mini|hochkant=1.5|Satellitenaufnahmen der Erde geben anhand der sichtbar gemachten Lichtverschmutzung einen Eindruck der Größenordnung anthropogener Umweltbeeinflussung mini|Menschliche Bedürfnisse verursachen unterschiedliche Umwelteinflüsse mini|Das Schmelzen des arktischen Meereises verläuft schneller, als alle Klimamodelle zeigten, welche Grundlage des 4. IPCC-Sachstandsberichts von 2007 waren
Der Ausdruck Anthropozän (Kofferwort aus und altgriechisch ) entstand als Vorschlag zur Benennung einer neuen geochronologischen Epoche: nämlich des Zeitalters, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist.Sven Titz: Ausrufung des Anthropozäns: Ein gut gemeinter Mahnruf. In: Neue Zürcher Zeitung vom 4. November 2016. Dieser Vorschlag wurde im März 2024 von der International Commission on Stratigraphy abgelehnt.
Metaphorisch wird der Begriff auch unabhängig von der Geologie für das Konzept einer anthropogen überformten Erde verwendet.
Begriff und Darstellung Der Begriff wurde 2000 vom niederländischen Chemiker und Atmosphärenforscher Paul Crutzen gemeinsam mit Eugene F. Stoermer in die Diskussion eingebracht: Die beiden Wissenschaftler wollen damit ausdrücken, dass die Menschheit zu einem geologischen Faktor geworden sei.C.N. Waters: A Stratigraphical Basis for the Anthropocene. Geological Society of London, 2014, ISBN 978-1-86239-628-9. S. 29. 2002 präzisierte Crutzen in einem Artikel in der renommierten Fachzeitschrift den Begriff als eine „Geologie der Menschheit“. Er modifizierte damit einen Vorschlag des italienischen Geologen Antonio Stoppani, der bereits 1873Corso di geologia del professore Antonio Stoppani Geologia stratigrafica, z. B. Abschnitt 883 „Anthropozoische Ära“ beziehungsweise „Anthropozoikum“ als Bezeichnungen für ein neues Erdzeitalter vorgeschlagen hatte: . Andere Wissenschaftler verwendeten den Begriff „Noosphäre“ oder Psychozoikum. Gustav Fechner verwendet das Konzept der Psychophysik (1860), eine Idee, um die Geschichte der Entstehung und Entwicklung von Organismen auszudrücken, Pierre Teilhard de Chardin (1922) verwendet den Begriff Noosphäre und Vladimir Vernandky (1826) eignet sich den Begriff Biosphäre an. Hubert Markl verwendet 1995 in seiner Publikation Natur als Kulturaufgabe „Anthropozoikum“ als aktuellen Faunenschnitt für die alleinige Verantwortung des Menschen.
2008 fand die stratigraphische Kommission der Geological Society of London, der weltweit ältesten geowissenschaftlichen Vereinigung, überzeugende Argumente für die These, dass das als Holozän bezeichnete zwischeneiszeitliche Zeitalter mit stabilen Klimaverhältnissen an sein Ende gelangt und in einen stratigraphischen Abschnitt eingetreten sei, für den . Hierbei spielen der Anstieg der Produktion von Treibhausgasen,Eicke R. Weber: Das Ende des glücklichen Gleichgewichts. In: badische-zeitung.de, 5. Januar 2013. die menschengemachten landschaftlichen Veränderungen, welche in ihrem Umfang derweil die natürliche jährliche Sedimentproduktion erheblich übertreffen, die Versauerung der Meere sowie die fortdauernde Vernichtung von Biota eine Rolle. Sie warnte davor, dass Mike Davis: Wer wird die Arche bauen? In: Paul J. Crutzen u. a.: Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. 2011, S. 60–92.
