1823 von Anton Wilhelm Strack Ab 1807 war Rinteln für wenige Jahre der Distriktshauptort (Chef-lieu) innerhalb des Weserdepartements.Königliches Decret, wodurch die Eintheilung des Königreichs in acht Departements angeordnet wird. 24. Dezember 1807, S. 236–237 (Digitalisat im Projekt „Westfälische Geschichte“ des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe). Nach dem Ende der napoleonischen Besetzung wurde die Grafschaft Schaumburg wieder Exklave des Kurfürstentums Hessen-Kassel und Rinteln Sitz einer Regierung, ab 1848 herabgestuft zu einer Regierungsdeputation. In den Jahren 1848 und 1849 machte sich ein Klima oppositioneller Bewegung in der kurhessischen Exklave Schaumburg besonders bemerkbar. Albrecht von Bardeleben und Karl Wilhelm Wippermann spielten dabei bedeutende Rollen in der kurhessischen Politik dieser Jahre. Wippermann gehörte zudem als Abgeordneter der liberalen Casino-Fraktion dem verfassungsgebenden 17er-Ausschuss im Frankfurter Paulskirchenparlament an.
Im Jahr 1863 wurde in Rinteln eine der ältesten Freiwilligen Feuerwehren Norddeutschlands gegründet. Sie ging aus einer zwei Jahre zuvor gegründeten Freiwilligen Turner-Feuerwehr hervor. 1865 stellte man einen Organisationsplan auf und richtete an die Stadt ein Gesuch, Gelder für die Geräte zur Verfügung zu stellen. Die 53 Mann starke Feuerwehr bestand aus einem Hauptmann, dem ein Adjutant beigegeben war, 12 Steigern, 15 Rettungsmannschaften und 24 Mann für die Bedienung der Spritzen. Am 26. November 1865 wurden die Statuten, die nach dem Muster der Hamelner Feuerwehr aufgestellt waren, dem Rat zur Genehmigung vorgelegt.Ausführlich: Matthias Blazek: Feuerwehrwesen im Landkreis Schaumburg im 19. Jahrhundert. 2. Auflage. Adelheidsdorf 2002, S. 6 ff.
Im Jahr 1866 wurden die Stadt und die Grafschaft Schaumburg mit der Annexion Hessen-Kassels durch Preußen Teil der Provinz Hessen-Nassau. Rinteln blieb noch der Sitz des Kreises Rinteln, ab 1904 umbenannt in Landkreis Grafschaft Schaumburg und ab 1932 Teil der die vormalige Exklave umgebenden preußischen Provinz Hannover.
Mitte des 19. Jahrhunderts ging es mit der Stadt wieder aufwärts. Vor allem förderte die Eröffnung der Löhne–Vienenburger Eisenbahn durch die Hannover-Altenbekener Eisenbahngesellschaft (1875) und die dadurch günstige Verbindung zu den großen Wirtschaftszentren Berlin und Köln die Ansiedlung von Industriebetrieben. So entstand unter anderem eine Glashütte. Weitere Bahnstrecken verbanden die Stadt mit Stadthagen (Rinteln-Stadthagener Eisenbahn) und ab Ende der 1920er Jahre mit Barntrup (Extertalbahn). Die noch bis in die 1970er Jahre zweigleisige Strecke Bünde/Löhne–Hameln–Hildesheim/Bodenburg wird heute eingleisig vornehmlich im Personenverkehr als Weserbahn im Stundentakt (an Wochenenden im Zwei-Stunden-Takt) durch die Deutsche Bahn befahren.
1933 bis 1945 mini|Frühere Arbeitersiedlung Heinrichstraße in der Nordstadt