mini|Boris Karloff (1932) Boris Karloff (eigentlich William Henry Pratt; * 23. November 1887 in London, im heutigen Bezirk Southwark; † 2. Februar 1969 in Midhurst, West Sussex, England) war ein britischer Theater- und Filmschauspieler.
Karloff wurde vor allem als Darsteller in Horrorfilmen bekannt, nachdem er 1931 die Rolle des Monsters in Frankenstein gespielt hatte. Während seiner mehr als 50 Jahre währenden Schauspielkarriere war er jedoch in unterschiedlichen Rollen im Film, im Fernsehen und auf der Bühne zu sehen sowie im Radio und auf Schallplatte zu hören. Er erhielt Spitznamen wie „Karloff the Uncanny“ („Karloff der Unheimliche“) oder „The Master of Horror“.
Leben und Werk Kindheit, Jugend und Auswanderung William Henry Pratt war das jüngste von neun Kindern. Früh verwaist, wuchs er bei seinen erheblich älteren Geschwistern auf. Die weitverzweigte, alte angelsächsische Familie Pratt war seit dem Mittelalter in England ansässigSiehe Familienstammbaum und Wappen auf houseofnames.com (englisch). und stand traditionell in Diensten der britischen Krone. Sein Vater war als britischer Zollbeamter in Indien tätig, sein Großvater mütterlicherseits war Mitglied der Berittenen Artillerie in Bombay.Siehe Meldung in der Times of India über die Eheschließung der Eltern: . Seine Mutter war eine Nichte der Frauenrechtlerin und Autorin Anna Leonowens (Anna und der König). Einer seiner Großneffen war der Comic-Autor Hugo Pratt. Auch der Exzentriker, Schauspieler und Autor Quentin Crisp alias Dennis Charles Pratt war mit ihm verwandt. mini|hochkant|links|Als Kleinkind (1890) Die Familie Pratt lebte zunächst in Indien, kehrte aber noch vor William Henrys Geburt ohne den Vater nach England zurück. Als Kind lebte Pratt zunächst in verschiedenen Häusern in den Stadtteilen Camberwell und East Dulwich südlich der City of London im heutigen Londoner Borough of Southwark. Die Familie zog häufig um, in welchem Haus genau William Henry geboren wurde, ist nicht sicher belegt; nach Recherchen des Filmjournalisten Steve Vertlieb war Camberwell der Geburtsort, eine offizielle Plakette für Pratts Geburtshaus befindet sich dagegen an der 36 Forest Hill Road im Londoner Stadtteil Peckham. Später zog die elternlose Familie in das ländlich geprägte Enfield im äußersten Norden von London um. mini|William Henry Pratt (1899) William Henry durchlief erfolgreich eine höhere Schullaufbahn und war Schüler der Enfield Grammar School, Uppingham School und der Merchant Taylors’ School. Er sollte wie seine älteren Brüder nach Familientradition auf den Verwaltungsdienst in den britischen Kolonien vorbereitet werden. Anschließend studierte er am King’s College der University of London. In seiner Freizeit spielte er Cricket und war Mitglied im Enfield Cricket Club. Früh interessierte er sich für das Theater, übernahm Rollen in Weihnachtsmärchen und hatte im Alter von neun Jahren in einer Cinderella-Aufführung einen Auftritt als Dämonenkönig.
Der junge Pratt nahm privat Schauspielunterricht und absolvierte Bühnenauftritte u. a. bei Theateraufführungen seiner Universität. Bald wurde ihm das Schauspielern wichtiger als das Studium, das er zunehmend vernachlässigte. Im Alter von 21 Jahren verließ er im Einvernehmen mit seiner Familie Großbritannien von Liverpool aus in Richtung Montreal in Kanada. Danach zog er weiter nach Ontario, später nach British Columbia. Unterwegs verdingte er sich als Hilfsarbeiter u. a. in der Landwirtschaft, beim Schienen- und Straßenbau sowie als Truckfahrer. Gleichzeitig versuchte er immer wieder, bei Wanderbühnen Fuß zu fassen, und reiste mit verschiedenen Schauspieltruppen durch die kanadische und US-amerikanische Provinz.
Kurz nach seiner Ankunft in Kanada im Jahr 1909 heiratete Pratt die englische Schauspielerin Olive Wilton. Dass er, wie oft zu lesen ist, gemeinsam mit ihr nach Kanada kam, ist unwahrscheinlich, da sie bereits in der Saison 1904/1905 ein Engagement am New Yorker Broadway hatte.. Die anschließende Scheidung muss sehr rasch erfolgt sein: Bereits ein Jahr später wanderte Olive Wilton nach Australien aus, drehte dort 1910 und 1911 jeweils einen Stummfilm und wurde in den 1920er Jahren die Mitbegründerin eines Privattheaters in Hobart auf Tasmanien. Boris Karloff hat sich später zu seiner ersten Ehe nur wenig geäußert.
