mini|Pressenotiz über die Gründung des KZ Börgermoor, vermutlich aus einem katholischen Presseerzeugnis, Datum fraglich (wohl Ende Juni 1933) mini|Halle mit Gedenksteinen für die Emslandlager auf der Begräbnisanlage Esterwegen am Küstenkanal mini|Blick entlang der Begräbnisanlage Esterwegen

Das Konzentrationslager Esterwegen im Emsland war ein frühes Konzentrationslager unter der nationalsozialistischen Herrschaft. Es wurde im Sommer 1933 als Doppellager (Lager II und III) für 2000 politische „Schutzhäftlinge“ eingerichtet und war zeitweilig nach dem KZ Dachau das zweitgrößte Konzentrationslager. Das KZ Esterwegen wurde im Sommer 1936 aufgelöst. Das Lager wurde bis 1945 als Strafgefangenenlager weitergenutzt, in dem aber auch abgeurteilte politische Häftlinge und Nacht-und-Nebel-Gefangene inhaftiert waren. Danach diente Esterwegen als Internierungslager, als Strafgefängnis und bis 2000 als Bundeswehr-Depot.

Gründungsphase Das KZ Esterwegen gehört zu den Emslandlagern, einem Gesamtkomplex von insgesamt 15 Barackenlagern. In ihnen waren bis 1945 ungefähr 10.000 KZ-Häftlinge, 66.500 deutsche Straf- und Militärstrafgefangene sowie mehr als 100.000 sowjetische oder französische Kriegsgefangene und italienische Militärinternierte inhaftiert.

Am 17. März 1933 erkundigte sich das preußische Innenministerium beim Regierungspräsidenten in Osnabrück nach einem geeigneten Gelände für die Errichtung eines Lagers für 300 Schutzhäftlinge.Angaben im Abschnitt nach: Habbo Knoch: Die Emslandlager 1933–1945. In: Wolfgang Benz, Barbara Distel: Der Ort des Terrors. Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band II: Frühe Lager, Dachau, Emslandlager. München 2005, ISBN 3-406-52962-3, S. 537. Langfristig war an eine Unterbringung von bis zu 10.000 politischen Gegnern gedacht. Hermann Göring wollte die „wilden Aktionen“ von Parteiorganisationen vereinheitlichen und zugleich den konkurrierenden Machtanspruch der SS und Gestapo von Heinrich Himmler eindämmen.

Bereits am 20. Juni 1933 fiel die Entscheidung, drei Lager in Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum zu errichten. Unter Bewachung der Osnabrücker Schutzpolizei und von SS-Männern bauten 90 Gefangene zunächst das KZ Börgermoor auf. Mitte August 1933 war das KZ Esterwegen als Doppellager für 2000 Gefangene fertiggestellt.

Zuständig für Organisation und Verwaltung war in dieser Zeit das Innenministerium, eingewiesen oder entlassen wurden die Häftlinge von der Gestapo, bewacht wurden die Lager zwischen Juli bis Herbst 1933 ausschließlich von SS-Angehörigen, später kamen SA-Männer hinzu. Wie auch in Börgermoor waren die Häftlinge im KZ Esterwegen ihren Wachen ausgeliefert und wurden oftmals von ihnen gedemütigt, misshandelt oder gar ermordet – so im Oktober 1933 Otto Eggerstedt, vormals Polizeipräsident von Altona.

Im November 1933 konnte Himmler seine Zuständigkeit erweitern und unterstellte sich das Lager Esterwegen förmlich am 21. Juni 1934. Die Reichsjustizverwaltung übernahm Börgermoor und Neusustrum sowie andere Emslandlager als Strafgefangenenlager.

Konzentrationslager Esterwegen Geschichte mini|Rudolf Diels bei einer Ansprache an die auf Grund einer Amnestie anlässlich der Novemberwahl zu Weihnachten 1933 zur Entlassung kommenden Häftlinge, Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Eine beträchtliche Anzahl von politischen „Schutzhäftlingen“ war schon bis Ende 1933 wieder freigekommen. Im Juni 1934 waren noch 812 Gefangene in Esterwegen inhaftiert. Ein Jahr später wurden in allen nationalsozialistischen Konzentrationslagern noch rund 3.500 Menschen festgehalten, davon 322 als Schutzhäftlinge in Esterwegen. Im Juli 1935 befahl Himmler eine präventive Verhaftungsaktion potentieller Staatsfeinde, bei der mehr als 1.000 politische Gegner – oft aus den Reihen der Kommunisten – sowie Homosexuelle in Konzentrationslager eingeliefert wurden. Bis Ende 1935 wurden in Esterwegen 476 „Berufsverbrecher“ als „Vorbeugehäftlinge“ eingeliefert.Johannes Tuchel: Planung und Realität des Systems der Konzentrationslager 1934–1938. In: Ulrich Herbert u. a. (Hrsg.): Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Band 1. Frankfurt am Main 2002, ISBN 3-596-15516-9, S. 48.

