Die Geschichte Kirgisistans umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Kirgisischen Republik von der Urgeschichte bis zur Gegenwart. Die turksprachigen Kirgisen wanderten vom 8. Jahrhundert an in das Gebiet des heutigen Kirgisistans ein. In den Wirren der Mongolen- und Dschungarenzeit (13.–18. Jahrhundert) verstärkte sich die Wanderungsbewegung an den Tianshan, und mit dem Ende des russischen Kolonialzeitalters und der Sowjetzeit entstand im 20. Jahrhundert schrittweise der heutige Staat.
Ur- und Frühgeschichte Urgeschichte
In der Sel-Unkur-Höhle wurden etwa 1.000.000 Jahre alte menschliche Knochen gefunden. Menschliche Hinterlassenschaften weisen darauf hin, dass das Gebiet des heutigen Kirgisistans bereits vor 200.000 bis 300.000 Jahren besiedelt wurde. Am Issyk-Kul-See und im Tschüi-Tal wurden Faustkeile aus der Altsteinzeit gefunden. Aus der Mittelsteinzeit wurden Bögen und dazugehörige Pfeile gefunden. Im Neolithikum wurde der Tien-Schan bereits mehr besiedelt: Im zentralen Tien-Schan und im Fergana- und Talas-Tal wurden Felszeichnungen gefunden, die die Jagd und die Viehzucht darstellen.
Frühgeschichte Die ersten schriftliche Zeugnisse der Kirgisen sind in chinesischen Chroniken um das Jahr 2.000 v. Chr. zu finden. Zu dieser Zeit begann auch in Kirgisistan die Bronzezeit. Um 1800 v. Chr. besiedelte die Andronowo-Kultur die Ebenen Sibiriens und Zentralasiens und brachte damit die Sesshaftigkeit und Viehzucht in die Region. Im Tien-Schan waren sie jedoch gezwungen, im Winter ins Tal zu gehen und den Sommer auf der Hochweide zu verbringen. Nachdem Zentralasien sich um 1000 v. Chr. bald klimatisch veränderte, war die Andronowo-Kultur erneut gezwungen, sich anzupassen und endgültig zu nomadisieren. Parallel zur Andronowo-Kultur kam damals im Ferghanatal auch die Tschust-Kultur auf.
Antike
Die Region wurde lange von iranischsprachigen Kulturen dominiert. Im 1. Jahrhundert vor Christus drangen die Hunnen aus Nordosten nach Westen vor. Sie vertrieben die Yüe-Tschi (auch Tocharer), die beim Yssyk-Köl auf die Saken, ein iranisches Volk, stießen und diese nach Süden vertrieben. Diese gingen ins Ferghanatal und beendeten dort die griechische Herrschaft. Die Hunnen selbst sind vermutlich nicht tief in das Gebiet Kirgisistans vorgedrungen. Im 3. Jahrhundert nach Christus zogen sie wieder weiter nach Westen. Die Kuschan, ein Stamm der Yüe-Tschi, herrschten danach über das Gebiet. Nach der Ankunft der Sassaniden wurden Statthalter ernannt, die auch als Kuschano-Sassaniden bezeichnet werden. Im 6. Jahrhundert kamen erneut nomadische Stämme aus Nordosten nach Kirgisistan. Sie gründeten die beiden Reiche der Kök-Türk. Das westliche Kök-Türk-Reich wurde von der Tang-Dynastie erobert und war fortan nur noch ein Vasallenstaat. Auch andere Teile der Region wurden von ihnen erobert. Das östliche Kaganat fiel an die Karluken.
Zeit zwischen den Kök-Türk und dem Mongolenreich miniatur|Burana-Turm 12 km südwestlich der kirgisischen Stadt Tokmok (etwa 11. Jahrhundert) Im Jahr 751 trafen chinesische und arabische Truppen aufeinander, insgesamt etwa 100.000 Mann. Die Chinesen waren Jahrzehnte zuvor durch den Einfall der tibetischen Monarchie in Ostturkestan dauerhaft geschwächt worden, und so gewannen die Araber die Schlacht und erlangten Kontrolle über Zentralasien. Unter der Herrschaft der arabischen Abbasiden begann die Islamisierung auch in Zentralasien.
Kirgisische Volksstämme siedelten ursprünglich am oberen Jenissej. Als sogenannte Jenissej-Kirgisen traten sie im 5. und 6. Jahrhundert als Vasallen der Kök-Türk auf. Ab dem 8./9. Jahrhundert wanderten Gruppen von ihnen in das Gebiet des heutigen Kirgisistan ein, was anhand von einigen wenigen Hinweisen in Gestalt von Clan-Namen, Runeninschriften und Ortsnamen sichtbar ist.