Die 1910er- und 1920er-Jahre Statist und Kleindarsteller mini|William Henry Pratt (1913) In den 1910er Jahren kam William Henry Pratt nach Hollywood und suchte Anschluss an die aufblühende Stummfilmindustrie. Er stand zunächst als Statist, dann in winzigen Rollen als Kleindarsteller vor der Kamera: Sein erster belegbarer Filmauftritt ist eine unbedeutende kleine Szene in dem 1916 entstandenen Stummfilm-Drama The Dumb Girl of Portici (Regie: Phillips Smalley und Lois Weber) – mit der russischen Primaballerina Anna Pawlowna Pawlowa in ihrer ersten und einzigen Filmrolle und dem späteren Western-Darsteller Jack Holt.
Aus Pratt wird Karloff In der Zwischenzeit hatte sich William Henry Pratt in Boris Karloff umbenannt. Nach eigenen Angaben soll der Name Karloff auf slawische Vorfahren seiner Mutter verweisen, was Karloffs Tochter und Nachlassverwalterin Sara Karloff lange ausdrücklich bestritt. Allerdings setzte sie die biografische Hommage auf ihren Vater von Steve Vertlieb, der ebenfalls von slawischen bzw. russischen Vorfahren von Pratts Mutter ausgeht, ohne Einschränkung als Leseempfehlung auf die Website ihrer Firma Karloff Enterprises. Da der Schauspieler aufgrund seines eher düsteren, kantigen und nicht im klassischen Sinne attraktiven Aussehens von Beginn seiner Laufbahn an als Exot, Außenseiter oder Schurke besetzt wurde, wollte er seine Karriere durch die Wahl eines dazu passenden, einprägsamen Künstlernamens mutmaßlich forcieren. Der vier Jahre ältere Schauspielkollege Lon Chaney sen., mit dem er sich in Hollywood angefreundet hatte, soll – laut seinem Enkel Ron Chaney – Pratt dazu geraten haben.Siehe den Artikel von Larry Meredith über die Familien der Horrorstars:
Die meisten Biografen führen Karloffs leicht dunkelhäutig-exotisches Aussehen auf eine indische Vorfahrin zurück, was Familienforschungen zu bestätigen scheinen.Siehe den von Sara Karloff veröffentlichten Familienstammbaum auf karloff.com (englisch). Der Familienstammbaum, erstellt nach Recherchen des als Hobby-Historiker umstrittenen Ornithologen und Anna-Leonowens-Biografen W. S. Bristowe, gibt eine Vorfahrin sehr vage als „nicht identifizierte Inderin“ an, ohne jedoch konkrete Belege zu liefern. Karloffs Großneffe Hugo Pratt gab u. a. jüdisch-türkische Vorfahren an.Siehe offizieller Nachruf durch den Ehapa-Verlag: Laut Filmjournalist Elliot Stein, der Boris Karloff persönlich gekannt und eines der letzten Interviews mit ihm vor seinem Tod geführt hatte, könnte William Henry auch aus einem Fehltritt seiner Mutter mit einem Ägypter während eines Besuchs des Suezkanals hervorgegangen sein. Karloffs Vater hatte seine mit ihm in Indien lebende schwangere Frau verlassen, die mit acht Kindern alleine nach England zurückkehrte und dort William Henry auf einem der Prattschen Familiensitze zur Welt brachte; kurz darauf verstarben beide Elternteile.Elliott Stein in Village Voice:
Typecasting in Nebenrollen mini|Boris Karloff im Film The Man from Downing Street (1922) ganz rechts als Maharadscha Die späten 1910er und die 1920er Jahre waren für Karloff geprägt durch Auftritte als Statist, später auch durch bedeutendere Nebenrollen als Darsteller von meist exotischen oder charakterlich negativen Figuren. Er wurde in B-Movies oft ungenannt als Pirat, Indianer, Mexikaner, Schwarzafrikaner, Asiate und sehr häufig als Inder, Levantiner oder Araber; als Leibwächter, Cafébesitzer, Taschendieb oder einfach als Schurke besetzt. Mit dieser als Typecasting bezeichneten Besetzungspraxis deckte Boris Karloff alle Genres des US-amerikanischen Stummfilms der damaligen Zeit ab – vom Abenteuerfilm über Komödien bis hin zum Kriminalfilm. Die erste mit einem Eigennamen ausgestattete Filmrolle, die Karloff übernahm, war 1920 die des zwielichtigen Jules Barney in der Komödie The Deadlier Sex mit der zu dieser Zeit in Hollywood als Flapper populären Blanche Sweet in der weiblichen Hauptrolle. Ein weiteres Beispiel ist neben vielen anderen Omar the Tentmaker (1922) mit Karloff als Imam Mowaffak und Noah Beery als „Shah of Shahs“. In Tarzan und der goldene Löwe (1927) agierte Karloff neben dem Hauptdarsteller James Pierce als finsterer Afrikaner Ozawa.