Die „Inspektion der Konzentrationslager“ unter Theodor Eicke setzte im Juli 1934 den SS-Standartenführer Hans Loritz als neuen Kommandanten des KZ-Esterwegen ein und führte dort am 1. August 1934 die im KZ Dachau entwickelte „Lager- und Disziplinarordnung“ ein. Diese ermöglichte den Aufsehern jedoch willkürliche Auslegung und verhinderte nicht, dass Häftlinge bis zur Erschöpfung „geschliffen“ wurden.Dirk Riedel: Ordnungshüter und Massenmörder im Dienst der „Volksgemeinschaft“: Der KZ-Kommandant Hans Loritz. Metropol Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-940938-63-3, S. 113–116. Gustav Sorge, bekannt als „Eiserner Gustav“, war ab Oktober 1934 als SS-Unterscharführer Wachmann im KZ Esterwegen und wurde später Blockführer im KZ Sachsenhausen. Eine Häufung von ungeklärten Todesfällen führte 1935 zu einer Beschwerde des Berliner Dompropstes Bernhard Lichtenberg und veranlasste Göring zu einer Intervention.Habbo Knoch: Die Emslandlager... ISBN 3-406-52962-3, S. 542. Dieses Eingreifen blieb wirkungslos und hatte für die Häftlinge – unter ihnen zu diesem Zeitpunkt Carl von Ossietzky und Werner Finck – keine spürbaren Erleichterungen zur Folge. Es sind mindestens 71 Sterbefälle unter den KZ-Häftlingen nachweisbar.Habbo Knoch: Die Emslandlager... ISBN 3-406-52962-3, S. 535.

Am 1. April 1936 wurde der SS-Sturmbannführer Karl Otto Koch als neuer Lagerkommandant eingesetzt; ein weiterer Ausbau des Lagers war geplant. Doch entschied Himmler kurzfristig anders. Im Spätsommer wurde der Standort als Konzentrationslager aufgegeben. Die grenznahe Lage war ungünstig und das KZ sollte nun durch ein größeres Lager nahe Berlin ersetzt werden.so bei Habbo Knoch: Die Emslandlager... S. 542. Heinrich Himmler begründete dies jedoch in einem Vortrag anders:

Eine Gruppe von Häftlingen wurde zum Aufbau des geplanten großen Konzentrationslagers abkommandiert. Später wurden wahrscheinlich 1.000 Gefangene von Esterwegen in das neuerrichtete Konzentrationslager Sachsenhausen bei Oranienburg überführt.Polizeiverwaltung und Gefängnisse, Gefangenentransporte, einzelne Polizeiwachen und Polizeigefängnisse. Best. 231-6 Nr. 35. Niedersächsisches Landesarchiv.

Bekannte Häftlinge mini|hochkant|Carl von Ossietzky im KZ Esterwegen mini|hochkant|Gedenktafel für Bernhard Lichtenberg in der Gedenkstätte Esterwegen Bernhard Bästlein (1894–1944), KPD-Politiker Alfred Benjamin (1911–1942), Widerstandskämpfer der Résistance Adolf Bender (1903–1997), Maler Kurt Bennewitz (1902–1945), KPD-Mitglied Willi Dickhut (1904–1992), KPD-Mitglied Georg Diederichs (1900–1983), späterer niedersächsischer Ministerpräsident (SPD) Otto Eggerstedt (1886–1933), SPD-Politiker, Altonaer Polizeipräsident Hans Kurt Eisner (1903–1942), Fotograf und Filmschaffender, Sohn des 1919 ermordeten bayerischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner Werner Finck (1902–1978), Kabarettist Paul Hanson, Friedensrichter im Kanton Louveigné-Grivegnée südlich von Lüttich, siehe: Liberté chéries Brüder Theodor Haubach, SPD-Politiker, Mitglied der Hamburger Bürgerschaft, Mitarbeiter im Kreisauer Kreis Ernst Heilmann (1881–1940), SPD-Politiker Robert Hoffmeister (1899–1966), SPD-Politiker Fritz Husemann (1873–1935), Bergmann, Gewerkschafter und Mitglied des Reichstages für die SPD Anton Kalt (1903–1975), KPD-Mitglied Jürgen Jürgensen (1883–1950), SPD-Abgeordneter im preußischen Landtag Julius Leber (1891–1945), SPD-Politiker Hans Litten (1903–1938), Jurist Günther Lüders (1905–1975), Schauspieler Theodor Neubauer (1890–1945), KPD-Politiker Carl von Ossietzky (1889–1938), Redakteur, Friedensnobelpreisträger Wilhelm Peetz (1892–1935), KPD-Mitglied Otto Reckstat (1898–1983), SPD-Mitglied und Stadtverordneter in Nordhausen, wo er später Streikführer des Arbeiteraufstands im Juni 1953 war Johann Schellheimer (1899–1945), KPD-Politiker Otto Schmirgal (1900–1944), KPD-Politiker Erwin Schulz (1912–2012), Widerstandskämpfer Robert Schulz (1900–1969), KPD-Politiker Fritz Voigt (1882–1945), SPD-Politiker und Gewerkschafter Ernst Walsken (1909–1993), Maler, dessen Bilder zu den wenigen erhaltenen künstlerischen Dokumenten aus NS-Konzentrationslagern gehören