Bereits im 7. Jahrhundert kam im Norden der Buddhismus auf. Als die tibetische Monarchie im 8. Jahrhundert in Ostturkestan eindrang, kam der frühe Buddhismus auch nach Ostkirgisistan. Die Buddhisten hinterließen Inschriften auf Findlingen bei Tamga Tasch. Orte wie Ak-Beschim oder Novopokrovskoe 2 belegen auch das Eindringen der Sogden.
Im 9. und 10. Jahrhundert formierten die Jenissej-Kirgisen ein Großreich, von dessen Bedeutung archäologische Zeugnisse (Berg- und Ackerbau, Orchon-Runenschrift, Straßenbau, Bewässerungsanlagen und kleinere Städte) zeugen.
Nach 940 formierte sich das Reich der Karachaniden. Sie beherrschten das gesamte Territorium des heutigen Kirgisistans. Ihre Hauptstadt, Balasugun, lag im Tschüital. Im Jahr 1041 wurde das Reich in ein West- und ein Ostreich geteilt. Kirgisistan gehörte fortan zum Ostreich. Um 1140 fiel es an die Kara-Kitai. Um das Jahr 1210 besiegte der Schah Muhammad II. die Kara-Kitai und gliederte das Gebiet in sein Reich ein, doch dieses Reich fiel allerdings nur nach wenigen Jahren den Mongolen zum Opfer.
Mongolenherrschaft In den Jahren 1207 und 1208 unterstellten sich die Khane der Jenissej-Kirgisen freiwillig Dschingis Khans ältestem Sohn Dschötschi. An den mongolischen Feldzügen nahmen auch Kirgisen teil. So nahmen diese an der Eroberung des heutigen Kirgisistans (um 1219) teil und ließen sich dort nieder. Ein kleiner Teil von ihnen nomadisierte in den benachbarten Steppengebieten des Flachlandes. Anfänglich gehörten die Jenissej-Kirgisen zur Orda-Horde. Doch im späten 15. Jahrhundert war ihr Gebiet vom stammverwandten Tschagatai-Khanat erobert und die Orda-Horde aufgelöst worden. Das Gebiet der einstigen Orda-Horde wurde zwischen der Weißen Horde und dem Tschagatai-Khanat aufgeteilt; der Norden des Gebietes stand unter dem Einfluss des Khanat Sibir. Doch wurden die Kirgisen immer wieder von Überfällen der westmongolischen Oiraten heimgesucht.
Bündnis mit dem Khan der Großen Horde und Dschungarenreich mini|Das kasachische Khanat mit dem Gebiet Als die Dschungaren von der westlichen Mongolei aus begannen, ihr nomadisch geprägtes Steppenreich zu errichten, wanderten aufgrund dessen immer mehr Kirgisen aus dem Jenissejgebiet ins südlichere Tianshangebirge ab, wo sie sich mit der autochthonen Bevölkerung vermischten und ab dem 16. Jahrhundert in der Region zu einem Machtfaktor wurden. Die ca. 40 kirgisischen Stämme mit ihren Clans agierten in ihren neuen Siedlungsgebieten äußerst autonom.
Zwischen dem 17. und 18. Jahrhundert standen die Kirgisen auch in einem lockeren Bündnis mit den benachbarten Kasak-Kirgisen, die die weiten Steppengebiete Zentralasiens durchzogen. Diese hatten im 15. Jahrhundert das Kasachen-Khanat begründet. Nun war dieses in drei teilweise konkurrierende Horden zerfallen. Während die Kleine und Mittlere Horde weiterhin die Steppengebiete zwischen dem Balchaschsee und dem Kaspischen Meer beherrschten, gehörten sowohl die südlichen Steppengebiete mit den Städten als auch die Khanate Chiwa und Buchara zum Einflussgebiet der Großen Horde. Vor allem mit dem Khan der Großen Horde standen die Kirgisen in engem Kontakt und gehörten ebenfalls größtenteils zu dessen Einflussbereich.
Zeit der Zugehörigkeit zu China und zum Khanat Kokand Aufgrund der ständigen Überfälle zogen die übrigen Kirgisen bis auf geringe Reste vom Jenissej an den Tianshan, während sich die Kasak-Kirgisen nach und nach der russischen Krone unterstellten. Im 18. Jahrhundert wurde das Dschungarenreich zerschlagen und das heutige Kirgisistan gehörte zum Kaiserreich China. In diesem Jahrhundert wurde das Gebiet endgültig islamisiert.
1762 eroberte das Kokander Khanat Osch. Zwischen 1820 und 1870 drang das Kokander Khanat schrittweise weiter nach Osten vor. Dabei umging es zunächst das Gebirge im Norden und baute Festungen wie die Festung Pischpek. In den 1830er-Jahren wurde auch das Gebiet des Yssyk-Köls erobert, danach wurde auch langsam das Gebirge eingenommen.