Auf dem 35. Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt 2016 bestätigte die 2009 gebildete,Dagmar Röhrlich; Jan Zalasiewicz im Gespräch mit Ralf Krauter: Neue Epoche für die Erde. In: deutschlandfunk.de, 30. Oktober 2010 vom britischen Paläobiologen Jan Zalasiewicz2.le.ac.uk geleiteteDagmar Röhrlich: Schafft der Mensch sein eigenes Erdzeitalter? In: deutschlandfunk.de, 8. Januar 2016 und damals aus 34 Personen bestehende Arbeitsgruppe zum Anthropozän die Thesen Crutzens und Stoermers.Dagmar Röhrlich im Gespräch mit Lennart Pyritz: Das Zeitalter des Menschen: Quasi in Stein gemeißelte Veränderungen. In: deutschlandfunk.de, 29. August 2016, abgerufen am 3. September 2016.Lennartz Pyritz: scilogs.spektrum.de Im Mai 2019 beschloss dieses Gremium mit deutlicher Mehrheit, bis 2021 einen ausgearbeiteten Entwurf für die Einführung des Anthropozäns bei der International Commission on Stratigraphy einzureichen, einschließlich eines definitiven geologischen Startpunkts für den Beginn der neuen Epoche. abgerufen am 24. Mai 2019 Dieser Entwurf wurde schließlich im Jahr 2023 eingereicht. Als Startpunkt des Anthropozäns wurde das Jahr 1950 vorgeschlagen.„Zeitalter des Menschen“ – Forschende stellen Nachweis für neues Erdzeitalter vor, Frankfurter Rundschau, 14. Juli 2023 Am 6. März 2024 entschied die ICS den Vorschlag abzulehnen und keine neue geochronologische Phase zu definieren. Begründet wurde dies mit dem eingereichten Startpunkt, der als ungeeignet bewertet wurde, um den gesamten menschlichen Einfluss auf die Erde zu fassen. Nach dieser Entscheidung hat Anthropozän nur noch eine Bedeutung als metaphorisches Schlagwort.
Zeitliche Einordnung 1873 stellte der italienische Geologe Antonio Stoppani einen wachsenden Einfluss des Menschen auf die Umwelt fest und prägte den Begriff „anthropozoische Ära“.Christiane Grefe, Fritz Habekuss, Maximilian Probst: Im Zeitalter des Anthropozän verändert der Mensch die Erde unwiederbringlich. In: Die Zeit. Nr. 5, 23. Januar 2020, S. 35 f.; Quellenverzeichnis
Auf dem 35. Internationalen Geologischen Kongress in Kapstadt sprach sich 2016 die Arbeitsgruppe zum Anthropozän dafür aus, einen (englisch, deutsch sinngemäß ‚Goldener Punkt‘) zu suchen und festzulegen, eine charakteristische Veränderung in den Sedimenten an einem bestimmten Ort („Typlokalität“): Er wird in der Mitte des 20. Jahrhunderts vermutet, dem Zeitpunkt, seit dem der Einfluss der Menschen auf die Erde exponentiell wächst und sehr langlebige Spuren hinterlässt: oberirdische Atombombentests, die „große Beschleunigung“ () wirtschaftlicher Aktivität und des Ressourcenverbrauchs, Bevölkerungswachstum, „Explosion“ des Einsatzes von Erdöl und Kohle, Entwicklung der Erosionsraten, Kunstdüngereinsatz in der Landwirtschaft; Flugasche, Aluminium- und Beton- sowie viele Plastikpartikel in den Sedimenten; globaler Transport von Tier- und Pflanzenarten in bis dato nicht gekanntem Umfang.
Nach einem Vorschlag britischer Geologen von 2008 soll als Beginn des Anthropozäns das Jahr 1800 (der Beginn der Industrialisierung) festgelegt werden.Jan Zalasiewicz u. a.: Are we now living in the Anthropocene? In: GSA Today. Band 18, Nr. 2, Februar 2008, , S. 4–8, doi:10.1130/GSAT01802A.1. Untersuchungen von Eisbohrkernen ergaben zudem, dass seither die Konzentration von Methan und CO2 zunimmt.Paul J. Crutzen: Die Geologie der Menschheit. In: Paul J. Crutzen u. a.: Das Raumschiff Erde hat keinen Notausgang. 2011, S. 7–10. Die offizielle Einfügung des Anthropozäns in das chronostratigraphische System der Erde wurde von der in ihrer Working Group on the ‘Anthropocene’ mehrere Jahre ernsthaft diskutiert.quaternary.stratigraphy.org: Working Group on the 'Anthropocene' Am 29. August 2016 sprach sich die Arbeitsgruppe schließlich mehrheitlich dafür aus, dass der Einfluss des Menschen auf den Planeten signifikant genug ist, um die Einführung einer neuen Epoche in der Erdgeschichte zu rechtfertigen. Für den Beginn der Epoche sprachen sich die Geologen jedoch mehrheitlich für das Jahr 1950 aus. Am 16. Juli 1945 wurde in Alamogordo in New Mexico die erste Kernwaffe zu Testzwecken gezündet und damit das Atomzeitalter „eingeläutet“. Dieses Datum wird von den Geowissenschaftlern um Jan Zalasiewicz (* 1954) von der University of Leicester als Beginn für das Anthropozän vorgeschlagen.Wann genau begann das Anthropozän? In: spektrum.de; When did the Anthropocene begin? A mid-twentieth century boundary level is stratigraphically optimal. In: Quaternary International. „Available online 12 January 2015“, abgerufen am 18. Januar 2015.
