Die Kroaten (, Einzahl ) sind eine südslawische Ethnie sowie die Titularnation und das StaatsvolkHolm Sundhaussen: Der Gegensatz zwischen historischen Rechten und Selbstbestimmungsrechten als Ursache von Konflikten: Kosovo und Krajina im Vergleich. In: Philip Ther, Holm Sundhausen (Hrsg.): Nationalitätenkonflikte im 20. Jahrhundert. Ursachen von inner-ethnischer Gewalt im Vergleich. Wiesbaden 2001, S. 25. Kroatiens, wo sie mit 90,4 % (2011) die Bevölkerungsmehrheit bilden. Die Kroaten in Bosnien und Herzegowina sind eines der drei „konstitutiven Völker“ von Bosnien und Herzegowina. In der serbischen autonomen Provinz Vojvodina sind die Kroaten eine anerkannte autochthone Minderheit. Aufgrund der über Jahrhunderte stattfindenden Auswanderung leben zahlreiche Menschen kroatischer Abstammung in Westeuropa, Nordamerika, Südamerika und Ozeanien. Davon bezeichnen sich viele unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit als Kroaten in der Diaspora. Die Kroaten sind mehrheitlich römisch-katholischer Konfession. Sie sprechen überwiegend die kroatische Sprache, eine auf der westlichen Variante des neuštokavischen Dialekts basierende Dachsprache.
Das Ethnonym Namensherkunft Die Etymologie des Ethnonyms Kroate (in der Selbstbezeichnung Hrvat) ist bis heute nicht abschließend geklärt, es scheint jedoch keine slawische Wurzel zu haben.
Die moderne Form Hrvat (Sg. älter auch Hrvatin, Pl. Hrvati, älter auch Hrvate) geht auf eine rekonstruierte urslawische Form *chъrvatъ bzw. *chъrvatinъ zurück.Alemko Gluhak: Hrvatski etimološki rječnik. Zagreb: Cesarec, 1993. S. 267–270 s. v. HrvatEtimologičeskij slovar' slavjanskich jazykov: praslavjanskij leksičeskij fond. Pod red. O. N. Trubačeva. Bd. 8: Cha – jьvьlga. Moskva: Nauka, 1981. S. 149–152 s. v. *xъrvat(in)ъ
Nach der heute am weitesten verbreiteten Annahme lässt sich die slawische Wurzel *chъrvat- durch eine iranische Etymologie erklären. Über die Einzelheiten einer solchen iranischen Etymologie existieren jedoch verschiedene Hypothesen. Als älteste Belege für eine solche Form werden zwei Grabinschriften in griechischer Schrift aus dem 2./3. Jahrhundert n. Chr. benannt, die in Tanais am Asowschen Meer gefunden wurden und die die Namen ΧΟΡΟΑΘΟΣ (Horoathos), ΧΟΡΟΥΑΘΟΣ (Horouathos) enthalten. Dieser Theorie zufolge handelt es sich um ein iranisches Ethnonym aus dem Raum der Skythen nördlich des Schwarzen Meeres, das im Falle der Grabinschriften auch als Personenname gebraucht wurde, und das später von den nordwestlich benachbarten Slawen übernommen wurde. Die Kontakte zwischen slawisch- und iranischsprachigen Gruppen in diesem Raum sind durch Lehnwörter iranischer Herkunft im Slawischen belegt.
Nach Max Vasmer soll *chъrvat- auf ein altiranisches *(fšu-)haurvatā „Viehhüter“ zu haurvati „hütet“ zurückgehen.Max Vasmer: Russisches etymologisches Wörterbuch. Bd. 3: Sta – Y. Heidelberg: Winter, 1958. (Indogermanische Bibliothek: 2. Reihe, Wörterbücher). S. 261 s. v. хорват Nach einer neueren Etymologie von Oleg N. Trubatschow, die von Alemko Gluhak übernommen wurde, ist *chъrvat- hingegen auf eine iranische Form *harvat- zurückzuführen, die ihrerseits aus der Wurzel iranisch *har-, älter indoiranisch *sar- „Frau“ und einem Adjektivsuffix *-ma(n)t-/-va(n)t- bestehen soll. Die Form *harvat- ist demzufolge etymologisch identisch mit dem Namen der Sarmaten, der auf *sar-ma(n)t- zurückgeführt wird. *harvat- bzw. Sarmaten bezeichnet danach ursprünglich ein matriarchalisches Volk, das von Frauen regiert wird, wie es für die Sarmaten der Antike in griechischen Texten berichtet wird.
