mini|Yasna 28.1, Teil des Ahunavaiti Gatha in avestischer Schrift mini|Titelblatt einer Ausgabe des Zend-Avestas Das Avesta oder Awesta (mittelpersisch transliteriert: ’p(y)st’k, transkribiert: abestāg) ist die heilige Schrift bzw. Schriftensammlung der zoroastrischen Religion. Es handelt sich bei dem avestischen Kanon um eine Sammlung verschiedener Texte unterschiedlicher sprachlicher und stilistischer Art, die demgemäß unterschiedlichen Zeitperioden und Orten zugeordnet werden können. Die schriftliche Aufzeichnung der Texte erfolgte etwa ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. Erhaltene handschriftliche Quellen sind erst ab dem 13. Jahrhundert n. Chr. vorhanden.

Forschungsgeschichte Soweit die Geschichte des Zoroastrismus bekannt ist, gab es darin immer Spezialisten, die sich mit den Techniken für das Auswendiglernen und der Auslegung des Avesta beschäftigten. Selbst bei den ältesten Texten kommen diese Reflexionen zum Vorschein. Ausdruck dieser Beschäftigungen sind avestische Kommentare zu älteren Texten. Sie heben Schlüsselwörter, Gedanken oder Funktionen in den Ritualen hervor. Phonetische Veränderungen der iranischen Sprachen und die Veralterung von grammatikalischen Mechanismen führten zu Übersetzungen in die damals aktuelle mittelpersische Sprache, auch Pahlavi genannt. Obwohl diese Beschäftigungen theologischer Natur waren, werden sie heute als philologischer Entwurf eingestuft und als Teil der wissenschaftlichen Auseinandersetzung angesehen.Jean Kellens, Céline Redard: Introduction à l'Avesta. Collège de France, Paris 2021, Kapitel 1, Absatz 2–3. (Online)

Die europäische Forschung begann im 18. Jahrhundert. 1723 wurde das Manuskript des iranischen Vendidâd sâda von einem Parsen aus Surat einem Händler übergeben. Das Manuskript fand seinen Weg in die Bodleian Library und erregte das Interesse des Westens. Abraham Anquetil-Duperrons reiste 1755 nach Indien und kam 1762 mit 180 Manuskripten in avestischer Sprache, Pahlavi, Sanskrit und persischer Sprache zurück. Seine Übersetzung wurde 1771 veröffentlicht. In den Jahren darauf erfolgte eine langwierige Polemik über die Echtheit der Manuskripte, verbunden mit Diskussionen über die Entzifferung der avestischen Manuskripte. Mit den philologischen Vorarbeiten von Rasmus Christian Rask und Eugène Burnouf und der Entzifferung der altpersischen Sprache konnte Niels Ludvig Westergaard 1852–1854 eine komplette Ausgabe des Avesta veröffentlichen.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts widmete sich die Forschung intensiv dem Avesta und spaltete sich in zwei Lager. Die „traditionelle“ Schule vertrat die Ansicht, dass sich das Avesta nur mithilfe der Pahlavi-Kommentare verstehen ließe. Die Vertreter dieser Richtung waren Friedrich Spiegel und James Darmesteter. Die „vedische“ Schule mit ihrem Vertreter Karl Friedrich Geldner stand den Kommentaren skeptisch gegenüber. Sie war überzeugt, dass der Zugang zum Verständnis des Avesta ein etymologischer sei und über das Veda zu erfolgen hätte. Mit der Zeit wurden sich die beiden Richtungen bewusst, dass beide Methoden ihre Berechtigung hätten. Im Besonderen wusste man die Pahlavi-Kommentare mit der Zeit besser einzuschätzen. Diese Einschätzung, die Gert Klingenschmitt publiziert hat, hat sich bis heute nicht sehr verändert: Die Kommentare sind wichtig für ein Verständnis des Vendidâd und einiger zusätzlichen Fragmente. Sie haben aber keinen Wert für den Yasna und die Texte des Visparad. Aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stammen die Übersetzung von James Darmesteter und die kritische Edition von Karl Friedrich Geldner, die auf der Analyse von über 120 Manuskripten beruht. Weitere wichtige Beiträge aus dieser Zeit sind die grammatikalischen Beschreibungen des Avesta und das Altiranische Wörterbuch 1904 von Christian Bartholomae. „Die Arbeiten dieser Generation bilden bis heute die großen philologischen Monumente des Avesta“.

