mini|hochkant=2|Proben verschiedener Rohöle aus dem Kaukasus-Vorland, dem Mittleren Osten, der Arabischen Halbinsel und Frankreich

Erdöl ist ein natürlich in der oberen Erdkruste vorkommendes, gelbliches bis schwarzes, hauptsächlich aus Kohlenwasserstoffen bestehendes Stoffgemisch, das durch Umwandlungsprozesse organischer Stoffe in geologischen Zeiträumen entstanden ist.Hans Murawski, Wilhelm Meyer: Geologisches Wörterbuch. Spektrum Akademischer Verlag, 11. Auflage, 2004, ISBN 3-8274-1445-8. Das somit als fossiler Rohstoff bei der Förderung aus einer Lagerstätte gewonnene und noch unbehandelte Erdöl wird auch als Rohöl () bezeichnet.

Schon im Alten Orient sporadisch unter anderem als Brennstoff verwendet, wurde Erdöl im 20. Jahrhundert einer der wichtigsten Rohstoffe der Industriegesellschaft. Er ist nicht nur der wichtigste fossile Energieträger, sondern der bedeutendste Energierohstoff überhaupt. Durch Trenn- und Konversionsverfahren wird Erdöl in eine Vielzahl von Zwischenerzeugnissen überführt, die als Basis für die Herstellung von Treibstoffen und als Rohstoffe für die Industrie dienen. Zu letztgenannten gehören vor allem Ausgangsstoffe für zahlreiche Produkte der chemischen Industrie, wie Kunststoffe, Lacke, Farben und Medikamente.

Die Förderung von Rohöl und insbesondere die Verbrennung der aus dem Erdöl gewonnenen Mineralöle setzen Treibhausgase frei, die als Hauptursache der globalen Erwärmung gelten. Unfälle mit Erdöl, zum Beispiel mit Tankern oder Bohrplattformen, lösen nicht selten eine Ölpest aus und zählen zu den größten Umweltkatastrophen.

Erdöl wird wegen seiner enormen wirtschaftlichen Bedeutung umgangssprachlich auch „schwarzes Gold“ genannt. Politisch bedingte Ölpreiskrisen beeinflussen regelmäßig die Weltwirtschaft. Erdöltransportwege (Pipelines) und deren Bewirtschaftung können Gegenstand zwischenstaatlicher Energiestreitigkeiten, aber auch Basis von weitreichenden Wirtschaftsentwicklungen sein. Die Ölpreise sind wichtige Indikatoren für die Wirtschaftsentwicklung und im negativen Fall für Energiekrisen. Die Diskussion um das globale Ölfördermaximum (Peak Oil) ist ein zentraler Aspekt in der Debatte um die Endlichkeit fossiler Energieträger. Es beschreibt den Zeitpunkt, an dem die maximale Fördermenge von Erdöl erreicht ist und die Produktion danach unwiderruflich zurückgeht.

Historisches mini|Zusammenfassung zur Entstehung und Verwendung von Erdöl sowie zum Erdölausstieg (Planet Wissen) mini|Erdölförderung vor der vietnamesischen Küste (2004) mini|Einzige deutsche Bohrplattform Mittelplate im Wattenmeer der Nordsee (2011) mini|hochkant|Verschließen eines durch Schiffskollision beschädigten erdölspeienden Förderkopfs. (2010)

Wortherkunft Die Babylonier bezeichneten Erdöl mit dem Wort naptu (von nabatu ‚leuchten‘). Dieser Ausdruck deutet darauf hin, dass Erdöl schon früh zu Beleuchtungszwecken diente. Im antiken Griechenland war Erdöl – vermutlich über den Umweg des Persischen aus dem babylonischen naptu abgeleitet – unter den Namen () und () bekannt, die in der Bezeichnung Naphtha für Rohbenzin gegenwärtig noch Bestand haben. Geläufig war aber auch die Bezeichnung als „Öl Medeas“ ().Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Griechisch-deutsches Handwörterbuch. Band 2: Λ–Ω. bearbeitet von Max Sengebusch. 3. Auflage, 6. Abdruck. Vieweg & Sohn, Braunschweig 1914, S. 234. (zeno.org), speziell Stichwort Letztgenannter Name geht vermutlich darauf zurück, dass man annahm, es sei von Medea für ihre Zaubereien verwendet worden, vor allem bei ihrer Rache an Jason.