Einer anderen Hypothese zufolge soll der Kroatenname nicht auf ein aus dem Iranischen ins Slawische entlehntes Ethnonym zurückgehen, sondern auf die Bezeichnung für eine Gruppe innerhalb der Führungsschicht des Awarenreiches.Otto Kronsteiner: Gab es unter den Alpenslawen eine kroatische ethnische Gruppe? In: Wiener Slavistisches Jahrbuch, 24, 1978, S. 137–157. Ein aus sprachwissenschaftlicher Sicht haltbarer Vorschlag für eine Etymologie existiert im Rahmen dieser Hypothese jedoch bisher nicht.Andreas Tietze: Kroaten ein türkisches Ethnonym? In: Wiener Slavistisches Jahrbuch, 25, 1979, S. 140; Otto Kronsteiner: Antwort an A. Tietze, ebenda, S. 140–142;K. Menges: Avaren, Kroaten, Kirgisen, Bulgaren: Ein kurzes Repetitorium. In: Wiener Slavistisches Jahrbuch, 35, 1989, S. 125–142.
Das Ethnonym erscheint in den ältesten überlieferten Quellen in den Formen Hrъvate, Hrvate (kirchenslawisch), Χρωβάτοι (Hrobatoi) (griechisch) und Chroati, Croati oder Crauati (lateinisch). Es wird in verschiedenen Quellen auch bei West- und Ostslawen erwähnt, also auch außerhalb des Siedlungsgebietes der heutigen Kroaten. So erwähnen einige Quellen einen Stamm der Chorvaten in Böhmen, andere sprechen von Kroaten bzw. Weißkroaten (Белые Хорваты) zwischen Pruth und Dnjestr (z. B. die Nestorchronik). In Kärnten werden um das 10. Jahrhundert Kroatengaue erwähnt.
Anekdotisches Die Bezeichnung des Kleidungsstückes „Krawatte“ geht auf den Namen des Volkes der Kroaten zurück. Die Kroatischen Reiter trugen im 17. Jahrhundert ein ähnliches Kleidungsstück um den Hals, ein Halsband mit Fransen, durch das sie recht einfach zu unterscheiden waren. Das Wort „cravate“ wird zum ersten Mal in der französischen Enzyklopädie im 17. Jahrhundert erwähnt, als kroatische Soldaten am Hof Ludwigs XIV. in Paris weilten.
Der Name des Zauberers Krabat aus der sorbischen Sagenwelt der Lausitz geht ebenfalls auf die Eigenbezeichnung der Kroaten (früher auch Krabaten) zurück.
Geschichte Ethnogenese Die Ethnogenese der Kroaten ist wissenschaftlich noch nicht abschließend geklärt. Nachweise bestehen lediglich dafür, dass im Gebiet des heutigen Kroatien im 6./7. Jahrhundert eine Ansiedlung von Slawen und Awaren stattfand. Vorher lebten im Gebiet des heutigen Kroatiens unter anderem Griechen, Illyrer und Römer.
Im 7. Jahrhundert n. Chr. gehörte das Gebiet des heutigen Kroatien vermutlich zur Peripherie des Reiches der Awaren.
miniatur|Ankunft der Kroaten am Adriatischen Meer (Historisierendes Gemälde von Oton Iveković, 1905) miniatur|hochkant|Ankunft der Fürsten Kluk, Lobel, Muhlo, Kosenc, Hrvat und ihrer Schwestern Tuga und Buga in Dalmatien (Historisierendes Gemälde von Ferdinand Quiquerez, 1870)
In seinen schriftlichen Aufzeichnungen (von Humanisten „De administrando imperio“ genannt) berichtet Konstantin VII. Porphyrogennetos, dass ein Volk der Kroaten im 7. Jahrhundert von dem byzantinischen Kaiser Herakleios aus seiner Heimat an der Weichsel (im heutigen Polen; siehe Chorwaten) als Schutz gegen die Awaren ins Land gerufen worden sei. Demnach soll ein Teil der Kroaten nach Dalmatien (dem sogenannten Rotkroatien) und Pannonien (dem sogenannten Weißkroatien) vorgedrungen sein und innerhalb von wenigen Jahren die Awaren besiegt und sie in die Gegend nordwestlich der Donau vertrieben haben. Von manchen Historikern wird diese Nachricht so interpretiert, dass die Kroaten vom byzantinischen Kaiser als Foederaten in Dalmatien angesiedelt worden seien.Radoslav Katičić: Filološka razmatranja uz izvore o začecima hrvatske države. In: ders.: Uz početke hrvatskih početaka: filološke studije o našem najranijem srednjovjekovlju. Književni Krug, Split 1993 (Biblioteka znanstvenih djela; 70), S. 37–50 (dt. Fassung: Radoslav Katičić: Die Anfänge des kroatischen Staates. In: Die Bayern und ihre Nachbarn: Berichte des Symposions der Kommission für Frühmittelalterforschung 25. bis 28. Oktober 1982, Stift Zwettl, Niederösterreich. Bd. 1. Hrsg. von Herwig Wolfram. Verl. d. Österr. Akad. d. Wiss., Wien 1985 (Denkschriften / Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse; 179) (Veröffentlichungen der Kommission für Frühmittelalterforschung; 8), S. 299–312).