Mit der Hypothese von Friedrich Carl Andreas, dass die Manuskripte des Avesta unbeholfene Transkriptionen eines Arsakidischen Archetyps seien, wurde 1902 eine neue Periode in der Avesta-Forschung eingeleitet. Friedrich Carl Andreas leitete aus den – seiner Meinung nach – Verfälschungen der Texte ab, dass der einzige philologische Ansatz für das Avesta darin bestehe, sich die Weise vorzustellen, wie der Arsakidische Archetyp geschrieben worden sei. So erlange man die Authentizität der Formen im Avesta zurück. Diese Hypothese dominierte mehr als 40 Jahre die Forschung. Während dieser Zeit sind nur zwei wichtige Publikationen für das Avesta erschienen, eine von Émile Benveniste, die andere von Jacques Duchesne-Guillemin.

Mit zwei etymologischen Blickwinkeln wurden wieder Fortschritte in der Avesta-Forschung gemacht. Die eine Sicht betrachtete das Avesta aus vedischer und indoeuropäischer Perspektive. Die Ergebnisse waren wichtig, um die Morphologie der Sprache zu erklären; sie unterstützten das Verständnis der altavestischen Texte. Die zweite Sicht ging von mittelpersischen Dialekten aus und steuerte phonetische und semantische Aspekte bei. Es sind die Publikationen von Helmut Humbach und Ilya Gershevitch, die für die beiden Perspektiven maßgebend sind.

In den letzten Jahrzehnten rückten die Arbeiten von Karl Hoffmann in das Zentrum einer neuen philologischen Annäherung an das Avesta. Er zeichnete überzeugend die Geschichte des Kanons auf und etablierte eine Methodologie, die festlegt, dass das Avesta nicht auf Autoren zurückgeht, sondern auf einen sassanidischen Archetyp. Es sei die Aufgabe des Philologen, exakt festzulegen, was von der sassanidischen Priesterschaft im 4. Jahrhundert n. Chr. gesammelt und in einem Kanon niedergeschrieben worden sei. Dafür müssten philologische mit linguistischen Methoden verknüpft werden. Wenn die beiden übereinstimmen, dann gelte der untersuchte Gegenstand als Teil des Archetyps.

Anfang des 21. Jahrhunderts wurden mit neuen Ansätzen, die auf der Klasse der sogenannten liturgischen Manuskripte basieren, festgestellt, dass die beiden Liturgien, aus denen das Avesta besteht, nicht unabhängig voneinander sind, sondern in verschiedenen Varianten kombiniert werden können, die spezifischen Riten entsprechen. Die Erforschung der verschiedenen Textkonfigurationen und der Rituale ist eine Aufgabe, der sich die Wissenschaftler derzeit widmen.Jean Kellens, Céline Redard: Introduction à l'Avesta. Collège de France, Paris 2021, Kapitel 3, $5–7. (Online) Ein wichtiges Werkzeug für die Forschung ist das Projekt Avestan Digital Archive der Freien Universität Berlin, bei dem die erhaltenen Manuskripte digitalisiert und online gestellt werden. Gegenüber der Referenzausgabe von Karl Friedrich Geldner werden die dort nicht enthaltenen ergänzenden Anweisungen für die Rituale sichtbar gemacht.

Christian Bartholomae interpretierte das Avesta noch als Verspredigten. Helmut Humbach fasste es als Hymnen auf, die bei Opfern für Ahura Mazda gesungen wurden. In der neueren Forschung wird das Avesta als Sprechgesang betrachtet. Es stellt die iranische Variante des indoiranischen Opfers dar, und seine Texte folgen dem Ablauf einer Zeremonie. Im Mittelpunkt stehen das Auspressen der Haoma-Pflanze und die Opferung von Tieren, wie bei jedem indoiranischen Opfer.Jean Kellens, Céline Redard: Introduction à l'Avesta. Collège de France, Paris 2021, Kapitel 1, Abschnitt 17. (Online)