Nur wenige dieser Filme fanden einen deutschen oder österreichischen Verleih, davon vor allem Western und Piratenfilme. Der erste Film mit Boris Karloff, für den ein deutscher Verleihtitel belegbar ist, war Der letzte Mohikaner (1920, Regie: Clarence Brown und Maurice Tourneur). Karloff verkörperte darin – ebenso wie sein späterer Filmpartner und beruflicher Rivale Bela Lugosi – einen namenlosen Indianer aus dem Stamm der Huronen. In dem Piratenfilm Korsaren (1926, Regie: James Cruze) verkörperte er neben u. a. Wallace Beery einen sarazenischen Gardisten.
Erster in Österreich nachweisbarer deutschsprachiger Verleihtitel für einen Film mit Karloff war der Western Mann ohne Furcht (1926). Darin spielte der spätere Horrorstar einen namenlosen Räuber; weiblicher Star des Films war die erst 19-jährige Fay Wray. Im gleichen Jahr entstand der düstere, atmosphärisch sehr dichte Film The Bells. Mit seiner Handlung um einen elsässischen Kneipenwirt (Lionel Barrymore), der mit Hilfe eines Mesmeristen (Karloff) des Mordes an einem Juden überführt werden soll, gilt dieser als der erste Horrorfilm mit Karloff. In der im Ersten Weltkrieg spielenden Abenteuerkomödie Die Schlachtenbummler, einem A-Film mit Stars wie William Boyd und Mary Astor, spielte er 1927 den Zahlmeister eines russischen Frachters unter der Regie von Lewis Milestone.
Da Karloffs Gagen gering waren und nicht zum Leben ausreichten, musste er neben seiner Filmarbeit bis in die 1920er Jahre hinein öfter als LKW-Fahrer arbeiten – dies ohne Führerschein. Finanzielle Probleme bereiteten ihm auch seine häufigen Scheidungen: Bis Ende der 1920er Jahre wurden nach der Trennung von Olive Wilton noch zwei weitere Ehen Karloffs geschieden.
Ausbau der Karriere im Tonfilm Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm Ende der 1920er Jahre gelang Boris Karloff problemlos. Anders als viele seiner Kollegen konnte Karloff seine an englischen Ausbildungsstätten geschulte Stimme für seine Karriere in Hollywood nutzen: Seinem Oxford-Englisch trainierte er ein tiefes Knarren an und wusste dies in ein Spannungsverhältnis zu seinem exotischen Aussehen und seinem slawisch klingenden Namen zu setzen. Dass er von Natur aus lispelte, wurde nicht als störend empfunden, sondern verstärkte zusätzlich den Reiz des Außergewöhnlichen.
Karloff wurde zu einem gefragten Typendarsteller seines Hausstudios Universal. Seine erste Rolle in einem Tonfilm – noch im aufwendigen Nadeltonverfahren – war 1929 die des Schurken Scarface Macklin in King of the Kongo unter der Regie von Richard Thorpe. Seinen ersten „richtigen“ Tonfilm im Lichttonverfahren drehte er im selben Jahr unter der Regie von Lionel Barrymore: In The Unholy Night spielte er die Rolle des Abdoul Mohamed Bey.
Die 1930er-Jahre Durchbruch als Schauspieler in gesellschaftskritischen Filmen Seinen Durchbruch als Schauspieler hatte Boris Karloff Anfang der 1930er Jahre. In dieser Zeit versuchte er, sein weitgehend festgelegtes Rollenfach als schurkischer Exot und Außenseiter zu durchbrechen, und übernahm Charakterrollen in gesellschaftskritischen Gesellschaftsdramen und Kriminalfilmen, die Anfang der 1930er Jahre in Mode kamen. Inwieweit er selber Einfluss auf die Rollenauswahl hatte, bleibt fraglich, da er noch kein berühmter Star war. Daneben wurde er auch an andere Studios „ausgeliehen“, etwa an Metro-Goldwyn-Mayer und Columbia Pictures.