Als Steinöl, Bergöl, Bergfett oder Peteröl „und in den apotheken petroleum und oleum petrae“ oder auch „St.-Katharinenöl“Karl Sudhoff: Zwei deutsche Reklamezettel zur Empfehlung von Arzneimitteln – Petroleum und Eichenmistel – gedruckt um 1500. In: Sudhoffs Archiv. Band 3, 1910, S. 397–402, hier: S. 397–400.Peter Assion: St. Katharinenöl für Reich und Arm. In: Medizinische Monatsschrift. Band 29, 1975, S. 68–75, insbesondere S. 68 f. und 73 f.zu St. Katharina vgl. auch Peter Assion: Die Mirakel der Hl. Katharina von Alexandrien. Untersuchungen und Texte zur Entstehung und Nachwirkung mittelalterlicher Wunderliteratur. Hochschulschrift Heidelberg, Dissertation, 1969. war Erdöl schon im späten Mittelalter in Europa bekannt.Willem Frans Daems: Der „Middelburgse Erdöl-Schreizettel“. Ein Wunderdrogentraktat über die Wirkungen des Petroleums aus dem spätmittelalterlichen Holland. In: Pharmaziehistorischer Kongreß Budapest 1981. Hrsg. von Wolfgang-Hagen Hein, Stuttgart 1983 (= Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie, 52), S. 149.Gundolf Keil, Willem Frans Daems: ‚Petroltraktate‘ (‚Erdöl-Schreizettel‘). In: Die deutsche Literatur des Mittelalters – Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 7, 1989, ISBN 3-11-011582-4, Sp. 490–493.Willem Frans Daems, Gundolf Keil, Ria Jansen-Sieben: Petrol-Reklamezettel. In: Gundolf Keil, Johannes Gottfried Mayer, Christian Naser (Hrsg.): „ein teutsch puech machen“. Untersuchungen zur landessprachlichen Vermittlung medizinischen Wissens. (= Ortolf-Studien. 1; = Wissensliteratur im Mittelalter. 11). Wiesbaden 1993, ISBN 3-88226-539-6, S. 470–479.Juraj Körbler: Die Geschichte der Krebsbehandlung mit Petroleum. In: Janus. 53, 1966, S. 135–146. Das Wort Petroleum oder Petrolium, spätestens ab dem 15. Jahrhundert im Frühneuhochdeutschen nachgewiesen,Vgl. auch Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 435–436 (petroliumöl, petroliumöle: Erdöl, Petroleum, sowie das aus einem Erdöl-Ziegelmehl-Gemisch gewonnene Destillat, das je nach dem Destillationsvorgang mehr oder weniger viel von den ursprünglichen Rohölbestandteilen enthält). ist eine lateinische Zusammensetzung aus „Fels, Gestein“Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Braunschweig, 3. Auflage 1914, Band 2, S. 605, Stichwort oder „Stein“Wilhelm Pape: Handwörterbuch der griechischen Sprache. Braunschweig, 3. Auflage 1914, Band 2, S. 606, Stichwort und für „Öl“, bedeutet zu Deutsch also „Fels-“ oder „Steinöl“. Dies geht darauf zurück, dass die Alten Römer in Ägypten in einem Gebirgszug am Golf von Suez beobachteten, wie Erdöl aus dem dort anstehenden Nubischen Sandstein austrat.Ernst Blumer: Die Erdöllagerstätten und übrigen Kohlenwasserstoffvorkommen der Erdrinde. Grundlagen der Petroliumgeologie. Enke, Stuttgart 1922, S. 217.Norbert Welsch, Jürgen Schwab, Claus Liebmann: Materie: Erde, Wasser, Luft und Feuer. Springer Spektrum, 2013, ISBN 978-3-8274-1888-3, S. 343. Vom Petroleum stammten auch die einst im Deutschen üblichen Bezeichnungen Bergöl und Peteröl (auch petroöl und petersöl). Ab dem 18. Jahrhundert setzte sich zunehmend die heutige Bezeichnung Erdöl durch, und das Wort Petroleum wurde ab dem 19. Jahrhundert im Deutschen zunehmend für eines seiner Destillationsprodukte (siehe unten) verwendet.

Historische Verwendung und Förderung mini|Abbildung aus dem Kapitel Petroleum im Hortus sanitatis (einem der „Mainzer Kräuterbücher“) aus dem Jahr 1491 Erdöl ist bereits seit einigen Tausend Jahren bekannt. Da es eine relativ geringe Dichte besitzt (0,8–0,9 kg/l oder Tonnen/m³), die noch unter der von Wasser liegt, kann es beim Fehlen einer nach oben abdichtenden Gesteinsschicht aus größeren Tiefen im Poren- und Kluftraum von Sedimentgesteinen bis zur Erdoberfläche aufsteigen (in Deutschland zum Beispiel bei Hänigsen zwischen Hannover und Braunschweig). Dort wandelt sich das normalerweise relativ dünnflüssige Öl durch die Reaktion mit Sauerstoff und den Verlust leicht flüchtiger Bestandteile in eine teerartige Substanz, sogenanntes Bitumen oder Asphalt, um.