Am 4. und 18. Dezember 1934 wurden bei Großrazzien der Hamburger Staatspolizei (siehe Staatspolizeileitstelle Hamburg) in Elmshorn und Umgebung ca. 220 Kommunisten festgenommen, zunächst wurden sie in eine Sammelstelle in Elmshorn gebracht, später ins Gefängnis Fuhlsbüttel/Hamburg und schließlich zum größten Teil ins KZ Esterwegen deportiert. Ende August 1935 wurden die Elmshorner Antifaschisten nach Fuhlsbüttel transportiert. Wilhelm Peetz war aufgrund der Schikanen durch die Nationalsozialisten nicht transportfähig und verstarb am 3. Oktober 1935 an seinen Verletzungen.

Strafgefangenenlager Im Januar 1937 übernahm die Justizverwaltung das Lager und führte es als „Strafgefangenenlager VII“ im Emsland bis kurz vor Kriegsende weiter.

Belegung Zur Bewachung der Gefangenen wurden SA-Leute in den Justizdienst eingestellt. Während der gesamten Zeit des Nationalsozialismus saßen hier politische Häftlinge zusammen mit Kriminellen und durch neue Verordnungen Kriminalisierte ein. Die politischen Häftlinge waren meist wegen Hochverrat bzw. Landesverrat oder Wehrkraftzersetzung zu hohen Strafen verurteilt worden; ihr zahlenmäßiger Anteil an den Inhaftierten wird auf 20 Prozent geschätzt.

Ab 1. Nov. 1939 wurden generell alle hochbestraften Militärstrafgefangenen aus dem Reich im Lager Esterwegen konzentriert; sie bildeten hier später die größte Gruppe. Zwischen Mai 1943 und April 1944 wurden 2696 Gefangene, die aufgrund des Nacht-und-Nebel-Erlasses verschleppt und in Zuchthäusern gefangen gehalten worden waren, in das Strafgefangenenlager Esterwegen verlegt. Dort wurden die meisten von ihnen im „Lager Süd“ von der Außenwelt isoliert; mehrere hundert wurden aus Platzmangel vorübergehend im Strafgefangenenlager Börgermoor untergebracht.Lothar Gruchmann: Nacht- und Nebel-Justiz. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 1981, 29, S. 370. Mitte 1944 wurden alle „NN-Häftlinge“ nach Schlesien abtransportiert.

Sterbefälle Während die NN-Gefangenen von der Außenwelt abgeschnitten wurden und das Lager nicht verlassen durften, waren die anderen Häftlinge bis 1941 bei kräftezehrender körperlicher Arbeit zur Moorkultivierung eingesetzt. Danach waren viele in der Landwirtschaft und in anderen kriegswichtigen Bereichen zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Ab 1942 kam es in den Emslandlagern zu einem Anstieg der Sterbefälle um das Zehnfache, für den die mangelhafte Versorgungssituation verantwortlich gemacht wird. Im Strafgefangenenlager VII sind bis 1945 mindestens 1.436 Häftlinge verstorben.

Am 10. April 1945 trieb die Lagerleitung die Gefangenen zusammen mit Häftlingen aus dem Lager Börgermoor auf einen Todesmarsch. Etwa 700 Häftlinge und 400 Untersuchungshäftlinge mussten nach Collinghorst marschieren, nach einer Übernachtung in Völlenerkönigsfehn erreichten die Überlebenden am 11. April 1945 Aschendorfermoor. Über die Zahl der Todesopfer während des Todesmarsches ist nur sehr wenig bekannt.

Britisches Internierungslager nach Mai 1945

Geschichte Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände provisorisch für das britische Civil Internment Camp (C.I.C) No. 9 für Kriegsverbrecher benutzt. Alle mutmaßlichen Kriegsverbrecher, vor allem ehemalige KZ-Wachen, wurden aus anderen britischen Internierungslagern wie aus Sandbostel, Westertimke und Fallingbostel hierher verlegt, um hier auf ihr Spruchkammerverfahren zu warten. Allein aus Sandbostel kamen mindestens 1.400 ehemalige KZ-Wachmannschaften. Mit 2.612 internierten mutmaßlichen Kriegsverbrechern war Ende Juni 1946 der Belegungs-Höchststand erreicht. Am 1. Juli 1946 erhielt „Esterwegen No.101 Prison Camp“ einen deutschen Direktor und einen britischen Kommandanten.