2015 schlugen Geologen der University of Leeds wiederum bereits das Jahr 1610 als Beginn des Anthropozäns vor: Durch die Einschleppung von Krankheiten in die „Neue Welt“ und das dadurch bedingte Massensterben der indigenen Bevölkerung sei es zu einem markanten Rückgang der Kohlendioxidkonzentration in der Atmosphäre gekommen, da die von den Ureinwohnern Amerikas genutzten Felder brach lagen und von der Kohlendioxid fixierenden Vegetation zurückerobert wurden; zudem begann in diesem Zeitraum ein in der Geschichte des Planeten nie zuvor dagewesener Artenaustausch zwischen den naturgemäß bislang weitestgehend isolierten Kontinenten.Anthropozän: Wann begann das Erdzeitalter des Menschen? Auf: wissenschaft.de vom 12. März 2015.Ein neues Erdzeitalter – Geologische Belege für das Anthropozän. In: Neue Zürcher Zeitung, 8. Januar 2016.
Im Juli 2023 schlug die Anthropocene Working Group per Mehrheitsbeschluss vor, den formalen Beginn des Anthropozäns auf das Jahr 1950 festzulegen, da ab diesem Zeitpunkt radioaktive Niederschläge als Folge von Atomwaffentests zum ersten menschengemachten Phänomen mit globalen Überresten geworden seien. Als Referenz dient ein Bohrkern von Sedimenten des Lake Crawford in Kanada.Anthropozän: Ein See in Kanada soll markieren, seit wann der Mensch die Erde dominiert In: Neue Zürcher Zeitung vom 12. Juli 2023
Beispiele für den Einfluss des Menschen auf die Umwelt
mini|Luftverschmutzung über Indonesien und dem Indischen Ozean, Oktober 1997; weiß markiert: durch Brandrodung von stammenden Aerosole (Rauch) in den unteren Luftschichten; grün, gelb und rot: darüber liegender Smog in der Troposphäre
Der Einfluss des Menschen auf die Umwelt ist durch stark verbesserte Messmethoden und Möglichkeiten der Datenauswertung (EDV, PCs) besser dokumentiert als noch 1945 (am Ende des Zweiten Weltkriegs). Mit dem Beginn des Kalten Kriegs, der 1989/1990 mit dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete, begannen die USA und die UdSSR im Rahmen eines Rüstungswettlaufs umfangreiche Aktivitäten zur Erforschung des erdnahen Weltraums. Beide entwickelten Trägerraketen, die Satelliten in erdnahe (später auch geostationäre) Umlaufbahnen befördern können. Der erste Satellit, Sputnik 1, wurde im Oktober 1957 von der UdSSR in eine Erdumlaufbahn gestartet. Dies fand weltweit Beachtung und löste im Westen den Sputnik-Schock aus.
Beide Seiten entwickelten bald immer leistungsfähigere Satelliten. Sie dienten militärischen (Spionagesatellit) und zivilen Zwecken (der Begriff Erdbeobachtungssatellit wird mit zivilen Zwecken verbunden); viele Forschungen dienten beiden Zwecken. Einsatzgebiete waren und sind vor allem Meteorologie (Wettersatelliten), Umweltbeobachtung (Umweltsatellit), Kartierung und Geologie.
Artensterben
Laut der IUCN (dt. Internationale Naturschutzorganisation) waren 2007 rund 12 % der Arten der Vögel, 20 % der Säugetiere, 29 % der Amphibien und 33 % der Nacktsamer unter den Pflanzen bedroht. Laut „Living Planet Index“ des WWF sank die Artenvielfalt auf der Erde von 1970 bis 2005 um 27 Prozent. Besonders betroffen waren diesen Erhebungen zufolge Land- und Süßwasserbewohner im asiatisch-pazifischen Raum. Laut WWF waren rund 34.000 Arten vom Aussterben bedroht.
Die Bestände der in den Agrarlandschaften Europas heimischen Brutvogelarten haben von 1980 bis 2009 um fast 50 % abgenommen.Dachverband Deutscher Avifaunisten, Bundesamt für Naturschutz, Länderarbeitsgemeinschaft der Vogelschutzwarten (Hrsg.): (PDF; 7 MB), Tabelle S. 9: Indikatoren für die Artenvielfalt auf europäischer Ebene (Europas „Wild Bird Indicators“.) (29. Juli 2012)