Diese Substanz war schon vor 12.000 Jahren im Vorderen Orient bekannt. Die Menschen verwendeten sie unter anderem im Schiffbau zum Kalfatern: Durch Vermischen des Bitumens mit Sand, Schilf und anderen Materialien entstand eine Masse, mit der die Ritzen zwischen den hölzernen Schiffsplanken abgedichtet werden konnten. Dies hat auch Eingang in die biblischen Legenden gefunden.Leopold Singer: Die fossilen Tierstoffe: Erdöl, Erdgas, Erdwachs, Asphalt, Ichthyol. S. 151–316 in: Victor Grafe (Hrsg.): Grafes Handbuch der organischen Warenkunde. Band IV/2: Warenkunde und Technologie der Konservierungsverfahren der Kohle und des Erdöls. Poeschel, Stuttgart 1928, S. 151–154. (SUB Uni Hamburg) Die Babylonier nutzten Bitumen („Erdpech“) unter anderem als Bindemittel im Haus- und Straßenbau. Bitumen war im Babylonischen Reich so allgegenwärtig, dass Hammurapi ihm einige Kapitel in seinem Gesetzeswerk aus dem 18. Jh. v. Chr. widmete. Dies ist die erste nachweisbare staatliche Regulierung von Erdöl.

An der Erdoberfläche natürlich austretendes Erdöl wird auch von den Schriftstellern der klassischen Antike, Herodot und Plinius dem Älteren, erwähnt. Die römische Armee nutzte Erdöl möglicherweise als Schmierstoff für Achsen und Räder. Im frühmittelalterlichen Byzantinischen Reich wurde vermutlich aus Erdöl der Brennstoff für eine als „griechisches Feuer“ bezeichnete Vorform des Flammenwerfers hergestellt.

In der vorindustriellen Neuzeit Europas wurde Erdöl bei der „zubereitung von heilmitteln, salben u.s.w.“, im Gartenbau zur Bekämpfung von Schädlingen und ferner „zur herstellung von feuerwerk“ und als Lampenöl verwendet. Zur Erhöhung der „geschoszwirkung“ wurden Gewehrkugeln vor dem Einführen in den Lauf zusammen mit Kampfer in ein mit dünnflüssigem Erdöl getränktes Tuch gewickelt. Speziell therapeutische Verwendung fanden unter anderem Öle aus lombardischen Rohölquellen, wie z. B. aus dem „Pechbrunnen“ am Monte Zibio bei Modena, aus Pechelbronn im Elsass (vgl. Pechelbronner Schichten) sowie oberbayerisches „Petroleum“, das von Tegernseer Benediktinern als „Heiliges Quirin-Öl“ (benannt nach Quirinus von Tegernsee) verkauft wurde.

Johann Jakob Lerche, ein deutsch-russischer Naturforscher, beobachtete Mitte der 1730er Jahre eine blühende Erdölwirtschaft mit systematischer Erdölförderung im damals persischen Baku.

mini|Feier anlässlich des 1000. mit Rohöl abgefüllten Kesselwagens in Wietze im Jahr 1906 mini|Nachbildung der Drake’schen Bohrstelle im Drake Well Museum in Titusville (2012)

Im Zuge der industriellen Revolution wuchs in Europa die Nachfrage nach Leucht-, Brenn- und Schmierstoffen, und der Stellenwert von Erdöl als preiswerte Alternative zu Pflanzenölen und Tierfetten wuchs. Im galizischen Vorland der Karpaten, seinerzeit zum Kaisertum Österreich gehörig, gewannen bei Truskawez Josef Hecker aus Prag sowie Johann Mitis in den 1810er Jahren „Bergöhl“ aus Schächten. Es gelang ihnen auch, daraus ein leicht brennbares Lampenöl („Naphtha“) zu destillieren, und der Prager Magistrat beschloss 1816 sogar, die ganze Stadt damit zu beleuchten, was aber an den zu geringen galizischen Förderkapazitäten scheiterte.Joseph Hecker: Das Bergöhl in Galizien. In: Jahrbücher des kaiserlichen königlichen polytechnischen Institutes in Wien. Band 2, 1820, S. 335–342 (opacplus.bsb-muenchen.de) Abraham Schreiner stellte um 1853 in Borysław Versuche mit Ozokerit, einem stark aliphatischen, asphaltenarmen abgereicherten Erdöl, in einem Kessel an und gewann ein klares Destillat, worauf er sich mit dem Apotheker Ignacy Łukasiewicz in Lemberg und dem Pharmazeuten Jan Zeh in Verbindung setzte. Deren Zusammenarbeit war zugleich der Beginn der kontinuierlich betriebenen Erdölförderung im heute polnisch-ukrainischen Vorland der Ostkarpaten. Ein frühes Zentrum der späteren industriellen Erdölförderung im Untertagebau entwickelte sich weiter westlich bei Bóbrka, 10 km südwestlich von Krosno (→ Museum der Öl- und Gasindustrie Bóbrka).