Sowohl die Glaubwürdigkeit des Berichts des Konstantin Porphyrogennetos als auch die Frage, wer genau die von ihm erwähnten Kroaten gewesen sind und in welcher Beziehung sie zu den heutigen Kroaten stehen, sind in der Forschung umstritten.Lujo Margetić: „Dolazak Hrvata“: „Ankunft der Kroaten“. Split: Književni Krug, 2001 (Biblioteka znanstvenih djela; 119).
Aus dem 9. Jahrhundert stammen die ersten sicheren Nachrichten über ein kroatisches Fürstentum im Bereich des heutigen Norddalmatien.
→ siehe auch Kroatien im Frühmittelalter
In seinem heutigen Verbreitungsgebiet im südslawischen Raum ist der Begriff Kroaten in schriftlicher Form erstmals in einer Schenkungsurkunde des Fürsten Trpimir I. belegt, der von ca. 845 – ca. 864 herrschte. In dieser Urkunde wird Trpimir als dux Chroatorum tituliert.
Im Jahre 879 bezeichnete Papst Johannes VIII. den Fürsten Branimir als Herrscher des Regnum Croatorum („Königreiches der Kroaten“).
In der Zeit bis zum 10. Jahrhundert bezog sich die Bezeichnung Kroaten nur auf die Bewohner eines begrenzten Gebietes, das dem Territorium des damaligen kroatischen Staates entsprach und das die Lika, die Krbava, den westlichsten Teil des heutigen Bosnien bis zum Fluss Pliva sowie das Hinterland der dalmatinischen Städte Zadar, Trogir und Split, nicht aber diese Städte selbst umfasste. Erst im Laufe der Zeit dehnte sich der Geltungsbereich der Selbstbezeichnung Kroaten auf weitere Gebiete aus, in denen zuvor Selbstbezeichnungen wie Slovinci, Slovenci im Gebrauch gewesen waren, die auf *Slověnьce zurückgehen, eine Form der gemeinsamen Bezeichnung der Slawen.
Die Pluralform Hrvati, Hrvate bezeichnete ursprünglich nicht nur die Einwohner, sondern auch das Land. Später war dafür bis zum 18. Jahrhundert die Bezeichnung hrvatska zemlja (kroatisches Land) im Gebrauch, seitdem elliptisch einfach Hrvatska (Kroatien).
Ihre heutige Bedeutung und ihren heutigen Geltungsbereich hat die Bezeichnung Kroaten seit der Zeit der kroatischen nationalen Wiedergeburt im 19. Jahrhundert.
Emigration Eine große Zahl von Kroaten verließ im Laufe der Zeit aus wirtschaftlichen oder politischen Gründen die alte Heimat. Auf diese geht die heutige kroatische Diaspora zurück.
Die erste größere Abwanderung von Kroaten erfolgte im 15. und 16. Jahrhundert zu Beginn der osmanischen Eroberungen im heutigen Kroatien und Bosnien-Herzegowina. Die Menschen flohen zu jener Zeit in sicherere Gebiete innerhalb Kroatiens, aber auch in andere Gebiete des damaligen Habsburgerreiches (auf das Gebiet der heutigen Staaten Österreich, Slowakei und Ungarn). Auf diese Wanderung geht die burgenlandkroatische Minderheit mit ca. 60.000 Menschen zurück, die heute aufgrund ihrer jahrhundertelangen Sesshaftigkeit in ihrem heutigen Siedlungsgebiet zu den autochthonen Minderheiten gezählt wird.
Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts wanderte eine größere Zahl von Kroaten vor allem aus ökonomischen Gründen nach Übersee aus, unter anderem nach Nordamerika, Südamerika (vor allem Chile und Argentinien), Australien und Neuseeland.
Die Auswanderung in die Vereinigten Staaten begann in Dalmatien in den Jahren 1850 bis 1870, in Kroatien-Slawonien ab 1873. Die Emigranten aus Kroatien-Slawonien kamen vor allem aus dem Komitat Lika-Krbava (seit den 1880er Jahren) und aus der Gegend um Zagreb, später auch aus anderen Landesteilen.Stichwort The Slavs in America. III. Croatians in: Catholic Encyclopedia (1917) Einzelne Fälle von kroatischer Auswanderung nach Südamerika gab es schon in den 1850er Jahren. Die Auswanderung von Dalmatien nach Chile begann in den 1860er Jahren. In den 1880er Jahren wurde die Auswanderung aus Dalmatien, vor allem von den dalmatinischen Inseln, nach Nord- und Südamerika zu einer Massenauswanderung.Marina Perić Kaselj, Simona Kuti: Croatian Immigrants in Chile. In: , S. 93–106.