Etymologie Eine eindeutige Etymologie und Bedeutung des mittelpersischen Begriffs hat sich bis heute nicht etabliert. Die Hypothese von Christian Bartholomae aus dem Jahr 1905 scheint immer noch die überzeugendste zu sein: Man solle abestǎg lesen und dieses Wort sei wiederum vom altpersischen *upa-stǎva-ka- (Lobgesang) abzuleiten.Beyhanî Şahîn: Eine neue Etymologie über die Herkunft des Avesta < *apas-ta-ka „(heiliges) Werk“. In: Medica-Kurdica. 1, S. 72–75. Der Begriff taucht regelmäßig in den mittelpersischen Kommentaren auf, aber was er beinhaltet, wird nie genau erklärt.Jean Kellens, Céline Redard: Introduction à l'Avesta. Collège de France, Paris 2021, Kapitel 4, Abschnitt 2. (Online)

Konventionen Das heutige Verständnis des Avesta beruht auf den Editionen von Niels Ludvig Westergaard und Karl Friedrich Geldner aus dem 19. Jahrhundert n. Chr. Sie haben eine Konvention des Avesta als Schriftenkomplex reproduziert, das durch seine Einheit und seine linguistischen Besonderheiten charakterisiert ist. Es basiert auf der Voraussetzung, dass Texte, die nicht in avestischer Sprache geschrieben sind, nicht zur „heiligen Schrift“ gehören. Die Konvention besteht aus zwei Sammlungen. Die erste Sammlung kann als das Rezitativ der langen Liturgie bestehend aus dem Yasna, dem Visparad und dem Vendidâd definiert werden. Die zweite sammelt kurze Liturgien, die im Khordeh Avesta und den Yaschts enthalten sind. Von den existierenden Manuskripten enthält keines das gesamte Avesta.Jeans Kellens: Considérations sur l’histoire de l’Avesta (=Journal Asiatique. Band 286, Nr. 2). Paris 1998, S. 451–519, hier S. 453.

Die exegetischen Manuskripte werden Pahlavi-Texte genannt, weil sie auch eine mittelpersische Übersetzung und Kommentare der avestischen Texte wiedergeben. Die liturgischen Manuskripte werden reine Texte (sǎda, , ) genannt, weil sie ausschließlich den avestischen Text enthalten und mit zusätzlichen rituellen Hinweisen in mittelpersischer Sprache versehen sind. Die Pahlavi-Texte sind sehr oft an ein bestimmtes Buch gebunden, wohingegen die reinen Texte dazu neigen, eine gesamte Zeremonie zu reproduzieren.Jeans Kellens: Considérations sur l’histoire de l’Avesta (=Journal Asiatique. Band 286, Nr. 2). Paris 1998, S. 451–519, hier S. 453–456.

Der Begriff Zend (oder Zand) taucht in den mittelpersischen Kommentaren auf, die die Priester wegen der verlorengegangenen Kenntnisse der alten Sprache des Avesta erstellt hatten. In den Kommentaren wird regelmäßig von abestāg ud zand (das Avesta und seine Interpretation) gesprochen. Die europäische Forschung verwendete zu Beginn den Begriff Zendavesta für das Avesta und die avestische Sprache. Heute ist der Begriff nicht mehr gebräuchlich.Jean Kellens, Céline Redard: Introduction à l'Avesta. Collège de France, Paris 2021, Kapitel 4, Abschnitt 2. (Online)

Mündliche Überlieferungen Die mündlichen Überlieferungen des Avesta werden sprach- und religionsgeschichtlich in einen kurzen altavestischen Teil und das längere Jungavesta unterteilt. Zum altavestischen Teil werden die Gathas, der Yasna Haptanhaiti, einige altavestische Fragmente und drei Sakralformeln gezählt. Die sprachgeschichtliche Zweiteilung des Avesta geht auf Friedrich Spiegel und Martin Haug zurück. Die beiden Teile beziehen sich auf das angenommene relative Alter der avestischen Überlieferungen und unterscheiden sich durch linguistische Merkmale. Man schätzt, dass zwischen den beiden Teilen eine Zeitspanne von zwei bis fünf Jahrhunderten liegt.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Geschichte, Gegenwart, Rituale. Band 1, Stuttgart 2002, S. 83–85. Auf der Basis der vergleichenden Sprachwissenschaft werden die altavestischen Überlieferungen den nordöstlichen iranischen Gruppen des Sprachgebiets zugeordnet. Sie bedienen sich einer unbekannten Sprache und ihr Inhalt ist schwierig zu verstehen.William W. Malandra: An introduction to ancient iranian religion. Minneapolis 1983, S. 16–17.Michael Stausberg: Die Religion Zarathushtras. Geschichte, Gegenwart, Rituale. Band 1, Stuttgart 2002, S. 27.

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