Geschichte unter der Zarenzeit bis zur Sowjetrevolution miniatur|Historische Karte (vor 1893) Zentralasiens
Um 1855 begann die russische Expansion, die sich das Siedlungsgebiet der Kirgisen schrittweise einverleibte. Der Nordteil des Landes wurde bis 1863 von den Truppen Michail Tschernjajews erobert. 1876 übernahm das Russische Reich mit der Besetzung des Alai-Tales die vollständige Herrschaft im Land.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kamen immer mehr Russen und Ukrainer ins Land. Vor allem im Norden entstanden russisch geprägte Kolonialstädte wie Pischpek oder Tokmak. Außerdem siedelten Russlanddeutsche ein. Ihre Nachkommen leben bis heute als Kirgisistandeutsche in kleinen Dörfern wie Rot-Front. In den russischen Kolonialstädten wurden erstmals im großen Maßstab Schulen, Straßen und Wohngebäude errichtet. Im Jahr 1911 wurde das erste Buch in kirgisischer Sprache gedruckt. Dennoch verblieb die ländliche Bevölkerung arm und ohne Zugang zu Schulbildung, weshalb die Unzufriedenheit mit der Politik des russischen Reichs wuchs.
1905 nahmen kirgisische Intellektuelle sowohl an einem „Kongress der turkestanischen Muslime“ in Taschkent als auch an zwei Veranstaltungen in Orenburg und Warny teil. Veranstalter waren der Dumaabgeordnete Älichan Bökeichan, der Sprachwissenschaftler Achmet Baitursynuly und der Schriftsteller Mirschaqyp Dulatuly. Aufgrund dieser letzteren Kongresse schlossen sich erstmals kasachische und kirgisische Intellektuelle zu einer konstitutionell-demokratisch sowie landsmannschaftlich betont national orientierten „Nationalbewegung“ zusammen, die den Namen „Alasch“ erhielt. Politisch blieb diese Alasch-Bewegung allerdings bedeutungslos.
Als 1916 der mittelasiatische Aufstand, der vor allem von den Basmatschi getragen wurde, nahmen auch zahlreiche Kirgisen teil. Im Frühjahr 1917 wurde offiziell in Bischkek durch Mustafa Tschokajew eine Sektion der Alasch-Partei gegründet und im November des gleichen Jahres wurde von diesem in Kokand die sogenannte „Kokander Autonomie“ ausgerufen. Diese umfasste auch das heutige Kirgisien und war de facto eine territoriale Einheit des im Dezember 1917 ausgerufenen Alasch-Orda-Staates. Das Khanat wurde im Februar 1918 durch die Rote Armee blutig beseitigt und im April 1918 faktisch in die neu gegründete Turkestanische ASSR eingegliedert. Aktives und passives Frauenwahlrecht wurden im Juni 1918 eingeführt.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 220.
1919 ging der Alasch-Orda-Staat durch eine Niederlage gegen die Rote Armee unter und wurde im August 1920 aufgelöst. Infolgedessen wurde dann das heutige Kirgisistan auch rechtlich in die Turkestanische ASSR aufgenommen. Innerhalb der Turkestanischen ASSR bildete das heutige Kirgisistan den Karakirgisischen Autonomen Oblast und die ASSR dabei um Gebiete der früheren Regionen (oblast) Semirechenskaja, Syrdarinskaja, Ferganskaja und Samarkandskaja ergänzt.
Geschichte innerhalb der UdSSR miniatur|Administrative Gliederung Turkestans um 1900 Gründung und erste Jahre Vor der Gründung der UdSSR gab es keine kirgisische Nation im heutigen Sinne, sie wurde erst während ihr künstlich erzeugt.Florin, S. 33 Im Oktober 1924 wurde die Turkestanische ASSR aufgelöst. Am 25. Mai 1925 wurde das bisherige Karakirgisische Gebiet in Kirgisische Autonome Oblast umbenannt. Am 1. Februar 1926 wurde dem Kirgisischen Autonomen Oblast mit der Gründung der Kirgisischen ASSR im Rahmen der RSFSR der Status einer autonomen Republik zugestanden. Mit der Verfassung von 1936 erfolgte am 5. Dezember 1936 die Ernennung zur Unionsrepublik der Kirgisischen Sozialistischen Sowjetrepublik als Teil der Sowjetunion. Diesen Status behielt Kirgisistan fortan bis zur Erlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1991. Anders als beispielsweise im kolonialen Afrika bemühten sich die Sowjets, die Grenzen auf ethnischen Grundlagen zu ziehen. Dennoch ist die Grenzziehung Auslöser für ethnisch motivierte Spannungen.
Stalinismus und Zweiter Weltkrieg